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Archive for the ‘Allgemein’ Category

Der Christbaum der armen Kinder – eine Weihnachtsgeschichte

Sonntag, Dezember 20th, 2009

pixelio.de - Der Christbaum der armen Kinder

Kinder sind ein seltsames Volk: Sie drängen sich in Träume und Gedanken. Vor Weihnachten und dann wieder am Christabend selbst begegnete mir regelmäßig an einer bestimmten Straßenecke ein kleiner Junge. Trotz der grimmigen Kälte war er fast sommermäßig gekleidet. Er ging mit dem "Händchen", so lautet der technische Ausdruck, und er bedeutet betteln.

Den Ausdruck haben diese Jungen selbst erfunden. Solche Jungen wie er gibt es eine Menge, sie laufen einem überall in den Weg und jammern etwas Auswendiggelerntes. Dieser aber jammerte nicht und sprach auch unschuldig und außergewöhnlich, und seine Augen sahen mich voller Vertrauen an.

Solch ein junger Wildling weiß oft so gut wie nichts, weder in welchem Land er wohnt noch welcher Nation er angehört, ob es einen Gott gibt, einen Zaren oder – ja, man spricht von so viel Unwissenheit bei ihnen, dass man es kaum glauben kann. Und dennoch sind dies Tatsachen.

Doch ich bin ein Schriftsteller, und ich glaube, diese "Geschichte" habe ich selbst erfunden. Aber es scheint mir, dass sie irgendwann, irgendwo wirklich geschehen sei, am Christabend in einer großen Stadt und bei arger Kälte.

pixelio.de - Der Christbaum der armen KinderIch sehe einen kleinen Jungen, der an jenem Tag in einem feuchten und kalten Keller erwachte. Er hatte nur ein altes Kittelchen an und zitterte vor Kälte. Er sah seinen Atem, der wie ein weißer Dampf seinem Mund entströmte, und da es langweilig war, auf dem Koffer im Winkel zu sitzen, so hauchte er immer wieder diesen Atem recht stark heraus und sah dann zu, wie der Dampf sich ballte und verschwand.

Aber er hatte Hunger und wollte etwas essen. Er war schon mehrmals zu der Lagerstätte gegangen, wo auf einem alten, dünnen Schlafsack, irgendein Bündel Kissen unter dem Kopf, seine kranke Mutter lag. Wie sie hierherkam? Vermutlich war sie mit ihrem Jungen aus einer anderen Stadt gekommen und hier erkrankt. Die Winkelvermieterin war schon vor zwei Tagen von der Polizei abgeführt worden, und die anderen Winkelmieter hatten sich verlaufen.

Auf dem Flur fand der Junge etwas zu trinken, aber eine Brotkruste war nirgends zu finden, und wieder versuchte er, seine Mutter aufzuwecken. Ihm wurde schließlich bange in der Dunkelheit: Es war schon längst dunkel geworden, aber niemand machte Licht. Als seine Hand das Gesicht der Mutter berührte, wunderte er sich, dass es so kalt war wie die Wand.

"Das ist hier aber mal kalt!" dachte er, und dabei fiel ihm sein Mützchen ein, das auf seinem Lager lag. Als er es aufgesetzt hatte, beschloss er, den Kellerraum zu verlassen. Und schon stand er draußen.

O Gott, was war das für eine Stadt! Dort, von wo er mit der Mutter gekommen war, war es so finster wie die Nacht. Die Fenster der niedrigen Häuser wurden abends mit Läden verschlossen; auf der Straße war, sobald nur die Dämmerung sank, niemand mehr zu sehen. Doch warm war es dort gewesen, und man hatte ihm zu essen gegeben. Hier aber – ach, wenn er doch nur etwas zu essen hätte! Und was ist das nur für Lärm und Gesumm, und wieviel Licht und Menschen und Pferde und Wagen – und die Kälte!

Aus den Nüstern der heißgejagten Tiere strömt weißer Dampf, durch den weichen, lockeren Schnee schlagen die Hufe zuweilen hellklingend auf das Steinpflaster. Und wie die Menschen sich alle drängen! Und, lieber Gott, wie gern er etwas essen würde, wenn auch nur ein kleines Stückchen, gleichviel was. Und die Finger schmerzen so sehr.

pixelio.de - Der Christbaum der armen Kinder

Und da ist wieder eine andere Straße. Da ist es aber wirklich schön. Aber was ist denn das? Oh, was für ein großes Fenster, und hinter dem Fenster ist ein Zimmer, und in diesem Zimmer ist ein Baum bis an die Decke, ein Christbaum, eine große Tanne, und an der flimmern so viel Flämmchen, so viele goldene Sachen und hängen Äpfel, und ringsum sind Püppchen und Pferde, und Kinder laufen im Zimmer umher, und alle sind sie so festlich gekleidet, so sauber und schön, und sie lachen und spielen und trinken und essen schönes Naschwerk.

