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Die alte Straßenlaterne – ein Märchen von Hans Christian Andersen

Sonntag, Februar 15th, 2009

Hast du schon die Geschichte von der alten Straßenlaterne gehört? Sie ist gar nicht so außerordentlich lustig, aber man kann sie immerhin einmal anhören.

pixelio.de Die alte StraßenlaterneEs war eine brave alte Straßenlaterne, die viele, viele Jahre ihren Dienst versehen hatte, jetzt aber in den Ruhestand versetzt werden sollte. Es war der letzte Abend, den sie auf dem Pfahle saß und die Straße beleuchtete. Es war ihr zumute, wie einer alten Balletttänzerin, die zum letzten Male tanzt und weiß, dass sie morgen in ihrer Bodenkammer sitzt. Die Laterne hatte große Angst  vor dem nächsten Tage, denn sie wußte, dass sie zum ersten Male auf dem Rathaus erscheinen und von Bürgermeister und Rat besichtigt werden sollte, ob sie noch brauchbar sei  oder nicht. Da sollte nun beschlossen werden, ob sie auf eine der Brücken geschickt werden sollte, um dort zu leuchten, oder auf das Land in eine Fabrik. Vielleicht ging sie geradewegs zu einem Eisengießer, um umgegossen zu werden;  da konnte ja alles aus ihr werden. Aber es schmerzte sie, dass sie nicht wusste, ob sie dann wohl die Erinnerung daran behalten würde, dass sie früher eine Straßenlaterne gewesen war.

Wie es ihr auch gehen mochte, soviel ist gewiss, sie würde vom Wächter und seiner Frau, die sie wie zu ihrer Familie gehörig betrachteten,  getrennt werden. Sie wurde Laterne, als er Wächter wurde. Die Frau wollte damals hoch hinaus. Nur wenn sie  abends an der Laterne vorbeiging, sah sie sie an, am Tage aber niemals. Jetzt aber,  in den letzten Jahren, wo sie alle drei, der Wächter, die Frau und die Laterne, alt geworden waren, hatte die Frau auch sie gepflegt, geputzt und Öl eingegossen. Ehrlich waren die beiden Eheleute, niemals hatten sie die Laterne um einen Tropfen betrogen. Es war ihr letzter Abend auf der Straße, und morgen sollte sie aufs Rathaus, das waren trübe Gedanken für die Laterne, und so kann man sich wohl denken, wie sie brannte.

Aber es gingen auch andere Gedanken durch sie hindurch. Da war so vieles, was sie gesehen hatte, vielleicht ebensoviel wie Bürgermeister und Rat, aber sie sagte es nicht, denn sie war eine brave alte Laterne, die niemandem etwas zuleide tun mochte, am allerwenigsten ihrer Obrigkeit. Sie erinnerte sich an so vieles, und es war, als sagte ihr ein Gefühl: »Ja, man wird sich auch meiner erinnern! Da war damals der hübsche junge Mann – ja, es ist nun viele Jahre her -, er hatte einen Brief auf rosarotem Papier, so fein und mit Goldrand, der von einer Damenhand so zierlich geschrieben war. Der junge Mann las ihn zweimal, und er küsste ihn, und er sah  zu mir hinauf mit seinen Augen, die sagten:  ›Ich bin der glücklichste Mensch!‹ Ja nur er und ich wussten, was in dem ersten Brief seiner Geliebten stand. - 

 pixelio.de Die alte Straßenlaterne

pixelio.de Die alte StraßenlaterneIch erinnere mich auch an zwei andere Augen, es ist seltsam, wie die Gedanken springen können! Hier in der Straße war ein prächtiges Leichenbegräbnis; die junge schöne Frau lag im Sarge auf dem samtenen Leichenwagen, auf dem so viele Blumen und Kränze waren, so viele Fackeln leuchteten, dass ich gar nicht zu sehen war. Der ganze Bürgersteig war voll von Menschen, die alle dem Leichenzuge folgten, aber als die Fackeln außer Sicht waren und ich mich umsah, stand jemand an meinem  Pfahl und weinte; niemals vergesse ich die beiden traurigen Augen, die zu mir aufblickten!« 

So gingen viele Gedanken durch die alte Straßenlaterne, die heute Abend zum letzten Mal leuchtete. Die Schildwache, die abgelöst wird, kennt doch ihren Nachfolger und kann ihm ein paar Worte sagen, aber die Laterne kannte den ihrigen nicht, und sie hätte doch den einen oder anderen Wink, über Wind und Wetter geben können, wie weit der Mond auf den Bürgersteig ging und von welcher Seite der Wind blies.

Auf der Rinnsteinbrücke standen drei, die sich der Laterne vorgestellt hatten, weil sie glaubten, dass sie es sei, die das Amt  vergäbe. Der eine von ihnen war ein Heringskopf, der leuchtete im Dunkeln, und darum meinte er, dass es ja eine große Ölersparnis sein könnte, wenn er auf den Pfahl käme. Der zweite war ein Stück faules Holz, das auch leuchtete und immer noch mehr als ein Klippfisch, wie es selbst sagte, außerdem sei es das letzte Stück eines Baumes, der einst die Zierde des Waldes gewesen war. Der dritte war ein Johanniswürmchen; woher das gekommen, begriff die Laterne nicht, das Würmchen war aber da und es leuchtete auch. Das faule Holz und der Heringskopf leisteten aber einen Eid darauf, dass es nur zu bestimmten Zeiten leuchte und daher niemals in Betracht kommen könne.

Die alte Laterne sagte, dass keiner von ihnen genügend leuchte, um eine Straßenlaterne zu sein. Aber das glaubte keiner von ihnen, und als sie hörten, dass die Laterne nicht selbst das Amt  zu vergeben hatte, sagten sie, dass dieses sehr erfreulich sei, denn sie wäre auch viel zu hinfällig, um die Wahl treffen zu können.

pixelio.de Die alte StraßenlaterneIm selben Augenblick kam der Wind um die Straßenecke und sauste durch das Luftloch der alten Laterne und sagte zu ihr: »Was muss ich hören! Du willst morgen fort? Ist es wirklich der letzte Abend, an dem ich dich hier treffe? Ja, dann sollst du noch ein Geschenk bekommen; ich blase jetzt in deinen Hirnkasten, so dass du dich nicht nur klar und deutlich an das erinnern kannst, was Du gehört und gesehen hast, sondern auch so einen klaren Kopf bekommst, dass du sogar das siehst, was in deiner Gegenwart erzählt oder gelesen wird.« »Ja, das ist überaus viel!« sagte die alte Laterne. »Vielen Dank! Wenn ich nur nicht umgegossen werde!«

»Das geschieht noch nicht!« sagte der Wind, »Jetzt blase ich dir das Gedächtnis auf, und wenn du noch mehr Geschenke bekommst als dieses, kannst du einen ganz vergnüglichen Lebensabend haben.« »Wenn ich nur nicht umgegossen werde!« sagte die Laterne. »Oder kannst Du mir auch dann das Gedächtnis sichern?« »Alte Laterne, sei vernünftig!« sagte der Wind, und dann blies er. 

Im selben Augenblick kam der Mond hervor. »Was schenken Sie?« fragte der Wind.

pixelio.de Die alte Straßenlaterne

»Ich schenke nichts!« sagte der Mond»Ich bin ja im Abnehmen, und die Laternen haben nie für mich geleuchtet, aber ich habe für die Laternen geleuchtet.« Und so ging der Mond wieder hinter die Wolken zurück, denn er wollte nicht belästigt werden. Da fiel gerade in das Luftloch ein Wassertropfen, der wie eine Traufe war;  aber der Tropfen sagte, er komme aus den grauen Wolken und sei auch ein Geschenk und vielleicht das allerbeste. »Ich dringe in dich hinein, so dass du die Fähigkeit bekommst, in einer Nacht, wenn Du es wünschst, in Rost überzugehen, ganz zusammenzufallen und zu Staub zu werden.« Doch das schien der Laterne ein schlechtes Geschenk zu sein, und dem Wind erschien es ebenso. »Habt Ihr nichts Besseres? Habt Ihr nichts Besseresblies er, so laut er konnte. Da fiel eine glänzende Sternschnuppe, die in einem langen Streifen leuchtete.

