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Archive for the ‘Brüder Grimm’ Category

Zauberkräuter kochen – eine Sage aus Thüringen

Freitag, Januar 29th, 2010

pixelio.de - Zauberkräuter kochenIm Jahre 1672 hat sich zu Erfurt begeben, daß die Magd eines Schreiners und ein Färbersgesell, die in einem Hause gedient, einen Liebeshandel miteinander angefangen, welcher in Leichtfertigkeit einige Zeit gedauert. Hernach ward der Gesell dessen überdrüssig, wanderte weiter und ging in Langensalza bei einem Meister in Arbeit.

Die Magd aber konnte die Liebesgedanken nicht loswerden und wollte ihren Buhlen durchaus wiederhaben. Am heiligen Pfingsttage, da alle Hausgenossen, der Lehrjunge ausgenommen, in der Kirche waren, tat sie gewisse Kräuter in einen Topf, setzte ihn zum Feuer, und sobald solche zu sieden kamen, hat auch ihr Buhle zugegen sein müssen. Nun trug sich zu, dass, als der Topf beim Feuer stand und brodelte, der Lehrjunge, unwissend, was darin ist, ihn näher zur Glut rückt und seine Pfanne mit Leim an dessen Stelle setzt.

pixelio.de - Zauberkräuter kochen

Sobald jener Topf mit den Kräutern näher zu der Feuerhitze gekommen, hat sich etlichemal darin eine Stimme vernehmen lassen und gesprochen: "Komm, komm, Hansel, komm! Komm, komm, Hansel, komm!" Indem aber der Bube seinen Leim umrührt, fällt es hinter ihm nieder wie ein Sack, und als er sich umschaut, sieht er einen jungen Kerl da liegen, der nichts als ein Hemd am Leibe hat, worüber er ein jämmerlich Geschrei anhebt.

Die Magd kam gelaufen, auch andere im Haus wohnende Leute, zu sehen, warum der Bube so heftig geschrien, und fanden den guten Gesellen als einen aus tiefem Schlaf erwachten Menschen also im Hemde liegen. Indessen ermunterte er sich etwas und erzählte auf Befragen, es wäre ein großes schwarzes Tier, ganz zottigt, wie ein Bock gestaltet, zu ihm vor sein Bett gekommen und habe ihn also geängstigt, daß es ihn alsbald auf seine Hörner gefaßt und zum großen Fenster mit ihm hinausgefahren.

Wie ihm weiter geschehen, wisse er nicht, auch habe er nichts Sonderliches empfunden, nun aber befinde er sich so weit weg, denn gegen acht Uhr habe er noch zu Langensalza im Bett gelegen, und jetzt wäre er zu Erfurt kaum halber neun. Er könne nicht anders glauben, als dass die Katharine, seine  vorige Liebste, dieses zuwege gebracht, indem sie bei seiner Abreise zu ihm gesprochen, wenn er nicht bald wieder zu ihr käme, wollte sie ihn auf dem Bock holen lassen.

Die Magd hat, nachdem man ihr gedroht, sie als eine Hexe der Obrigkeit zu überantworten, anfangen herzlich zu weinen und gestanden, dass ein altes Weib, dessen Namen sie auch nannte, sie dazu überredet und ihr Kräuter gegeben, mit der Unterweisung: wenn sie die sachte würde kochen lassen, müsse ihr Buhle erscheinen, er sei auch, so weit er immer wolle.

 

(Jacob Grimm, 1785-1863 & Wilhelm Grimm, 1786-1859)

Verwendete Bilder sind von:
© Karl-Heinz Laube/PIXELIO (Bild 1 – Erfurt/Krämerbrücke)
© Paul-Georg Meister/PIXELIO (Bild 2)

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Die Lilie im Kloster zu Corvey – eine Sage aus Nordrhein-Westfalen

Samstag, Oktober 31st, 2009

 pixelio.de - Die Lilie im Kloster zu Corvey

Das Kloster der Abtei zu Corvey an der Weser hat von Gott die sonderbare Gnade gehabt, dass, sooft einer aus den Brüdern sterben sollte, er drei Tage zuvor, ehe er verschieden, eine Vorwarnung bekommen, vermittelst einer Lilie an einem ehernen Kranze, der im Chor hing.

Denn dieselbe Lilie kam allezeit wunderbarlich herab und erschien in dem Stuhl desjenigen Bruders, dessen Lebensende vorhanden war, er würde in dreien Tagen von der Welt scheiden. Dieses Wunder soll etliche hundert Jahre gewährt haben, bis ein junger Ordensbruder, als er auf diese Weise seiner herannahenden Sterbestunde ermahnt worden, solche Erinnerung verachtet und die Lilie in eines alten Geistlichen Stuhl versetzt hat: der Meinung, es würde das Sterben dem Alten besser anstehen als dem Jungen.

Wie der gute alte Bruder die Lilie erblickt, ist er darüber, als über einen Geruch des Todes, so hart erschrocken, dass er in eine Krankheit, doch gleichwohl nicht ins Grab gefallen, sondern bald wieder gesund, dagegen der junge Warnungsverächter am dritten Tag durch einen jählingen Tod dahin gerissen worden.

(Jacob Grimm, 1785-1863 & Wilhelm Grimm, 1786-1859)

Verwendetes Bild ist von:
© Sabine Weiße/www.pixelio.de

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Doktor Luther zu Wartburg – eine Sage aus Thüringen

Samstag, Oktober 31st, 2009

 

pixelio.de - Doktor Luther zu WartburgDoktor Luther saß auf der Wartburg und übersetzte die Bibel.

Dem Teufel war das unlieb und hätte gern das heilige Werk gestört; aber als er ihn versuchen wollte, griff Luther das Tintenfass, aus dem er schrieb, und warf’s dem Bösen an den Kopf.