Und da hört man auch Musik, durch die großen Scheiben hört man sie ganz deutlich. Der kleine Junge schaut und wundert sich, aber dann spürt er doch wieder, dass ihn die Hände so schmerzen, und er läuft weiter.

pixelio.de - Der Christbaum der armen KinderWieder sieht er durch ein Fenster ein Zimmer. Dort sind mehrere solcher Bäume, aber nicht so große, und auf den Tischen sind lauter Kuchen, rote und gelbe und weiße und braune, und hinter dem langen Tisch stehen vier reichgekleidete Damen, und jedem, der an den Tisch kommt, geben sie von ihren schönen Kuchen. Die Tür öffnet sich jeden Augenblick und viele Menschen gehen von der Straße zu ihnen hinein. Der Junge steht und guckt; und wie die Tür sich wieder öffnet, da schlüpft auch er hinein.

Ach, wie man ihm böse ist, ihn anschreit und fortjagt! Eine von den Damen kommt schnell auf ihn zu, gibt ihm eine Kopeke, und dann öffnet sie ihm selbst die Tür und schickt ihn wieder hinaus auf die Straße … Wie er erschrak! Die Kopeke fiel ihm gleich aus der Hand und schlug klingend auf die Treppenstufe. Er konnte die blauroten Finger nicht mehr biegen, um sie zu halten.

So schnell er kann, läuft er weiter. Aber wohin? Er ist so traurig, so bitter traurig, darüber, dass er sich so allein und verlassen fühlt, und Bangigkeit will wieder über ihn kommen. Doch plötzlich – was gibt es dort wieder zu sehen? Da stehen die Menschen dicht gedrängt und staunen: Hinter großen Scheiben stehen drei kleine Puppen in roten und grünen Kleidchen, und ein alter Mann spielt auf einer großen Geige, zwei andere spielen auf kleinen Geigen und nicken dazu im Takt mit den Köpfen. Zuerst dachte das Kind, dass sie alle wirklich lebendig seien, als es aber dann erriet und sich überzeugte, dass es Püppchen waren, da musste es lachen. Solche Püppchen hatte der Kleine noch nie gesehen.

Plötzlich fühlte er, dass ihn jemand hinten am Röckchen packt: Ein großer Junge steht hinter ihm, haut ihn plötzlich auf den Kopf, reißt ihm das Mützchen ab und versetzt ihm einen derben Tritt. Der Kleine fällt hin. doch da schreit schon alles und schilt, dass ihm angst und bange wird und er aufspringt und läuft und läuft, bis die hellen Straßen hinter ihm liegen. Unter einem Hoftor kriecht er auf einen fremden Hof und hockt sich dort hinter einem Holzstapel hin. "Hier wird man mich nicht finden, und es ist auch dunkel", denkt er.

pixelio.de - Der Christbaum der armen Kinder

Und so hockt er ganz still und kauert sich zusammen und kann kaum noch atmen vor Angst. Aber plötzlich, ganz plötzlich, wird ihm so wohl, die Füße und Hände schmerzen nicht mehr, und ihm wird so warm wie auf einem Ofenbänkchen. "Ich werde hier noch ein Weilchen sitzen, und dann gehe ich wieder zu den Püppchen", denkt er und lächelt in Gedanken an sie. Und dann ist es ihm, als höre er auf einmal seine Mutter singen, ganz leise, aber er hört es doch. "Mama, ich schlafe – ach, wie ist es hier schön zu schlafen."

"Komm zu mir, zum Christbaum, es ist Weihnacht, Kind", flüstert über ihm eine Stimme. Er denkt, das wäre nun seine Mama, aber nein, das ist sie nicht. Wer rief ihn denn? Das sieht er nicht, aber jemand beugt sich über ihn und umfängt ihn in der Dunkelheit, und er streckt ihm die Hand entgegen – da plötzlich – oh, wieviel Licht! Welch ein Christbaum! Es leuchtet und strahlt alles um ihn, viele schöne Puppen überall – doch nein, das sind ja alles kleine Knaben und Mädchen. Sie schweben, sie küssen ihn, sie tragen ihn mit sich fort. Er fühlt, dass er schon schwebt – und dort, ja, dort ist seine Mama, die nickt und lächelt ihm selig zu.

pixelio.de - Der Christbaum der armen Kinder"Mama! Mama! Ach, wie ist es hier schön, Mama!" ruft der Junge. Er umarmt die Kinder und will ihnen schnell alles von den Püppchen erzählen. "Wer seid ihr, Jungen, und wer seid ihr, Mädchen?" fragt er sie lachend und hat sie alle schon lieb. "Es ist hier Weihnacht beim Christkind", antworteten sie ihm, "das ist hier im Himmel immer ein Christfest für all die kleinen Kinder, die auf Erden keinen Christbaum haben." Und er erfährt, dass alle die Jungen und Mädchen einst auf Erden ebensolche Kinder waren wie er.

Die Mütter dieser Kinder stehen auch dort. Sie weinen, und eine jede erkennt ihren Jungen oder ihr Mädchen, die nun zu ihnen schweben und sie küssen. Sie wischen ihnen die Tränen mit ihren Händen von den Wangen und bitten sie, nicht zu weinen, denn sie hätten es jetzt ja so gut …

(Fjodor Michailowitsch Dostojewski, 1821-1881)

Verwendete Bilder sind von:
© Dagmar Schmidt/PIXELIO (Bild 1)
© Rike/PIXELIO (Bild 2 + 3)
© Dieter/PIXELIO (Bild 4)
© Paul-Georg Meister/PIXELIO (Bild 5)
www.pixelio.de

 

 

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Der Wunschring – ein Märchen

Freitag, Juli 31st, 2009

pixelio.de - Der Wunschring 

Ein junger Bauer, mit dem es in der Wirtschaft nicht recht vorwärts gehen wollte, saß auf seinem Pfluge und ruhte einen Augenblick aus, um sich den Schweiß vom Gesichte zu wischen. Da kam eine alte Hexe vorbeigeschlichen und rief ihm zu: "Was plagst du dich und bringst’s doch zu nichts? Geh zwei Tage geradeaus, bis du an eine große Tanne kommst, die frei im Walde steht und alle anderen Bäume überragt. Wenn du sie umschlägst, ist dein Glück gemacht."