»Was ist das?« rief der Heringskopf. »Fiel da nicht ein Stern herunter? Ich glaube, der ging in die Laterne! Na, freilich, wenn selbst so Hochstehende sich um das Amt bewerben, da können wir gute Nacht sagen und nach Hause gehen.« Und das taten er und die anderen auch.

pixelio.de Die alte Straßenlaterne

Aber die alte Laterne leuchtete mit einem Mal so wunderbar hell. »Das war ein herrliches Geschenk sagte sie. »Die hellen Sterne, über die ich mich immer so sehr gefreut habe und die so herrlich leuchteten, wie ich es niemals gekonnt habe, obwohl es mein ganzes Sinnen und Trachten war, die haben mir armen alten Laterne Beachtung geschenkt und mir einen von ihnen mit einem Geschenk gesandt, das in der Fähigkeit besteht, dass alles, dessen ich mich entsinne und das ich recht deutlich sehe, auch von denen gesehen werden kann, die ich gern habe! Und das ist erst das wahre Vergnügen, denn wenn man es nicht mit anderen teilen kann, so ist es nur die halbe Freude

»Das ist sehr vornehm gedacht!« sagte der Wind, »aber du weißt wohl nicht, dass Wachslichter dazu gehören. Wenn in dir nicht eins angesteckt wird, kann kein anderer etwas durch sich sehen. Das haben die Sterne nicht bedacht, sie glauben nun, dass alles, was da leuchtet, zumindest ein Wachslicht in sich hat. Aber nun bin ich müde!« sagte der Wind, »nun will ich mich legen!« Und dann legte er sich.

pixelio.de Die alte StraßenlaterneAm nächsten Tage –  ja, den nächsten Tag können wir überspringen; – am nächsten Abend lag dann die Laterne im Lehnstuhl, und wo? – Bei dem alten Wächter. Er hatte sich vom Bürgermeister und Rat ausgebeten, für seine langen treuen Dienste die alte Laterne behalten zu dürfen. Sie lachten ihn aus, als er darum bat, und dann gaben sie sie ihm, und nun lag die sie im Lehnstuhl dicht an dem warmen Ofen, und es war gerade, als sei sie dadurch größer geworden, sie füllte fast den ganzen Stuhl aus.

Und die alten Leute saßen bei ihrem Abendbrot und warfen freundlich Blicke auf die alte Laterne, der sie gern einen Platz am Tisch gegönnt  hätten. Es war freilich nur ein Keller, in dem sie wohnten, zwei Ellen tief in der Erde. Man musste über eine gepflasterte Diele, um in die Stube hineinzukommen, aber warm war es hier, denn vor die Tür waren Tuchleisten genagelt. Reinlich und hübsch sah es hier aus. Vorhänge hingen um die Bettstellen und vor den kleinen Fenstern, wo oben auf dem Fensterbrett zwei wunderliche Blumentöpfe standen, die Matrose Christian ihnen aus Ost- und Westindien mit nach Hause gebracht hatte. 

pixelio.de Die alte StraßenlaterneEs waren zwei Elefanten aus Ton, denen der Rücken fehlte; statt dessen spross aus der Erde, mit der sie gefüllt waren, in dem einen der schönste Schnittlauch - das war der Küchengarten der alten Leute -, in dem anderen eine große blühende Geranie - das war der Blumengarten. An der Wand hing ein großes buntes Bild: der Kongress zu Wien, da hatten sie alle Könige und Kaiser auf einmal! – Eine Bornholmer Uhr mit  schweren Bleigewichten ging »Tick! Tack und immer zu geschwind, aber das sei besser, als wenn sie zu langsam gehe, sagten die alten Leute. Sie aßen ihr Abendbrot, und die alte Straßenlaterne lag, wie gesagt, im Lehnstuhl dicht bei dem warmen Ofen. Es schien der Laterne, als sei die ganze Welt um und um gedreht. Aber als der alte Wächter sie ansah und davon sprach, was sie beide zusammen erlebt hatten in Wind und Wetter, in den hellen kurzen Sommernächten und wenn der Schnee fegte, so dass es gut war, in den Keller zu kommen, da war für die alte Laterne wieder alles in Ordnung. Sie sah alles so deutlich, als ob es noch sei, ja, der Wind hatte freilich gut in ihr aufgeleuchtet.

Sie waren sehr fleißig und rege, die alten Leute, keine Stunde wurde verträumt. Sonntag nachmittag kam das eine oder andere Buch hervor, am liebsten eine Reisebeschreibung, und der alte Mann las vor von Afrika, von den großen Wäldern und den Elefanten, die dort wild herumlaufen, und die alte Frau hörte gespannt zu und blickte verstohlen nach den Tonelefanten, die Blumentöpfe waren.

»Ich kann es mir beinahe vorstellen!« sagte sie. Und die Laterne wünschte sehnlichst, dass ein Wachslicht da sei und in ihr angebrannt werden könnte, dann hätte die alte Frau alles ganz genau sehen können, wie es die Laterne sah, die hohen Bäume, die dicht ineinander verschlungenen Zweige, die nackten schwarzen Menschen zu Pferde und Scharen von Elefanten, die mit ihren breiten Füßen Rohr und Gebüsche zertraten.

»Was helfen nun alle meine Fähigkeiten, wenn kein Wachslicht da ist!« seufzte die Laterne. »Sie haben nur Öl und Talglicht, und das genügt nicht!«

Eines Tages gelangte ein ganzer Haufen Wachslichtstückchen hinunter in den Keller, die größten Stücke wurden verbrannt, die kleinen benutzte die alte Frau, um ihren Zwirn zu wachsen, wenn sie nähte. Wachslichter war da, aber es fiel ihnen nicht ein,  ein kleines Stück in die Laterne zu stecken.

pixelio.de Die alte Straßenlaterne

»Da stehe ich nun mit meinen seltenen Fähigkeiten«, sagte die Laterne. »Ich habe alles in mir, aber ich kann es nicht mit ihnen teilen! Sie wissen nicht, dass ich die weißen Wände in die schönsten Tapeten verwandeln kann, in reiche Wälder, in alles, was sie sich nur wünschen können! – Sie wissen es nicht!«

Die Laterne stand im übrigen geputzt und nett in einem Winkel, wo sie immer in die Augen fiel. Die Leuten sagten freilich, sie sei ein Gerümpel, aber darum kümmerten sich die Alten nicht, sie hatten die Laterne lieb.

Eines Tages – es war des alten Wächters Geburtstag - kam die alte Frau zur Laterne, schmunzelte und sagte: »Ich will heute seinetwegen illuminierenUnd die Laterne knarrte mit der Blechhaube und dachte: »Nun geht ihnen doch ein Licht auf!« Aber es kam Öl hinein und kein Wachslicht. Sie brannte den ganzen Abend hindurch, wusste aber nun, dass die Gabe, die die Sterne  geschenkt hatten, die beste Gabe von allen, ein toter Schatz für dieses Leben bleiben würde.

Da träumte sie – und wenn man solche Fähigkeiten hat, kann man  träumen – dass die alten Leute gestorben wären und sie selbst zum Eisengießer gekommen sei, um umgegossen zu werden. Sie war ebenso ängstlich wie damals, als sie auf das Rathaus musste, um vom Bürgermeister und Rat besichtigt zu werden. Aber obwohl sie hätte in Rost und Staub zerfallen können, wenn sie es nur gewünscht hätte, tat sie es doch nicht, und so kam sie in den Schmelzofen und wurde zu dem schönsten eisernen Leuchter, den man sich nur wünschen konnte, um ein Wachslicht hineinzustecken. Er hatte die Form eines Engels, der einen Strauß trägt, und mitten in den Strauß wurde das Wachslicht gesteckt.

pixelio.de Die alte StraßenlaterneDer Leuchter bekam seinen Platz auf einem grünen Schreibtisch, und das Zimmer war höchst gemütlich. Es standen dort viele Bücher, es hingen dort herrliche Bilder, es war bei einem Dichter, und alles, was er dachte oder schrieb, das rollte sich rings um ihn auf, und die Stube wurde zu dichten dunklen Wäldern, zu sonnigen Wiesen, wo der Storch einherstolzierte, und zum Schiffsdeck auf dem wogenden Meere! -

»Welche Fähigkeiten habe ich doch!« sagte die alte Laterne, als sie erwachte. »Fast könnte ich mich danach sehnen, umgeschmolzen zu werden, doch nein, das darf nicht geschehen, solange die alten Leute leben! Sie lieben mich meiner Person wegen! Ich bin ja wie ihr eigenes Kind, und sie haben mich geputzt und mir Öl gegeben, und ich habe es eben so gut wie der ‘Kongress’, der doch so etwas Vornehmes ist!«

Und seit dieser Zeit  hatte sie mehr innere Ruhe, und das hatte die alte brave Straßenlaterne verdient.

