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Archive for the ‘Ludwig Bechstein’ Category

Der Hahn und der Fuchs – eine Fabel

Donnerstag, Juli 30th, 2009

 

pixelio.de - Der Hahn und der FuchsIn einer kalten Winternacht kroch ein hungriger Fuchs aus seinem Bau und ging dem Fange nach. Da hörte er auf einem Meierhofe einen Hahn fort und fort krähen, der saß auf einem Kirschbaum und hatte schon die ganze Nacht gekräht.

Jetzt strich der Fuchs hin nach dem Baum und fragte: "Herr Hahn, was singst du in dieser kalten und finstern Nacht?" Der Hahn sprach. "Ich verkünde den Tag, dessen Kommen meine Natur mich erkennen lehrt." Darauf versetzte der Fuchs: "O Hahn, so hast du etwas Göttliches in dir, dass du zukünftig kommende Dinge weißt!", und alsbald begann der Fuchs zu tanzen.

Jetzt fragte der Hahn: "Herr Fuchs, warum tanzest du?"

pixelio.de - Der Hahn und der FuchsIhm antwortete der Fuchs: "So du singest, o weiser Meister, so ist billig, dass ich tanze, denn es ziemet, sich zu freuen mit den Fröhlichen. O Hahn, du edler Fürst aller Vögel, du bist nicht allein begabt zu fliegen in den Lüften, nein, auch hohe Prophetengaben lieh dir die Natur! O wie bevorzugte sie dich vor allen andern Tieren! Wie glücklich wär ich, gönntest du mir deine Gunst! Wie gerne küsst’ ich dein Weisheit durchdrungenes verehrtes Haupt! O wie beneidenswert, wenn ich dann künden könnte meinen Freunden: Ich war der Glückliche, dem ein Prophet sein Haupt zum Kusse hingeneigt!"

Der alberne Hahn glaubte dem Schmeichelwort des Fuchses, flog vom Baum und hielt ihm seinen Kopf zum Küssen hin. Mit einem Schnapper war er abgebissen und lachend sprach der Fuchs: "Ich habe den Propheten ohne alle Vernunft befunden."

(Ludwig Bechstein, 1801-1860)

Verwendete Bilder sind von:
© Joujou/PIXELIO (Bild 1)
© Thommy Weiss/PIXELIO (Bild 2)
www.pixelio.de

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Die tote Braut – eine Sage aus Niedersachsen

Freitag, Juli 17th, 2009

pixelio.de - Die tote Braut 

Es war ein Brauer zu Braunschweig, der hatte eine schöne Tochter, und diese liebte von Herzen einen jungen Kaufmann aus Bremen, und die Liebenden schwuren einander, im Leben und im Tod treu zu sein, und wer die Treue bräche, den solle der andere Teil noch im Grabe mahnen dürfen.

Nun musste der Kaufmann von dannen reisen, in der Welt sein Glück zu machen und zeitlich Gut zu erwerben, und blieb länger aus, als seine Geliebte hoffte.

Der Vater aber hatte ohnedies diese Liebe nicht gern gesehen und sich einen Schwiegersohn gewünscht, der verstände, gute Braunschweiger Mumme zu brauen, und da er einen hübschen und geschickten Werkmeister hatte, so wollte er, dieser und kein anderer solle sein Schwiegersohn werden, und die Tochter mußte sich diesem von ihr nicht geliebten Mann verloben. Aber bald darauf warfen Sehnsucht und Gram sie auf das Krankenlager, von welchem sie nicht wieder aufkam.