Der Bauer ließ sich das nicht zweimal sagen, nahm sein Beil und machte sich auf den Weg. Nach zwei Tagen fand er die Tanne. Er ging sofort daran, sie zu fällen, und in dem Augenblicke, wo sie umstürzte und mit Gewalt auf den Boden schlug, fiel aus ihrem höchsten Wipfel ein Nest mit zwei Eiern heraus. Die Eier rollten auf den Boden und zerbrachen, und wie sie zerbrachen, kam aus dem einen Ei ein junger Adler heraus, und aus dem andern fiel ein kleiner goldener Ring.

pixelio.de - Der WunschringDer Adler wuchs zusehends, bis er wohl eine halbe Manneshöhe hatte, schüttelte seine Flügel, als wollte er sie probieren, erhob sich etwas über die Erde und rief dann: "Du hast mich erlöst! Nimm zum Dank den Ring, der in dem anderen Ei gewesen ist! Es ist ein Wunschring. Wenn du ihn am Finger umdrehst und dabei einen Wunsch aussprichst, wird er alsbald in Erfüllung gehen. Aber es ist nur ein einziger Wunsch im Ringe. Darum überlege dir wohl, was du dir wünschest, auf dass es dich nachher nicht gereue."

Darauf hob sich der Adler hoch in die Luft, schwebte lange noch in großen Kreisen über dem Haupte des Bauers und schoss dann wie ein Pfeil nach Morgen.

Der Bauer nahm den Ring, steckte ihn an den Finger und begab sich auf den Heimweg. Als es Abend war, langte er in einer Stadt an; da stand der Goldschmied im Laden und hatte viel köstliche Ringe feil. Da zeigte ihm der Bauer seinen Ring und fragte ihn, was er wohl wert wäre. "Einen Pappenstiel!" versetzte der Goldschmied. Da lachte der Bauer laut auf und erzählte ihm, dass es ein Wunschring sei und mehr wert als alle Ringe zusammen, die jener feil hielte.

Doch der Goldschmied war ein ränkevoller Mann. Er lud den Bauer ein, über Nacht bei ihm zu bleiben, sagte: "Einen Mann, wie dich, mit solchem Kleinode zu beherbergen, bringt Glück; bleibe bei mir!" und bewirtete ihn aufs Schönste mit Wein und glatten Worten, und als er nachts schlief, zog er ihm unbemerkt den Ring vom Finger und steckte ihm statt dessen einen ganz gleichen, gewöhnlichen Ring an.

Am nächsten Morgen konnte es der Goldschmied kaum erwarten, dass der Bauer aufbräche. Er weckte ihn schon in der frühesten Morgenstunde und sprach: "Du hast noch einen weiten Weg vor dir. Es ist besser, wenn du dich früh aufmachst."

Sobald der Bauer fort war, ging er eiligst in seine Stube, schloss die Läden, damit niemand etwas sähe, riegelte dann auch noch die Tür hinter sich zu, stellte sich mitten in die Stube, drehte den Ring um und rief: "Ich will gleich hunderttausend Taler haben."

Kaum hatte er dies ausgesprochen, so fing es an Taler zu regnen, harte blanke Taler, als wenn es mit Mulden gösse, und die Taler schlugen ihm auf Kopf, Schulter und Arme. Er fing an kläglich zu schreien und wollte zur Tür springen, doch ehe er sie erreichen und aufriegeln konnte, stürzte er, am ganzen Leibe blutend, zu Boden. Aber der Talerregen nahm kein Ende, und bald brach von der Last die Diele zusammen, und der Goldschmied mitsamt dem Gelde stürzte in den tiefen Keller.

pixelio.de - Der Wunschring

Darauf regnete es immer weiter, bis die Hunderttausend voll waren, und zuletzt lag der Goldschmied tot im Keller und auf ihm das viele Geld. Von dem Lärm kamen die Nachbarn herbeigeeilt, und als sie den Goldschmied tot unter dem Geld liegen fanden, sprachen sie: "Es ist doch ein großes Unglück, wenn der Segen so knüppeldick kommt!" Darauf kamen auch die Erben und teilten.

Unterdes ging der Bauer vergnügt nach Hause und zeigte seiner Frau den Ring. "Nun kann es gar nicht fehlen, liebe Frau", sagte er. "Unser Glück ist gemacht. Wir wollen uns nur recht überlegen, was wir uns wünschen wollen."

