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Märchenhafter PhantasieRaum

1. April 2009

 Liebe Freunde von Danas Fabelier- und Märchenblog,

wenn Ihr Märchen, Sagen und Fabeln mögt, dann habt ihr doch bestimmt auch Spaß an schönen Gedichten und Geschichten?!

Wenn dem so ist, möchten wir Dir / Euch einen Blick in den wunderbaren PhantasieRaum empfehlen. Hier findet man alles, was das Herz begehrt!

http://www.PhantasieRaum.de

Vielleicht schreibt ihr ja selber schöne Gedichte, Geschichten oder Songtexte? Dann schaut doch einfach mal im Wohnzimmer des PhantasieRaums vorbei. Und wenn es euch dort gut gefällt, zieht doch einfach mit Sack und Pack ein, entspannt euch, in dem ihr eure Füße auf den Tisch legt und schmeißt ein wenig Holz (eure Werke) in unser Kaminfeuer, das dann auch bald zu eurem wird.

www.PhantasieRaum.de/forum

Besonders schöne Werke (auch eure eigenen Fotos, selbstgemalte Bilder und vieles mehr) stellen wir dann gerne im PhantasieRaum selbst aus. Wir möchten, dass ihr euch wohl fühlt!

Märchenhafte Grüße

Eure Dana

(und Eure Bine und Euer Ralf ;) )

 

Grabestreue – eine Sage aus Nordrhein-Westfalen

11. März 2010

pixelio.de - Grabestreue

Es war einmal ein König, der wohnte auf dem Fürstenberg. Er hatte aber nur eine Tochter, die war wunderschön. Da ließ der Vater ein Gesetz ausgehen, dass derjenige, der sie heiraten wollte, der sollte sie, ohne zu rasten, den Berg herauftragen. Das hatten nun schon viele probiert, aber keiner gekonnt.

Da kam aber einmal ein sehr schöner Prinz, den hatte die Prinzessin auch sehr lieb. Da nahm er sie auf den Arm und wollte sie herauftragen. In der Mitte da konnte er fast gar nicht mehr. Aber sie munterte ihn immer auf. Da sie nun beinahe oben waren, verließen ihn alle Kräfte, und er wollte sie schon hinsetzen, da bat sie: "Ach, nur noch einen Schritt, dann sind wir da!"

Da nahm er seine letzten Kräfte zusammen und setzte sie oben auf den Berg, er aber sank tot zu ihren Füßen. Da wurde sie unendlich betrübt, und da der Prinz auf dem Fürstenberg begraben wurde, blieb sie auf dem Grabe sitzen und von ihren Tränen wurde ein Teich, der noch dort zu sehen ist. Und noch oft hört man sie auf der Stelle weinen.

(Jacob Grimm, 1785-1863 & Wilhelm Grimm, 1786-1859)

Verwendetes Bild ist von:
© Achim Lückemeyer/www.pixelio.de

Das entlaufene Schwein – eine Sage aus Niedersachsen

22. Februar 2010

 Das entlaufene Schwein

Von dem Ludgerikloster in Helmstedt ging ein dunkler Gang unter der Erde hin bis zum Jungfrauenkloster auf dem nahen Marienberg vor der Stadt. Das wusste anfangs weiter niemand als die Mönche und Nonnen, nachher aber ist es durch eine Sau offenkundig geworden.

Beim Austreiben entwischte nämlich dem Hirten unten auf dem Klosterhof zu St. Ludgeri ein Schwein. Es lief auf dem Platze hin und her und geriet endlich durch eine offenstehende Pforte in die Kirche, wo es alsbald spurlos verschwand; niemand konnte es finden.

Aber bald danach kam es oben auf dem Marienberg wieder ans Tageslicht, und so ist der heimliche Gang auch andern Leuten bekannt geworden.