Noch zeigt man heutigestages die Stube und den Stuhl, worauf Luther gesessen, auch den Flecken an der Wand, wohin die Tinte geflogen ist. 

(Jacob Grimm, 1785-1863 & Wilhelm Grimm, 1786-1859)

Verwendetes Bild ist von:
© HAUK MEDIEN ARCHIV / Alexander Hauk / www.bayernnachrichten.de (Wartburg/Lutherzimmer)
www.pixelio.de

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Der Frauensand – eine Sage

Sonntag, Juli 19th, 2009

pixelio.de - Der Frauensand

Westlich in der Südersee wachsen mitten aus dem Meere Gräser und Halme hervor an der Stelle, wo die Kirchtürme und stolzen Häuser der vormaligen Stadt Stavoren in tiefer Flut begraben liegen. Der Reichtum hatte ihre Bewohner ruchlos gemacht, und als das Maß ihrer Übeltaten erfüllt war, gingen sie bald zugrunde.

Die vermögendste aller Insassen der Stadt Stavoren war eine Jungfrau, deren Namen man nicht mehr kennt. Stolz auf ihr Geld und Gut, hart gegen die Menschen, strebte sie bloß, ihre Schätze immer noch zu vermehren. Eines Tages rief diese Jungfrau ihren Schiffmeister und befahl ihm, auszufahren und eine Ladung des Edelsten und Besten mitzubringen, was auf der Welt wäre.

pixelio.de - Der FrauensandVergebens forderte der Seemann, gewöhnt an pünktliche und bestimmte Aufträge, nähere Weisung; die Jungfrau aber gab sie nicht und hieß ihn alsbald in See stechen. Der Schiffsmeister fuhr betrübt und unsicher ab; er wusste nicht, wie er dem Geheiße seiner Frau, deren bösen, strengen Sinn er wohl kannte, nachkommen möchte, und überlegte hin und her, was zu tun sei.

Endlich dachte er: "Ich will ihr eine Ladung des köstlichsten Weizens bringen. Was ist Schöneres und Edleres zu finden auf Erden als dieses herrliche Korn, dessen kein Mensch entbehren kann?"

Also steuerte er nach Danzig, befrachtete sein Schiff mit ausgesuchtem Weizen und kehrte alsdann, immer noch unruhig und furchtsam vor dem Ausgange, wieder in seine Heimat zurück. "Wie, Schiffsmeister", rief ihm die Jungfrau entgegen, "du bist schon hier? Ich glaubte dich an der Küste von Afrika, um Gold und Elfenbein zu handeln. Lass sehen, was du geladen hast!"

Zögernd – denn an ihren Reden sah er schon, wie wenig sein Einkauf ihr behagen würde – antwortete er: "Meine Frau, ich führe Euch den köstlichsten Weizen zu, der auf dem ganzen Erdreiche mag gefunden werden." "Weizen?" sprach sie, "so elendes Zeug bringst du mir?" - "Ich dachte, das wäre so elend nicht, was uns unser tägliches und gesundes Brot gibt.""Ich will dir zeigen, wie verächtlich deine Ladung ist! Von welcher Seite ist das Schiff geladen?" - "Von der rechten Seite", sprach der Schiffsmeister. – "Wohlan, so befehle ich dir, dass du zur Stunde die ganze Ladung auf der linken Seite in die See schüttest; ich komme selbst hin und sehe, ob mein Befehl erfüllt worden."

Der Seemann zauderte, einen Befehl auszuführen, der sich so greulich an der Gabe Gottes versündigte, und berief in aller Eile alle armen und dürftigen Leute aus der Stadt an die Stelle, wo das Schiff lag; durch deren Anblick hoffte er seine Herrin zu bewegen. Sie kam und fragte: "Wie ist mein Befehl ausgerichtet?"

pixelio.de - Der FrauensandDa fiel eine Schar von Armen auf die Kniee vor ihr nieder und bat, dass sie ihnen das Korn lieber austeilen möchte als es vom Meere verschlingen zu lassen. Aber das Herz der Jungfrau war hart wie Stein, und sie erneuerte den Befehl, die ganze Ladung schleunig über Bord zu werfen.

Da bezwang sich der Schiffsmeister nicht länger und rief laut: "Nein, diese Bosheit kann Gott nicht ungerügt lassen, wenn es wahr ist, dass der Himmel das Gute lohnt und das Böse straft; ein Tag wird kommen, wo Ihr gern die edlen Körner, die Ihr so verspielt, eins nach dem andern auflesen möchtet, Euren Hunger damit zu stillen!" -"Wie!" rief sie mit höllischem Gelächter, "ich soll dürftig werden können? Ich soll in Armut und Brotmangel fallen? So wahr das geschieht, so wahr sollen auch meine Augen diesen Ring wieder erblicken, den ich hier in die Tiefe der See werfe." -

Bei diesem Worte zog sie einen kostbaren Ring vom Finger und warf ihn in die Wellen. Die ganze Ladung des Schiffes und aller Weizen, der darauf war, wurde also in die See ausgeschüttet.

Was geschieht? Einige Tage darauf ging die Magd dieser Frau zu Markte, kaufte einen Schellfisch und wollte ihn in der Küche zurichten. Als sie ihn aufschnitt, fand sie darin einen kostbaren Ring und zeigte ihn ihrer Frau. Als diese ihn sah, erkannte sie ihn sogleich für ihren Ring, den sie neulich ins Meer geworfen hatte, erbleichte und fühlte die Vorboten der Strafe in ihrem Gewissen.

pixelio.de - Der Frauensand

Wie groß war aber ihr Schrecken, als in demselben Augenblicke die Botschaft eintraf, ihre ganze aus dem Morgenlande kommende Flotte wäre gestrandet! Wenige Tage darauf kam die neue Zeitung von untergegangenen Schiffen, worauf sie noch reiche Ladungen hatte. Ein anderes Schiff raubten ihr die Mohren und Türken; der Fall einiger Kaufhäuser, worin sie verwickelt war, vollendete ihr Unglück, und kaum war ein Jahr verflossen, so erfüllte sich die schreckliche Drohung des Schiffsmeisters in allen Stücken.

