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Archive for the ‘Maxim Gorki’ Category

Iwanuschka der Narr – von Maxim Gorki

Dienstag, Januar 27th, 2009

KutschenMuseum Hinterstein - Iwanuschka der NarrEs lebte einmal – es war einmal Iwanuschka der Narr! Von Angesicht war er ein hübscher Junge, doch konnte er tun und lassen, was er wollte, immer war es bei ihm zum Lachen und nicht wie bei anderen Leuten.

Da hatte ihn mal ein Bauer in Dienst genommen und machte sich dann auf, mit der Bäuerin in die Stadt zu fahren; die Frau sagte zu Iwanuschka: "Wenn du jetzt mit den Kindern allein bist, schau auf sie, und gib ihnen zu essen!" "Ja, was denn?" fragte Iwanuschka. "Nimmst halt Wasser, Mehl, Kartoffeln, schneidest sie in Stücke und kochst Pochlebka!" Und der Bauer fügte hinzu: "Pass auf die Tür auf, dass die Kinder nicht etwa in den Wald laufen."

Der Bauer war mit seiner Frau fortgefahren. Iwanuschka stieg auf die Schlafpritsche hinauf, weckte die Kinder, schleppte sie auf den Fußboden herunter, setzte sich hinter sie und sprach: "So, jetzt schau ich auf euch!" Eine Weile saßen die Kinder so auf dem Fußboden, dann verlangten sie zu essen. Iwanuschka schleppte einen Kübel mit Wasser in die Stube, schüttete einen halben Sack Mehl und ein Maß Kartoffeln hinein, rührte alles mit einem Tragholz um und überlegte laut: "Wen aber sollte ich in Stücke schneiden?"

Die Kinder hörten das – und bekamen es mit der Angst: "Der wird uns noch kaputtschneiden!" Und sie liefen leise zum Haus hinaus. Iwanuschka schaute ihnen nach, kratzte sich den Hinterkopf und überlegte: "Wie soll ich jetzt auf sie schauen? Und die Tür hier – auf die soll ich doch auch aufpassen, dass sie nicht wegläuft!" Er guckte in den Kübel und sprach: "Koch du hier solange, Pochlebka, ich aber will gehn, auf die Kinder schaun!"

pixelio.de Iwanuschka der Narr

Er hängte die Tür aus, nahm sie auf die Schulter und ging mit ihr dem Wald zu. Auf einmal kam ihm ein Bär entgegengetappt - blieb verwundert stehen und brummte ihn an: "He du, warum trägst du Holz in den Wald?" Iwanuschka erzählte, wie es ihm ergangen war. Der Bär setzte sich auf die Hinterpfoten und konnte sich kaum halten vor Lachen. "Was bist du doch für ein Närrchen! Dich muss ich doch gleich mal fressen!"

Iwanuschka aber sagte: "Friss lieber die Kinder, dass sie das nächste Mal auf Vater und Mutter hören und nicht wieder in den Wald laufen!" Der Bär musste noch mehr lachen – wälzte sich nur so auf der Erde vor lauter Lachen. "So was Dummes ist mir noch nicht begegnet! Komm, ich will dich meiner Frau zeigen!" Er führte ihn seiner Höhle zu. Iwanuschka ging hinter ihm und blieb mit seiner Tür immerzu an den Kiefern hängen. "Ja, so wirf sie doch nur ab!" sagte der Bär. "Nein! Mein Wort, das halt ich. Hab’s versprochen, auf sie aufzupassen – als pass ich auch auf!" Sie kamen zur Höhle.

pixelio.de Iwanuschka der NarrDer Bär sagte zu seiner Frau: "Hier, Mascha, hab dir einen Narren mitgebracht! Zum Totlachen ist er!" Iwanuschka aber fragte die Bärin: "Tante, hast du nicht ein paar Kinder gesehen?" "Die meinen sind zu Hause, sie schlafen." "Zeig mal her, am Ende sind es meine?" Die Bärin zeigte ihm drei Bärenjunge. Iwanuschka sagte: "Nein, die sind’s nicht, ich hatte zwei." Da sah auch die Bärin, dass er ein Dummerjan war, und auch sie musste lachen: "Die deinen waren doch Menschenkinder!" "Na jaa", meinte Iwanuschka, "wer will sich da auskennen, wenn sie klein sind, wem welche gehören!" "Na, der ist gut!" staunte die Bärin und sagte zu ihrem Mann: "Michailo Patopytsch, wir wollen ihn nicht fressen, lass ihn als Arbeiter bei uns wohnen."

