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Archive for the ‘Sagen’ Category

Die zwölf Nonnen und die zwölf Ritter – eine Sage aus Nordwestrussland

Sonntag, Januar 22nd, 2012

 Die zwölf Nonnen und die zwölf Ritter

In Kreuzburg, einer alten Stadt im Kreis Eylau, ließ sich nach dem Schlag der zwölften Stunde jeder Neumondnacht ein merkwürdiger Geisterzug sehen. Es kam nämlich aus der Kirchenstraße, welche aus den Trümmern des alten Ordenshauses auf den Schlossberg führt, ein Zug von vier unbedeckten, sonderbar gebauten Wagen. Die beiden ersten Wagen waren jeder mit vier Schimmeln bespannt, die ruhigen Schrittes gingen. In jedem dieser zwei Wagen saßen sechs Nonnen im weißen Ordenskleid, mit Kreuz und Rosenkranz, aber ohne Kopf. Jeden Wagen lenkte als Kutscher ein weißes Lamm. Die zwei letzten Wagen wurden von Rappen gezogen, die aus Maul und Nase Funken schnoben, und die Kutscher waren schwarze, funkensprühende Ziegenböcke. In jedem dieser Wagen saßen sechs Ritter, die ihre Köpfe, mit Fahnen bedeckt, unter dem Arm trugen.

pixelio.de - Die zwölf Nonnen und die zwölf RitterDreimal machte der Zug die Runde um den alten Markt, aber ohne das mindeste Geräusch, bis er im alten Rathaus verschwand. Aus ihm hörte man nun eine teils wilde, teils lustige Musik, abwechselnd mit rauhen Männerstimmen und zartem weiblichen Gesang, auch Orgeltönen und feierlichen Chorälen. Gegen Ende der Mitternachtsstunde kehrte der Zug aus dem Rathaus in der ersten Ordnung zurück, dreimal um den Markt, und verlor sich auf der Hof- oder Schlossstraße. Bei dieser Rückkehr saßen auf dem Hals der Ritter die verschleierten Nonnenköpfe und auf den Nonnen – die Köpfe der Ritter mit Helm und geschlossenem Visier.

Pfingsten 1818 wurden Rathaus und Markt durch eine Feuersbrunst so verwüstet, dass nur ein altes Gebäude stehenblieb. In der nächsten Neumondnacht erschien der Geisterzug wieder, aber nun trugen Ritter und Nonnen ihre eignen Köpfe. Neunmal rollte der Zug um die noch rauchenden Trümmer des Marktes und kehrte in das stehengebliebene Haus ein. Hier wiederholte sich der frühere Jubel, aber sanfter, bis er nach und nach verhallte.

Nachdem die Zeit auch dieses Haus zerstört hatte, ist der Ritter- und Nonnenzug nicht mehr erschienen; es hat sich aber am ersten Neumond, nachdem der Markt frei geworden, an der Stelle des alten Gebäudes eine sehr liebliche Musik hören lassen, woraus man schließt, dass nun der gespenstische Zug seine Ruhe gefunden habe.

(Widar Ziehnert, 1814-1839)

Bild 1: Wikipedia (Kupferstich von Kreuzburg in Ostpreußen – ca. 1664 – gemeinfrei)
Bild 2: © Dieter Schütz (Ordensritter)/www.pixelio.de

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Die singende Meerjungfrau – eine Sage aus Litauen

Freitag, Januar 20th, 2012

pixelio.de - Die singende Meerjungfrau 

Zu Nidden am Gestade des Kurischen Haffs wohnt in dem Waser eine Jungfrau, die mit süßen Klängen den Wanderer zu sich heranlockt, die Schönheit ihres Aufenthalts rühmt, und ihm, wenn er ihr folge, ein Leben voller Freuden und das Glück der Liebe verheißt.

Wenn nun aber der Gelockte, betört von den Verheißungen und dem zauberischen Gesang sich in die Flut stürzt, um nach dem Eiland, auf dem er die Jungfrau vor sich zu sehen glaubt, hinüberzuschwimmen, so öffnet sich plötzlich der Abgrund und verschlingt den Schwimmer nebst der Insel. Schon viele Opfer hat die Jungfrau so zu sich hinabgezogen.