Kaum war sie begraben, so kam ihr früherer Bräutigam an, erfuhr, daß seine Braut als die Verlobte eines andern gestorben sei, und konnte der Sehnsucht nicht widerstehen, sie noch einmal zu sehen. Er verleitete daher den Totengräber durch Geld, heimlich das Grab wieder aufzuschaufeln und den Sarg zu öffnen.

pixelio.de - Die tote BrautAls dies geschehen war, lag das Mägdlein, bleich und schön, mit einem Kranz um die Stirne im himmlischen Frieden, der vom Angesicht der Toten uns anblickt, und da sprach der Jüngling: "Oh, meine liebe, liebe Braut, konntest du wirklich mein vergessen? So mahne ich dich bei unserm dreimal heiligen Schwur an dein mir gegebenes Gelübde!" Als der junge Kaufmann diese Worte gesprochen hatte, ist die Tote erwacht und hat die Augen aufgeschlagen und geseufzt: "Dein, nur dein, im Leben und im Tode‘" – und hat ihre Arme erhoben und fest um ihn geschlungen.

Da ist der Totengräber vor jähem Schreck umgefallen, und als er wieder zu sich kam, siehe, da war der Sarg leer und von den beiden Liebenden keines mehr zu sehen gewesen, und nie hat wieder jemand etwas von ihnen erfahren.

Da nun diese Geschichte in der Leute Mäuler kam, schämte und ärgerte sich der zweite Bräutigam, der Mummebrauer, über alle Maßen, zumal er bei sich dachte, die ganze Sterbe- und Begrabe- und Aufgrabesache möchte wohl nur ein abgekartet Spiel gewesen sein, ihm die Braut zu entreißen, und wußte sich nichts Besseres zu raten, als dem Teufel die Sache in die Schuhe zu schieben, der so immer alles getan haben soll, was die Menschen Unrechtes oder Dummes taten und tun. Ließ derohalben ein abscheulich Zerrbild schnitzen und am Hausgesimse, recht vor aller Augen, fest machen, da sah man ein Mägdlein aus einem Sarge steigen und dem Teufel mit dem Pferdefuß die Hand reichen, und ließ auch einen nicht weniger überaus abgeschmackten Spottreim darunter schreiben, der gerade schmeckte wie saure Mumme.

Lange hat das alte Haus gestanden mit Reim und Bildwerk, endlich ist’s abgebrochen worden, aber die Sage davon lebt noch im Volke zu Braunschweig immerdar fort.

(Ludwig Bechstein, 1801-1860)

Verwendete Bilder sind von:
© Huber/PIXELIO (Bild 1 – Braunschweig)
© chocolat01/PIXELIO (Bild 2)
www.pixelio.de

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Straßburger Schießen und Züricher Brei – eine Sage

Samstag, Juli 11th, 2009

 pixelio.de - Straßburger Schießen und Züricher Brei

Im Zeughaus zu Straßburg wird ein eherner Topf gezeigt, den sandte einstmals die Stadt Zürich voll Brei dahin. Der Brei war in Zürich gekocht und noch warm in Straßburg angekommen. Das begab sich so:

Die Straßburger hielten ein großes Freischießen und luden dazu alle Nachbarstädte vom Rhein und Elsaß, von der Rheinpfalz und der Schweiz ein.

Deren Gesandte kamen auch zahlreich und nahmen am Feste teil; am weitesten hatten es freilich die Schützen aus Zürich, nämlich drei Tagereisen.

Da war zu Zürich ein wackerer Geselle, der Hans im Weerd und sann ein lustig’ Stücklein aus. "Wir wollen nach Straßburg zu Wasser fahren", riet er, "da brechen wir kein Rad, und da fällt uns kein Ross. Wir wollen das in einem Tag tun und einen heißen Brei, den wir hier gekocht haben, den Straßburgern mitbringen."