Arm und von keinem bedauert, von vielen verhöhnt, sank sie je länger je mehr in Not und Elend; hungrig bettelte sie vor den Türen um Brot und bekam oft keinen Bissen; endlich verkümmerte sie und starb verzweifelnd.

Der Weizen aber, der ins Meer geschüttet worden war, spross und wuchs das folgende Jahr, doch trug er taube Ähren. Niemand achtete das Warnungszeichen. Allein die Ruchlosigkeit von Stavoren nahm von Jahr zu Jahr überhand; da zog Gott der Herr seine schirmende Hand ab von der bösen Stadt.

Auf eine Zeit schöpfte man Heringe und Butt aus dem Ziehbrunnen der Stadt, und in der Nacht öffnete sich die See und verschlang mehr als drei Viertel der Stadt in rauschender Flut. Noch beinahe jedes Jahr versinken einige Hütten der Insassen, und es ist seit der Zeit kein Segen und kein wohlhabender Mann in Stavoren zu finden.

pixelio.de - Der FrauensandUnd noch immer wächst jährlich an derselben Stelle ein Gras aus dem Wasser, das kein Kräuterkenner kennt, und das keine Blüte trägt und sonst nirgends mehr auf der Erde gefunden wird. Der Halm treibt lang und hoch, die Ähre gleicht der Weizenähre, ist aber taub und ohne Körner.

Die Sandbank, worauf es grünt, liegt entlang der Stadt Stavoren und trägt keinen anderen Namen als den des Frauensands.

(Jacob Grimm, 1785-1863 & Wilhelm Grimm, 1786-1859)

Verwendete Bilder sind von:
© Didi01/PIXELIO (Bild 1)
© Rainer Sturm/PIXELIO (Bild 2)
© Marco Barnebeck (telemarco)/PIXELIO (Bild 3)
© S. Schniz/PIXELIO (Bild 4)
© Jürgen Nießen/PIXELIO (Bild 5)
www.pixelio.de

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Der Fuchs und die Gänse – eine Fabel

Dienstag, Juli 14th, 2009

pixelio.de - Der Fuchs und die Gänse

Der Fuchs kam einmal auf eine Wiese, wo eine Herde schöner, fetter Gänse saß, da lachte er und sprach: "Ich komme ja wie gerufen, ihr sitzt hübsch beisammen, so kann ich eine nach der andern auffressen."

Die Gänse gackerten vor Schrecken, sprangen auf, fingen an zu jammern und kläglich um ihr Leben zu bitten. Der Fuchs aber wollte auf nichts hören und sprach: "Da ist keine Gnade, ihr müsst sterben."

Endlich nahm sich eine das Herz und sagte: "Sollen wir armen Gänse doch einmal unser jung frisch Leben lassen, so erzeige uns die einzige Gnade und erlaub uns noch ein Gebet, damit wir nicht in unsern Sünden sterben. Hernach wollen wir uns auch in eine Reihe stellen, damit du dir immer die Fetteste aussuchen kannst."

"Ja", sagte der Fuchs, "das ist billig und ist eine fromme Bitte. Betet, ich will so lange warten." Also fing die Erste ein recht langes Gebet an, immer "Ga! Ga!" und weil sie gar nicht aufhören wollte, wartete die Zweite nicht, bis die Reihe an sie kam, sondern fing auch an: "Ga! Ga!" Die Dritte und Vierte folgten ihr und bald gackerten sie alle zusammen.

(Und wenn sie ausgebetet haben, soll die Fabel weitererzählt werden, sie beten aber alleweile noch immerfort.)

(Jacob Grimm, 1785-1863 & Wilhelm Grimm, 1786-1859)

Verwendetes Bild ist von:
© 2008 Bernd Boscolo / pixelio.de

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Der Fuchs und das Pferd – eine Fabel von den Brüdern Grimm

Mittwoch, Juni 24th, 2009

 pixelio.de - Der Fuchs und das Pferd

Es hatte ein Bauer ein treues Pferd, das war alt geworden und konnte keine Dienste mehr tun, da wollte ihm sein Herr nichts mehr zu fressen geben und sprach: "Brauchen kann ich dich freilich nicht mehr, indes mein ich es gut mit dir, zeigst du dich noch so stark, dass du mir einen Löwen hierherbringst, so will ich dich behalten, jetzt aber mach dich fort aus meinem Stall", und jagte es damit ins weite Feld.

Das Pferd war traurig und ging nach dem Wald zu, dort ein wenig Schutz vor dem Wetter zu suchen. Da begegnete ihm der Fuchs und sprach: "Was hängst du so den Kopf und gehst so einsam herum?"

pixelio.de - Der Fuchs und das Pferd

"Ach", antwortete das Pferd, "Geiz und Treue wohnen nicht beisammen in einem Haus, mein Herr hat vergessen, was ich ihm für Dienste in so vielen Jahren geleistet habe, und weil ich nicht recht mehr ackern kann, will er mir kein Futter mehr geben und hat mich fortgejagt." "Ohne allen Trost?", fragte der Fuchs. "Der Trost war schlecht, er hat gesagt, wenn ich noch so stark wäre, dass ich ihm einen Löwen brächte, wollt’ er mich behalten, aber er weiß wohl, dass ich das nicht vermag."

Der Fuchs sprach: "Da will ich dir helfen, leg dich nur hin, strecke dich aus und rege dich nicht, als wärst du tot." Das Pferd tat, was der Fuchs verlangte, der Fuchs aber ging zum Löwen, der seine Höhle nicht weit davon hatte, und sprach: "Da draußen liegt ein totes Pferd, komm doch mit hinaus, da kannst du eine fette Mahlzeit halten."

