Die Oase – eine Fabel
Montag, Februar 21st, 2011
Eine schöne, grünende und blühende Oasis sah um sich und erblickte nichts als die Wüste ringsumher. Vergebens suchte sie ihresgleichen gewahr zu werden. Da brach sie in Klagen aus: "Ich unglückliche, vereinsamte Oasis! Allein muss ich bleiben! Nirgends meinesgleichen! Ja, nirgends auch nur ein Auge, das mich sähe und Freude hätte an meinen Wiesen, Quellen, Palmbäumen und Gesträuchen! Nichts als die traurige, sandige, felsige, leblose Wüste umgibt mich. Was helfen mir alle meine Vorzüge, Schönheiten und Reichtümer in dieser Verlassenheit!"
Da sprach die alte, graue Mutter Wüste: "Mein Kind, wenn dem anders wäre, wenn ich nicht die traurige, dürre Wüste wäre, sondern blühend, grün und belebt, dann wärst du keine Oase, kein begünstigter Fleck, von dem, noch in der Ferne, der Wanderer rühmend erzählt; sondern wärst eben ein kleiner Teil von mir und als solcher verschwindend und unbemerkt. Darum also ertrage in Geduld, was die Bedingung deiner Auszeichnung und deines Ruhmes ist."
(Arthur Schopenhauer, 1788-1860)
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