Dieser Rat fand großen Beifall. Alles wurde vorgerichtet und gerüstet. Der Brei wurde in einer Nacht gekocht, kam in einen warmen Topf von Erz, und der Topf wurde in heißen Sand gestellt. Nun ging es schnell zum Schiff, als die Sterne noch glänzten. Vom Schiffe wehten lustig die Wimpel mit Zürichs Farben, Weiß und Blau, und munter flog es über der Limmat rasche Wellen dahin. Von der Limmat lenkten die fröhlichen Schweizer Schützen in die Aare, vorüber an mancher gefährlichen Stelle, und aus der Aare in den Rhein, am Höllenhaken kühn vorbei, durch Strudel und Klippen.

pixelio.de - Straßburger Schießen und Züricher BreiDa das glückliche Schifflein nach Rheinfelden kam, wohin schon Kunde von seiner Fahrt gelangt war, wurde von der Mauer ein Korb voll edlen Weins zum Morgentrunk herabgelassen und unverweilt eingenommen. Als die Basler Glocke elf schlug und das glückliche Schiff mit seinen Zürichern sich schon der Brücke nahte, schallte ihnen von der aufgestellten Mannschaft und dem sich drängenden Volk ein herzlich-froher Gruß entgegen, und die Geschütze krachten.

Aber wie ein Pfeil schoss das Schiff, getrieben von den Ruderschlägen stets sich ablösender kräftiger Ruderer, immer rheinabwärts. Vorn im Schiff stand lugenden und sorgenden Blicks Hans im Weerd am Steuer, und mitten im Schiff saß Kasper Thomann, der Züricher erwählte Obmann und Sprecher beim Schützenfest.

So ging es weiter und immer weiter, an Neuenburg, an Breisach vorbei, an den hundert Inseln im Rhein vorüber. Wohl sank der Abend nieder, wohl tauchte hinter der blauen Bergkette der Vogesen das glühende Rad der Sonne unter. Aber was leuchtete dort weit, weit her über die unermessliche Stromtalfläche, einer Feuersäule gleich? Da flammte vor der untergehenden Sonne der Turmriese des Münsters auf, und der Jubel der Schiffer grüßte das leuchtende ferne Ziel.

Aber immer noch lagen Stunden zwischen dem Ziel und dem Schiff. Der Tag schwand, die Nacht brach an; hell und rund stand der Mond am Abendhimmel. Das Münster tauchte empor wie ein Geisterschiff. Von der Schützenmatte her drang dumpfer Lärm. Jetzt begannen auch die im Schiff zu blasen mit hellen Zinken und Posaunen, Pfeifen und Drommeten. Endlich war Straßburg erreicht, und am Guldenturm legte das Schifflein an.

Jubel begrüßte die Stromfahrer, die das nie Dagewesene vollbracht hatten und in einem Tage die unendliche Strecke gefahren waren. Der Brei im Topf war noch warm, gerade mundgerecht. Das gab ein festliches Begrüßen. Mit Musik und Fahnen wurden die werten Züricher Gäste auf die Maurerstube geleitet zum herzlichen Willkommen und frohen Mahl.

Von da brachte man sie, nachdem der Brei verzehrt worden war, in den Güldnen Hirsch zur Rast. Am andern Tag beim Schießen wurden sie hoch geehrt vor allen Gästen, und der Topf blieb aufbewahrt für ewige Zeiten.

pixelio.de - Straßburger Schießen und Züricher Brei

(Ludwig Bechstein, 1801-1860)

Verwendete Bilder sind von:
© banart/PIXELIO (Bild 1 – Zürich)
© Matthias Lohse/PIXELIO (Bild 2 – Basel)
© Richard/PIXELIO (Bild 3 – Straßburg)
www.pixelio.de

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Das Riesenspielzeug – eine Sage

Samstag, Juli 11th, 2009

pixelio.de - Das Riesenspielzeug

An einem wilden Wasserfall in der Nähe des Breuschtals im Elsaß liegen die Trümmer einer alten Riesenburg, Schloss Niedeck geheißen.

Von der Burg herab ging einstmals ein Fräulein nach Hasloch. Das war des Burgherrn riesige Tochter. Sie hatte noch niemals Menschen gesehen. Da gewahrte sie unversehens einen Ackersmann, der mit zwei Pferden pflügte. Das dünkte ihr etwas sehr Spaßiges. Sie kauerte zum Boden nieder, breitete ihre Schürze aus, raffte mit der Hand Bauer, Pflug und Pferde hinein und lief, was sie nur laufen konnte, den Berg hinauf.