"Meinetwegen", sagte der Bär, "er ist zwar ein Mensch, ist aber gar so harmlos!" Die Bärin gab Iwanuschka einen Spankorb: "Geh, hol Waldhimbeeren! Wenn meine Kinder aufwachen, will ich ihnen was Leckeres vorsetzen." "Gut, wird gemacht!" sagte Iwanuschka. "Ihr aber passt solange auf die Tür auf!"

Iwanuschka suchte sich einen Himbeerschlag, pflückte dort seinen Spankorb voll Beeren, aß sich auch selber noch satt, ging zurück zu den Bären und sang aus vollem Halse:

"Die Marienkäferchen,
oh, wie ungeschickt!
Doch die Ameisen
und die Eidechsen,
davon bin ich ganz entzückt!"

Er kam zur Höhle und schrie: "Hier sind die Himbeeren!" Die kleinen Bären stürzten über den Spankorb her, knurrten, stießen sich weg, purzelten übereinander und freuten sich. Iwanuschka schaute ihnen zu und sagte: "Schade, dass ich kein Bär bin – hätt’ sonst wohl auch Kinder!" Der Bär und seine Frau grölten vor Lachen. "Oh, du meine Güte!" knurrte der Bär. "Es ist unmöglich, mit dem zusammen zu leben, da stirbt man ja vor Lachen!"

pixelio.de Iwanuschka der Narr

"Hört mal zu", sagte Iwanuschka, "passt hier auf meine Tür auf, ich aber will geh’n, die Kinder suchen, sonst krieg ich noch einen Denkzettel von meinem Herrn!" Die Bärin aber bat ihren Mann: "Geh, Mischa, hilf ihm suchen!" "Hast recht", bestätigte der Bär, "man muss ihm helfen, er ist gar zu komisch!"

pixelio.de Iwanuschka der NarrDer Bär suchte mit Iwanuschka die Waldpfade ab. Sie gingen dahin und unterhielten sich so recht kameradschaftlich miteinander. "Du bist aber auch wirklich erstaunlich dumm!" meinte der Bär. "Na – und du – bist du klug?" "Meinst du mich?" "Na ja!" "Das weiß ich nicht!" "Ich weiß es auch nicht. Bis du – bösartig?" "Nein, warum?"

"Ich glaube auch, es sind die Bösartigen, die dumm sind. Ich bin auch nicht bösartig, also sind wir beide, du und ich, auch nicht dumm!"

"Da schau her, wie fein du das herausgefunden hast!" sagte der Bär staunend. Auf einmal sahen sie unter einem Busch zwei Kinder sitzen. Sie waren eingeschlafen.

Der Bär fragte: "Sind das deine?" "Weiß nicht", meinte Iwanuschka, "man muss sie fragen. Die meinen wollten essen." Sie weckten die Kinder und fragten sie: "Wollt ihr essen?" Die Kinder schrien: "Schon lange wollen wir essen!" "Na also", sagte Iwanuschka, "es sind die meinen! Ich bringe sie jetzt ins Dorf. Du aber, Onkelchen, sei so gut und bring die Tür, ich selber hab nämlich keine Zeit – muss die Pochlebka noch kochen." "Schon gut", sagte der Bär, "ich bring sie dir."