(Theodor Voges)

Verwendetes Bild ist von:
Wikipedia (Stadtansicht von Helmstedt um 1654 nach einem Kupferstich von Matthäus Merian)

Wie die Schöppenstedter ihren Herzog empfangen – eine Sage aus Niedersachsen

22. Februar 2010

Der Herzog ließ mal den Schöppenstedtern ansagen, er wolle kommen; da war große Freude und man beschloss, ihn feierlich zu empfangen. Zu dem Ende gingen Bürgermeister und Rat hinaus vors Tor in Feierkleidern, um ihn da zu erwarten, stellten auch weiter hinaus einen Posten aus, der ihnen die Ankunft des Herzogs eiligst melden sollte.

Nun war’s aber an dem Tage gerade sehr heiß und die Schöppenstedter bekamen Lust, sich erst noch etwas abzukühlen und ein Bad zu nehmen, dachten, gleich wird der Herzog ja wohl nicht kommen. Sie entkleideten sich daher und sprangen ins Wasser, aber im selben Augenblick kam auch schon der ausgestellte Posten gelaufen, rief, der Herzog komme.

Schnell sprangen sie aus dem Wasser und nun war guter Rat teuer; ankleiden war nicht mehr möglich, und sie beschlossen daher, wie die Natur sie geschaffen, sich in zwei Reihen aufzustellen und so den Herzog zu begrüßen; der Bürgermeister sagte noch: "Kinder, wie ich tun werde, so tut mir alle nach, wenn der Herzog vorbeifährt!"

pixelio.de - Wie die Schöppenstedter ihren Herzog empfangenIndem kam derselbe auch schon daher und fuhr durch die stattlichen Reihen, aber da traf sich’s gerade, dass den Bürgermeister eine Bremse am Allerwertesten stach, und da schlug er sich eiligst mit der Hand auf den gefährdeten Teil, und die Ratsmänner, welche glaubten, das sei die übliche Begrüßung für hohe Personen, machten’s ihm alle nach, und das gab ein Klatschen, dass die Pferde fast scheu wurden.

So empfing man für diesmal den Herzog.

(Franz Felix Adalbert Kuhn, 1812-1881 & Wilhelm Schwartz, 1821-1899)

Verwendetes Bild ist von:
© Thorben Wengert/www.pixelio.de

 

Die verschwundene Braut – eine Sage aus Hessen

16. Februar 2010

 Die verschwundene Braut

In Gundernhausen fand einst eine Hochzeit statt und alles ging lustig her, was gibst du, was hast du. Gegen Abend vermisste man plötzlich die Braut, man suchte sie aller Orten und Enden, aber sie war nicht zu finden. Die ganze Umgegend wurde durchforscht und durchfragt. Niemand hatte die junge Frau gehört oder gesehen.

Zwei Tage waren ihr Mann, ihre Eltern und Verwandten in der größten Angst und Not um sie und wussten gar nicht, was machen. Da kam ein Bekannter aus einem benachbarten Dorf zu ihnen, nahm den Bräutigam zur Seite und sprach: "Du geh mit mir, heut noch müssen wir erfahren, was aus ihr geworden ist."

So führte der Mann ihn mit sich fort nach Darmstadt zum damaligen Scharfrichter Schönbein, das war ein durchgescheiter Mann, und den zogen sie zu Rate. "Ich muss mit euch an Ort und Stelle", sagte Schönbein; es wurde rasch ein Wagen angespannt und fort ging’s gen Gundernhausen. Da ließ der Scharfrichter einen Kübel Wasser bringen und vor die Haustür stellen; er schaute lange hinein, dann sprach er: "Die arme Seele ist weit von hier, es ist ihr angetan und sie steht eben in Aschaffenburg und schaut in den Main. Eilen wir hin, wir müssen sie nicht weit von da finden."

Sofort machten sich die zwei Männer auf den Weg nach Aschaffenburg, da folgte der Scharfrichter ihrer Spur vom Main nach und sie fanden die Arme im schönen Tal, wo sie wie ganz geistesabwesend herumirrte. Als ihr Bräutigam sie in seiner Freude laut beim Namen rief, kam sie wieder zu sich, stürzte ihm in die Arme und wusste gar nicht, dass sie so weit weg von zu Hause war.