Mit wenigen Schritten war sie droben und trat, glücklich über ihren Fund und Fang, vor ihren Vater, den Riesen, der gerade bei Tisch saß und sich am vollen Humpen labte.

Als er die Tochter mit freudeglühendem Gesicht eintreten sah, fragte er: "Nu, min Kind, was hesch so Zwaselichs in die Furti? Krom’s us, krom’s us!" ("Nun, mein Kind, was hast du so Zappliges in deiner Schürze? Kram’s aus, kram’s aus!")

"O min Vater", rief die Riesentochter, "gar ze nettes Spieldinges ha i funden." ("Ach mein Vater, gar zu nettes Spielzeug hab’ ich gefunden.")

Und da kramte sie aus ihrer Schürze Bauer, Pferde und Pflug heraus, stellte sie auf den Tisch und hatte ihre Herzensfreude daran, dass das Spielzeug lebendig war, sich bewegte und zappelte.

"Ja min Kind", sprach der alte Riese, "do hest de ebs Schöns gemacht. Dies is jo ken Spieldings nitt, dies ist jo einer von die Burn. Trog alles widder fort und stell’s widder hin ans nämlich Plätzli, wo du’s genommen hast!" ("Ja, mein Kind, da hast du etwas Schönes gemacht. Dies ist ja kein Spielzeug, dies ist ja einer von den Bauern. Trag alles wieder fort und stell’s wieder hin ans nämliche Plätzchen, wo du’s hergenommen hast!")

Das hörte das Riesenfräulein gar nicht gern und greinte. Der Riese aber ward zornig und schalt: "Potz tusig, dass de mir nitt murrst! E Bur ist nitt e Spieldings! Wenn die Burn nitt ackern, so müssen die Riesen verhungern!" ("Potztausend, dass du mir nicht murrst! Ein Bauer ist kein Spielzeug! Wenn die Bauern nicht ackern, so müssen die Riesen verhungern!")

Da musste das Riesenfräulein seinen vermeintlichen Spielkram forttragen, und es stellte alles wieder auf den Acker hin.

(Ludwig Bechstein, 1801-1860)

Verwendetes Bild ist von:
© Mensi/PIXELIO
www.pixelio.de

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Die Gefangenen auf Altenahr – eine Sage aus Rheinland-Pfalz

Dienstag, Juni 30th, 2009

pixelio.de - Die Gefangenen auf Altenahr

Als einst Konrad von Hochstaden als Erzbischof in Köln gebot, erhoben sich einige Mitglieder des Rats und der Bürgerschaft Kölns gegen ihn. Da wurden elf dieser angesehenen Bürger, die Führer der gegenbischöflichen Partei, gefangengenommen und auf die starke Burg Altenahr, die dem Erzstift Köln gehörte, in sichern Gewahrsam gebracht.

Hart und lange mussten sie dort schmachten, und ihr einziger Zeit- und Leidvertreib war ein Mäuslein, das ohne Scheu zu ihnen kam, doch immer schnell in sein Loch zurückschlüpfte, wenn es ein Geräusch vernahm.

Eines Tages beobachteten sie das Mäuslein, wie es sich munter sehen ließ und Brosamen knusperte, als plötzlich draußen Schlüssel klirrten. Da fuhr es schnell in sein Loch, und einer hörte, dass es dort auch klirrte. Nachdem es wieder still und sicher geworden war, begann er nachzusuchen.

pixelio.de - Die Gefangenen auf AltenahrDa fanden sich in dem Mauseloch verborgen eine Feile und ein Meißel, schon etwas rostig, aber doch noch brauchbar und so gut, dass bald die Gefangenen ihre Ketten abgefeilt, ihre Bande gesprengt und die Gitterstäbe ihres Kerkerfensters durchgeschnitten hatten.