Doch die Frau wusste gleich guten Rat. "Was meinst du, wenn wir uns noch etwas Acker wünschten? Wir haben gar so wenig. Da reicht so ein Zwickel gerade zwischen unsern Acker hinein; den wollen wir uns wünschen."

pixelio.de - Der Wunschring"Das wäre der Mühe wert", erwiderte der Mann. "Wenn wir ein Jahr lang tüchtig arbeiten und etwas Glück haben, können wir ihn uns vielleicht kaufen." Darauf arbeiteten Mann und Frau ein Jahr lang mit aller Anstrengung, und bei der Ernte hatte es noch nie so geschüttet wie dieses Mal, so dass sie sich den Zwickel kaufen konnten und noch ein Stück Geld übrig blieb. "Siehst du!" sagte der Mann, "wir haben den Zwickel, und der Wunsch ist immer noch frei."

Da meinte die Frau, es wäre wohl gut, wenn sie sich noch eine Kuh wünschten und ein Pferd dazu. "Frau", entgegnete abermals der Mann, indem er mit dem übriggebliebenen Gelde in der Hosentasche klapperte, "was wollen wir wegen solch einer Lumperei unsern Wunsch vergeben? Die Kuh und das Pferd kriegen wir auch so."

Und richtig, nach abermals einem Jahre waren die Kuh und das Pferd reichlich verdient. Da rieb sich der Mann vergnügt die Hände und sagte: "Wieder ein Jahr den Wunsch erspart und doch alles bekommen, was man sich wünscht. Was wir für ein Glück haben!" Doch die Frau redete ihrem Mann ernstlich zu, endlich einmal an den Wunsch zu gehen.

"Ich kenne dich gar nicht wieder", versetzte sie ärgerlich. "Früher hast du immer geklagt und gebarmt und dir alles mögliche gewünscht, und jetzt, wo du’s haben kannst, wie du’s willst, plagst und schindest du dich, bist mit allem zufrieden und lässt die schönsten Jahre vergehen. König, Kaiser, Graf, ein großer, dicker Bauer könntest du sein, alle Truhen voll Geld haben – und kannst dich nicht entschließen, was du wählen willst."

"Lass doch dein ewiges Drängen und Treiben", erwiderte der Bauer. "Wir sind beide noch jung und das Leben ist lang. Ein Wunsch nur ist in dem Ringe und der ist bald getan. Wer weiß, was uns noch einmal zustößt, wo wir den Ring brauchen. Fehlt es uns denn an etwas? Sind wir nicht, seit wir den Ring haben, schon so heraufgekommen, dass sich alle Welt wundert? Also sei verständig. Du kannst dir ja mittlerweile immer überlegen, was wir uns wünschen könnten."

Damit hatte die Sache vorläufig ein Ende. Und es war wirklich, als wenn mit dem Ringe der volle Segen ins Haus gekommen wäre, denn Scheuern und Kammern wurden von Jahr zu Jahr voller und voller, und nach einer langen Reihe von Jahren war aus dem kleinen, armen Bauer ein großer, dicker Bauer geworden, der den Tag über mit den Knechten schaffte und arbeitete, als wollte er die ganze Welt verdienen, nach der Vesper aber behäbig und zufrieden vor der Haustür saß und sich von den Leuten guten Abend wünschen ließ.

So verging Jahr und Jahr. Dann und wann, wenn sie ganz allein waren und niemand es hörte, erinnerte zwar die Frau ihren Mann immer noch an den Ring und machte ihm allerhand Vorschläge. Da er aber jedesmal erwiderte, es habe noch vollauf Zeit und das Beste falle einem stets zuletzt ein, so tat sie es immer seltner, und zuletzt kam es kaum noch vor, dass auch nur von dem Ringe gesprochen wurde.

Zwar der Bauer selbst drehte den Ring täglich wohl zwanzigmal am Finger um und besah sich ihn, aber er hütete sich, einen Wunsch dabei auszusprechen.

Und dreißig und vierzig Jahre vergingen, und der Bauer und seine Frau waren alt und schneeweiß geworden, der Wunsch aber war immer noch nicht getan. Da erwies ihnen Gott eine Gnade und ließ sie beide in einer Nacht selig sterben.

pixelio.de - Der Wunschring

Kinder und Kindeskinder standen um ihre beiden Särge und weinten, und als eins von ihnen den Ring abziehen wollte, sagte der älteste Sohn: "Lasst den Vater seinen Ring mit ins Grab nehmen. Er hat sein Lebtag seine Heimlichkeit mit ihm gehabt. Es ist wohl ein liebes Andenken. Und die Mutter besah sich den Ring auch so oft; am Ende hatte sie ihn dem Vater in ihren jungen Tagen geschenkt."

So wurde denn der alte Bauer mit dem Ringe begraben, der ein Wunschring sein sollte und keiner war, und doch so viel Glück ins Haus gebracht hatte, als ein Mensch sich nur wünschen kann. Denn es ist eine eigene Sache mit dem, was richtig und was falsch ist; und schlecht Ding in guter Hand ist immer noch sehr viel mehr wert, wie gut Ding in schlechter.