Später hat es sich herausgestellt, dass ein Mädchen aus dem Ort, welches der junge Bauer vorher geliebt hatte ehe er seine Frau kennenlernte, aus Rache der Braut den Streich gespielt hatte.

(Johann Wilhelm Wolf, 1817-1855)

Verwendetes Bild ist von:
Wikipedia (Darstellung einer Bauernhochzeit. Gemälde von Pieter Bruegel – 1568 – gemeinfrei)

Vom bösen Amtmann – eine Sage aus Nordrhein-Westfalen

14. Februar 2010

 

Vor langer Zeit ist einmal zu Lippspringe ein Syndikus und Amtmann gewesen, der der böse Moller geheißen war. Denn er war aller Sünde und Falschheit Meister, und das Recht war das letzte, wonach er fragte. Einst ließ er ein junges Mägdlein, welche Grete geheißen und weit und breit die Schönste war, vor sich kommen und bedeutete sie, wie sie der Hexerei und Zauberkunst hart bezichtigt sei.

Vom bösen AmtmannEs half nichts, dass die schöne Grete ihre Unschuld beteuerte; dass sie den höchsten Gott zum Zeugen ihrer Reinheit anrief. Denn der böse Moller hatte sie nur aus unlauterer Absicht vor sich fordern lassen. Sie wurde daher entkleidet und auf die Folter gespannt. Als nun der arge Richter ihren nackten Leib sah, da entbrannte er vollends in wilder Lust zu der schönen Dirne.

Er hieß alle Schöffen und Gerichtsdiener hinausgehen, und sprach dann zu der schönen Grete: "Dein armes junges Leben dauert mich; es steht in meiner Hand. Willst du mir zu Willen sein und mich deiner Liebe genießen lassen, so sollst du nicht allein sogleich frei werden, sondern auch ein angenehmes, sorgenloses Leben in meinem Hause führen."

Die arme, gequälte Grete rief in ihrer Todesangst: "Alles, alles will ich versprechen, nur entlasst mich diesen fürchterlichen Martern." Sogleich ließ der Amtmann sie von der Folter lösen und nahm sie zu sich in sein Haus, unter dem Vorwande, auf diese Art und durch freundliches Zureden werde er besser ihren ungezählten Verbrechen auf die Spur kommen können.

In seiner Wohnung ließ er ihr sodann eine warme bequeme Stube einrichten und brachte alle Tage einige Stunden allein bei ihr zu, ihrer Schönheit genießend. Zuletzt ward allen, selbst seiner Hausfrau, der Handel verdächtig, so dass sie hinging und das Unwesen dem Gerichtsherrn anzeigte. Alsbald wurde nun der böse Moller eingezogen und auf das Schloss zu Dringenberg gebracht. Hier gab es eine lange Untersuchung über ihn, durch welche er nicht allein des Ehebruchs, sondern noch vieler andern Schandtaten überführt wurde.

pixelio.de - Vom bösen AmtmannSchon war der Tag der Hinrichtung bestimmt, als er versuchte, seiner Haft zu entfliehen. Doch er entkam seiner Strafe nicht. Als er in der Nacht vom Gefängnisturme herabklettern wollte, stürzte er in den Schlossgraben und brach beide Beine. Nicht lange nachher ist er gestorben.

(Josef Seiler/1848)

Verwendete Bilder sind von:
© Ralf & Bine (Bild 1 – Folterbank – La Granja, Mallorca)

© Martin Jakubowski/www.pixelio.de

Schwester Irmgard – eine Sage aus Nordrhein-Westfalen

14. Februar 2010

 

Nahe bei der Stadt Lügde, in der Schlucht, durch die man nach der Hermannsburg geht, stand einst ein Nonnenkloster. Und ein reiches Kloster muss es gewesen sein mit Mühlen und Vorwerken; denn noch heute heißt die Stelle am Bache, wo einst die Ölmühle gelegen, "der Nonnen Ölwiese".

pixelio.de - Schwester IrmgardIn diesem Nonnenkloster nun war einst eine Schwester Irmgard, die hatte einen heimlichen Liebsten, einen gar kecken Jägersmann. Und jede Nacht kamen sie im Klostergarten zusammen und koseten und herzten lange; und der Liebste hatte ihr auch versprochen, sie einmal zu befreien aus den dumpfen Klostermauern und mit sich zu nehmen fernhin an die grünen Ufer des Rheines.