Darauf zerrissen sie ihre Gewänder, machten Seile daraus, knüpften diese fest aneinander und stiegen durch das Fenster nieder, kletterten dann den steilen Ziegenpfad hinab und entkamen glücklich.

Niemand konnte fassen und begreifen, wie eine solche Flucht möglich geworden war. Nur die Befreiten wussten, dass sie ihre Rettung einem kleinen schwachen Tier – dem Mäuslein – zu verdanken hatten.

(Ludwig Bechstein, 1801-1860)

Verwendete Bilder sind von:
© Rike/PIXELIO (Bild 1 – Burgruine Are)
© Sammy/PIXELIO (Bild 2)
www.pixelio.de

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Liebe findet ihre Wege – eine Sage aus Bayern

Sonntag, Juni 7th, 2009

pixelio.de - Liebe findet ihre Wege 

Auf dem Chiemsee, nach dem Bodensee und der Müritz das größte deutsche Binnengewässer, liegen in nicht allzu weiter Ferne voneinander zwei Inseln, die Herren- und die Fraueninsel, und auf jeder ein Kloster, dem Namen entsprechend.

Da war auf Herrenchiemsee ein Mönch und auf Frauenchiemsee eine Nonne, die hatten einander geliebt, ehe sie das Klostergelübde abzulegen gezwungen worden, und liebten einander fort und fort, wie dereinst Hero und Leander sich geliebt, wo nur Hero eine Nonne als Priesterin der Aphrodite war.

Und in dunklen Nächten brannte hell ein Licht in der Nonnenzelle gegen Herrenchiemsee zu, und in des Sees mächtiger Flut rauschte es leise, und es kam und schwamm herüber und hob sich zum Strande und gewann die Zelle und sein Lieb.

Aber stetig lauert der giftige Neid, der keinem und keiner heimliche Liebe vergönnt, und in einer stürmischen Nacht löschte er, nachdem sie recht hell geflammt, die Kerze in der Nonnenzelle aus, und der Schwimmer erreichte nimmer sein Uferziel, die Nixe des Chiemsees zog ihn in ihre Umarmung und warf im bleichen Morgengraun nur seine Leiche an die Fraueninsel.

Mitleidvoll gönnten die Nonnen dem toten Mönch ein Grab und hatten bald neben ihm eine zweite Leiche zu bestatten.

(Ludwig Bechstein, 1801-1860)

Verwendetes Bild ist von:
© Gerd Altmann (geralt)/PIXELIO
www.pixelio.de

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Die lebendige Mauer – eine Sage

Dienstag, Februar 10th, 2009

pixelio.de Die lebendige MauerDer Landgraf Ludwig von Thüringen, nach seiner Rückkehr aus der Ruhlaer Schmiede der eiserne Landgraf genannt, hatte den höchsten irdischen Herrn im Reiche zum Schwager, Kaiser Friedrich, den Rotbart.

Der kam von seiner nahen Kaiserburg Kyffhausen herüber auf die Numburg zum Besuche, die war aber noch ohne Mauern. Dem Kaiser gefiel die "niuwe Burg", und er sprach: "Schade, dass sie nicht Mauern hat, sie sollte stark und feste sein." "Ho", sagte Ludwig, "um die Mauern sorge ich nit, die kann ich haben, alsbald ich will." "In wie kurzer Zeit?" fragte der Kaiser. "Näher denn in drei Tagen." "Das ist bei Gott nicht möglich", entgegnete der Rotbart, "und wenn alle Maurer des Reichs beisammen wären."

Darauf ging der Kaiser zu Tische, und der Landgraf entsandte sogleich Eilboten durch sein ganzes Land an alle seine Grafen und Edeln, dass sie alsbald gen Freiburg aufbrechen sollten im besten Geschmuck der Waffen mit nur wenig Wappnern. Es war auch eine gute Gelegenheit, der Vasallen Gehorsam zu prüfen; sie merkten das auch und kamen allzumal pünktlich.

