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Archive for the ‘Lehrgedichte’ Category

Ja und Nein – ein Lehrgedicht

Mittwoch, August 3rd, 2011

 pixelio.de - Ja und Nein

Ein Barde hieß, aus frommer Pflicht,
ein ganzes Heer von Silben ringen.
Ich will nur zwo zur Sprache zwingen,
weil doch in Fabeln alles spricht.
Es sind die, so ich reden lasse,
Machtwörter von der ersten Klasse,
die in der Welt was Rechtes schrein,
die alten Feinde: Ja und Nein.

Es rüsten beide sich zum Streit.
Sie wollen nun als Helden fechten
und nicht wie kleine Hadrer rechten.
Kurz: sie bestimmen Ort und Zeit.
Nein trotzt auf kriegerische Freunde;
Ja täuscht, verlockt, besticht die Feinde.
Nein pocht auf Faustrecht und Gewalt;
Ja traut auf seinen Hinterhalt.

Nein tobt und treibet jeden Mann
und stellt sich schnaubend an die Spitze;
doch Ja, der Held von mindrer Hitze,
winkt erst dem Feind und redt ihn an.
"Halt!" spricht er, "ehe wir uns schlagen,
hab ich dir noch ein Wort zu sagen:
Lass jene Balger etwas ruhn.
Wir müssen selbst das Beste tun.

Du Waghals, dessen Eigensinn
nur selten oder spät zu brechen,
man sagt, dein Eifer lässt sich schwächen,
dich rühret Schmeicheln und Gewinn.
Dich hat die Heimat der Guineen
oft zärtlich und gekirrt gesehen,
wo mancher Kitzel in der Hand
dir deine freie Zunge band.

Zum öftern pflegt ein doppelt Nein
ein Ja ganz zierlich auszumachen.
Wie sollten denn um Nebensachen
sich Blutsverwandte so entzwein!
ein jeder kann das Seine prahlen.
Das Ja verhandle sich zu Wahlen.
Nein mag in die Gerichte gehn
und Recht und Zeugen widerstehn.

Nein soll, wie vormals Fabius,
durch Zögern seinen Feind ermüden.
Dem Ja sei Cäsars Glück beschieden,
der in der Eile siegen muss.
Wir wollen, in gewissen Fällen,
uns beide meisterlich verstellen.
Am Hofe soll das Ja oft Nein
und Nein ein wuchernd Jawort sein."

Nein, das den Wert des Vorschlags sah,
beschloss, von nun an leeren Händen
den Beistand nimmer zu verpfänden
und sprach zum ersten Male: "Ja."
Die ganze Fehde ward geschlichtet,
aus Eigennutz ein Bund errichtet,
und beide dienen itzt der Welt,
nach Schweizerart, um bares Geld.

(Friedrich von Hagedorn, 1708-1754)

Verwendetes Bild ist von:
© Judith Lisser-Meister
www.pixelio.de

 

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Der Hänfling und der Zeisig – ein Lehrgedicht

Dienstag, Juni 14th, 2011

 Der Hänfling und der Zeisig

 

In eines Junkers Vogelhecke
kam ein gefangner Hänfling an.
Er flog betrübt nach einer Ecke
und aß und trank nicht. Schweigend sahn
ihn seine neuen Brüder trauern.
Die Meisen wurden in den Mauern
des Harems jung. Ein Zeisig nahm
das Wort und sprach: "Was soll dein Gram?
Den Göttern danke, die vor Stürmen,
Frost, Hunger, kurz, vor jeder Not,
die, wie man sagt, im Wald uns droht,
in diesem Gitterhaus dich schirmen."

"Ich glaube, dass du glücklich bist",
versetzt’ der Hänfling; "hier geboren,
hast du, mein Lieber, nichts verloren;
ich aber weiß, was Freiheit ist."

(Gottlieb Konrad Pfeffel, 1736-1809)

Verwendetes Bild ist von:
© Dana

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Der Schwan. Die Lerche – ein Lehrgedicht

Montag, März 21st, 2011

pixelio.de - Der Schwan. Die Lerche

"Was fliegst du denn beständig über mir?"
"Ich möchte gar zu gern dich einmal singen hören." -
"Mich singen? ei, was träumet dir?
Wann sang wohl je ein Schwan? Das musst du mich erst lehren."
-
"Im Ernst? So singt ihr Schwäne nicht?" -
"Niemals." - "Auch nicht am Ende eures Lebens?" -
"Auch denn nicht – kurz, du wartest ganz vergebens." -
"Allein, verzeih es mir, weil jedermann es spricht …" -
"O darum glaub es eben nicht!
Du würdest dich gar sehr betrügen:
Es gibt auch allgemeine Lügen."