Aber als es nun weiter kam und immer weiter; als es sich zu regen begann unter dem Herzen der Nonne; als ihr der Weg die hohen Treppen hinab in den Klostergarten immer beschwerlicher ward; als sie es nicht lange mehr bergen konnte unter dem schwarzen Talar - da wollte der Falsche von der Entführung nichts mehr wissen und zuletzt, als die arme Irmgard nicht abließ mit Bitten und Flehen und Beschwörungen, blieb er ganz aus.

pixelio.de - Schwester IrmgardDa stand eines Abends die Betrogene am Fenster und sah trübselig hinab auf den Pfad, den er sonst zu kommen pflegte. Und immer finsterer wurden ihre Gedanken, immer schwerer pochte ihr Herz. Da hörte sie plötzlich wirres Gemurmel auf den Gängen, in den Zellen. Bald jedoch konnte sie die Stimme der Oberin deutlich unterscheiden: "Wie konntet ihr mir nur solche Schande so lange verhehlen? Aber nicht länger sei die Ehrlose in unserer Mitte geduldet; nicht länger entweihe sie durch ihre Gegenwart unsere heiligen Mauern. Hinausstoßen wollen wir sie in die falsche Welt, deren trügerischen Lockungen sie ihr Ohr lieh; dort möge sie, allem Elend preisgegeben, ihre Tat bereuen!"

Indes waren die Nonnen immer näher gekommen. Jetzt standen sie an der Tür – gleich musste die Oberin eintreten. Da riss die Gequälte in wilder Verzweiflung das Fenster auf und stürzte sich hinab und zerschellte unten am zackigen Gemäuer.

Das Kloster ist längst zerfallen; jede Spur von ihm ist im Laufe der Zeit verschwunden, aber noch lebt im Mund des Volks die Sage vom falschen Jägersmann und von der Schwester Irmgard. Und wer spät abends von der Hermannsburg kommt, der sieht es am Bache ruhelos wandeln, grau, schattenhaft und blutig. Das ist der irre Geist der Schwester Irmgard.

(Josef Seiler/1848)

Verwendete Bilder sind von:
© Sokaeiko/PIXELIO (Bild 1)
© Günter Havlena/PIXELIO (Bild 2)
www.pixelio.de

Das Schloss ohne Treppe – eine Sage aus Brandenburg

14. Februar 2010

 pixelio.de - Das Schloss ohne Treppe

In dem Dorf Lichterfelde ist ein altes Schloss, welches der italienische Baumeister gebaut haben soll, der auch die Festung Spandau baute, wofür er zum Dank von dem Kurfürsten die Gegend erhielt, wo jetzt Lichterfelde liegt. Nachdem er nun den Bau seines Schlosses vollendet hatte, das aber ganz ohne Türen und Treppen war, ließ er seine Tochter, die sehr schön war, dahin nachkommen, und zwar geleitete sie auf diesem Weg ein Herr von Sparr.

Es war damals die ganze Gegend noch ein dichter, fast undurchdringlicher Wald und nur ein Stückchen Land um das Schloss war erst ausgerodet; als nun das Fräulein mit ihrem Begleiter an diese Stelle kam, da rief sie freudig aus: "Lichtes Feld!". Da sagte der Vater, als ihm der Herr von Sparr die Vorgänge der Reise berichtete und auch diesen Ausruf erzählte: "Nun so will ich das Schloss Lichterfelde nennen!" und diesen Namen hat es denn auch erhalten.