Und als der Morgen des dritten Tages anbrach, da richtete der Landgraf es alles zu nach seinem Willen und ging zu seinem Schwager ins Gemach und sprach: "Mein Kaiser, die Mauer ist fertig." Da bekreuzte sich der Kaiser und dachte, hier müsse Satans Hilfe im Spiel sein, und trat heraus und staunte; denn da ersah er eine lebendige Mauer stehen, rings um die Burg, Mann an Mann, im Glast der Harnische und Gewaffen. Wo ein Turm stehen musste, stand ein Graf und vor ihm sein Bannenträger und dazwischen die Herren und Edeln, und im frischen Morgenwinde flatterten bunt und schön die Bannerfahnen.

Da rief der Kaiser aus: "Fürwahr, solch eine köstliche und feste Mauer sah ich noch nie." "Treue Mannen sind die beste Mauer", sagte der Landgraf. Und der Kaiser sprach: "Habe Dank, dass du mir solche gezeigt!"

pixelio.de Die lebendige Mauer

(Ludwig Bechstein, 1801 – 1860)

Verwendete Bilder sind von:
© Bernd Sterzl/PIXELIO (Bild 1)
© magicpen/PIXELIO (Bild 2)
www.pixelio.de

 

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Die Hünen – eine Sage

Sonntag, Februar 8th, 2009

pixelio.de Die Hünen

Viel weiß in den Gegenden um Höxter, Corvey, Brakel und den Landstrecken durch Westfalen die Sage von den Hünen, Heunen oder Riesen zu erzählen; ja, sie erstreckt sich auch nordwärts bis über die Lüneburger Heide hinaus und in die Bremenschen Geest- und Marschgegenden. Hünengräber, Hünenbetten, Hünensteine, Hünenkeller, Hünenburgen ruhen im Lande zerstreut und gelten dem Volke als Zeugen davon, dass einst ein gewaltiges, großwüchsiges, starkes Geschlecht dagewesen.

pixelio.de Die HünenDie Sage berichtet von dessen ehemaligem Dasein, zeigt Spuren ihrer gewaltigen Kraft und nennt die Orte, wo sie gewohnt, gespielt, gekämpft, mit Kugeln und Hämmern sich aus Stundenferne geworfen haben. Mannigfach blieb der Name des Riesengeschlechtes an Orten haften; so liegt über Brakel die Hinneburg. Bei Dransfeld im Göttingenschen liegt eine Hünenburg. Der letzte ihrer Bewohner brach sie in Trümmer und wälzte auf sich selbst den größten Stein als Grabesdecke.

Auf dem Wege nach Salzwedel beim Dorfe Lübbow liegt eine riesiger Hünenstein, eines heidnischen Gottes Altar – der kehrt sich in jeder Christnacht vor Unwillen um, wenn der Hahn kräht. Bei Freren in der Niedergrafschaft Lingen steht auch ein gewaltiger Hünenstein, und es sind dort reiche Gräber.

In der Lüneburger Heide, im Amte Knesen, liegt der Pickelstein, den warfen die Hünen vom Kläbesberge dahin. Sieben Kreuze und ein Hufeisenabdruck sind an ihm zu ersehen, und es geht die Sage, dass diese ein Heerführer mit seinem Schwert in den Stein gehauen, und den Hufschlag habe sein Ross eingedrückt als ein Wahrzeichen seines Sieges.

Vorzeiten soll das Hegegericht der umliegenden Dörfer am Pickelstein gehalten worden sein. Es ist nicht gut, die Hünengräber zu durchwühlen und die längst Begrabenen in ihrer Ruhe zu stören. Ein Kanonikus zu Ramelsloh grub nach einem Riesendenkmal bei Steinfeld; dem erschienen in der Nacht drei Männer, von denen der eine einäugig war, mit drohenden Blicken und sprachen zu ihm mit wunderbaren Lauten in uralter Stabreimweise:

"Heldentod haben
Hier wir erlitten.
Für das Vaterland
Fochten und starben wir.
Störern unsers Staubes
Strahlt Glücksstern nimmer."