(Johann Gottlieb Willamov, 1736-1777)

Verwendetes Bild ist von:
© Kokopelli/www.pixelio.de

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Der Esel. Die Schlange. Die Nachteule. Die Feldmaus. Die Sonne – ein Lehrgedicht

Montag, März 21st, 2011

Der Esel. Die Schlange. Die Nachteule. Die Feldmaus. Die Sonne

"O Sonne! scheine nicht so heiß!
Ich werde noch vor Mattigkeit und Schweiß
bei meiner Arbeit unterliegen." -
"Dank sei dem Zeus für seinen Sonnenschein!
Es liegt darin sich mit Vergnügen."

"Du musst wohl ausgelassen sein
mit deinem mir verhassten Lichte;
o Sonne! schone mein Gesichte!
Ich sitze hier, mit allem Fleiß verhüllt,
in meiner Wohnung tiefsten Gründen,
und doch hat sie dein Strahl erfüllt."

"O sei mir lange so geneigt,
wohltät’ger Sonnenschein! es reifen meine Ähren."
-

"Schweigt, Unverständ’ge, schweigt!
Ich werde mich an euch nicht kehren."

(Johann Gottlieb Willamov, 1736-1777)

Verwendetes Bild ist von:
© Dana

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Der Frosch. Der Storch – ein Lehrgedicht

Montag, März 21st, 2011

pixelio.de - Der Frosch. Der Storch

"Nicht mich, o lieber Storch! – sieh jenen dicken Wanst!
Den friss, das ist ein fetter Bissen."

"Verräter, wie? dass du entwischen kannst,
willst du den andern elend wissen?
Allein, du sollst mir nicht entfliehn,
erst fress ich dich, dann fress ich ihn."

(Johann Gottlieb Willamov, 1736-1777)

Verwendetes Bild ist von:
© Echino/www.pixelio.de
 

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Die Gans. Der Fuchs – ein Lehrgedicht

Montag, März 21st, 2011

 pixelio.de - Die Gans. Der Fuchs

"Komm, Fuchs, wir wollen Friede schließen,
was nützt die Feindschaft mir und dir?
Ich muss mein Gras in steter Furcht genießen;
und du wirst auch die Raubbegier
gewiss einst mit dem Tode büßen.
Drum lass uns lieber Freunde sein!"

"Vortrefflich, kluge Gans! Ich geh den Antrag ein.
Die Feindschaft bringt uns freilich nicht Gewinn.
Wohlan! Der Friede sei geschlossen!
Er sei, ich schwör’s, auf ewig fest geschlossen!
Ja! – bis ich wieder hungrig bin."

(Johann Gottlieb Willamov, 1736-1777)

Verwendetes Bild ist von:
© Torsten Hoepfner/www.pixelio.de

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Der kranke Löwe – ein Lehrgedicht

Montag, März 21st, 2011

 pixelio.de - Der kranke Löwe

Der Tiere Großsultan lag auf dem Krankenbette;
er war vom Kopf bis auf den Schwanz
so dürr als Bruder Hein im Basler Totentanz.
Da war kein Vieh, das ihm nicht was geraten hätte.
Der Schwindsucht sichre Kur, die ein Franzos erfand,
die Kur im Ochsenstall, war damals unbekannt.
"Die Gerste", sprach das Pferd, "ist trefflich für die Lunge,
sie kühlet das Geblüt und reiniget die Zunge."

"Nicht doch", versetzt’ der Bär, "der wilde Honigseim
ist Balsam für die Brust und löst den zähen Schleim."

"Freund", rief ein weiser Wolf, "ich wette hundert Kronen,
mein sympathetisches Arkan
erhält den Preis: Neun frische Ziegenbohnen,
im Vollmond angehängt, ziehn alle Seuchen an."

"Pfui", sprach der Leopard, "man möchte flugs purgieren,
der Henker brauche diesen Quark.
Ich lobe mir das Menschenmark,
um einen Fürsten zu kurieren.
Ein Pfund des Tags, in Tränen aufgelöst,
hilft ganz gewiss, probatum est."