(Richard von Volkmann-Leander, 1830-1889)

Verwendete Bilder sind von:
© Anne Bermüller/PIXELIO (Bild 1)
© Jörg Noack/PIXELIO (Bild 2)
© frager/PIXELIO (Bild 3)
© Niko Korte/PIXELIO (Bild 4)
© Ferdinand Lacour/PIXELIO (Bild 5)
www.pixelio.de

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Die Heinzelmännchen – ein Gedicht

Dienstag, Juli 21st, 2009

 pixelio.de - Die Heinzelmännchen

Wie war  zu Köln es  doch vordem
mit Heinzelmännchen so bequem!
Denn war man faul, man legte sich
hin auf die Bank und pflegte sich:
Da kamen bei Nacht,
ehe man’s gedacht,
die Männlein und schwärmten
und klappten und lärmten
und rupften
und zupften
und hüpften und trabten
und putzten und schabten -
und eh’ ein Faulpelz noch erwacht,
war all sein Tagewerk bereits gemacht!

Die Zimmerleute streckten sich
hin auf die Spän’ und reckten sich.
Indessen kam die Geisterschar
und sah, was da zu zimmern war.
Nahm Meißel und Beil
und die Säg’ in Eil;
sie sägten und stachen
und hieben und brachen,
berappten
und kappten,
visierten wie Falken
und setzten die Balken.
Eh’ sich’s der Zimmermann versah:
Klapp, stand das ganze Haus schon fertig da!

pixelio.de - Die Heinzelmännchen

Beim Bäckermeister war nicht Not,
die Heinzelmännchen backten Brot.
Die faulen Burschen legten sich,
die Heinzelmännchen regten sich -
und ächzten daher
mit den Säcken schwer!
Und kneteten tüchtig
und wogen es richtig
und hoben
und schoben
und fegten und backten
und klopften und hackten.
Die Burschen schnarchten noch im Chor:
Da rückte schon das Brot, das neue, vor!

Beim Fleischer ging es just so zu:
Gesell und Bursche lagen in Ruh.
Indessen kamen die Männlein her
und hackten das Schwein die Kreuz und Quer.
Das ging so geschwind
wie die Mühl’ im Wind.
Die klappten mit Beilen,
die schnitzten an Speilen,
die spülten,
die wühlten
und mengten und mischten
und stopften und wischten.
Tat der Gesell die Augen auf:
Wapp! hing die Wurst da schon im Ausverkauf!

pixelio.de - Die Heinzelmännchen

Beim Schenken war es so: Es trank
der Küfer, bis er niedersank;
am hohlen Fasse schlief er ein,
die Männlein sorgten um den Wein
und schwefelten fein
alle Fässer ein
und rollten und hoben
mit Winden und Kloben
und schwenkten
und senkten
und gossen und panschten
und mengten und manschten,
und eh’ der Küfer noch erwacht,
war schon der Wein geschönt und fein gemacht!

Einst hatt’ ein Schneider große Pein:
Der Staatsrock sollte fertig sein;
warf hin das Zeug und legte sich
hin auf das Ohr und pflegte sich.
Da schlüpften sie frisch
in den Schneidertisch
und schnitten und rückten
und nähten und stickten
und fassten
und passten
und strichen und guckten
und zupften und ruckten,
und eh’ mein Schneiderlein erwacht,
war Bürgermeisters Rock bereits gemacht!

pixelio.de - Die Heinzelmännchen

Neugierig war des Schneiders Weib
und macht sich diesen Zeitvertreib:
Streut Erbsen hin die andre Nacht;
die Heinzelmännchen kommen sacht.
Eins fährt nun aus,
schlägt hin im Haus,
die gleiten von Stufen
und plumpen in Kufen,
die fallen
mit Schallen,
die lärmen und schreien
und vermaledeien!
Sie springt hinunter auf den Schall
mit Licht: husch husch husch husch – verschwinden all!

O weh! Nun sind sie alle fort,
und keines ist mehr hier am Ort!
Man kann nicht mehr wie sonsten ruhn,
man muss nun alles selber tun!
Ein jeder muss fein
selbst fleißig sein
und kratzen und schaben
und rennen und traben
und schniegeln
und bügeln
und klopfen und hacken
und kochen und backen.
Ach, dass es noch wie damals wär!
Doch kommt die schöne Zeit nicht wieder her!

(August Kopisch, 1799-1853)

Verwendete Bilder sind von:
© Jürgen Nießen/PIXELIO (Bild 1 – Köln)
© Dieter Schütz/PIXELIO (Bild 2)
© Paul-Georg Meister/PIXELIO (Bild 3)
© December-Girl/PIXELIO (Bild 4)
www.pixelio.de

 

 

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Der Esel und die Ziege – eine Fabel nach Äsop

Dienstag, Juli 14th, 2009

 

pixelio.de - Der Esel und die ZiegeEin Bauer hatte einen Esel und eine Ziege. Weil nun der Esel sehr viel arbeiten und große Lasten tragen musste, erhielt er ein reichlicheres und besseres Futter als die Ziege.

Diese beneidete den Esel und um ihn um die bessere Kost zu bringen oder ihm doch wenigstens Schläge einzutragen, sprach sie eines Tages zu ihm: "Höre, lieber Freund! Oft schon habe ich dich von Herzen bedauert, dass du Tag für Tag die schwersten Lasten tragen und vom Morgen bis zum Abend arbeiten musst; ich möchte dir wohl einen guten Rat geben." "Warum nicht?", sagte der Esel, "ich bitte dich sogar darum!"