Iwanuschka ging hinter den Kindern drein, schaute auf sie herunter, wie es ihm anbefohlen, und sang dabei:

"Seht euch nur das Wunder an!
Die Käfer jagen Hasen.
Unterm Busche sitzt der Fuchs,
rümpft darob die Nase!"

Er kam ins Haus. Die Bauersleute waren schon aus der Stadt zurückgekehrt: Mitten in der Stube sahen sie den Kübel stehen, bis an den Rand voll Wasser, Kartoffeln waren hineingeschüttet und auch Mehl, die Kinder aber waren weg, und auch die Tür war verschwunden. Sie setzten sich auf die Bank und weinten bitterlich.

"Warum weint ihr?" fragte da plötzlich Iwanuschka. Sie schauten auf, sahen die Kinder, umarmten sie voller Freude, und auf den Kübel zeigend, fragten sie Iwanuschka: "Was hast du denn da zusammengerührt?" "Die Pochlebka." "Ja, aber so macht man das doch nicht!" "Wie denn sonst?" "Und wo ist denn die Tür hingekommen?" "Wird gleich gebracht – da ist sie ja schon!"

KutschenMuseum Hinterstein - Iwanuschka der Narr

Sie schauten zum Fenster hinaus. Da stapfte ein Bär die Straße entlang und brachte die Tür angeschleppt. Die Leute nahmen Reißaus vor ihm, kletterten auf Dächer und Bäume. Die Hunde blieben vor Schreck in den Zäunen und unter den Toren stecken; nur ein fuchsroter Gockel stand verwegen auf der Straße und krähte den Bären an: "Ich knick dir’s Gni-i-ck…"

Verwendete Bilder sind von:
© Stephanie Hofschlaeger/PIXELIO (Bild 2)
© wave111/PIXELIO (Bild 3)
© nero/PIXELIO (Bild 4)
© U. Zebunke/PIXELIO (Bild 5)
www.pixelio.de

© Dana (Bild 1 + 6)

 

 

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Das Spätzlein – von Maxim Gorki (1868 – 1936)

Samstag, September 20th, 2008

pixelio.de Das SpätzleinBei den Spatzen ist es genauso wie bei den Menschen: Die erwachsenen Spatzen und Spätzinnen sind langweilige Piepmätze; sie reden über alles, wie es im Buche steht. Die Jugend aber, die lebt nach eigenem Ermessen.

Es war einmal ein gelbschnäbeliger Spatz, der hieß Pumpel und lebte über dem Fenster einer Badestube hinter dem obersten Brett der Fensterverkleidung in einem warmen Nest aus Werg, Mooshälmchen und anderen weichen Sachen. Zu fliegen hatte er noch nicht versucht, doch schlug er schon mit den Flügeln und reckte sich ständig über den Nestrand hinaus: Er musste doch so schnell wie möglich herausbekommen, was denn die Welt eigentlich ist, und ob sie auch für ihn taugt.

"Zu was, zu was?" fragte ihn die Spätzlein-Mutter. Er schüttelte die Flügel, musterte die Erde und schilpte: "Zu schwarz, viel zu schwarz!" Der Papa brachte Pumpel allerhand Krabbeltiere und brüstete sich: "Sind sie nicht schick?" Mama Spatz lobte ihn: "Schick, schick!"

pixelio.de Das Spätzlein

Pumpel aber schluckte die Krabbeltiere und überlegte: Was ist schon dran? – Ein Wurm mit Füßen – weiter nichts! Und wieder reckte er sich aus dem Nest und hatte seine Augen überall.

"Spatzel, Spatzel, stürz nicht runter!" schrie die Spätzin aufgeregt. "Zu was, zu was?" fragte Pumpel. "Ach was, zu was? Stürzest hinunter, kommt die Katz – schilp! – bist schon gefressen!" erklärte der Vater und flog wieder aus auf Jagd.

pixelio.de Das SpätzleinSo ging das immerzu. Die Flügel aber nahmen sich Zeit zum Wachsen. Einmal kam Wind auf. Pumpel fragte: "Zu was, zu was?" "Der Wind, der pust’ dich an – schilp! – und bläst dich hinunter zur Katz!" erklärte die Mutter.