Der Löwe ging mit und wie sie bei dem Pferd standen, sprach der Fuchs: "Hier hast du’s doch nicht nach deiner Gemächlichkeit, weißt du was? Ich will’s mit dem Schweif an dich binden, so kannst du’s in deine Höhle ziehen und in aller Ruhe verzehren."Dem Löwen gefiel der Rat, er stellte sich hin und damit ihm der Fuchs das Pferd festknüpfen könnte, hielt er ganz still. Der Fuchs aber band mit des Pferdes Schweif dem Löwen die Beine zusammen und drehte und schnürte alles so wohl und stark, dass es mit keiner Kraft zu zerreißen war. Als er nun sein Werk vollendet hatte, klopfte er dem Pferd auf die Schulter und sprach: "Zieh, Schimmel, zieh!"

Da sprang das Pferd mit einmal auf und zog den Löwen mit sich fort. Der Löwe fing an zu brüllen, dass die Vögel in dem ganzen Wald vor Schrecken aufflogen, aber das Pferd ließ ihn brüllen, zog und schleppte ihn über das Feld vor seines Herrn Tür. Wie der Herr das sah, besann er sich eines Bessern und sprach zu dem Pferd: "Du sollst bei mir bleiben und es gut haben", und gab ihm satt zu fresssen, bis es starb.

pixelio.de - Der Fuchs und das Pferd

Verwendete Bilder sind von:
© bbroianigo/PIXELIO (Bild 1)
© Manfredo/PIXELIO (Bild 2)
© Joujou/PIXELIO (Bild 3)
www.pixelio.de

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Der hartgeschmiedete Landgraf – eine Sage

Dienstag, Februar 10th, 2009

Landgraf Ludwig von Thüringen und Hessen war anfänglich ein gar milder und weicher Herr, gütig und demütig gegen jedermann. Da huben seine Junker und Edelinge an, stolz zu werden, und verschmähten ihn und seine Gebote. Es trug sich nun einmal zu, dass der Landgraf jagen ritt in dem Walde und ein Wild antraf; dem folgte er so lange nach, bis er sich verirrte.

pixelio.de Der hartgeschmiedete Landgraf

Als die Nacht herbeikam, gewahrte er ein Feuer durch die Bäume; er richtete sich danach und kam in die Ruhla zu einem Hammer- oder Waldschmiede. Der Fürst war mit schlechten Kleidern angetan und hatte sein Jagdhorn umgehängt. Der Schmied fragte ihn, wer er wäre. "Des Landgrafen Jäger." Da sprach der Schmied: "Pfui des Landgrafen! Herbergen will ich dich; in dem Schuppen da findest du Heu, da magst du dich mit deinem Pferde behelfen. Aber um deines Herrn willen will ich dich nicht beherbergen."

Der Landgraf ging beiseit und konnte nicht schlafen. Die ganze Nacht aber arbeitete der Schmied, und wenn er mit dem großen Hammer das Eisen zusammenschlug, sprach er bei jedem Schlage: "Landgraf, werde hart! Landgraf, werde hart wie dieses Eisen!" schalt ihn und sprach weiter: "Du böser, unseliger Herr! Was taugst du, den armen Leuten zu leben? Siehst du nicht, wie deine Räte das Volk plagen?"

pixelio.de Der hartgeschmiedete Landgraf

So erzählte er die liebe lange Nacht, wie die armen Untertanen Gewalt litten; und klagten sie, so sei niemand, der helfen wolle, denn der Herr nehme es nicht an. Die Ritterschaft spotte seiner hinterrücks und halte ihn gar unwert. "Unser Fürst und seine Jäger treiben die Wölfe ins Garn und die Amtleute die roten Füchse in ihre Beutel." Mit solchen und anderen Worten redete der Schmied die ganze lange Nacht.

Wenn die Hammerschläge fielen, schalt er den Herrn und hieß ihn hart werden wie das Eisen. Das trieb er bis zum Morgen. Aber der Landgraf fasste alles zu Ohren und Herzen und ward seit der Zeit scharf und ernsthaftig in seinem Gemüte. Er begann die Widerspenstigen zu zwingen und zum Gehorsam zu bringen. Sein milder Sinn war in einen eisernen umgewandelt.

(Nach den Brüdern Grimm)

Verwendete Bilder sind von:
© Dirk Schmidt/PIXELIO (Bild 1)
© Albrecht E. Arnold/PIXELIO (Bild 2)
www.pixelio.de

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Riese Einheer – eine Sage

Sonntag, Februar 8th, 2009

pixelio.de Riese EinheerZu Zeiten Karls des Großen lebte ein Riese und Recke, hieß Einheer, war ein Schwab, bürtig aus Thurgau, jetzund Schweiz. Der watete über alle Wasser, brauchte über keine Brücke zu gehen, zog sein Pferd beim Schwanze nach und sagte allzeit: "Nun, Gesell, du musst auch hernach!"

Dieser zog auch in Kaiser Karls Kriegen wider die Wenden und Hunnen; er mähete die Leute, gleich wie das Gras mit einer Sense, alle nieder, hängte sie an den Spieß, trug’s über die Achsel wie Hasen und Fuchs.

Und da er wieder heimkam und ihn seine guten Gesellen und Nachbarn fragten: was er ausgerichtet hätte? wie es im Kriege gegangen wäre? sagte er aus Unmut und Zorn: "Was soll ich viel von diesen Fröschlein sagen! Ich trug ihrer sieben oder acht am Spieß über die Achsel, weiß nicht, was sie quaken, ist der Mühe nicht wert, dass der Kaiser so viel Volks wider solche Kröten und Würmlein zusammenbrachte; ich wollt’s viel leichter zuwegen gebracht haben!"

Diesen Riesen nennt man Einheer, weil er in Kriegen schier so viel ausrichtete, wie ein Heer. Es flohen vor ihm die Feinde und meinten, es wäre der leidige Teufel.

