Die Bittschrift-Linde – eine Sage aus Brandenburg
Friedrich II., dem bekanntlich Potsdam alles, was in dieser Stadt schön und großartig ist, seine Paläste, Stiftungen und Manufakturen, verdankt, bewohnte die Eckzimmer im Schloss nach der Teltower Brücke zu, von wo aus er die freundliche Aussicht auf die Havel und den Brauhausberg genießen und selbst von seinem Schreibtisch aus mittels dreier Spiegel den Lustgarten, die Brücke und die ganze Umgebung des Schlosses übersehen konnte.
Unter dem Fenster nahe der Brücke steht eine alte Linde, die noch jetzt die Bittschriften-Linde genannt wird, weil an ihr diejenigen ihren Standplatz wählten, die ein Gesuch in die Hände des Königs zu bringen wünschten. Sah sie der König hier stehen, so schickte er meist herab, um ihnen die Bittschriften abnehmen zu lassen.
Allein zuweilen mussten die Bittsteller, welche nicht etwa bloß aus Potsdam, sondern aus dem ganzen Land dorthin kamen, lange stehen, und da sollen sie denn oft in der Angst ihres Herzens unbewusst in die Rinde des Baumes Figuren und Namen eingegraben haben.
Davon mögen wohl die halbverwachsenen Narben, die einige Fuß von der Erde ringsum in der äußersten Oberfläche des Baumes zu sehen sind, herrühren; der Volksglaube hat es sich nicht nehmen lassen, dass der König auch jetzt noch, umspielt von seinen Lieblingshunden, des Nachts als Schatten über die gewohnten Pfade der Terrasse von Sanssouci oder durch die Alleen im Rehgarten nach dem Neuen Palais zu dahinschwebe oder einsam und ernst an seinem Schreibtisch sitze oder sich auch im Zwielicht oder Mondschein am Fenster seines Arbeitszimmers zeige.
(Johann Georg Theodor Grässe, 1814-1885)
Verwendetes Bild ist von:
Wikipedia (Zeitgenössisches Gemälde Friedrichs II. von Preußen/1763/Johann Georg Ziesenis – Ralf Prokop, eigene Digitalaufnahme – gemeinfrei)
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