Das gefiel Pumpel nicht, und er sagte: "Zu was schwanken die Zweige? Sollen stillstehen, dann gibt’s keinen Wind …" Die Mutter versuchte ihm klarzumachen, dass es nicht so sei. Er aber glaubte ihr nicht. Er zog es vor, alles so zu erklären, wie er es sich dachte.

Ein Bauer kam an der Badestube vorbei und schlenkerte mit den Armen. "Zu sauber hat die Katze doch dem die Flügel gerupft" meinte Pumpel, "bloß die Knöchlein hat sie ihm gelassen!" "Das ist ein Mensch", sagte die Spätzin, "die Menschen haben keine Flügel!" "Wie das?" "Das ist so ihr Stand, müssen flügellos leben, immerzu nur auf den Beinen hopsen, putzig!"

"Zu was das?" "Hätten sie Flügel, würden sie genauso auf uns Jagd machen wie Papa und ich auf Mücken …!" "Quatsch!" sagte Pumpel. "Quatsch, Gequassel! Alles muss Flügel haben. Auf der Erde ist’s doch schlechter als in der Luft …! Bin ich erst groß, mach ich, dass alle fliegen können."

Pumpel glaubte der Mutter nicht. Er wusste noch nicht, dass es immer ein böses Ende nimmt, wenn man der Mutter nicht glaubt. Er saß auf dem äußersten Nestrand und sang aus vollem Halse den selbstgedichteten Vers:

"Ach, du flügelloser Mensch, kannst nur auf den Beinen staken. Bist an Wuchs du noch so groß, fressen dich die Schnaken! Ich dagegen, so klein ich auch bin, schluck die Schnaken, ob dick oder dünn."

pixelio.de Das SpätzleinEr sang und sang und plumpste aus dem Nest. Die Spätzin stürzte ihm nach, die Katze aber – fuchsrot, mit grünen Augen – war auch schon da. Pumpel war nicht schlecht erschrocken. Er spreizte die Flügel, schwankte hilflos auf seinen grauen Beinen und schilpte: "Zuviel Ehre, zuviel Ehre …"

Die Spätzin aber stieß ihn beiseite, sträubte die Federn – zum Fürchten sah sie aus in ihrem Todesmut – und, den Schnabel weit aufgesperrt, zielte sie der Katze nach den Augen. "Scher dich fort, scher dich fort! Flieg, Pumpel, flieg! Flieg aufs Fenster hinauf, flieg …"

Der Schreck hob das Spätzlein vom Boden, es hüpfte hoch, schlug zwei-, dreimal mit den Flügeln, und droben war es auf dem Fensterbrett! Da kam auch schon die Mama heraufgeflogen, zwar ohne Schwanz, aber in großer Freude. Sie setzte sich neben Pumpel, pickte ihn ins Genick und schilpte: "Zu was, zu was?" "Zu was, zu was?" gab Pumpel zurück. "Es lernt sich nicht alles zugleich!"

Unten auf der Erde aber saß die Katz - fuchsrot, mit grünen Augen. Sie putzte sich die Spatzenfedern von den Pfoten und mauzte so recht mit Bedauern. "Ein mi-olliges Spätzlein, wie’n Mi-äuslein … Scha-ade …"

pixelio.de Das Spätzlein

Und so war denn alles gut abgegangen, wenn man davon absieht, dass die Mama ohne Schwanz geblieben ist …

Verwendete Bilder sind von:
© Moni0815/PIXELIO (Bild 1)
©  Kurt Bouda/PIXELIO (Bild 2)
©  Tobias Bräuning/PIXELIO (Bild 3)
©  Heigl D./PIXELIO (Bild 4 + 5)
www.pixelio.de

 

 Anmerkung : Hinter dem Pseudonym Maxim Gorki (übersetzt der Bittere) verbirgt sich  Alexei Maximowitsch Peschkow .

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