Dem Herrn von Sparr hatte aber sein Schützling so gefallen, dass er den Alten bat, sie ihm zur Frau zu geben, aber der suchte allerhand Ausflüchte und sagte endlich, wenn er den Eingang zum Schloss fände, so solle er sie haben. Damit musste sich Sparr zufriedengeben und ging davon.

Nun trug es sich einmal zu, dass der alte Italiener, der sonst immer seine Tochter ängstlich bewachte, nach Neustadt gefahren war, wo ein großes Fest gefeiert wurde, bei dem auch Sparr, der auf dem Schloss zu Trampe wohnte, zugegen war. Kaum erblickte der den Alten, als er aufbrach und nach Lichterfelde fuhr.

Das Fräulein, die im obern Stockwerk des Schlosses wohnte und gerade am Fenster saß, erblickte ihn und ließ sogleich einen großen Korb herab, mittels dessen sie den Vater immer hinaufwinden musste, und so hatte denn der Herr von Sparr die Bedingung, welche ihm der Alte gestellt hatte, erfüllt und heiratete bald danach das Fräulein.

Als ihm aber das erste Kind geboren wurde, da ließ er auch eine Treppe im Schloss anlegen und es überhaupt mehr nach der Sitte anderer Häuser einrichten.

pixelio.de - Das Schloss ohne Treppe

(Franz Felix Adalbert Kuhn, 1812-1881)

Verwendete Bilder sind von:
© schemmi/PIXELIO (Bild 1)
© Rainer Sturm/PIXELIO (Bild 2)
www.pixelio.de

Die weiße Frau zu Lehnin – eine Sage aus Brandenburg

14. Februar 2010

 

pixelio.de - Die weiße Frau zu LehninIn den Ruinen der Klosterkirche zu Lehnin sieht man oft die weiße Frau um Mitternacht umherwandeln; bald ist sie allein, bald erscheint sie am Arm eines Mönches, oft zeigt sie sich gar nicht, und doch bemerkt man leicht ihre Anwesenheit am Ort durch allerhand kleine Unfälle in der Wirtschaft, zum Beispiel dadurch, dass das Bier sauer wird und dergleichen mehr.

Sie war ein benachbartes Edelfräulein und liebte einen Mönch, aber für diese Sünde hat sie nun keine Ruhe im Grab und muss jede Minute ihres verbotenen Genusses durch jahrelange Reue erkaufen und an der Stätte ihrer Vergehungen abbüßen; doch soll sie seit einiger Zeit nicht mehr erschienen sein und so vielleicht endlich die himmlische Ruhe gefunden haben.

(Franz Felix Adalbert Kuhn, 1812-1881)

Verwendetes Bild ist von:
© Hans Felkel/www.pixelio.de

Tod des letzten Schönebergers – eine Sage aus Hessen

13. Februar 2010

pixelio.de - Tod des letzten Schönebergers 

Es sind schon viele Jahre, da wohnte auf dem Schöneberge, bei Hofgeismar ein sehr reicher Mann, der war ein kleiner König und besaß Schlösser und Dörfer, und Höfe und Städte, und er hieß nach dem Berg, auf dem er lebte, der Herr vom Schöneberg.

Noch lieber aber als alle seine vielen Güter war ihm seine Frau; die war ein junges Weib und gar schön, und alle Männer, die sie sahen, konnten die Augen nicht von ihr abwenden. Und da starb der Herr vom Schöneberg und hinterließ nur ein Kind, das war ein Knabe von zwölf Jahren.

Nun nahm die Frau einen Lehrer an, dass der Knabe die nötige Bildung empfinge und würde wie sein Vater. Der Lehrer kam auf das Schloss und wohnte dort und sah die junge Frau gern und er ging mit dem Gedanken um, sie zu heiraten und ihre Besitztümer dabei zu erwerben; die Frau aber wies ihn zurück.

pixelio.de - Tod des letzten SchönebergersDa ging er einmal in der Abenddämmerung mit dem Junker in den Wald, der um die Schlossmauer noch zu sehen ist. Der Weg, den sie zusammen gingen, läuft nahe an der Mauer um einen Brunnen, der sehr tief gemauert ist, und den keine Befriedung einschloss. Als sie an den Brunnen kamen, warf der Lehrer den Junker ins Wasser, ging zum Schloss zurück und sagte, er wüsste nicht, wo der Junker geblieben wäre.