Verwendete Bilder sind von:
© Gerd Altmann (geralt)/PIXELIO (Bild 1)
© S. Hofschlaeger/PIXELIO (Bild 2)
© Thomas Blenkers/PIXELIO (Bild 3)
© Bernd Wachtmeister/PIXELIO (Bild 4)
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© Holger Meyer/PIXELIO (Bild 10)
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Der Tannenbaum – ein Märchen von Hans Christian Andersen

Sonntag, Dezember 21st, 2008

 pixelio.de Der Tannenbaum

Draußen im Walde stand ein niedlicher Tannenbaum; er hatte einen guten Platz, die Sonne konnte zu ihm dringen, Luft war genug da, und rundumher wuchsen viele größere Kameraden, Tannen und Fichten. Aber der kleine Tannenbaum wollte nur immer wachsen und wachsen; er dachte nicht an den warmen Sonnenschein und die frische Luft, bekümmerte sich nicht um die Bauernkinder, die dort gingen und plauderten, wenn sie draußen im Walde umherschwärmten, um Erdbeeren und Himbeeren zu sammeln. Oftmals kamen sie mit einem ganzen Topfe voll oder hatten Erdbeeren auf Strohhalme gezogen. Dann setzten sie sich neben das Bäumchen und sagten: "Nein, wie niedlich klein ist der!" Das gefiel dem Baume durchaus nicht.

Im nächsten Jahre war er schon um einen langen Schuss größer, und das Jahr darauf war er wieder noch um einen länger; denn bei einem Tannenbaume kann man, sobald man zählt, wie oft er einen neuen Trieb angesetzt hat, genau die Jahre seines Wachstums berechnen.

pixelio.de Der Tannenbaum

"Oh, wäre ich doch ein so großer Baum wie die anderen!" seufzte das Bäumchen. "Dann könnte ich meine Zweige weit ausbreiten und mit dem Gipfel in die weite Welt hinausschauen! Dann würden die Vögel ihre Nester zwischen meinen Zweigen bauen, und wenn es stürmte, könnte ich so vornehm nicken wie dort die anderen." Weder der Sonnenschein noch die Vögel oder die roten Wolken, die morgens und abends über ihn hinsegelten, machten ihm Freude.

pixelio.de Der TannenbaumWar es nun Winter, und Schnee lag ringsherum blendend weiß, dann kam oft ein Hase gesprungen und setzte gerade über das Bäumchen fort. Oh, das war empörend! Aber zwei Winter verstrichen, und im dritten war der Baum schon so hoch, dass der Hase um ihn herumlaufen musste. Oh, wachsen, wachsen, groß und alt werden, das ist doch das einzig Schöne in der Welt! dachte der Baum. Im Spätherbst erschienen regelmäßig Holzhauer und fällten einiger der größten Bäume.

Das geschah jedes Jahr, und den jungen Tannenbaum, der nun schon tüchtig in die Höhe geschossen war, befiel Zittern und Beben dabei, denn mit Gepolter und Krachen stürzten sie zur Erde, die Zweige wurden ihnen abgehauen, sie sahen nun ganz nackt, lang und schmal aus, sie waren kaum noch wiederzuerkennen. Dann aber wurden sie auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie von dannen zum Wald hinaus.

Wohin sollten sie? Was stand ihnen bevor? Als im Frühjahr die Schwalbe und der Storch kamen, fragte sie der Baum: "Wisst ihr nicht, wohin sie geführt wurden? Seid ihr ihnen nicht begegnet?" Die Schwalbe wusste nichts, doch der Storch sah sehr nachdenklich aus, nickte mit dem Kopfe und sagte: "Ja, ich glaube fast, mir begegneten auf meiner Rückreise von Ägypten viele neue Schiffe. Auf denselben standen prächtige Mastbäume; ich darf wohl behaupten, dass sie es waren; sie verbreiteten Tannengeruch. Ich kann vielmals grüßen, sie überragen alles, sie überragen alles!"

"Oh, wäre ich doch auch groß genug, um über das Meer hinzufliegen. Wie ist es eigentlich, dieses Meer, und wem ähnelt es?" "Ja, das ist etwas weitläufig zu erklären!" sagte der Storch und ging. "Freue dich deiner Jugend!" sagten die Sonnenstrahlen. "Freue dich deines Wachstums, des jungen Lebens, das dich erfüllt!"

Und der Wind küsste den Baum, und der Tau weinte Tränen über ihn, allein der Tannenbaum verstand es nicht. In der Weihnachtszeit wurden ganz junge Bäume gefällt, Bäume, die nicht einmal so groß waren, noch in demselben Alter standen wie dieses Tannenbäumchen, das weder Ruh’ noch Rast hatte, sondern nur immer weiter wollte. Diese jungen Bäumchen, und es waren gerade die allerschönsten, behielten immer ihre Zweige, sie wurden auf Wagen gelegt, und Pferde zogen sie aus dem Walde.

"Wohin sollen sie?" fragte der Tannenbaum. "Sie sind nicht größer als ich, ja, da war sogar einer, der noch weit kleiner war. Weshalb behielten sie alle ihre Zweige? Wo fahren sie hin?" "Das wissen wir, das wissen wir!" zwitscherten die Sperlinge. "Unten in der Stadt haben wir zu den Fenstern hineingeschaut. Wir wissen, wohin sie fahren! Oh, sie gelangen zur größten Pracht und Herrlichkeit, die sich denken lässt! Wir haben zu den Fenstern hineingeschaut und gesehen, dass sie mitten in die warme Stube hineingepflanzt und mit den herrlichsten Sachen, mit vergoldeten Äpfeln, Honigkuchen, Spielzeug und vielen hundert Lichtern ausgeschmückt wurden!"

pixelio.de Der Tannenbaum"Und dann?" fragte der Tannenbaum und bebte in allen Zweigen. "Und dann? Was geschieht dann?" "Ja, mehr haben wir nicht gesehen, es war unvergleichlich!" "Ob auch mir dieses Los zufallen wird, diesen strahlenden Weg zu gehen?" jubelte das Bäumchen. "Das ist noch besser, als über das Meer zu gehen. Wie mich die Sehnsucht verzehrt! Wäre es doch Weihnachten! Jetzt bin ich hoch und erwachsen wie die anderen, welche das letztemal fortgeführt wurden.

Oh, wäre ich erst auf dem Wagen! Wäre ich erst in der warmen Stube mit all ihrer Pracht und Herrlichkeit! Und dann? Ja, dann kommt noch etwas Besseres, noch Schöneres, weshalb würde man mich sonst so ausschmücken? Da muss noch etwas Größeres, noch etwas Herrlicheres kommen …!

Aber was? Oh, ich leide, mich verzehrt die Sehnsucht; ich weiß selber nicht, wie mir zumute ist!" "Freue dich deiner!" sagten die Luft und der Sonnenschein. "Freue dich deiner frischen Jugend draußen im Freien!"

Aber das Bäumchen freute sich gar nicht; es wuchs und wuchs, Winter und Sommer stand es grün; dunkelgrün stand es da! Die Leute, die es sahen, sagten: "Das ist ein hübscher Baum!", und zur Weihnachtszeit wurde er zuerst von allen gefällt!

pixelio.de Der Tannenbaum

Verwendete Bilder sind von:
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© Bolliger Hanspeter/PIXELIO (Bild 2)
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© Markus Meier-Hans/PIXELIO (Bild 5)
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Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern – ein Märchen von Hans Christian Andersen

Donnerstag, Dezember 11th, 2008

pixelio.de Das kleine Mädchen mit den SchwefelhölzernEs war so gräßlich kalt; es schneite, und es begann dunkler Abend zu werden; es war auch der letzte Abend des Jahres, Silvesterabend. In dieser Kälte und in diesem Dunkel ging auf der Straße ein kleines, armes Mädchen mit bloßem Kopf und nackten Füßen; ja, sie hatte ja freilich Pantoffeln angehabt, als sie von zu Hause kam, aber was konnte das helfen? Es waren sehr große Pantoffeln, die ihre Mutter bisher benutzt hatte, so groß waren sie. Und die verlor die Kleine, als sie über die Straße weg eilte, weil zwei Wagen schrecklich schnell vorbeifuhren; der eine Pantoffel war nicht wieder zu finden, und mit dem andern lief ein Junge fort; er sagte, daß er ihn als Wiege benützen könne, wenn er selbst einmal Kinder bekäme.

Da ging nun das kleine Mädchen auf den nackten kleinen Füßen, die rot und blau vor Kälte waren; in einer alten Schürze trug sie eine Menge Schwefelhölzchen, und ein Bund davon hielt sie in der Hand; niemand hatte ihr den ganzen Tag etwas abgekauft, niemand ihr einen Pfennig geschenkt. Hungrig und erfroren ging sie und sah so elend aus, die arme Kleine. Die Schneeflocken fielen in ihr langes blondes Haar, das sich so schön um den Nacken lockte; aber an diese Pracht dachte sie nun freilich nicht. Aus allen Fenstern leuchteten die Lichter, und dann roch es so herrlich nach Gänsebraten auf der Straße; es war ja Silvesterabend. Ja, daran dachte sie!