"Nun, so höre: Wenn du an eine Grube kommst, so stürze dich hinein, stelle dich verletzt und dann wirst du längere Zeit Ruhe haben und nichts arbeiten dürfen." Dem Esel schien dies als ein guter Vorschlag und kaum war er anderntags mit einer Last bei einer Grube angekommen, als er ihn auch schon befolgte.

Wie aus Zufall trat er fehl und stürzte hinein. Aber so hatte er sich das nicht gedacht! Halb tot lag er da und dass er sich nicht ein Bein gebrochen, war ein Glück. Ganz geschunden wurde er herausgeholt und konnte sich kaum nach Hause schleppen. Sein Herr hatte nichts Eiligeres zu tun, als nach einem Vieharzt zu schicken, der dann verordnete, der Kranke solle eine frische, pulverisierte Ziegenlunge einnehmen.

Da dem Herrn der Esel mehr wert war als die Ziege, ließ er diese sofort schlachten, um den Esel zu retten. So büßte die Ziege für ihren bösen Rat mit dem Leben.

Die Folgen des Neides gereichen nicht selten dem Neider selbst zum Verderben.

Verwendetes Bild ist von:
©  www.JenaFoto24.de /PIXELIO
www.pixelio.de

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Der Glockendieb – eine altchinesische Fabel

Montag, Juli 13th, 2009

pixelio.de - Der Glockendieb

Nach dem Niedergang der Familie Fan sah ein Mann in deren Haus noch eine Bronzeglocke hängen. Aber da sie zu schwer war, auf dem Rücken weggeschleppt zu werden, wollte er sie mit einem Hammer in Stücke schlagen. Doch schon der erste Schlag machte solch einen Lärm, dass sich der Dieb vor Schreck die Ohren zuhielt.

Dass er nicht gern gehört werden wollte, ist verständlich. Sich selbst aber die Ohren zuzuhalten, das ist dumm!

(Frühling und Herbst des Lü Buwei)

Verwendetes Bild ist von:
© Anne Bermüller/PIXELIO
www.pixelio.de

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Die schwäbische Tafelrunde – ein Gedicht

Samstag, Juli 11th, 2009

pixelio.de - Die schwäbische Tafelrunde

Neun Schwaben gingen über Land
zu einer Dornenhecken,
allda der Jockel stillestand,
tät Abenteuer schmecken.

Es schlief ein Has’ ganz starr im Gras,
die Ohren tät er recken,
die Augen offen, hart wie Glas,
es war ein rechter Schrecken.

Hätt’ jeder ein Gewehr, gewiss,
er wollt’s für’n andern strecken,
so hattens’ all’ neun nur ein’ Spieß;
wer darf den Has’ mit wecken?

Drum hielten s’ einen Kriegesrat,
all’ neun ganz einig schiere,
sie wollten tun ein’ kühne Tat
an dem grausamen Tiere.

All’ neun an ihrem Schwabenspieß
stehn männlich hint’reinander.
"Du, Jockel, bist der Vorderst’ g’wiss!"
sprach einer zu dem ander.

"Du, Ragenohr, geh du voran!"
Der Vorderst’ tät auch sprechen:
"Ich muss dahinten vorne stahn,
ich schieb’, du musst nur stechen."

Der Vorderst’ sprach: "Wärst du vorn dran,
du sprächst nit, mein Geselle:
‘Du Ragenohr, geh du voran!
Hier ist ein’ harte Stelle!’"

Der Has’ erwacht’ ob ihrem Streit,
ging in den Wald hinschweifen,
der schwäbisch’ Bund tät als ein Beut’
des Hasen Panier ergreifen.

Sie wollten auch dem Feind zur Flucht
ein’ goldene Brücke schlagen
und han da lang ein’ Fluss gesucht
und kunnten kein’ erfragen.

Da stand ihn’ auch ein See im Weg,
der bracht’ ihn’ große Sorgen,
weil in dem Gras, nit weit vom Steg,
ein Frosch saß unverborgen.

Der immerdar geschrien hat
mit der quaterten Stimme:
"Wadwad, wadwad, wadwad, wadwad!"
Da ging’s dem Ragenohr schlimme.

Glaubt, dass der Spiritus ihm rief:
"Wad’, wad’!" er könnt’ durchwaten;
da tät er in dem Wasser tief
ersaufen, ohn’ zu baden.

Sein Schaubhut auf dem Wasser schwamm,
da lobten ihn die andern:
"Seht, bis an Hut der gut’ Landsmann
durchs Wasser tut er wandern."

Der Frosch schrie wieder: "Wad, wad, wad!"
Der Jockel sprach: "Uns allen
der Landsmann ruft auf seinem Pfad,
wir sollen nit lang’ kallen.

Wir sollten wahrlich jetzt vielmeh
alsbald ohn’ Kriegesrate
wohl alle springen in den See,
weil wir noch sehn den Pfade."

So richt’ ein Frosch neun Schwaben hin,
die schier besiegt ein’ Hasen,
drum hassen Schwaben immerhin
die Frösch’ und auch die Hasen.

pixelio.de - Die schwäbische Tafelrunde

(Achim von Arnim, 1781-1831 & Clemens Brentano, 1778-1842)

Verwendete Bilder sind von:
© sparkie/PIXELIO (Bild 1)
© asrawolf/PIXELIO (Bild 2)
www.pixelio.de

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Was schwer zu malen ist – eine altchinesische Fabel

Samstag, Juli 11th, 2009

 

pixelio.de - Was schwer zu malen istEin Maler malte Bilder für den König von Qi. Eines Tages fragte ihn der König: "Was ist am schwersten zu malen?" "Hunde und Pferde", antwortete der Maler.