(Brüder Grimm)

Verwendetes Bild ist von:
© bredehorn jens/PIXELIO
www.pixelio.de

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Frau Holle geht um – eine Sage

Dienstag, Dezember 23rd, 2008

In der Weihnacht fängt Frau Holle an herumzuziehen. Da legen die Mägde ihre Spinnrocken aufs neue an, winden viel Werg oder Flachs darum und lassen ihn über Nacht stehen. Sieht das nun Frau Holle, so freut sie sich und sagt:

"So manches Haar,
So manches gutes Jahr."

Diesen Umgang hält sie bis zum großen Neujahr, d. h. dem Heiligen Dreikönigstag, wo sie wieder umkehren muss nach ihrem Hörselberge. Trifft sie dann unterwegs Flachs auf dem Rocken, so zürnt sie und spricht:

"So manches Haar,
so manches böses Jahr."

Daher reißen feierabends vorher alle Mägde sorgfältig von ihrem Rocken ab, was sie nicht abgesponnen haben, damit nichts dran bleibe und ihnen übel ausschlage. Noch besser ist es aber, wenn es ihnen gelingt, allen angelegten Flachs vorher abzuspinnen.

pixelio.de Frau Holle geht um

(Brüder Grimm)

Verwendetes Bild ist von:
© Gabi Schoenemann/PIXELIO
www.pixelio.de

 

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Das tapfere Schneiderlein – ein Märchen der Brüder Grimm

Donnerstag, Oktober 30th, 2008

pixelio.de Das tapfere SchneiderleinAn einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein auf seinem Tisch am Fenster, war guter Dinge und nähte aus Leibeskräften. Da kam eine Bauersfrau die Straße herab und rief: “Gut Mus feil! Gut Mus feil!” Das klang dem Schneiderlein lieblich in die Ohren, er steckte sein zartes Haupt zum Fenster hinaus und rief: “Hier herauf, liebe Frau, hier wird sie ihre Ware los.”

Die Frau stieg die drei Treppen mit ihrem schweren Korbe zu dem Schneider herauf und musste die Töpfe sämtlich vor ihm auspacken. Er besah sie alle, hob sie in die Höhe, hielt die Nase dran und sagte endlich: “Das Mus scheint mir gut, wieg sie mir doch vier Lot ab, liebe Frau, wenn’s auch ein Viertelpfund ist, kommt es mir nicht darauf an.” Die Frau, welche gehofft hatte, einen guten Absatz zu finden, gab ihm, was er verlangte, ging aber ganz ärgerlich und brummig fort. “Nun, das Mus soll mir Gott gesegnen,” rief das Schneiderlein, “und soll mir Kraft und Stärke geben,” holte das Brot aus dem Schrank, schnitt sich ein Stück über den ganzen Laib und strich das Mus darüber. “Das wird nicht bitter schmecken,” sprach er, “aber erst will ich den Wams fertig machen, eh ich anbeiße.” Er legte das Brot neben sich, nähte weiter und machte vor Freude immer größere Stiche.
pixelio.de Das tapfere Schneiderlein
pixelio.de Das tapfere SchneiderleinIndes stieg der Geruch von dem süßen Mus hinauf an die Wand, wo die Fliegen in großer Menge saßen, so dass sie herangelockt wurden und sich scharenweis darauf niederließen. “Ei, wer hat euch eingeladen?” sprach das Schneiderlein und jagte die ungebetenen Gäste fort. Die Fliegen aber, die kein Deutsch verstanden, ließen sich nicht abweisen, pixelio.de Das tapfere Schneiderleinsondern kamen in immer größerer Gesellschaft wieder. pixelio.de Das tapfere Schneiderleinpixelio.de Das tapfere SchneiderleinDa lief dem Schneiderlein endlich, wie man sagt, die Laus über die Leber, es langte aus seiner Hölle nach einem Tuchlappen, und “wart, ich will es euch geben!” schlug es unbarmherzig drauf. Als es abzog und pixelio.de Das tapfere Schneiderleinzählte, so lagen nicht weniger als sieben vor ihm tot und streckten die Beine. “Bist du so ein Kerl?” sprach er und musste selbst seine Tapferkeit bewundern, “das soll die ganze Stadt erfahren.” Und in der Hast schnitt sich das Schneiderlein einen Gürtel, nähte ihn und stickte mit großen Buchstaben darauf
                                                    “Siebene auf einen Streich!”pixelio.de Das tapfere Schneiderlein

“Ei was Stadt!“ sprach er weiter. “Die ganze Welt soll’s erfahren!" Und sein Herz wackelte ihm vor Freude wie ein Lämmerschwänzchen. Der Schneider band sich den Gürtel um den Leib und wollte in die Welt hinaus, weil er meinte, die Werkstätte sei zu klein für seine Tapferkeit. Eh er abzog, suchte er im Haus herum, ob nichts da wäre, was er mitnehmen könnte, er fand aber nichts als einen alten Käs, den steckte er ein. Vor dem Tore bemerkte er einen Vogel, der sich im Gesträuch gefangen hatte, der musste zu dem Käse in die Tasche. Nun nahm er den Weg tapfer zwischen die Beine, und weil er leicht und behend war, fühlte er keine Müdigkeit.

Der Weg führte ihn auf einen Berg, und als er den höchsten Gipfel erreicht hatte, so saß da ein gewaltiger Riese und schaute sich ganz gemächlich um. Das Schneiderlein ging beherzt auf ihn zu, redete ihn an und sprach: “Guten Tag, Kamerad, gelt, du sitzest da und besiehst dir die weitläufige Welt? Ich bin eben auf dem Wege dahin und will mich versuchen. Hast du Lust mitzugehen?”