In einem Winkel zwischen zwei Häusern, von denen das eine etwas mehr in die Straße vorsprang als das andere, da setzte sie sich hin und kauerte sich zusammen; die kleinen Beine hatte sie unter sich hinaufgezogen; aber sie fror noch mehr, und nach Hause gehen durfte sie nicht, sie hatte ja keine Schwefelhölzchen verkauft, nicht einen einzigen Pfennig bekommen, ihr Vater würde sie schlagen, und kalt war es auch zu Hause, sie hatten nur das Dach gleich über sich, und da pfiff der Wind herein, wenn auch die größten Spalten mit Stroh und Lumpen zugestopft waren.

pixelio.de Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern

Ihre kleinen Hände waren vor Kälte beinahe ganz abgestorben. Ach, ein kleines Schwefelhölzchen konnte gut tun! Wenn sie nur ein einziges aus dem Bunde herausziehen, es an die Wand streichen und sich die Finger wärmen dürfte. Sie zog eins heraus. Ritsch, wie sprühte das, wie brannte es! Es war eine warme, helle Flamme wie ein Lichtchen, als sie die Hände darum hielt; es war ein wunderbares Lichtchen! Dem kleinen Mädchen schien es, als säße sie vor einem großen eisernen Ofen mit blanken Messingfüßen und einem messingenen Aufsatz; das Feuer brannte darin so wohltuend, es wärmte so gut.

Nein, was war das! – Die Kleine streckte schon die Füße aus, um auch diese zu erwärmen – da erlosch das Flämmchen. Der Ofen verschwand – sie saß mit einem kleinen Stumpf des abgebrannten Schwefelhölzchens in der Hand.

Ein zweites wurde angestrichen, es brannte, es leuchtete, und wo der Schein auf die Mauer fiel, wurde diese durchsichtig wie ein Schleier: sie sah gerade in die Stube hinein, wo der Tisch gedeckt stand mit einem schimmernden weißen Tuch, mit feinem Porzellan, und herrlich dampfte die gebratene Gans, mit Äpfeln und getrockneten Pflaumen gefüllt. Und was noch prächtiger war, die Gans sprang von der Schüssel herunter und wackelte auf dem Fußboden, mit Messer und Gabel im Rücken, gerade bis zu dem armen Mädchen hin kam sie; da erlosch das Schwefelhölzchen; und es war nur noch die dicke, kalte Mauer zu sehen.

pixelio.de Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern

Sie zündete ein neues an. Da saß sie unter dem herrlichsten Christbaum; es war noch größer und geputzter als der, den sie durch die Glastüre bei dem reichen Kaufmann jetzt beim letzten Weihnachtsfest gesehen hatte; Tausende von Lichtern brannten auf den grünen Zweigen, und bunte Bilder, wie sie die Schaufenster schmückten, sahen auf sie herab. Die Kleine streckte beide Hände in die Höhe – da erlosch das Schwefelhölzchen; die vielen Weihnachtslichter stiegen höher und höher und höher, sie sah, es waren nun die klaren Sterne, einer davon fiel herunter und bildete einen langen Feuerstreifen am Himmel.

pixelio.de Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern

"Jetzt stirbt jemand!" sagte die Kleine; denn die alte Großmutter, die einzige, die gut zu ihr gewesen, aber nun tot war, hatte gesagt: Wenn ein Stern fällt, geht eine Seele empor zu Gott.
Sie strich wieder ein Schwefelhölzchen an der Mauer an, das leuchtete ringsum, und in dem Glanz stand die alte Großmutter, so klar, so schimmernd, so mild und gesegnet.

pixelio.de Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern"Großmutter!" rief die Kleine, "o, nimm mich mit! Ich weiß, du bist fort, wenn das Schwefelhölzchen ausgeht, fort, wie der warme Ofen, der herrliche Gänsebraten und der große gesegnete Weihnachtsbaum!" - Und sie strich in Eile den ganzen Rest Schwefelhölzer an, die im Bund waren, sie wollte die Großmutter recht festhalten; und die Schwefelhölzer leuchten mit solch einem Glanz, daß es heller war als der lichte Tag. Die Großmutter war nie zuvor so schön, so groß gewesen; sie hob das kleine Mädchen auf ihren Arm, und sie flogen in Glanz und Freude so hoch, so hoch; und da war keine Kälte, kein Hunger, keine Angst - sie waren bei Gott.

Aber im Winkel am Hause saß in der kalten Morgenstunde das kleine Mädchen mit roten Wangen, mit einem Lächeln um den Mund – tot, erfroren am letzten Abend des alten Jahres. Der Neujahrsmorgen ging auf über der kleinen Leiche, die da saß mit den Schwefelhölzern, von denen ein Bund fast abgebrannt war.

Sie hat sich wärmen wollen, sagte man; niemand wußte, was sie Schönes gesehen, in welchem Glanz sie mit der alten Großmutter eingegangen war in die Neujahrsfreude.

pixelio.de Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern

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© Michael Büscher/PIXELIO (Bild 6)
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“Sie taugte nichts” – ein Märchen von Hans Christian Andersen

Mittwoch, November 19th, 2008

pixelio.de "Sie taugte nichts"Der Bürgermeister stand am offenen Fenster; er war in feinem Manschettenhemd, mit Brustnadel in der Hemdkrause, und außerordentlich glattrasiert, eigenhändige Arbeit; doch hatte er sich einen kleinen Schnitte beigebracht, aber darauf klebte ein Stückchen Zeitung.

"Höre mal, du Kleiner!" rief er. Und der Kleine war kein anderer als der Sohn der Waschfrau, der gerade vorüberging und ehrerbietig seine Mütze zog; ihr Schirm war in der Mitte gebrochen, und die Mütze war dazu eingerichtet, zusammengerollt in die Tasche gesteckt zu werden. In seinen ärmlichen, aber reinen, gutgeflickten Kleidern und schweren Holzschuhen stand der Knabe ehrerbietig da, als stünde er vor dem Könige selbst.

"Du bist ein guter Junge", sagte der Bürgermeister. "Du bist ein höflicher Junge. Deine Mutter spült wohl Wäsche unten am Fluss; dort musst du wohl das hinbringen, was du in der Tasche hast. Das ist eine schlimme Sache mit deiner Mutter; wieviel hast du darin?" "Ein halbes Maß", sagte der Knabe erschrocken, mit halblauter Stimme. "Und heute morgen bekam sie ebensoviel", fuhr der Mann fort. "Nein, es war gestern!" antwortete der Knabe. "Zwei halbe machen ein ganzes! – Sie taugt nichts! Es ist traurig mit dieser Art Leute! – Sage deiner Mutter, sie solle sich schämen, und werde du nur kein Trunkenbold; aber das wirst du schon werden! Armes Kind! Geh nun!"

pixelio.de "Sie taugte nichts"Und der Knabe ging; die Mütze behielt er in der Hand, und der Wind blies durch sein gelbes Haar, dass lange Büschel in die Höhe standen. Er bog um die Straßenecke in die kleine Gasse ein, die nach dem Fluss führt, wo die Mutter im Wasser an der Waschbank stand und mit dem Schlegel die schwere Wäsche schlug. Das Wasser strömte stark, denn die Schleusen der Mühle waren aufgezogen, das Bettlaken trieb mit dem Strom und war nahe daran, die Bank umzureißen. Die Waschfrau musste sich dagegenstemmen.

"Bald wäre ich davongesegelt", sagte sie, "es ist gut, dass du kommst, denn ich brauche etwas Hilfe für meine Kräfte! Es ist kalt hier im Wasser; sechs Stunden stehe ich schon hier. Hast du etwas für mich?"

Der Knabe zog die Flasche hervor, und die Mutter setzte sie an den Mund und trank einen Schluck. "Ach, wie das wohltut! Wie das wärmt! Das ist so gut wie warmes Essen und nicht so teuer! Trinke, mein Junge! Du siehst ganz blass aus, du frierst doch in den dünnen Sachen! Es ist ja auch Herbst. Hu, wie ist das Wasser kalt! Wenn ich nur nicht krank werde! Doch das werde ich nicht! Gib mir noch einen Schluck und trinke du auch, aber nur ein Tröpfchen, du darfst dich nicht daran gewöhnen, mein armes Kind!"

Und sie ging um die Brücke herum, wo der Knabe stand, und trat ans Land; das Wasser troff von der Schilfmatte, die sie um den Leib trug, das Wasser floss aus ihrem Rock. "Ich schinde und quäle mich, dass mir das Blut fast unter den Nägeln hervorquillt! Aber das ist einerlei, wenn ich dich nur ehrlich durchbringen kann, mein liebes Kind!"

In diesem Augenblick trat eine etwas ältere Frau heran, arm in Kleidung und an Aussehen, lahm auf einem Bein und mit einer mächtig großen falschen Locke über dem einen Auge, das von der Locke verdeckt werden sollte, aber sie machte den Fehler dadurch nur auffallender. Es war eine Freundin der Waschfrau. "Humpel-Maren mit der Locke" nannten sie die Nachbarn.

