Donars Reise ins Reich der Riesen – eine Göttersage
Eines Tages machte Donar sich auf zur Reise gen Utgard, ins Reich der Riesen. Daselbst herrschte Utgardloki in seiner Riesenburg. Ihn wollte Donar besuchen. Mit ihm gingen drei Gesellen, darunter auch Loki. Als es Abend ward und sie müde in einen Wald kamen, fanden sie eine Höhle und legten sich nieder zum Schlafen.

Um Mitternacht erhob sich ein gewaltiges Getöse. Die Erde erbebte, und die Höhle drohte einzufallen. Schnell kroch Loki, der bei all seiner Bosheit sehr feige war, mit den beiden anderen in eine kleine Nebenhöhle. Der mutige Donar aber stellte sich an den Eingang und hielt Wache.
Endlich graute der Tag. Da sah Donar einen ungeheuren Riesen auf der Erde liegen, der schlief da und schnarchte so, dass die Erde bebte. "Ei", dachte Donar, "dich will ich mit ewigem Schlafe beschenken", und ergriff seinen Hammer. Aber der Riese erwachte und erkannte den Gott und sprach spöttisch: "Kleiner Donar, was tatest du denn mit meinem Handschuh?"
"Was redest du?" fuhr Donar ärgerlich heraus. "Nur gemach!" knurrte der Riese, "sieh doch selber zu!" Da bemerkte Donar, dass die Höhle, in der sie geschlafen, des Riesen Handschuh war. Der Däumling war die Nebenkammer. Als der Riese den Handschuh aufhob, polterten die Gefährten Donars wie Spielzeug aus dem Däumling heraus.
Der Riese hieß Skrymir oder Prahler und sprach: "Ich will mit euch ziehen." Daran war Donar wenig gelegen; aber er musste es leiden. Am Abend war sich Skrymir unter einer alten Eiche nieder und sprach: "Ich bin müde, nehmt nur den Sack und esst, während ich schlafe." So sehr sich aber Donar auch mühte, den Sack zu öffnen, es wollte ihm nicht gelingen. Dazu schnarchte der Riese wieder so laut, dass Wald und Berge widerhallten.
Und Donar konnte nicht davor schlafen und ward zornig und nahm seinen Hammer und schlug den Riesen auf den Kopf. Der wachte auf und fragte gemütlich: "Ist mir vielleicht ein Blatt auf den Kopf gefallen?" Dann schlief er wieder ein und schnarchte weiter, dass die Bäume zitterten.
Donar lag und konnte vor Hunger und Schnarchen keinen Schlaf finden. Es war Mitternacht. Da trat Donar zum zweiten Male an den Riesen heran und führte nun einen so gewaltigen Schlag nach der Stirn, dass er dachte, der Schädel müsse gespalten sein. Der Schläfer aber tat die Augen auf, rieb sich etwas die Stirn und meinte: "Mir ist wohl eine Eichel auf den Kopf gefallen?"
Bald schlief und schnarchte der Gewaltige wieder ebenso wie vorher. Noch einen letzten Streich wollte Donar versuchen. Mit beiden Händen ergriff er den schweren Hammer und schleuderte ihn mit so furchtbarer Gewalt gegen die Stirn des Riesen, dass der Hammer bis an den Stiel in die Schläfe drang. Ruhig erhob sich der Riese, schaute den Baum hinauf und sagte: "Viel Lästiges hat doch das Schlafen im Walde. Ich glaube, die Vögel haben mir etwas Moos auf den Kopf geworfen."
Dann wandte sich Skrymir zu Donar und prahlte: "Ich muss nun einen anderen Weg einschlagen, will euch aber einen guten Rat geben. Lasst eure Reise lieber sein. In Utgard gibt es noch größere Männer; und es möchte euch kleinen Burschen da schlecht ergehen." Damit nahm Skrymir seinen Sack auf den Rücken und ging von dannen.

Donar wollte sich nicht warnen lassen und langte mit seinen Gesellen gegen Mittag vor der Riesenburg an. Die Tore waren fest verschlossen. Da kroch Donar mit seinen Genossen zwischen den Stäben des Gitters hindurch, und bald stand er vor dem Throne des Riesenfürsten Utgardloki.
