Es sind schon viele Jahre, da wohnte auf dem Schöneberge, bei Hofgeismar ein sehr reicher Mann, der war ein kleiner König und besaß Schlösser und Dörfer, und Höfe und Städte, und er hieß nach dem Berg, auf dem er lebte, der Herr vom Schöneberg.
Noch lieber aber als alle seine vielen Güter war ihm seine Frau; die war ein junges Weib und gar schön, und alle Männer, die sie sahen, konnten die Augen nicht von ihr abwenden. Und da starb der Herr vom Schöneberg und hinterließ nur ein Kind, das war ein Knabe von zwölf Jahren.
Nun nahm die Frau einen Lehrer an, dass der Knabe die nötige Bildung empfinge und würde wie sein Vater. Der Lehrer kam auf das Schloss und wohnte dort und sah die junge Frau gern und er ging mit dem Gedanken um, sie zu heiraten und ihre Besitztümer dabei zu erwerben; die Frau aber wies ihn zurück.
Da ging er einmal in der Abenddämmerung mit dem Junker in den Wald, der um die Schlossmauer noch zu sehen ist. Der Weg, den sie zusammen gingen, läuft nahe an der Mauer um einen Brunnen, der sehr tief gemauert ist, und den keine Befriedung einschloss. Als sie an den Brunnen kamen, warf der Lehrer den Junker ins Wasser, ging zum Schloss zurück und sagte, er wüsste nicht, wo der Junker geblieben wäre.
Schon wurde es Nacht und ganz finster und der Wind brauste und sauste durch die Bäume, und der Junker war immer noch nicht zu Hause. Seiner Mutter graute es; sie fragte, sie suchte, sie rief – aber der Knabe war nicht zu sehen und nicht zu hören. Sie schickte die ganze Dienerschaft aus, ihn im Walde mit Laternen zu suchen, aber der Junker war nicht zu finden.
Am andern Morgen schickte sie nach Geismar in die Schule, wo die ganzen Schulkinder versammelt waren und ließ sie bitten, dass sie kämen und hülfen ihr im Wald suchen. Die Schüler hatten den Junker lieb und liefen alle zusammen in den Wald und suchten mit allem Fleiß in den Gebüschen. Sie riefen ihn auch bei Namen, aber das Echo der Berge antwortete und nicht der Junker.
Dann kam einer der Schüler oben auf dem Berg an den Brunnen und sah das kleine Hütchen, welches der Junker zu tragen pflegte, auf dem Wasser schwimmen. Da wussten sie, dass der Junker in den Brunnen gestürzt war und holten das Hütchen heraus und brachten es der Mutter.
Die Mutter aber hatte keine leiblichen Kinder mehr und vermachte den Schulkindern zu Geismar all ihr Gut. Aus den Zinsen werden auf Ostermittwoch die Stutzwecke gebacken und ausgeteilt, welche die Kinder noch immer zu derselben Tageszeit empfangen, wo sie das Hütchen gefunden haben.
(Karl Lyncker, 1823-1855)
Verwendete Bilder sind von:
© Dirk Schmidt/PIXELIO (Bild 1)
© Irene Lehmann/PIXELIO (Bild 2)
www.pixelio.de