"Du Arme, wie du dich schindest und quälst und in dem kalten Wasser stehst! Du hast es wohl nötig, dich ein bisschen zu erwärmen, und doch gönnt man dir den Tropfen nicht, den du trinkst!" - Und nun war der Waschfrau bald die ganze Rede des Bürgermeisters an ihren Jungen hinterbracht, denn Maren hatte alles gehört, und es hatte sie geärgert, dass er so zu dem Kinde von dessen eigener Mutter und von dem Tropfen sprach, den sie zu sich nahm, und das gerade, als der Bürgermeister selbst einen großen Mittagsschmaus gab mit Wein flaschenweise! "Feine Weine und starke Weine! Etwas über den Durst bei vielen! Aber das nennt man nicht trinken! Die taugen etwas, aber du taugst nichts!"

"So, er hat mit dir gesprochen, Kind?" sagte die Waschfrau, und ihre Lippen zitterten: "Du hast eine Mutter, die nichts taugt! Vielleicht hat er recht! Aber dem Kinde sollte er es nicht sagen! Doch von dem Hause kommt viel über mich!" "Ihr habt ja dort gedient, als die Eltern des Bürgermeisters noch lebten und dort wohnten; das ist viele Jahre her! Seitdem sind viele Scheffel Salz gegessen, und man kann schon Durst haben"; und Maren lachte. "Heute ist großes Essen beim Bürgermeister, es hätte eigentlich abgesagt werden sollen, aber es wurde ihnen nun zu spät, und das Essen war auch schon fertig. Ich habe es von dem Hausknecht gehört. Vor einer Weile ist ein Brief gekommen, dass der jüngere Bruder in Kopenhagen gestorben ist!"

"Gestorben!" rief die Waschfrau und wurde leichenblass. "Ei doch!" sagte Maren. "Nehmt Ihr Euch das so zu Herzen? Nun, Ihr kanntet ihn von der Zeit her, als Ihr dort zu Hause dientet." "Ist er tot! Er war so ein lieber, herzensguter Mann! Der liebe Gott bekommt nicht viele, die so sind wie er!" Und die Tränen rollten ihr über die Wangen herab. "Oh, mein Gott, es tanzt alles um mich her – das ist, weil ich die Flasche leerte – das habe ich nicht vertragen können -, ich fühle mich so schlecht!" Und sie lehnte sich an die Planke.

"Herrgott! Ihr seid ganz krank, Mutter", sagte die andere Frau. "Seht zu, dass das wieder vorübergeht! – Nein, Ihr seid wirklich krank! Es ist das beste, ich bringe Euch nach Hause!" "Aber die Wäsche dort." "Das lasst mich nur machen! – Nehmt meinen Arm! Der Junge kann hierbleiben und so lange aufpassen, bis ich wiederkomme und den Rest wasche, das ist ja nur noch eine Kleinigkeit!"

Und der Waschfrau wankten die Knie. "Ich habe zu lange in dem kalten Wasser gestanden; seit heute morgen habe ich weder Essen noch Trinken bekommen! Das Fieber steckt mir im Körper. Oh, Herr Jesus, hilf mir, dass ich nach Hause komme! Mein armes Kind!" Und sie weinte. Auch der Knabe weinte, und bald saß er allein am Fluss bei der nassen Wäsche. Die beiden Frauen gingen langsam, die Waschfrau schwankend, das Gässchen hinauf, umd die Straßenecke, am Hause des Bürgermeisters vorüber, und gerade davor sank sie auf das Straßenpflaster nieder. Leute sammelten sich an. Humpel-Maren lief ins Haus nach Hilfe. Der Bürgermeister und seine Gäste sahen aus dem Fenster.

"Das ist die Waschfrau", sagte er, "die hat ein bisschen über den Durst getrunken; sie taugt nichts! Es ist schade um den hübschen Jungen, den sie hat. Ich mag den Jungen wahrlich gern. Die Mutter taugt nichts!" Und die Waschfrau erholte sich wieder und wurde in ihre armselige Wohnung gebracht, wo sie zu Bett ging. Die gute Maren kochte eine Schale Warmbier mit Butter und Zucker; diese Medizin, glaubte sie, sei die beste, und darauf ging sie zur Spülbank, spülte sehr schlecht, doch gut gemeint, zog eigentlich nur die nasse Wäsche ans Land und legte sie in einen Korb.

pixelio.de "Sie taugte nichts"

Gegen Abend saß sie in der ärmlichen Stube bei der Waschfrau. Ein paar geröstete Kartoffeln und ein schönes fettes Stück Schinken hatte sie von der Köchin des Bürgermeisters für die Kranke bekommen, daran taten Maren und der Knabe sich gütlich; die Kranke erfreute sich am Geruch, der sei sehr nahrhaft, meinte sie.

Und der Knabe ging zu Bett, in dasselbe Bett, in dem die Mutter lag, aber er hatte seinen Platz quer zu ihren Füßen und deckte sich mit einer alten Fußdecke zu, die aus blauen und roten Streifen zusammengenäht war. Mit der Waschfrau ging es etwas besser; das Warmbier hatte sie gestärkt und der Geruch des feinen Essens ihr wohlgetan.

"Habe Dank, du gute Seele!" sagte sie zu Maren. "Ich will dir auch alles erzählen, wenn der Knabe schläft. Ich glaube, er tut es schon. Wie süß und fromm er aussieht mit geschlossenen Augen! Er weiß nicht, wie es um seine Mutter steht, Gott gebe, dass er es nie erfährt! – Ich diente beim Kammerrat, bei den Eltern des Bürgermeisters; es traf sich nun, dass der jüngste Sohn, der Student, nach Hause kam; damals war ich jung, ein wildes Mädchen, aber ehrbar, das darf ich vor Gott sagen", erzählte die Waschfrau, "der Student war lustig und fröhlich, lieb und brav. Jeder Blutstropfen in ihm war gut und rechtschaffen; es gab keinen besseren Menschen auf Erden. Er war Sohn im Hause, ich nur Magd, aber wie liebten uns, in Zucht und Ehren; ein Kuss ist doch keine Sünde, wenn man sich recht liebt. Und er sagte es seiner Mutter; sie war für ihn wie der liebe Herrgott hier auf Erden! Und sie war so klug, zärtlich und liebevoll!

- Er reiste fort, und seinen goldenen Ring steckte er mir an den Finger; und als er kaum fort war, rief meine Herrin mich zu sich. Ernst und doch milde stand sie da und sprach, wie nur der liebe Gott sprechen könnte; sie machte mir den Abstand klar zwischen ihm und mir, im Geist und in der Wahrheit. ‘Jetzt sieht er darauf, wie gut du aussiehst, aber das Aussehen wird vergehn! Du bist nicht erzogen wie er, ihr seid einander nicht gleich im Reiche des Geistes, und darin liegt das Unglück. Ich achte den Armen’, sagte sie, ‘bei Gott kann er vielleicht einen höheren Platz als mancher Reiche einnehmen; aber hier auf Erden muss man sich hüten, in ein falsches Gleis zu geraten, wenn man vorwärts fährt, sonst schlägt der Wagen um, und ihr beide werdet umschlagen! Ich weiß, dass ein braver Mann, ein Handwerker, um dich angehalten hat, ich meine Erik, den Handschuhmacher; er ist Witwer, hat keine Kinder, steht gut da; überlege dir das!’

Jedes Wort, das sie sagte, schnitt wie ein Messer in mein Herz, aber die Frau hatte recht! Und das lastete schwer auf mir! – Ich küsste ihre Hand und weinte bittere Tränen, und weinte noch mehr, als ich in meine Kammer kam und mich auf mein Bett warf. Es war eine schwere Nacht, die folgte, der liebe Gott weiß, wie ich litt und stritt. Sonntags darauf ging ich zum Tische des Herrn, damit es hell in mir werde. Es war wie eine Schickung; als ich aus der Kirche trat, begegnete ich dem Handschuhmacher Erik. Und nun war kein Zweifel mehr in meiner Seele; wir passten zueinander im Stande und in den Verhältnissen, ja er war sogar ein wohlhabender Mann; und ich trat auch auf ihn zu, nahm seine Hand und sagte: ‘Denkst du noch an mich?’ - ‘Ja, immer und ewig!’ sagte er. – ‘Willst du ein Mädchen nehmen, das dich achtet und ehrt, aber nicht liebt – doch das kann wohl noch kommen!’ – ‘Das wird kommen!’ sagte er, und darauf gaben wir einander die Hand. Ich ging nach Hause zu meiner Herrin, den goldenen Ring, den mir der Sohn gegeben hatte, trug ich an meinem Herzen, ich konnte ihn nicht am Tage, nur jeden Abend an den Finger stecken, wenn ich mich niederlegte.

pixelio.de "Sie taugte nichts"Ich küsste den Ring, dass mir die Lippen bluteten, und darauf gab ich ihn meiner Herrin und sagte ihr, dass ich in der nächsten Woche mit dem Handschuhmacher aufgeboten würde. Da nahm mich meine Herrin in die Arme und küsste mich – sie sagte nicht, dass ich nichts tauge, aber damals war ich vielleicht auch besser, obwohl ich noch nicht so viel vom Unglück der Welt gespürt hatte. Zu Lichtmess war die Hochzeit; und im ersten Jahre ging es gut, wir hatten einen Gesellen und einen Lehrjungen, und du, Maren, dientest bei uns."