(Wilhelm Johann Albert von Tettau, 1804-1894 & Heinrich Stahl alias Jodocus Donatus Hubertus Temme, 1798-1881)

Verwendetes Bild ist von:
© Ingo Heemeier/www.pixelio.de

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Das Kirchenprotokoll – eine Sage

Donnerstag, Januar 19th, 2012

 

pixelio.de - Das KirchenprotokollEs war einmal ein Mann, der sehr ungern in die Kirche ging; auf jede Aufforderung zum Kirchenbesuch erwiderte er: "Diejenigen, welche regelmäßig in die Kirche gehen, sind auch nicht immer die besten Menschen, auch in der Kirche wird viel gesündigt, vor allem dann, wenn man nicht einem innern Zug, sondern der Gewohnheit folgt."

Eines Sonntags kam er jedoch auch zufällig hinein. Er sah sich die Erschienenen an, doch wie musste er staunen, als er, an die Wand gelehnt, auch den Teufel mit dem Griffel in der Hand dort erblickte. Vor ihm lag eine große Ochsenhaut ausgebreitet, auf welche er die in der Kirche vorfallenden Ungehörigkeiten der Anwesenden verzeichnete. Der Teufel schrieb unentwegt. Schon war die ganze Haut beschrieben, keiner der Anwesenden fehlte darauf, der seltene Kirchengast allein machte eine Ausnahme.

Den Teufel ärgerte es, dass dieser allein mit heiler Haut davonkommen sollte. Was tat er also? Er fasste die Ochsenhaut mit den Zähnen an und zog aus Leibeskräften. Ein unbegreifliches Etwas hielt die Haut fest; plötzlich jedoch gab sie nach, und der Böse schlug mit dem Kopf dermaßen gegen die Wand, dass er liegenblieb. In diesem Augenblick konnte unser seltener Gast sich nicht länger halten; er fing an über den bösen Fall herzlich zu lachen. So weit wollte ihn der Böse haben. Mit einer höhnischen Grimasse brachte er auch ihn in die Liste.

(Max Toeppen, 1822-1893)

Verwendetes Bild ist von:
© Rike (Die 10 Gebote)/www.pixelio.de

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Die Leichenflugbahn – eine Sage aus Nordwestrussland

Mittwoch, Januar 18th, 2012

pixelio.de - Die Leichenflugbahn 

In Ragnit gab es zwei Gottesäcker, der eine südwestlich von der Stadt gelegene für die deutsche, der andere östlich von der Stadt gelegene für die litauische Gemeinde. Auf dem Strich zwischen beiden Gottesäckern aber – so erzählt man – leidet es weder Baum noch Strauch, weder Haus, noch Mauer, noch Zaun oder Hecke, denn die Toten, die im  Leben miteinander befreundet gewesen sind, besuchen sich in stürmischen Nächten und fliegen in der Luft von einem Gottesacker zum andern. Sie fliegen aber nicht hoch über der Erde, und deshalb leiden sie keinen auch nur wenige Ellen hohen Gegenstand auf ihrem Weg.

Einst baute ein Fremder, ohne die Warnungen der Ragniter zu achten, ein Haus auf der Südseite der Stadt, wo es also im Bereich der Leichenflugbahn lag. Ehe aber das Sparrwerk aufgesetzt wurde, da kam einmal eine stürmische Nacht, und – am Morgen lagen die starken Mauern des neuen Hauses in Trümmern, wo doch etliche armselige und wandelbare Hütten, die wenige Schritte davon, aber den Leichen nicht im Weg standen, den Sturm ohne allen Schaden ausgehalten hatten.

Da ergriff den Bauherrn ein heimliches Grausen, aber er schämte sich, jetzt durch Schaden klug werden zu sollen, nachdem er das viel wohlfeiler durch die Ragniter Warnung hätte werden können, und er versuchte, den Toten zu trotzen. Er ließ also das Haus noch einmal aufbauen, und noch stärker und fester als zuerst; aber – wie es wieder bis an das Dach war, trat eine stürmische Nacht ein, und am Morgen lag das Haus wieder in Trümmern. Nun wich der Bauherr der Macht der Toten und baute sein Haus ein wenig seitab, so dass es nicht mehr in dem Strich zwischen den Gottesäckern lag. Dort hat es viele stürmische Nächte unbeschadet ausgehalten und steht heute noch.