Der Riese sah den Schneider verächtlich an und sprach: “Du Lump! du miserabler Kerl!” “Das wäre!” antwortete das Schneiderlein, knöpfte den Rock auf und zeigte dem Riesen den Gürtel. “Da kannst du lesen, was ich für ein Mann bin.” Der Riese las: “Siebene auf einen Streich”, meinte, das wären Menschen gewesen, die der Schneider erschlagen hätte, und kriegte ein wenig Respekt vor dem kleinen Kerl. Doch wollte er ihn erst prüfen, nahm einen Stein in die Hand, und drückte ihn zusammen, dass das Wasser heraustropfte. “Das mach mir nach”, sprach der Riese, “wenn du Stärke hast.”

pixelio.de Das tapfere Schneiderlein“Ist’s weiter nichts?” sagte das Schneiderlein. “Das ist bei unsereinem Spielwerk”, griff in die Tasche, holte den weichen Käs und drückte ihn, dass der Saft herauslief. Gelt”, sprach er, “das war ein wenig besser?”

Der Riese wusste nicht, was er sagen sollte, und konnte es von dem Männlein nicht glauben. Da hob der Riese einen Stein auf und warf ihn so hoch, dass man ihn mit Augen kaum noch sehen konnte: “Nun, du Erpelmännchen, das tu mir nach.”

“Gut geworfen,” sagte der Schneider, “aber der Stein hat doch wieder zur Erde herabfallen müssen, ich will dir einen werfen, der soll gar nicht wiederkommen”; griff in die Tasche, nahm den Vogel und warf ihn in die Luft. Der Vogel, froh über seine Freiheit, stieg auf, flog fort und kam nicht wieder. “Wie gefällt dir das Stückchen, Kamerad?” fragte der Schneider. “Werfen kannst du wohl,” sagte der Riese, “aber nun wollen wir sehen, ob du imstande bist, etwas Ordentliches zu tragen.” Er führte das Schneiderlein zu einem mächtigen Eichbaum, der da gefällt auf dem Boden lag, und sagte “wenn du stark genug bist, so hilf mir den Baum aus dem Walde heraustragen.”

pixelio.de Das tapfere Schneiderlein

“Gerne,” antwortete der kleine Mann, “nimm du nur den Stamm auf deine Schulter, ich will die Äste mit dem Gezweig aufheben und tragen, das ist doch das Schwerste.” Der Riese nahm den Stamm auf die Schulter, der Schneider aber setzte sich auf einen Ast, und der Riese, der sich nicht umsehen konnte, musste den ganzen Baum und das Schneiderlein noch obendrein forttragen. Es war da hinten ganz lustig und guter Dinge, pfiff das Liedchen “Es ritten drei Schneider zum Tore hinaus”, als wär das Baumtragen ein Kinderspiel. Der Riese, nachdem er ein Stück Wegs die schwere Last fortgeschleppt hatte, konnte nicht weiter und rief: “Hör, ich muss den Baum fallen lassen.”

Der Schneider sprang behendiglich herab, fasste den Baum mit beiden Armen, als wenn er ihn getragen hätte, und sprach zum Riesen: “Du bist ein so großer Kerl und kannst den Baum nicht einmal tragen.”

Sie gingen zusammen weiter, und als sie an einem Kirschbaum vorbeigingen, fasste der Riese die Krone des Baums, wo die zeitigsten Früchte hingen, bog sie herab, gab sie dem Schneider in die Hand und hieß ihn essen. Das Schneiderlein aber war viel zu schwach, um den Baum zu halten, und als der Riese losließ, fuhr der Baum in die Höhe, und der Schneider ward mit in die Luft geschnellt. Als er wieder ohne Schaden herabgefallen war, sprach der Riese: “Was ist das, hast du nicht Kraft, die schwache Gerte zu halten?”

“An der Kraft fehlt es nicht,” antwortete das Schneiderlein, “meinst du, das wäre etwas für einen, der siebene mit einem Streich getroffen hat? Ich bin über den Baum gesprungen, weil die Jäger da unten in das Gebüsch schießen. Spring nach, wenn du’s vermagst.” Der Riese machte den Versuch, konnte aber nicht über den Baum kommen, sondern blieb in den Ästen hängen, also dass das Schneiderlein auch hier die Oberhand behielt.

Der Riese sprach: “Wenn du ein so tapferer Kerl bist, so komm mit in unsere Höhle und übernachte bei uns.” Das Schneiderlein war bereit und folgte ihm. Als sie in der Höhle anlangten, saßen da noch andere Riesen beim Feuer, und jeder hatte ein gebratenes Schaf in der Hand und aß davon. Das Schneiderlein sah sich um und dachte: “Es ist doch hier viel weitläufiger als in meiner Werkstatt.” Der Riese wies ihm ein Bett an und sagte, er sollte sich hineinlegen und ausschlafen. Dem Schneiderlein war aber das Bett zu groß, er legte sich nicht hinein, sondern kroch in eine Ecke.

Als es Mitternacht war und der Riese meinte, das Schneiderlein läge in tiefem Schlafe, so stand er auf, nahm eine große Eisenstange und schlug das Bett mit einem Schlag durch, und meinte, er hätte dem Grashüpfer den Garaus gemacht.

Mit dem frühsten Morgen gingen die Riesen in den Wald und hatten das Schneiderlein ganz vergessen, da kam es auf einmal ganz lustig und verwegen dahergeschritten. Die Riesen erschraken, fürchteten, es schlüge sie alle tot, und liefen in einer Hast fort.

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Das Schneiderlein zog weiter, immer seiner spitzen Nase nach. Nachdem es lange gewandert war, kam es in den Hof eines königlichen Palastes, und da es Müdigkeit empfand, so legte es sich ins Gras und schlief ein. Während es da lag, kamen die Leute, betrachteten es von allen Seiten und lasen auf dem Gürtel: "Siebene auf einen Streich.” “Ach,” sprachen sie, “was will der große Kriegsheld hier mitten im Frieden? Das muss ein mächtiger Herr sein.” Sie gingen und meldeten es dem König, und meinten, wenn Krieg ausbrechen sollte, wäre das ein wichtiger und nützlicher Mann, den man um keinen Preis fortlassen dürfte.