Der Kanonikus zu Ramelsloh hat nie wieder nachgegraben.

(Nach Ludwig Bechstein, 1801 – 1860)

Verwendete Bilder sind von:
© stummi123/PIXELIO (Bild 1)
© sprisi/PIXELIO (Bild 2)
www.pixelio.de

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Der Farnsamenfinder – eine Sage aus Thüringen

Mittwoch, Januar 21st, 2009

Manche mühen sich um den Farnsamen, auch Fahrsamen geheißen, und suchen ihn zu erlangen durch böse Kunst und höllischen Beistand, und andere, die ihn nicht suchen, finden ihn. Der Farnsamen, zu rechter Zeit und Stunde gefunden und gesammelt, hat nicht nur die Eigenschaft, Glück zu bringen, unfehlbare Schüsse auf Wild und anderes, sondern er macht auch unsichtbar.

pixelio.de Der Farnsamenfinder

Einem Manne zu Berka an der Werra ging es damit gar wunderlich. Sein Fohlen hatte sich im Walde verlaufen, und er suchte es und trat unversehens auf der Waldwiese auf reifendes Farnkraut, und es fiel ihm etwas von dem Samen in die Schuhe. Er lief lange im Wald herum, fand das Füllen nicht, kam erst früh am Morgen wieder nach Hause, ging in die Stube und setzte sich verdrießlich und müde hinter den Kachelofen auf den Lehnstuhl.

Frau, Kinder und Gesinde gingen ab und zu, hantierten und plauderten, und keins sprach guten Morgen zu ihm. Das nahm ihn wunder. Endlich sprach er: "Ich habe das Fohlen nicht gefunden!" Alle erschraken, niemand wusste, woher plötzlich die Stimme kam; alle sahen einander an, ihn sah niemand. "Jo, Mann, wo steckst du denn?" rief fragend die Frau.

Da erhob sich der Mann, trat mitten in die Stube und sagte: "Da bin ich ja, närrische Frau, ich stehe ja vor dir!" Nun erschraken die Seinen noch mehr, denn sie hatten ihn aufstehen und gehen hören und sahen doch noch immer nichts von ihm. Da merkte der Mann, dass er unsichtbar geworden, wünschte aber nicht, solches zu bleiben, entsann sich, dass ihm etwas in die Schuhe gefallen war, das ihn drückte wie Sand, zog die Schuhe alsbald aus und klopfte sie aus, und da fiel der Wünschelsame heraus, aber niemand sah ihn, weil seine Findelstunde vorüber war, der Finder aber stand wieder sichtbarlich vor allen da.

pixelio.de Der Farnsamenfinder

(Ludwig Bechstein, 1801 – 1860)

Verwendete Bilder sind von:
© frizzy/PIXELIO (Bild 1)
© Klausi/PIXELIO (Bild 2)
www.pixelio.de

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Die schöne junge Braut – ein Märchen von Ludwig Bechstein

Samstag, Januar 17th, 2009

pixelio.de Die schöne junge BrautEs ging einmal ein hübsches Landmädchen in den Wald, um Futter für ihre Kuh zu holen; wie sie nun in Gottes Namen grasete und an gar nichts Arges dachte, so kamen auf einmal viele Räuber, umringten sie und führten sie mit sich fort, ohne Gnad und Barmherzigkeit, sie mochte schreien und zappeln, bitten und betteln, soviel sie wollte.

Weitab von des Mädchens Heimat in einem finstern Walde hatten die Räuber ein Haus, worin sie sich aufhielten, wenigstens blieben immer einige daheim, wenn die andern auf Raub auszogen. Dem Mädchen taten aber die Räuber weiter nichts zuleide, als dass sie sie eben aus ihrer Heimat fortführten und sie in dem Hause gleichsam gefangen hielten; sie musste den Haushalt besorgen, kochen, backen und waschen, sonst hatte sie es gut, wurde aber immer scharf bewacht. Dabei hatten ihr die Räuber den Namen gegeben: Schöne junge Braut.