pixelio.de - Die Leichenflugbahn

Es muss aber die Flugbahn der Toten sehr genaue Grenzen haben. Denn einmal wollte ein Bürger von Ragnit eine Scheuer südlich von der Stadt bauen; und da er ein Sonntagskind war und ihm also die Geister sichtbar wurden, so beobachtete er in einer stürmischen Nacht den Flug der Toten genau und steckte sich ein Zeichen ab, damit er mit seinem Bau ihnen nicht in den Weg geriete. Er mochte dabei  aber doch um ein paar Ellen zu knapp gekommen sein, denn als die Scheuer fertig war und in einer Nacht der Sturm tobte, da war am Morgen darauf die Ecke des einen Scheunengiebels morsch weggerissen. Gleich ließ der Besitzer den Giebel einrücken, und nun blieb er unbeschadet. Aber eine kleine Dachspitze der Scheune ragt heute noch in die Flugbahn der Toten, und so oft eine stürmische Nacht ist, reißt es diese herunter, so dass der Besitzer sie wohl hundertmal im Jahr ausbessern lassen muss.

(Widar Ziehnert, 1814-1839)

Verwendete Bilder sind von:
© Korneloni/www.pixelio.de

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Das Turnier zu Darmstadt – eine Sage aus Hessen

Sonntag, Januar 15th, 2012

 Das Turnier zu Darmstadt

Der Wohlstand, welchen Graf Johann seinem Land, und der Glanz, welchen er seinem Fürstensitz zu Darmstadt gegeben hatte, zog die Fürsten und den Adel der ganzen Rheingegend an seinen Hof; denn so sparsam er auch in seiner Verwaltung war, so prächtig zeigte er sich bei Festen und in seinen Gebäuden. Er verschönerte und erweiterte Darmstadt; baute darin eine neue Kirche und sein Schloss, und wollte, als letzteres vollendet und mit Säulen und kostbaren Gerätschaften geschmückt war, auch darin ein stattliches Fest geben.

Zu dem Ende lud er im Jahr 1408 den deutschen Adel zu einem Turnier ein, wobei sich mehrere hundert Fürsten, Grafen und Ritter einfanden, um die Feierlichkeit durch männlich ritterliche Übungen zu verherrlichen. Das glänzende Schauspiel wurde aber bald ein blutiges Trauerspiel; denn kurz vorher hatten sich einige Ritter aus Franken und Hessen zu Wertheim entzweit, als sie bei vollen Humpen von ritterlichen Taten und dem Adel ihres Geschlechts sprachen. Berauscht vom guten Wein, kamen sie in dem Wirtshause, wo sie übernachteten, durch Worte hintereinander.

Die Franken warfen den Hessen vor, dass sie nur vom Stegreif lebten; die Hessen aber den Franken, dass sie den Glanz ihres Adels durch Wucher und Kaufmannschaft verdunkelten. In diesem Groll ritten sie zum Turnier nach Darmstadt, und jeder Teil machte den erhaltenen Schimpf zur Sache des ganzen Adels ihrer Länder. Die Franken waren mit hundertundzwanzig, die Hessen mit hundertundvierzig Helmen eingeritten; und diese verwandelten jetzt das Turnier in eine förmliche Schlacht. So sehr sich auch Graf Johann und andere Fürsten bemüht hatten, die aufgebrachten Gemüter zu versöhnen, die Ritter stürmten im Kampf wütend aufeinander ein. Die Streiche und Hiebe gingen auf Leben und Tod, die Arm- und Beinschienen sprangen von den Leibern, die Helme von den Köpfen; die Kampfpferde selbst wurden aufeinander angespornt, Blut und Schaum bedeckte Ross und Reiter. Neun Hessen und siebzehn Franken blieben auf dem Platz, ohne die welche verwundet waren.

Das Turnier zu Darmstadt

Unter die Stöße der Trompeten mischte sich jetzt das Geschrei der Zuschauer. Fürsten, Frauen und Fräulein sprangen von ihren Sitzen, sie drangen hier, dort, bittend, drohend, unter die Kämpfenden, um durch harte oder süße Worte die Wütenden auseinander zu bringen. Die Urheber des Streites mussten davonreiten, und die noch übrigen gaben sich Mühe, das Ritterspiel wenigstens mit so viel Anstand zu endigen, dass der gastliche Graf Johann nicht beleidigt werden konnte.