"Oh, Ihr wart eine liebe, gute Hausmutter", sagte Maren, "nie vergesse ich, wie gütig Ihr und Euer Mann wart!" "Ja, das war in dem guten Jahre, als du bei uns warst! Kinder hatten wir noch nicht – den Studenten sah ich nie! – Doch, ich sah ihn, aber er sah mich nicht. Er war hier zum Begräbnis seiner Mutter. Ich sah ihn am Grabe stehen, er war so kreideweiß und sehr betrübt, aber das war um die Mutter. Später, als der Vater starb, war er in fremden Ländern und kam nicht hierher und ist auch später nicht mehr hiergewesen. Er heiratete nie, das weiß ich; er wurde Advokat, glaube ich! – Mich hatte er vergessen, und wenn er mich auch gesehen hätte, er hätte mich doch gewiss nicht wiedererkannt, so garstig sehe ich aus. Und das ist ja auch gut!"

Sie sprach von den schweren Tagen der Prüfung und erzählte, wie das Unglück gleichsam auf sie hereinstürzte. Sie besaßen fünfhundert Taler, und weil damals in der Straße ein Haus für zweihundert zu kaufen war und es sich lohnen musste, es abzutragen und ein neues zu bauen, so wurde es gekauft. Der Maurer- und Zimmermeister machten den Überschlag, und der neue Bau sollte tausendundzwanzig kosten. Kredit hatte der Handschuhmacher Erik, das Geld lieh er sich aus Kopenhagen, aber – der Schiffer, der es bringen sollte, scheiterte und das Geld mit ihm.

"Damals war es, dass mein lieber Junge, der hier schläft, geboren wurde. Der Vater fiel in eine schwere, langwierige Krankheit, drei viertel Jahre musste ich ihn an- und ausziehen. Wir kamen immer mehr zurück, wir machten Schulden über Schulden; all unsere Habe ging verloren, und der Vater starb uns. Ich habe geschafft und geschuftet, gestrebt und gestritten um des Kindes willen; Treppen gescheuert, Wäsche gewaschen, grobe und feine, aber ich soll es nicht besser haben, es ist so Gottes Wille! Doch er wird mich schon zu sich nehmen und für den Knaben sorgen!"

Und dann schlief sie ein.

Gegen Morgen fühlte sie sich gestärkt und kräftig genug, wie sie glaubte, um wieder an ihre Arbeit zu gehen. Sie war gerade in das kalte Wasser hinausgegangen, da befiel sie ein Zittern, eine Ohnmacht; krampfhaft griff sie mit der Hand in die Luft, trat einen Schritt und fiel um. Der Kopf lag auf dem trockenen Lande, aber die Füße im Fluss;  ihre Holzschuhe, mit denen sie auf dem Grund gestanden hatte – in jedem war ein Strohwisch -, trieben mit dem Strom; so fand Maren sie, als sie ihr den Kaffee bringen wollte.

Vom Bürgermeister war unterdessen ein Bote im Hause gewesen, sie möge sogleich zu ihm kommen, er habe ihr etwas zu sagen. Es war zu spät! Ein Barbier wurde zum Aderlass geholt; die Waschfrau war tot.

"Sie hat sich totgetrunken!" sagte der Bürgermeister. In dem Brief, der die Nachricht vom Tode des Bruders brachte, war der Inhalt des Testaments angegeben, und darin stand, dass sechshundert Taler der Handschuhmacherwitwe vermacht seien, die einst seinen Eltern gedient habe. Nach bestem Ermessen sollte das Geld in größeren oder kleineren Teilen ihr oder ihrem Kinde gegeben werden!

"Da ist so ein Mischmasch zwischen meinem Bruder und ihr gewesen", sagte der Bürgermeister. "Gut, dass sie aus dem Wege ist; der Knabe bekommt jetzt das Ganze, und ich werde ihn bei braven Leuten unterbringen; er kann ein tüchtiger Handwerker werden!" – Und in diese Worte legte der liebe Gott seinen Segen.

Der Bürgermeister ließ den Knaben kommen, versprach, für ihn zu sorgen, und sagte ihm, wie gut es sei, dass seine Mutter gestorben, sie taugte nichts.

pixelio.de "Sie taugte nichts"Auf den Kirchhof trug man sie, auf den Kirchhof der Armen, Maren pflanzte einen kleinen Rosenstock auf das Grab, der Knabe stand neben ihr.

"Meine liebe Mutter!" sagte er, und seine Tränen flossen. "Ist es denn wahr, dass sie nichts taugte?"

"Doch, sie taugte etwas!" sagte die alte Magd und blickte zum Himmel. "Ich weiß es seit vielen Jahren und seit der letzten Nacht. Ich sage dir, sie taugte etwas, und Gott im Himmel sagt es auch, lass die Welt nur sagen: ‘Sie taugte nichts!’"

KutschenMuseum Hinterstein - "Sie taugte nichts"

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Die glückliche Familie – ein Märchen von Hans Christian Andersen

Donnerstag, Oktober 16th, 2008

pixelio.de Die glückliche FamilieDas größte grüne Blatt hierzulande ist doch jedenfalls das Klettenblatt. Hält man eins vor seinen Leib, da ist es gerade wie eine Schürze, und legt man es sich auf den Kopf, so ist es bei Regenwetter beinahe so gut wie ein Regenschirm; denn es ist ganz gewaltig groß. Niemals wächst eine Klette allein; wo eine wächst, wachsen auch mehrere, es ist ein wahre Pracht! Und all diese Pracht ist Schneckenspeise. Die großen weißen Schnecken, aus denen vornehme Leute in alten Tagen Frikassee bereiten ließen, von dem sie dann, wenn sie es gegessen hatten, sagten: “Hm! Wie das schmeckt!" – denn sie glaubten nun einmal, dass es vorzüglich schmecke – diese Schnecken lebten von Klettenblättern. Und darum wurden Kletten gesät.

pixelio.de Die glückliche Familie

Nun gab es ein altes Rittergut,  wo man keine Schnecken mehr aß. Die waren ganz ausgestorben, aber die Kletten waren nicht ausgestorben. Sie wuchsen und wuchsen, wuchsen in allen Gängen und auf allen Beeten, man konnte ihnen nicht mehr Einhalt gebieten; es war ein ganzer Klettenwald. Hier und da stand ein Apfel- oder Pflaumenbaum, sonst hätte niemand mehr gedacht, daß dies ein Garten sei. Alles waren Kletten, und da darin wohnten die beiden letzten, uralten Schnecken.

Sie wußten selbst nicht, wie alt sie waren. Aber sie konnten sich gut erinnern, dass sie viel mehr gewesen, dass sie von einer Familie aus fremden Ländern abstammten und dass für sie und die Ihrigen der ganze Wald gepflanzt worden war. Sie waren niemals draußen gewesen, aber sie wussten, dass es noch etwas in der Welt gab, das Herrenhof hieß. Und da oben wurde man gekocht, dann wurde man schwarz und wurde auf eine silberne Schüssel gelegt – was aber nachher noch weiter geschah, das wussten sie nicht. Wie das übrigens war, wenn man gekocht wurde und auf einer silbernen Schüssel zu liegen kam: Das konnten sie sich nicht denken. Aber schön sollte es sein und vor allem sehr vornehm! Weder der Maikäfer, noch die Kröte, noch der Regenwurm, die sie darum befragten, konnten ihnen Bescheid geben; denn keiner  von ihnen war jemals gekocht oder auf eine silberne Schüssel gelegen worden.

pixelio.de Die glückliche Familie

Die alten weißen Schnecken waren die vornehmsten in der Welt, das wussten sie. Der Wald war ihretwegen da, und der Herrenhof auch, damit sie gekocht  und auf eine silberne Schale gelegt werden konnten.

Sie lebten nun sehr einsam und glücklich, und da sie selbst kinderlos waren, so hatten sie eine kleine gewöhnliche Schnecke zu sich genommen, die sie wie ihr eigenes Kind erzogen. Allein der Kleine wollte nicht wachsen, denn er war nur eine gewöhnliche Schnecke. Aber die Alten, besonders die Schneckenmutter, meinten, man könne doch merken, wie er zunehme. Und sie bat den Vater, wenn er es nicht sehen könne, doch nur das kleine Schneckenhaus zu befühlen; und dann betastete er es und fand, dass die Mutter recht hatte.

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Eines Tages regnete es sehr stark. “Höre, wie es auf den Klettenblättern trommelt, rundumdum, rundumdum!” sagte der Schneckenvater.