Schon wurde es Nacht und ganz finster und der Wind brauste und sauste durch die Bäume, und der Junker war immer noch nicht zu Hause. Seiner Mutter graute es; sie fragte, sie suchte, sie rief – aber der Knabe war nicht zu sehen und nicht zu hören. Sie schickte die ganze Dienerschaft aus, ihn im Walde mit Laternen zu suchen, aber der Junker war nicht zu finden.

Am andern Morgen schickte sie nach Geismar in die Schule, wo die ganzen Schulkinder versammelt waren und ließ sie bitten, dass sie kämen und hülfen ihr im Wald suchen. Die Schüler hatten den Junker lieb und liefen alle zusammen in den Wald und suchten mit allem Fleiß in den Gebüschen. Sie riefen ihn auch bei Namen, aber das Echo der Berge antwortete und nicht der Junker.

Dann kam einer der Schüler oben auf dem Berg an den Brunnen und sah das kleine Hütchen, welches der Junker zu tragen pflegte, auf dem Wasser schwimmen. Da wussten sie, dass der Junker in den Brunnen gestürzt war und holten das Hütchen heraus und brachten es der Mutter.

Die Mutter aber hatte keine leiblichen Kinder mehr und vermachte den Schulkindern zu Geismar all ihr Gut. Aus den Zinsen werden auf Ostermittwoch die Stutzwecke gebacken und ausgeteilt, welche die Kinder noch immer zu derselben Tageszeit empfangen, wo sie das Hütchen gefunden haben.

(Karl Lyncker, 1823-1855)

Verwendete Bilder sind von:
© Dirk Schmidt/PIXELIO (Bild 1)
© Irene Lehmann/PIXELIO (Bild 2)
www.pixelio.de

Liebenaus Name – eine Sage aus Hessen

12. Februar 2010

 Liebenaus Name

Das Städtchen Liebenau an der Diemel hieß ursprünglich Marienau oder Mergenau. Wie der neue Name aber entstanden, wurde seit Jahrhunderten in der Leute Mund also weiter erzählt; nur meldet die Überlieferung nicht, welcher Landesfeind es gewesen sei, dem damals mutige Weiber den Siegespreis verwehrten.

Denn in des Städtchens Mauern weilte der "Herr zu Hessen", wie vor uralters, noch ehe der Titel Landgraf aufkam, der Landesfürst geheißen hat. Da zog in Untreuen mit Heeresmacht plötzlich der Feind heran, der das erfahren hatte und berannte die Mauern.

Groß war die Not der Stadt; eilends gingen Boten aus, um überallhin die Bedrängnis des Fürsten zu melden. Doch der Feind stürmte Tag und Nacht, und matt und müde wurden die wenigen Streiter. Da traten die Weiber an die Seite ihrer erschöpften Männer und fochten mit. Und die Alten, die keine Wehr zu tragen mehr vermochten, die siedeten Öl und gossen dies und glühend heißen Roggenbrei den Stürmenden auf den Leitern über die Köpfe. Da, als schon alle Kraft die Bürgerschaft verlassen und jegliche Hoffnung geschwunden schien, da nahte Entsatz; und ab zogen die Feinde.

In dankbarer Rührung aber, für solch treuen Liebesdienst wackerer Weiber, wandelte der Fürst den alten Namen des Ortes in den jetzigen: Liebenau!

(Hermann von Pfister-Schwaighusen, 1836-1916)

Verwendetes Bild ist von:
Wikipedia (Liebenau – Auszug aus der Topographia Hassiae – Merian, Matthäus/1655 – gemeinfrei)