(Niklas Vogt, 1756-1836)

Verwendete Bilder sind von:
Wikipedia
(Bild 1: Darmstadt – Auszug aus der Topographia Hassiae von Matthäus Merian 1655 – gemeinfrei)
(Bild 2: Ritterturnier um 1500 – Kupferstich von Matthäus Zasinger – gemeinfrei)

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Der Nixenbrunnen – eine Sage aus Bayern

Freitag, Januar 6th, 2012

 

Der NixenbrunnenAuf dem Weg von Würzburg nach Randersacker am Fuß des Neuberges stand vor hundert Jahren der Nixenbrunnen. In diesem wohnten drei zauberschöne Nixen, welche jedesmal, wenn man den sogenannten Herbstpöpel mit Tanz und Gesang bei Fackelschein feierte, sich unter die tanzenden Winzer mischten, aber oft mitten im Tanz ihren Tänzern enteilten, um in ihren Brunnen zurückzukehren.

Als einst der Sohn eines Würzburger Ratsherrn, der einer Nixe nacheilte, in den Brunnen gezogen wurde und nicht mehr zum Vorschein kam, ließ dessen Vater den Nixenbrunnen verschütten und einen Haufen Steine dort aufrichten.

(Heinrich Pröhle, 1822-1895)

Verwendetes Bild ist von:
Wikipedia (Altes Rathaus Grafeneckart, Würzburg, Urheber Christian Horvat, gemeinfrei)

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Das Weib mit dem goldenen Kamme im Schlossberge bei Kirchdorf auf der Insel Poel – eine Sage aus Mecklenburg-Vorpommern

Dienstag, Januar 3rd, 2012

Das Weib mit dem goldenen Kamme 

Hart am "Karksee" – Kirchsee - der Insel Poel, auf dem sogenannten Schlossberge, liegt, umgeben von hohen Wällen, die ziemlich große Kirche des Ortes Kirchdorf mit ihrem spitzen Turm. Wenn nun Wogengebraus sich vereiniget mit den Tönen der Orgel zu einem Doppelchor, dann muss eine jede Menschenseele sich hier doppelt gemahnt fühlen, dass alles Irdische vergänglich ist; denn früher stand an dieser Stelle ein Schloss mit vielen Zinnen, die weithin sichtbar waren, während jetzt nur Gras die Überbleibsel der alten Fundamente überwuchert. Dieses Schloss haben wahrscheinlich die Geschlechter der von Plessen, Preen und Stralendorf bewohnt, welchen Heinrich der Löwe 1318 die Insel verkaufte.

Das Weib mit dem goldenen Kamme

In dem Schlossberge sind aber noch viele Gewölbe, darin große Schätze verborgen sein sollen. Geht man nun zum "Schlatt", wie die Insulaner den Berg nennen, so sieht man zwei Eingänge, die in denselben hineinführen und die erst seit etlichen Jahren vermauert sind. Als Junge war ich oft auf Poel. Eines Tages stand ich vor diesem Eingang und trug ein stark Gelüste hineinzugehen, als ein alter Mann zu mir trat und sagte: "Geh da nich rinne, denn dat Wief mit den golden Kamm lett Die nich weera rut!" ("Geh da nicht hinein, denn das Weib mit dem goldenen Kamme lässt dich nicht wieder heraus!")

Da ich nun nicht wusste, was es mit diesem Weibe für eine Bewandtnis habe, lief ich zum alten Onkel, und der erzählte mir nachstehende Sage:

Das Weib mit dem goldenen Kamme

Vor vielen Jahren begab es sich, dass drei Knaben am Kirchsee beim Schlossberge spielten. Da kamen sie denn auch auf den Gedanken, hinein zu gehen in das Gewölbe, um zu erfahren, wie es eigentlich darin aussehen möge; und da es furchtlose Buben waren, so traten sie ihre Wanderung bald an.

Das Weib mit dem goldenen Kamme

Das erste Gewölbe war nur schmal und nichts darin, als die nackten Wände. Bald gelangten sie an eine offenstehende Tür und kamen in ein zweites, das freilich auch leer war, doch bedeutend geräumiger erschien. Nachdem sie nun eine geraume Zeit umher getappt hatten, denn es war ziemlich finster darin, sahen sie aus der Ferne ein Licht schimmern. Darauf steuerten sie los und erreichten ein drittes Gewölbe, das sich saalartig erweiterte. In der Mitte hing eine Ampel, die das ganze Gemach erhellte. Die Wände waren mit Perlen bedeckt, welche wunderbar funkelten. Große Haufen Goldes lagen allenthalben aufgespeichert, und köstliche Prunkgefäße standen hie und da in den Nischen. Dem Eingange gegenüber stand ein eichener Tisch, daneben erblickten sie einen Stuhl, darauf saß eine steinalte, schlafende Frau in abenteuerlicher Kleidung, die hielt in ihrer rechten Hand einen großen goldenen Kamm, und zu ihren Füßen lag ein schwarzer, zottiger Pudel mit stechenden Augen. Betroffen blieben die Kinder am Eingange stehen.