“Da kommen auch Tropfen!” sagte die Schneckenmutter. “Es läuft ja gerade am Stengel nieder. Du sollst sehen, es wird hier nass werden. Ich freue mich nur, dass wir unsere guten Häuser haben und dass der Kleine auch seins hat! Es ist doch wirklich mehr für uns geschehen als für alle anderen Geschöpfe; da kann man sehen, dass wir die Herrschaften in der Welt sind! Wir haben Häuser von Geburt an, und der Klettenwald ist unseretwegen gesät. Ich möchte wissen, wie weit er sich erstreckt und was draußen wohl liegt!”

“Da ist nichts”, sagte der Schneckenvater, “was besser wäre als bei uns; ich habe gar nichts zu wünschen." “Ja”, sagte die Mutter, “ich möchte zu gern nach dem Herrenhof kommen und gekocht und auf eine silberne Schüssel gelegt werden. Das ist mit allen unseren Vorfahren geschehen, und du kannst es glauben: Das ist etwas ganz Besonderes!" “Der Herrenhof ist vielleicht eingestürzt”, sagte der Schneckenvater, “oder der Klettenwald ist darübergewachsen, so dass die Menschen nicht herauskommen können. Das hat auch gar keine Eile. Aber Du eilst immer so schrecklich, und der Kleine fängt das nun auch schon an. Kriecht er nicht bereits seit drei Tagen an dem Stengel hinauf? Ich bekomme wirklich Kopfweh, wenn ich zu ihm hochblicke.”

“Du musst nicht auf den Kleinen schelten!” sagte die Schneckenmutter. “Er kriecht so besonnen, wir werden gewiss viel  Freude an ihm erleben; und wir Alten haben ja nichts anderes, wofür wir  leben. Aber hast Du denn auch schon darüber nachgedacht, woher wir eine Frau für ihn bekommen? Glaubst Du nicht, dass dort weiter hinein in dem  Klettenwald  noch ein paar von unserer Art sein könnten?”

pixelio.de Die glückliche Familie



pixelio.de Die glückliche Familie“Schwarze Schnecken werden wohl da sein, denke ich”, sagte der Alte, “schwarze Schnecken ohne Haus; aber das ist zu gewöhnlich, und doch bilden sie sich etwas ein. Wir könnten den Ameisen den Auftrag geben; sie laufen hin und her, als ob sie Geschäfte hätten;  die wissen bestimmt eine Frau für unseren Kleinen.” - “Ich wüsste freilich die allerschönste”, sagte eine der Ameisen, “aber ich fürchte, dass es nicht geht; denn sie ist  Königin!” - “Das schadet nichts!” sagten die Alten. “Hat sie ein Haus?” “Sie hat ein Schloss”, antwortete die Ameise, “das schönste Ameisenschloss mit siebenhundert Gängen!”

“Vielen Dank!” sagte die Schneckenmutter. “Unser Sohn soll nicht in einen Ameisenhügel. Wisst Ihr nichts Besseres, so geben wir den Mücken den Auftrag; die fliegen weit umher in Regen und Sonnenschein, die kennen den Klettenwald von innen und von außen.”

- “Wir haben eine Frau für ihn”, sagten die Mücken. “Hundert Menschenschritte von hier sitzt auf einem Stachelbeerbusch eine kleine Schnecke mit Haus; sie ist ganz allein und alt genug, sich zu verheiraten. Es sind nur hundert Menschenschritte von hier!” “Ja, lass sie zu ihm kommen!” sagten die Alten. “Er hat einen ganzen Klettenwald, sie hat bloß einen Busch.”

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Und nun holten sie das kleine Schneckenfräulein. Es dauerte acht Tage, bis es kam, aber das war ja eben das Besondere dabei; denn daran sah man, dass es von der rechten Art war. Und dann hielten sie Hochzeit. Sechs Johanniswürmchen leuchteten, so gut sie konnten; sonst ging es ganz still zu, denn die alten Schneckenleute konnten  Schwärmen und Lustbarkeit nicht vertragen. Aber eine herrliche Rede wurde von der Schneckenmutter gehalten. Der Vater konnte nicht sprechen, er war zu sehr gerührt. Dann gaben sie ihnen als Erbschaft den ganzen Klettenwald und sagten, was sie stets gesagt hatten: dass er das beste der Welt sei, und wenn sie rechtschaffen und ehrbar lebten und sich vermehrten, würden sie einmal mit ihren Kindern auf den Herrenhof kommen, schwarzgekocht und auf eine silbernen Schüssel gelegt werden.

Und als die Rede gehalten war, krochen die Alten in ihr Haus hinein und kamen nie wieder heraus; sie schliefen.

Das junge Schneckenpaar regierte nun im Walde und bekam eine starke Nachkommenschaft. Da sie aber niemals gekocht wurden und  nie auf die silberne Schüsseln kamen, schlossen sie daraus, dass der Herrenhof eingestürzt und alle Menschen in der Welt ausgestorben seien. Und da niemand ihnen widersprach, so musste es ja wahr sein. Und der Regen fiel auf die Kletten nieder, um ihretwegen Trommelmusik zu machen, die Sonne schien, um dem Klettenwald ihretwegen Farbe zu geben; und sie waren sehr glücklich. Die ganze Familie war glücklich, ganz unendlich glücklich!

pixelio.de Die glückliche Familie

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Das Liebespaar – ein Märchen von Hans Christian Andersen

Donnerstag, September 18th, 2008

pixelio.de Das Liebespaar

 

Ein Kreisel und ein Bällchen lagen im Kasten zusammen mit anderem Spielzeug, und da sagte der Kreisel zum Bällchen: "Wollen wir nicht Brautleute sein, da wir doch in einem Kasten zusammen liegen?"

Aber das Bällchen, das aus Saffianleder war und sich ebensoviel einbildete wie ein feines Fräulein, wollte auf so etwas nicht antworten. Am nächsten Tage kam der kleine Knabe, dem das Spielzeug gehörte. Er bemalte den Kreisel rot und gelb und schlug einen Messingnagel mitten hinein; das sah recht prächtig aus, wenn der Kreisel sich drehte.

pixelio.de Das Liebespaar"Sehen Sie mich an!" sagte er zum Bällchen. "Was sagen Sie nun? Wollen wir nicht doch Brautleute sein? Wir passen so gut zueinander: Sie springen, und ich tanze. Glücklicher als wir beide kann niemand werden."

"So? Glauben Sie das?" sagte das Bällchen. "Sie wissen wohl nicht, dass mein Vater und meine Mutter Saffianpantoffeln gewesen sind und dass ich einen spanischen Kork im Leibe habe?"

"Ja, aber ich bin von Mahagoniholz", sagte der Kreisel, "und der Bürgermeister selbst hat mich gedrechselt. Er hat seine eigene Drechselbank, und es hat ihm viel Vergnügen gemacht." "Kann ich mich darauf verlassen?" fragte das Bällchen. "Möge ich niemals die Peitsche bekommen, wenn ich lüge!" antwortete der Kreisel.

"Sie wissen gut für sich zu sprechen", sagte das Bällchen. "Aber ich kann doch nicht; ich bin mit einer Schwalbe so gut wie halb verlobt. Jedesmal wenn ich in die Luft fliege, steckt sie den Kopf zum Neste heraus und fragt: ‘Wie ist’s, wie ist’s?’ Und nun habe ich innerlich ja gesagt, und das ist so gut wie eine halbe Verlobung; aber ich verspreche Ihnen, Sie niemals zu vergessen!"

"Ja, das wird viel helfen!" sagte der Kreisel. Und so sprachen sie nicht mehr miteinander.

Am nächsten Tage wurde das Bällchen hervorgeholt. Der Kreisel sah es hoch in die Luft fliegen wie ein Vogel; zuletzt konnte man es gar nicht mehr erblicken. Jedesmal kam es wieder zurück, machte aber immer einen hohen Sprung, wenn es die Erde berührte; und das geschah entweder aus Sehnsucht oder weil es einen spanischen Kork im Leibe hatte. Das neunte Mal aber blieb das Bällchen weg und kam nicht wieder; und der Knabe suchte und suchte, aber weg war es.

pixelio.de Das Liebespaar

"Ich weiß wohl, wo es ist!" seufzte der Kreisel. "Es ist im Schwalbenneste und hat sich mit der Schwalbe verheiratet!" Je mehr der Kreisel daran dachte, um so mehr wurde er für das Bällchen eingenommen. Gerade weil er es nicht bekommen konnte, darum nahm seine Liebe zu; dass es einen anderen genommen hatte, das war das Aparte dabei. Und der Kreisel tanzte herum und schnurrte, aber immer dachte er an das Bällchen, das in seinen Gedanken schöner und schöner wurde.