Dem König gefiel der Rat, und er schickte einen von seinen Hofleuten an das Schneiderlein ab, der sollte ihm, wenn es aufgewacht wäre, Kriegsdienste anbieten. Der Abgesandte blieb bei dem Schläfer stehen, wartete, bis er seine Glieder streckte und die Augen aufschlug, und brachte dann seinen Antrag vor. “Eben deshalb bin ich hierher gekommen,” antwortete er, “ich bin bereit, in des Königs Dienste zu treten.” Also ward er ehrenvoll empfangen und ihm eine besondere Wohnung angewiesen. Die Kriegsleute aber waren dem Schneiderlein aufgesessen und wünschten, es wäre tausend Meilen weit weg. “Was soll daraus werden?” sprachen sie untereinander, “wenn wir Zank mit ihm kriegen und er haut zu, so fallen auf jeden Streich siebene. Da kann unsereiner nicht bestehen.” Also fassten sie einen Entschluss, begaben sich allesamt zum König und baten um ihren Abschied. “Wir sind nicht gemacht,” sprachen sie, “neben einem Mann auszuhalten, der siebene auf einen Streich schlägt.” Der König war traurig, dass er um des einen willen alle seine treuen Diener verlieren sollte, wünschte, dass seine Augen ihn nie gesehen hätten, und wäre ihn gerne wieder los gewesen. Aber er getraute sich nicht, ihm den Abschied zu geben, weil er fürchtete, er möchte ihn samt seinem Volke totschlagen und sich auf den königlichen Thron setzen.

pixelio.de Das tapfere SchneiderleinEr sann lange hin und her, endlich fand er einen Rat. Er schickte zu dem Schneiderlein und ließ ihm sagen, weil er ein so großer Kriegsheld wäre, so wollte er ihm ein Anerbieten machen. In einem Walde seines Landes hausten zwei Riesen, die mit Rauben, Morden, Sengen und Brennen großen Schaden stifteten, niemand dürfte sich ihnen nahen, ohne sich in Lebensgefahr zu setzen. Wenn er diese beiden Riesen überwände und tötete, so wollte er ihm seine einzige Tochter zur Gemahlin geben und das halbe Königreich zur Ehesteuer; auch sollten hundert Reiter mitziehen und ihm Beistand leisten. “Das wäre so etwas für einen Mann, wie du bist,” dachte das Schneiderlein, “eine schöne Königstochter und ein halbes Königreich wird einem nicht alle Tage angeboten.”

“O ja,” gab er zur Antwort, “die Riesen will ich schon bändigen, und habe die hundert Reiter dabei nicht nötig: wer siebene auf einen Streich trifft, braucht sich vor zweien nicht zu fürchten.”

Das Schneiderlein zog aus, und die hundert Reiter folgten ihm. Als er zu dem Rand des Waldes kam, sprach er zu seinen Begleitern: “Bleibt hier nur halten, ich will schon allein mit den Riesen fertig werden.” Dann sprang er in den Wald hinein und schaute sich rechts und links um. Über ein Weilchen erblickte er beide Riesen: sie lagen unter einem Baume und schliefen und schnarchten dabei, dass sich die Äste auf- und niederbogen. Das Schneiderlein, nicht faul, las beide Taschen voll Steine und stieg damit auf den Baum. Als es in der Mitte war, rutschte es auf einen Ast, bis es gerade über die Schläfer zu sitzen kam, und liess dem einen Riesen einen Stein nach dem andern auf die Brust fallen. Der Riese spürte lange nichts, doch endlich wachte er auf, stieß seinen Gesellen an und sprach: “Was schlägst du mich?”

“Du träumst,”
sagte der andere, “ich schlage dich nicht.” Sie legten sich wieder zum Schlaf, da warf der Schneider auf den zweiten einen Stein herab. “Was soll das?” rief der andere, “warum wirfst du mich?”“Ich werfe dich nicht”, antwortete der erste und brummte. Sie zankten sich eine Weile herum, doch weil sie müde waren, ließen sie’s gut sein, und die Augen fielen ihnen wieder zu.

pixelio.de Das tapfere SchneiderleinDas Schneiderlein fing sein Spiel von neuem an, suchte den dicksten Stein aus und warf ihn dem ersten Riesen mit aller Gewalt auf die Brust. “Das ist zu arg!” schrie er, sprang wie ein Unsinniger auf und stieß seinen Gesellen wider den Baum, dass dieser zitterte. Der andere zahlte mit gleicher Münze, und sie gerieten in solche Wut, dass sie Bäume ausrissen, aufeinander losschlugen, so lang, bis sie endlich beide zugleich tot auf die Erde fielen. Nun sprang das Schneiderlein herab. “Ein Glück nur,” sprach es, “dass sie den Baum, auf dem ich saß, nicht ausgerissen haben, sonst hätte ich wie ein Eichhörnchen auf einen anderen springen müssen; doch unsereiner ist flüchtig!” Es zog sein Schwert und versetzte jedem ein paar tüchtige Hiebe in die Brust, dann ging es hinaus zu den Reitern und sprach: “Die Arbeit ist getan, ich habe beiden den Garaus gemacht; aber hart ist es hergegangen, sie haben in der Not Bäume ausgerissen und sich gewehrt, doch das hilft alles nichts, wenn einer kommt wie ich, der siebene auf einen Streich schlägt.”