So war nun das Mädchen schon einige Jahre in der Räuberherberge, als es sich einmal traf, dass ein Hauptraub ausgeführt werden sollte, an dem, wenn er gelingen sollte, die ganze helle Bande teilnehmen musste.
 
Da das Mädchen sich an das Leben in der Räuberhöhle gewöhnt zu haben schien, auch noch keinen Versuch zu entfliehen gemacht hatte und auch schwerlich durch den wilden Wald die Wege finden würde – so dachte der Hauptmann -, so blieb sie dieses Mal allein und unbewacht im Waldhause zurück.
 
Aber die Räuber waren kaum fort, so sann die schöne Braut darauf, wie sie unerkannt entfliehen könne. Sie machte geschwind eine Gestalt von Stroh, zog derselben ihre Kleider an, setzte ihr ihre Haube auf, sich selbst aber bestrich sie von Kopf bis zu den Füßen mit Honig, wälzte sich darauf über und über in Federn, so dass sie ganz unkennbar wurde und aussah wie ein seltsamer Vogel. Die Gestalt in ihren Kleidern lehnte sie an ein Fenster über der Haustür und ließ sie hinaussehen, doch mit verdecktem Gesicht, und dann eilte sie von dannen.
 
pixelio.de Die schöne junge Braut

Mochte es aber nun sein, dass dem Hauptmann eine Ahnung von des Mädchens beabsichtigter Flucht kam oder dass etwas vergessen worden war, genug, er sandte einige seiner Räuber nach dem Hause zurück, und gerade musste es sich treffen, dass ihnen auf ihrem Wege das fiedrige Käuzlein aufstieß. Sie dachten aber, es wäre einer ihrer Kumpane, der sich unkenntlich gemacht hätte, und riefen die Gestalt lachend und fragend an:

"Wohin, wohin, Herr Federsack?
Was macht die schöne junge Braut? "

Diese, die es selbst war, war zwar sehr erschrocken, doch fasste sie sich ein Herz und antwortete mit verstellter Stimme:

"Sie fegt und säubert unser Haus
Und schaut wohl auch zum Fenster heraus! "

Damit machte sie, dass sie den Räubern aus dem Gesichte kam, kam auch glücklich aus dem Walde, erreichte ein Dorf, kaufte sich Kleider, badete sich und erlangte glücklich und wohlbehalten, obschon nach langer Wanderung, ihre Heimat wieder, und da sie nicht gerade das Beste in der Räuberherberge zurückgelassen hatte, sondern für ihren Jahrlohn mitgehen heißen, so hatte sie auch wohl zu leben und heiratete einen wackern Burschen.

Jene Räuber, wie die nun des Hauses ansichtig wurden, sahen die Gestalt der schönen jungen Braut am Fenster und grüßten schon von weitem, indem sie riefen:

"Grüß Gott, O schöne junge Braut,
Die freundlich uns entgegenschaut. "

Da aber der Gruß unerwidert blieb, so verwunderten sich die Räuber, und als sie näher kamen, vermeinten sie, die schöne junge Braut sei eingeschlafen. Vergebens riefen sie, sie ermunterte sich nicht; vergebens geboten sie ihr zu öffnen, all ihr Pochen und Schreien, Rufen und Schelten war erfolglos, und wütend traten sie zuletzt die Türe in Trümmern, stürmten die Treppe hinauf und fassten die Gestalt der schönen jungen Braut hart an, da fiel ihnen die Strohpuppe in die Arme. Da riefen die Räuber:

"Fahr wohl, du schöne junge Braut!
Ein Tor ist, wer auf Weiber baut! "
 
Die schöne junge Braut

Verwendete Bilder sind von:
© Markus Goebel/PIXELIO (Bild 1)
© Sigrid Harig/PIXELIO (Bild 2)
www.pixelio.de

© Dana (Bild 3)

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