"Dies, Vetter, will ich gleich probieren",
versetzt’ der Patient, "der Rat ist Goldes wert.
Ich selber habe längst gehört,
dass viele große Herrn auf Erden
durch dieses Mittel fett wie junge Dachse werden."

(Gottlieb Konrad Pfeffel, 1736-1809)

Verwendetes Bild ist von:
© Wuestenfux/www.pixelio.de

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Der Gesetzgeber – ein Lehrgedicht

Sonntag, März 20th, 2011

 pixelio.de  - Der Gesetzgeber

Der Adler wollte reformieren
und schaffte die Polygamie
bei dem gesamten Federvieh
auf einmal ab. Den armen Tieren
missfiel die strenge Polizei,
zumal dem Hahn. Er trat herbei,
um feierlich zu protestieren
und vor des Königs Majestät
an die Natur zu appellieren.
Er schlug mit Macht, wie ein Prophet,
dem neuen Solon ans Gewissen
und sprach mit sanfter Energie
von seiner Weiber Harmonie.
Hier ward der Sultan hingerissen.
"Wohlan, ich kann nicht widerstehn",
rief er, "ich muss dein Harem sehn."
Er folgt’ ihm huldreich aus dem Haine
in einen Hof. Der Patriarch
lockt’ seine Hennen. Der Monarch
verschlang sie alle bis auf eine
und sprach mit höhnischem Gesicht:
"Es ist des weisen Fürsten Plicht,
den Untertan vor den Gefahren
des Ungehorsams zu bewahren."

(Gottlieb Konrad Pfeffel, 1736-1809)

Verwendetes Bild ist von:
© Regina Kaute/www.pixelio.de

 

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Das Hermelin und der Jäger – ein Lehrgedicht

Sonntag, März 20th, 2011

 pixelio.de - Das Hermelin und der Jäger

Ein Jäger fing ein Hermelin,
das Krieg und Hunger zwang, auf deutschen Grund zu fliehn.
"Verräter, willst du mir das Leben nehmen?"
"Ach nein, ich will dir bloß die Haut vom Leibe ziehn,
des Fürsten Mantel zu verbrämen;
den hohen Vorzug hast nur du."

"Oh, schönen Dank, den will ich mir verbitten.
Warum nimmt er nicht deine Haut dazu?"

"Ei, die verhandelt er den Briten."

(Gottlieb Konrad Pfeffel, 1736-1809)

Verwendetes Bild ist von:
© Dieter Schütz/www.pixelio.de

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Die Reichsgeschichte der Tiere – ein Lehrgedicht

Samstag, März 19th, 2011

 pixelio.de - Die Reichsgeschichte der Tiere

Die Tiere lebten viele Jahre
in friedlicher Demokratie.
Doch endlich kamen sie einander in die Haare,
und ihre Republik versank in Anarchie.
Der Löwe machte sich den innern Streit zunutze
und bot sich ohne Sold dem kleinern Vieh,
als dem gedrückten Teil, zum Schutze,
zum Retter seiner Freiheit an.
Er wollte bloß des Volkes Diener heißen
und brauchte weislich seinen Zahn
im Anfang nur, die Räuber zu zerreißen.
Als dies die frohen Bürger sahn,
ernannten sie zum wohlverdienten Lohne
den Diener feierlich zum Chan,
versicherten die Würde seinem Sohne
und gaben ihm die Macht, die Ämter zu verleihn,
um kräftiger beschützt zu sein.
Nun sprach der neue Fürst in einem andern Tone:
Er gürtete sein Haupt mit einer Eichenkrone,
enthob Tribut, und wer ihm widerstand,
fiel als Rebell in seine Pranke.
Der Tiger und der Fuchs, der Wolf, der Elefant
ergaben sich aus List, und jeder ward zum Danke
zum königlichen Rat ernannt.
Jetzt halfen sie dem Chan die schwächern Tiere hetzen,
bekamen ihren Teil an den erpressten Schätzen
und raubten endlich trotz dem Chan.
"Ha", rief das arme Volk mit tiefgesenkten Ohren
und mit geschundner Haut, "was haben wir getan!"
Allein der Freiheit Kranz war nun einmal verloren,
der Löwe war und blieb Tyrann;
er ließ von jedem Tier sich stolz die Pfote lecken,
und wer nicht kroch, der musste sich verstecken.

(Gottlieb Konrad Pfeffel, 1736-1809)

Verwendetes Bild ist von:
© Manfred Schimmel/www.pixelio.de

 

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