“Seid Ihr denn nicht verwundet?” fragten die Reiter. “Das hat gute Wege,” antwortete der Schneider, “kein Haar haben sie mir gekrümmt.” Die Reiter wollten ihm keinen Glauben beimessen und ritten in den Wald hinein; da fanden sie die Riesen in ihrem Blute schwimmend, und ringsherum lagen die ausgerissenen Bäume. Das Schneiderlein verlangte von dem König die versprochene Belohnung, den aber reute sein Versprechen und er sann aufs neue, wie er sich den Helden vom Halse schaffen könnte. “Ehe du meine Tochter und das halbe Reich erhältst,” sprach er zu ihm, “musst du noch eine Heldentat vollbringen. In dem Walde läuft ein Einhorn, das großen Schaden anrichtet, das musst du erst einfangen.”

“Vor einem Einhorne fürchte ich mich noch weniger als vor zwei Riesen; siebene auf einen Streich, das ist meine Sache.” Er nahm sich einen Strick und eine Axt mit, ging hinaus in den Wald, und hieß abermals die, welche ihm zugeordnet waren, außen warten.

Zeichnung von Dunja -  Das tapfere Schneiderlein
 

Er brauchte nicht lange zu suchen, das Einhorn kam bald daher und sprang geradezu auf den Schneider los, als wollte es ihn ohne Umstände aufspießen. Sachte, sachte,” sprach er, “so geschwind geht das nicht”, blieb stehen und wartete, bis das Tier ganz nahe war, dann sprang er behendiglich hinter den Baum. Das Einhorn rannte mit aller Kraft gegen den Baum und spießte sein Horn so fest in den Stamm, dass es nicht Kraft genug hatte, es wieder herauszuziehen, und so war es gefangen. “Jetzt hab ich das Vöglein”, sagte der Schneider, kam hinter dem Baum hervor, legte dem Einhorn den Strick erst um den Hals, dann hieb er mit der Axt das Horn aus dem Baum, und als alles in Ordnung war, führte er das Tier ab und brachte es dem König.

Der König wollte ihm den verheißenen Lohn noch nicht gewähren und machte eine dritte Forderung. Der Schneider sollte ihm vor der Hochzeit erst ein Wildschwein fangen, das in dem Wald großen Schaden tat; die Jäger sollten ihm Beistand leisten. “Gerne”, sprach der Schneider, “das ist ein Kinderspiel.” Die Jäger nahm er nicht mit in den Wald, und sie waren’s wohl zufrieden, denn das Wildschwein hatte sie schon mehrmals so empfangen, dass sie keine Lust hatten, ihm nachzustellen.

Kutschenmuseum Hinterstein - Das tapfere SchneiderleinAls das Schwein den Schneider erblickte, lief es mit schäumendem Munde und wetzenden Zähnen auf ihn zu und wollte ihn zur Erde werfen; der flüchtige Held aber sprang in eine Kapelle, die in der Nähe war, und gleich oben zum Fenster in einem Satze wieder hinaus. Das Schwein war hinter ihm hergelaufen, er aber hüpfte außen herum und schlug die Türe hinter ihm zu; da war das wütende Tier gefangen, das viel zu schwer und unbehilflich war, um zu dem Fenster hinauszuspringen. Das Schneiderlein rief die Jäger herbei, die mußten den Gefangenen mit eigenen Augen sehen; der Held aber begab sich zum König, der nun, er mochte wollen oder nicht, sein Versprechen halten mußte und ihm seine Tochter und das halbe Königreich übergab.

Hätte er gewusst, dass kein Kriegsheld, sondern ein Schneiderlein vor ihm stand, es wäre ihm noch mehr zu Herzen gegangen. Die Hochzeit ward also mit großer Pracht und kleiner Freude gehalten, und aus einem Schneider ein König gemacht.

Nach einiger Zeit hörte die junge Königin in der Nacht, wie ihr Gemahl im Traume sprach: “Junge, mach mir den Wams und flick mir die Hosen, oder ich will dir die Elle über die Ohren schlagen.” Da merkte sie, in welcher Gasse der junge Herr geboren war, klagte am andern Morgen ihrem Vater ihr Leid und bat, er möchte ihr von dem Manne helfen, der nichts anders als ein Schneider wäre. Der König sprach ihr Trost zu und sagte: “Lass in der nächsten Nacht deine Schlafkammer offen, meine Diener sollen außen stehen und, wenn er eingeschlafen ist, hineingehen, ihn binden und auf ein Schiff tragen, das ihn in die weite Welt führt.” Die Frau war damit zufrieden, des Königs Waffenträger aber, der alles mit angehört hatte, war dem jungen Herrn gewogen und hinterbrachte ihm den ganzen Anschlag. “Dem Ding will ich einen Riegel vorschieben.” sagte das Schneiderlein.

Abends legte es sich zu gewöhnlicher Zeit mit seiner Frau zu Bett; als sie glaubte, er sei eingeschlafen, stand sie auf, öffnete die Tür und legte sich wieder. Das Schneiderlein, das sich nur stellte, als wenn es schlief, fing an mit heller Stimme zu rufen: “Junge, mach den Wams und flick mir die Hosen, oder ich will dir die Elle über die Ohren schlagen! Ich habe siebene mit einem Streiche getroffen, zwei Riesen getötet, ein Einhorn fortgeführt und ein Wildschwein gefangen, und sollte mich vor denen fürchten, die draußen vor der Kammer stehen!” Als diese den Schneider sprechen hörten, überkam sie eine große Furcht, sie liefen, als wenn das wilde Heer hinter ihnen wäre, und keiner wollte sich mehr an ihn wagen. Also war und blieb das Schneiderlein sein Lebtag König.

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Verwendete Bilder sind von:
© echino/PIXELIO (Bild 1)
© BirgitH/PIXELIO (Bild 2/7x)
© Michaela Schmidt-Meier/PIXELIO (Bild 3)
© Huber/PIXELIO (Bild 4)
© Gerd Altmann(geralt)/PIXELIO (Bild 5)
© Campomalo/PIXELIO (Bild 6)
© bredehorn jens/PIXELIO (Bild 7)
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www.pixelio.de
 

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