Aber der fing an laut zu lachen und sprach: "Bist du Kleiner wirklich der große Ase Donar? Ich stellte mir den gewaltigen Gott doch größer vor." Donar erwiderte: "Nicht ist der Längste immer der Stärkste; wenn es dich gelüstet, so kannst du es bald erfahren." "Nun", sprach Utgardloki, "so zeige im Wettkampf mit meinen Dienern, wer Meister ist."
"Gut", sprach Donar: "Am liebsten trinke ich mit einem um die Wette." Sogleich wurde ein Trinkhorn herbeigebracht. Das war sehr lang, doch nur dünn, und Donar glaubte, es leicht leeren zu können. "In drei Zügen leert dieses Horn jeder in meinem Reiche", sagte Utgardloki. Donar war sehr durstig von der Reise, tat einen tüchtigen Zug und glaubte, das Horn müsste beinah leer sein. Als er nun absetzte und hineinschaute, bemerkte er zu seiner Verwunderung, dass des Trankes kaum weniger geworden war. Zweimal noch setzte er an und trank und trank, dass ihm fast der Atem verging. Aber als er das Horn zurückgab, hatte sich der Trank wiederum nur um ein ganz Geringes vermindert.
Trinken mochte Donar nicht mehr. Er erbot sich nun, seine Stärke zu zeigen, und hoffte, damit besser zu bestehen. "Deine Macht scheint mir doch nicht so groß, als wir dachten", sagte spottend der Riesenfürst, "ich glaube, du kannst nicht einmal meine Katze vom Boden aufheben." Da lief eine große graue Katze durch die Halle. Donar dachte, das Tier in die Luft zu schleudern. Er griff zu und hob; aber das Tier krümmte kaum den Rücken; beim zweiten wohl etwas mehr, und beim dritten Male nur so weit, dass die Katze die eine Vorderpfote aufhob.
Da zuckten Blitze aus den Augen des Donnerers; sein roter Bart flammte wie Feuer, und zornig rief er: "Nun will ich ringen mit dem Stärksten! Wer wagt es mit mir?" "Versuche nur erst einmal hier meine alte Amme Elli zu zwingen!" Mit den Worten wies Utgardloki auf ein altes Weib hin. In diesem Kampfe hoffte Donar wenigstens zu siegen. Er strengte alle seine Kräfte an, aber die Alte stand wie ein Fels, ja drückte ihn zuletzt mit so unwiderstehlicher Kraft nieder, dass er ins Knie sank.
Beschämt stand der Donnerer da. Da gebot der Riesenkönig dem Kampfe Einhalt und hieß Donar samt seinen Begleitern bewirten und für die Nacht ein Lager anweisen.
Am andern Morgen begleitete der Riesenkönig den heimkehrenden Donar noch eine Strecke. Beim Abschiede sprach er: "Nimmer möge dein Fuß, o Donnerer, mein Reich wieder betreten; denn deine Kraft ist unermesslich, und wir haben dich durch Zauberei getäuscht, sonst wären wir verloren gewsen. Höre! Der Riese Skrymir war ich selbst. Den Sack mit Speisen hatte ich durch Eisenbande so fest verschnürt, dass er nicht zu öffnen war. Du meinst, mich mit deinem Hammer getroffen zu haben, aber bist auch da geblendet. Ich zauberte jedesmal einen Berg vor, in den deine Schläge fuhren. Auch bei dem Wettkampfe bist du betrogen. Das Trinkhorn stand mit dem Weltmeer in Verbindung, und deine drei Züge ließen das Wasser vom Ufer zurücktreten und erzeugten Ebbe. Die Katze, die du nicht losreißen konntest, war in Wirklichkeit die Midgardschlange. Du hast sie fast bis zum Himmel erhoben, und wir befürchteten schon, dass sie losgerissen würde. Meine Amme Elli aber war das Alter, dem auch die Götter unterliegen müssen."
Als Donar das vernommen, griff er zornig nach seiner Waffe, den Feind zu zerschmettern. Der Riese war jedoch plötzlich verschwunden, und Donar kehrte mit seinem Gefolge gen Asgard zurück.
Verwendete Bilder sind von:
© Adolf Riess/PIXELIO (Bild 1)
© Rike/PIXELIO (Bild 2)
© Benno Buschmann/PIXELIO (Bild 3)
© Templermeister/PIXELIO (Bild 4)
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