"Und was ist am leichtesten zu malen?" fragte der König.

"Götter und Geister", gab der Maler zur Antwort. "Hunde und Pferde kennt jedermann. Man sieht sie jeden Tag. Wie gut und treffend sie gemalt sind, kann jeder beurteilen. Von Göttern und Geistern jedoch kennt man keine genaue Gestalt; niemand hat sie gesehen. Deshalb malen sie sich leicht."

(Han Feizi)

Verwendetes Bild ist von:
© Rike/PIXELIO
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Die Spinne im Schlüsselloch – eine Fabel von Leonardo da Vinci

Freitag, Juli 10th, 2009

 

pixelio.de - Die Spinne im SchlüssellochEine Spinne beschloss, nachdem sie von innen und außen das ganze Haus durchforscht hatte, sich in einem Schlüsselloch zu verstecken. Welch idealer Zufluchtsort! Wer hätte sie je entdeckt, hier drinnen?

Weiß Gott, sie hätte sich am Rande des Schlüssellochs zeigen und alles übersehen können, ohne irgendwelche Gefahr zu laufen. "Da unten", sprach sie bei sich, verstohlen die Steinschwelle betrachtend, "werde ich ein Netz für die Fliegen spannen; hier oben", fügte sie, die Stufe erforschend hinzu, "spanne ich ein anderes für die Raupen. Hier, nahe am Türklopfer, werde ich eine kleine Mückenfalle aufstellen."

Die Spinne frohlockte. Das Schlüsselloch gab ihr eine neue und ungewohnte Sicherheit; so eng, dunkel, eisengefüttert schien es uneinnehmbarer als eine Festung, sicherer als irgendeine Panzer.

Während sie in diesen Gedanken schwelgte, drang ein Geräusch von Schritten an ihr Ohr. Also zog sie sich klug in ihren Schlupfwinkel zurück. Irgend jemand blieb vor der Türe stehen, um ins Haus einzutreten. Ein Schlüssel rasselte, drang ins Schlüsselloch und zerquetschte die Spinne.

Verwendetes Bild ist von:
© Rike/PIXELIO
www.pixelio.de

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Die Zwerge des Sachsensteins – eine Sage aus Niedersachsen (Harz)

Samstag, Juli 4th, 2009

pixelio.de - Die Zwerge des Sachsensteins 

Am südwestlichen Abfall des Harzes steigt unweit des Städtchens Sachsa aus der reizenden grünen Landschaft eine schroffe kahle Gebirgswand von bedeutender Höhe hervor, der Sachsenstein genannt.

Sein zerrissenes nacktes Gestein von blendendweißer Farbe blickt öde in das lebensfrische grüne Tal. Der Rücken dieser Felswand ist eine weite Bergfläche, nur spärlich mit Heidekraut und verkrüppeltem Gestrüpp bedeckt.

Wie ehedem an vielen Orten im Harz, so wohnte nach der Sage des Volkes auch im Sachsenstein seit unvordenklichen Zeiten das kleine Volk der Zwerge. Noch zeigen sich an den schimmernden Wänden wie auf dem breiten Rücken des Berges eine Menge runder oder anderer kleine Höhlungen, die man Zwerglöcher nennt und die man auch noch an vielen anderen Orten findet.

pixelio.de - Die Zwerge des SachsensteinsDies waren die Ein- und Ausgänge der Zwerge zu ihren unterirdischen Behausungen; da sollen sie auf einer Leiter ein- und ausgestiegen sein. Im Innern des Berges hatten sie prächtige, geräumige Wohnungen und Säle, geschmückt mit den kostbarsten Geräten, schönen Bildern und Säulen aus Tropfstein, wie von Menschenhand gebildet, von farbigen Flammen erleuchtet und von den lieblichsten Düften durchweht. Auch schöne Brunnenquellen waren da und fließendes Wasser.

Die Zwerge des Sachsensteins standen unter der Herrschaft eines Königs, dem alles gehörte, was der Berg in seinem Innern barg, und der die Schätze der Tiefe bewachte und beschützte. Oft schwärmten die Zwerge außerhalb ihres Reiches auf der Oberwelt umher und erschienen dann den Menschenkindern mit ihren ungestalten Körpern, den breiten, plattgedrückten oder eckigen Dickköpfen, den unförmigen Beinen und der gelbbraunen Gesichtsfarbe.

Selbst die größten unter ihnen waren nicht größer als ein zwei- bis dreijähriges Kind. Wer einen solchen Zwerg fern im Walde niedergekauert erblickte, hätte ihn wohl für eine knorrige Wurzel oder einen verwitterten Baumstumpf oder eine seltsam geformte Klippe gehalten.

In Zauberkünsten erfahren, im Besitz der Gabe der Weissagung und manch übernatürlicher Eigenschaft, konnten die Zwerge den Menschen auf der Oberwelt viele Dienste erweisen. Sie halfen ihnen oft unsichtbar bei ihrer Arbeit, dass sie unbegreiflich rasch und gut vonstatten ging. Sie legten den Bedürftigen Speise ins Fenster, gaben den Kranken Kräuter und Tropfen, durch die sie schnell genasen, verkündeten eine nahe Gefahr oder ein bevorstehendes Unglück, und was dergleichen heilsame Dienste mehr waren.

