Der Zwergkönig Hibich – eine Sage aus Niedersachsen
Im Hibichenstein wohnten Zwerge, die sollen den Leuten in Grund mitunter die Kinder gewartet haben.
Ihr König war der Hibich, ein alter Mann mit rauhem Haar wie ein Bär, einem sehr alten Gesicht und von kleiner Gestalt. Er hatte einen eisgrauen Bart, der ging ihm bis auf die Brust, und darin steckte eine zauberische Kraft. In der Hand trug er ein silbernes Grubenlicht, das schien so hell wie die Sonne, und auf dem Haupt hatte er eine goldene Krone. So klein er war, so konnte er sich doch sehr ausrecken. Früher hatte er, wie einige sagen, alle fünfhundert Jahre einmal auf die Oberwelt kommen dürfen, jetzt dürfe er es nicht mehr.
Der Zwergkönig Hibich beschützte die Waldungen und spielte den Leuten, die in der Waldung Schaden anrichteten, oft einen Possen. Er zeigte sich aber auch wohltätig gegen arme und hilflose Menschen, die in den Wald kamen und ihm treuherzig ihre Not klagten.
So ging einstmals eine Bergmannsfrau aus Grund in den Wald, deren Mann schon lange krank gelegen hatte. Sie wollte Tannenzapfen suchen, und dafür sollte der Bäcker ihr Brot geben. Als sie nun im Wald war, kam der alte Hibich und fragte sie, was sie hier suche. Da erzählte sie ihm alles, und der Zwergkönig gab ihr ein Kraut und sagte, davon würde ihr Mann genesen. Auch bezeichnete er ihr eine Stelle im Tannenwalde, wo sie Tannäpfel finden könne.
Dahin begab sich die Bergmannsfrau, fand aber anfangs keine. Plötzlich fing es an, von den Bäumen herunter mit lauter Tannäpfeln zu werfen. Die Frau aber ward von keinem getroffen, sondern alle flogen an ihrem Kopf vorbei und in die Kiepe hinein. Das waren die Zwerge, die vom Zwergkönig Hibich dazu schon Befehl erhalten hatten. Als die Kiepe voll war und die Frau sie aufhob, dünkte sie ihr sogleich etwas schwerer, als sonst eine Kiepe voll Tannäpfel.

Als sie an die Stelle kam, wo sie den Zwergkönig Hibich getroffen hatte, kam er wieder und fragte, ob sie Tannäpfel gefunden habe. Da erzählte sie ihm, was ihr begegnet war. Der alte Hibich aber sagte ihr, dass das seine Zwerge gewesen seien, fügte auch hinzu, dass es silberne Tannzapfen wären. Davon solle sie so viele nehmen, dass sie mit ihrem Mann und ihren Kindern genug hätte, von dem übrigen Silber solle sie die Kirche zu Grund neu bauen lassen. Er riet ihr auch noch, das Kraut nicht zu vergessen, das er ihr für ihren Mann gegeben hatte.
Als nun die Frau nach Hause kam, da waren die Tannäpfel nichts als gediegenes Silber, von derselben Art, aus der die alten Harzgulden geprägt wurden. Von dem Silber, das die Frau in ihrer Kiepe getragen hatte, ist richtig die Kirche zu Grund gebaut worden, und von dem, was sie für sich behielt, wurde die Familie des kranken Bergmanns noch sehr reich. Der aber aß von dem Kraut, das der alte Hibich seiner Frau im Walde gegeben hatte, und wurde von Stund an so gesund wie ein Fisch im Wasser.
(Heinrich Pröhle, 1822-1895)
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