So vergingen viele Jahre – und nun war es eine alte Liebe. Und der Kreisel war nicht mehr jung -! Aber da wurde er eines Tages über und über vergoldet, niemals hatte er so schön ausgesehen. Er war nun ein Goldkreisel und sprang, dass es nur so schnurrte. Ja, das war doch etwas! Aber auf einmal sprang er zu hoch, und – weg war er! Man suchte und suchte, selbst unten im Keller, doch er war nicht zu finden.

Wo war er?

Er war in den Kehrichtkasten gesprungen, wo alles lag: Kohlstrünke, Kehricht und Schutt, der von der Dachrinne heruntergefallen war. "Nun liege ich wirklich gut! Hier wird die Vergoldung bald von mir abgehen. Und was ist das für ein Gesindel, unter das ich geraten bin!" Und dann schielte er nach einem langen abgeblätterten Kohlstrunk und nach einem wunderlichen runden Ding, das wie ein alter Apfel aussah – aber es war kein Apfel, es war ein altes häßliches Bällchen, das viele Jahre in der Dachrinne gelegen hatte und vom Wasser ganz durchnässt war.

"Gott sei Dank, da kommt doch einer unsersgleichen, mit dem man sprechen kann", sagte das Bällchen und betrachtete den vergoldeten Kreisel. "Ich bin eigentlich aus Saffianleder, von Jungfrauenhänden genäht, und habe einen spanischen Kork im Leibe; aber das wird mir wohl niemand ansehen. Ich war nahe daran, mich mit einer Schwalbe zu verheiraten, aber da fiel ich in die Dachrinne, und darin habe ich wohl fünf Jahre gelegen und bin ganz zerweicht. Glauben Sie mir, das ist eine lange Zeit für ein junges Mädchen!"

Aber der Kreisel sagte nichts; er dachte an sein altes Liebchen, und je mehr er hörte, desto klarer wurde es ihm, dass sie es war.

Da kam das Dienstmädchen und wollte den Kasten umwenden. "Heißa, da ist der Goldkreisel!" sagte sie. Und der Kreisel kam wieder zu großer Achtung und Ehre im Hause, aber vom Bällchen hörte man nichts.

Und der Kreisel sprach nie mehr von seiner alten Liebe. Die vergeht, wenn die Liebste fünf Jahre lang in einer Wasserrinne gelegen hat und aufgeweicht ist; ja, man erkennt sie nicht wieder, wenn man ihr im Kehrichtkasten begegnet.

pixelio.de Das Liebespaar

Verwendete Bilder sind von: © katja irmschler/PIXELIO (Bild 1)
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Der Halskragen – ein Märchen von Hans Christian Andersen

Samstag, September 13th, 2008

 

Es war einmal ein feiner Kavalier, dessen ganze Habseligkeiten aus einem Stiefelknecht und einer Haarbürste bestanden, aber er hatte den schönsten Halskragen der Welt, und von diesem Halskragen werden wir eine Geschichte hören.

Der war nun so alt, dass er daran dachte, sich zu verheiraten, und da traf es sich, dass er mit einem Strumpfbande zugleich in die Wäsche kam. "Potztausend!" sagte der Halskragen, "Ich habe noch niemals etwas so Schlankes und Feines, so Zartes und Niedliches gesehen! Darf ich nach Ihrem Namen fragen?" "Den sage ich nicht!" sagte das Strumpfband. "Wo sind Sie denn zu Hause?" fragte der Halskragen. Aber das Strumpfband war so schüchtern, und es schien ihm etwas sonderbar, darauf zu antworten.

"Sie sind wohl ein Gürtel?" fragte der Halskragen. "So ein inwendiger Gürtel? Ich sehe schon, dass Sie sowohl zum Nutzen sowie zum Schmucke dienen, mein kleines Fräulein!" "Sie sollen nicht mit mir sprechen!" sagte das Strumpfband. "Ich meine, dass ich dazu durchaus keine Veranlassung gegeben habe!" "Doch, wenn man so schön ist wie Sie!" sagte der Halskragen. "Das ist Veranlassung genug!"pixelio.de Der Halskragen

"Kommen Sie mir nicht zu nahe!" sagte das Strumpfband. "Sie sehen so männlich aus!" "Ich bin auch ein feiner Kavalier", sagte der Halskragen, "ich besitze einen Stiefelknecht und eine Haarbürste!" Das war gar nicht wahr, es war ja sein Herr, der sie besaß, aber er prahlte. "Kommen Sie mir nicht zu nahe!" sagte das Strumpfband. "Ich bin das nicht gewohnt!" "Zimperliese!" sagte der Halskragen. Und dann wurden sie aus der Wäsche genommen, wurden gestärkt, über einen Stuhl im Sonnenscheine aufgehängt und dann auf das Plättbrett gelegt. Nun kam das heiße Eisen.

"Liebe Frau!" sagte der Halskragen, "liebe Frau Witwe, mir wird ganz warm! Ich werde ein ganz anderer, ich komme ganz aus den Falten, Sie brennen ein Loch in mich hinein! Uh! Ich halte um Sie an!" "Lump!" sagte das Plätteisen und fuhr stolz über den Halskragen hin; denn es bildete sich ein, dass es ein Dampfkessel sei, der für die Eisenbahn bestimmt und Wagen ziehen sollte. "Lump!" sagte es.

Der Halskragen war an den Kanten ein wenig ausgefranst, deshalb kam die Papierschere und sollte die Fransen ab- schneiden. "Oh", sagte der Halskragen, "Sie sind wohl erste Tänzerin! Wie können Sie die Beine ausstrecken! Das ist das Reizendste, das ich jemals gesehen habe! Das kann Ihnen kein Mensch nachmachen!" "Das weiß ich!" sagte die Schere. "Sie verdienten Gräfin zu sein!" sagte der Halskragen. "Alles was ich besitze, ist ein feiner Kavalier, ein Stiefelknecht und eine Haarbürste. Hätte ich doch nur eine Grafschaft!" "Will Er etwa freien?" sagte die Schere, denn sie wurde böse und gab ihm einen ordentlichen Schnitt, so dass er abdanken musste.

"Ich werde wohl um eine Haarbürste freien müssen!" dachte der Halskragen: "Es ist merkwürdig, welch schönes Haar Sie haben, mein kleines Fräulein! Haben Sie nie daran gedacht, sich zu verloben?" "Ja, das können Sie sich wohl denken!" antwortete die Haarbürste, "ich bin ja mit dem Stiefelknecht verlobt!" "Verlobt?" rief der Halskragen. Nun war niemand mehr da, um den er freien konnte, und darum verachtete er jetzt das Freien.

Eine lange Zeit verging, da kam der Halskragen in den Sack des Papiermüllers. Dort war große Lumpengesellschaft, die feinen für sich, die groben für sich, wie sich das gehört. Sie hatten alle viel zu erzählen, aber der Halskragen am meisten, denn er war ein richtiger Prahlhans.

"Ich habe ungeheuer viele Liebschaften gehabt!" sagte der Halskragen. "Man ließ mir keine Ruhe. Ich war aber auch ein feiner Kavalier, mit Stärke! Ich hatte sowohl einen Stiefelknecht als auch eine Haarbürste, die ich nie gebrauchte! – Sie hätten mich damals nur sehen sollen, wenn ich auf der Seite lag! – Niemals vergesse ich meine erste Liebe! Sie war ein Gürtel, so fein, so weich, so niedlich, sie stürzte sich meinetwegen in einen Waschkübel! – Da war auch eine Witwe, die glühte für mich, aber ich ließ sie stehen, dass sie schwarz wurde. Dann war da die erste Tänzerin, die brachte mir die Wunde bei, mit der ich jetzt umhergehe, sie war sehr schneidig! Meine eigene Haarbürste war in mich verliebt, sie verlor alle Haare aus Liebesschmerz. Ja, ich habe vieles dieser Art erlebt; aber am meisten tut es mir um das Strumpfband leid – ich meine um den Gürtel, der sich in den Waschkübel stürzte. Ich habe viel auf dem Gewissen, es drängt mich danach, weißes Papier zu werden!"

Und das wurde er. Alle Lumpen wurden weißes Papier, aber der Halskragen wurde gerade zu dem Stück weißen Papiers, das wir hier sehen und worauf diese Geschichte gedruckt worden ist (), und das geschah, weil er so schrecklich mit dem prahlte, was niemals wahr gewesen ist. Und daran wollen wir denken, damit wir es nicht genauso machen; denn wir können freilich niemals wissen, ob wir nicht auch einmal in den Lumpensack kommen und zu weißem Papier werden und unsere ganze Geschichte, selbst die allergeheimste, gedruckt bekommen und ebenso umherlaufen und sie erzählen müssen wie der Halskragen.

pixelio.de Der Halskragen

Verwendete Bilder sind von: © Hartmut910/PIXELIO (Bild 1)
© Rike/PIXELIO (Bild 2)
www.pixelio.de

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