Gab es eine Hochzeit, so gingen die Eltern und Verwandten nach den Zwerghöhlen und borgten von den Zwergen allerlei nötiges Tisch- und Hausgerät, welches die Zwerge alsbald vor den Eingang der Höhle setzten. Hier holten es die Brautleute ab und stellten es nach der Hochzeit, aus Dankbarkeit mit etwas Speise gefüllt, wieder an den Ort, wo sie es gefunden hatten.

pixelio.de - Die Zwerge des SachsensteinsEs war ein gar lustig Völkchen, diese Zwerge, und immer war eine heitere Musik vor dem Sachsenstein zu hören. Sie feierten auch Hochzeiten und Kindtaufen, aßen dazu Reisbrei, und es soll dabei im Sachsenstein sehr fröhlich hergegangen sein. Menschenkinder, welche sie dazu einluden, wussten davon zu erzählen.

So hütete einst ein Schäfer auf dem Sachsenstein seine Schafe. Da hörte er Musik, die ihm aus den Zwerglöchern zu kommen schien. Mit seinem Stock räumte er vor einem der Löcher auf und sah die Zwerge und die Zwergmusikanten alle, wurde auch eingeladen, an der Festlichkeit teilzunehmen, und kam dann unversehrt wieder aus dem Sachsenstein heraus.

Auch gingen die Zwerge nicht selten zu den Menschen zu Kindtaufen und Hochzeiten, setzten sich lustig an den Tisch, wurden aber gar kleinmütig, wenn sie merkten, dass Kümmel im Brot war, den sie nicht vertragen konnten und wovon sie krank wurden.

Aber nicht immer waren die Zwerge im Sachsenstein so gut und hilfreich gegen die Menschen. Ja, sie übten oft allerlei Schabernack und Tücke. Sie stahlen die neugeborenen Kinder aus den Wiegen und legten dafür ihre ungestalten Pfleglinge hinein, die beständig nach Nahrung schrien und nie zu sättigen waren. Sie leiteten die Wanderer irre, setzten den Kühen auf der Weide oder den Pferden vor dem Wagen Hornissen ins Ohr, dass sie scheu und wild wurden, feuchteten den Jägern das Pulver an und trieben ihnen dann den prächtigsten Hirsch entgegen.

Auch Diebereien übten sie zum Verdruss der Umwohner häufig genug aus, schlichen sich in die Häuser und Speisekammern und trugen daraus weg, was ihnen gefiel. Kein Erbsen- oder Getreidefeld war vor ihnen sicher. Einstmals sollen sie sogar zu hellen Haufen in die Bäckerläden in Sachsa und Walkenried eingebrochen sein und Brot gestohlen haben. Von der Zeit an buk man dort kein Brot mehr ohne Kümmel.

Nur wenige Zwerge, die man deshalb Kümmelzwerge nannte, konnten das vertragen; denen gaben aber die Leute das Brot gern, wenn sie darum baten. Den Zwergen kam eine wunderbare Eigenschaft zustatten. Sie konnten sich nämlich mit einer Nebelkappe, die sie im Gürtel trugen, unsichtbar machen und vor den Augen der Menschen plötzlich verschwinden, sobald sie die Kappe über den Kopf gezogen hatten.

pixelio.de - Die Zwerge des Sachsensteins

Nun sind aber die Zwerge schon vor ein paar hundert Jahren – wie überall aus den Bergen des Harzes, so auch aus dem Sachsenstein - verschwunden und weit weggezogen. Ihre unterirdischen Wohnungen sind verschlossen, und niemand weiß, wo sie aufs neue ihre Wohnsitze aufgeschlagen haben.

Aber noch heute erzählen sich die Bewohner jener Gegend manche Geschichte von ihnen.

(Wilhelm Girschner)

Verwendete Bilder sind von:
© manni66/PIXELIO/PIXELIO (Bild 1)
© Paul-Georg Meister/PIXELIO (Bild 2)
© DS/PIXELIO (Bild 3)
© Winfried H. Walter/PIXELIO (Bild 4)
www.pixelio.de

 

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Das Kamel – eine Fabel nach Äsop

Mittwoch, Juli 1st, 2009

 

pixelio.de - Das KamelAls die Menschen das Kamel zum ersten Male sahen, erstaunten sie über die Größe des Tieres und liefen bestürzt davon. Bald merkten sie aber, dass es nicht so furchtbar sei, wie sie es erwartet hatten, sondern dass man es leicht bändigen könne.

Sie fingen es mit geringer Mühe ein und verwendeten es zu ihrem Nutzen. Ganz geduldig ließ es alles mit sich geschehen und wich jeder Gefahr aus. Nun fingen die Menschen an, weil es trotz seiner Größe und Stärke sich nie widerspenstig zeigte, sondern sich jede Kränkung ruhig gefallen ließ, es zu verachten, zäumten es auf und ließen es von ihren Kindern leiten.

Lass dich nicht von jedem gefährlich scheinenden abschrecken.

Verwendetes Bild ist von:
© Thorsten Scholl/PIXELIO
www.pixelio.de

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