Als der Hund die Knaben sah, sprang er auf und zeigte seinen großen Zähne. Da wurde es den Kindern unheimlich, sie fingen an laut zu schreien und wollten davon laufen, konnten aber nicht, mussten vielmehr wie gebannt stehen bleiben. Über das Geschrei erwachte die Alte, rieb sich die Augen und sprach zu den Kindern: "Kinnekens, kaamt man ranne na mie, de Pudel deit Juch nicks." ("Kinderchen, kommt nur heran zu mir, der Pudel tut euch nichts.")

Allein die Kinder standen da, als wären sie Bildsäulen geworden, hätte nicht ihr Zittern verraten, dass sie noch lebten. Das Weib aber fing an zu lachen und sagte: "Kaamt doch man heer, Jieh heft dat Hoor Juch nich kämmt. Kiekt, ick will Juch uck mit dissen golden Kamm kämm’n. Kämm’n mach ick giern, un dat is all lang heer, as ick dat letzte Kind kämmt heff." ("Kommt doch nur her, ihr habt das Haar euch nicht gekämmt. Seht, ich will euch mit diesem goldenen Kamm kämmen. Kämmen mag ich gerne, und das ist schon lange her, als ich das letzte Kind gekämmt habe.")

Die Angst der armen Knaben wurde immer größer, sie wussten nicht, was sie tun sollten. Das Weib aber redete immer freundlicher: "So kaamt doch man; wer kümmt sall uck von dat Geld sich all de Taschen full stäken." ("So kommt doch nur; wer kommt, soll auch von dem Gelde sich all die Taschen voll stecken.")

Da ging der eine Knabe hin zu dem Weibe. Diese nahm sogleich ihren goldenen Kamm und fing an, damit dem Knaben die Haare zu kämmen. Man denke sich aber das Entsetzen der beiden andern, denn mit dem ersten Strich, den das Weib mit dem goldenen Kamm über das Haar machte, verwandelte es sich in zottiges Pudelhaar, und je länger sie kämmte, desto mehr nahm ihr Spielgenosse die Gestalt eines Pudels an.

Bleich vor Schrecken und Angst rannten die beiden Knaben davon, erreichten auch glücklich den Ausgang; hier aber brachen ihre Kräfte zusammen und bewusstlos fielen sie nieder.

Zu Hause erzählten die Kinder von ihrem unglücklichen Kameraden und was sie gesehen. Anfänglich achtete man ihrer Aussage nicht, als jedoch der dritte Knabe nicht wieder kam, und auch die beiden andern bald starben, da mied man die Stelle soviel als möglich, und kein Kind hat wieder den Ort besuchen mögen.

Das Weib mit dem goldenen Kamme

Alle zehn Jahre, nachts um die zwölfte Stunde, soll aber das Weib mit dem goldenen Kamm ihre Pudel auf den Schlossberg schicken, die dann die Kühe, welche dort weiden, um die Kirche hetzen. Niemand sieht freilich die Pudel, und bellen können sie auch nicht; aber das Vieh soll ängstlich brüllen und arg rennen, also muss es doch wohl wahr sein.

(Albert Niederhöffer, 1828-1881 – überliefert von C. Struck zu Dargun)

Verwendete Bilder sind von:
© Dana
Bild 1 und Bild 5: Kirchdorfer Kirche
Bild 2:                    Wallanlage
Bild 3:                    Kirchsee
Bild 4:                    Ausgang vom Kirchhof zum Schlossberg

 

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Dat is mien Kopp – eine Sage aus Niedersachsen

Samstag, Dezember 31st, 2011

pixelio.de - Dat is mien Kopp 

In Golzwarden bei Brake saßen einst spät abends Zecher im Wirtshaus. Da kam die Rede auf Gespenster, und einer meinte, er fürchte sich nicht vor den Toten. Zuletzt wettete er, dass er in der Mitternachtsstunde auf den Kirchhof gehen und einen Totenkopf aus dem Leichenhause holen wolle.

Er ging auch hin und griff unter den Knochen herum, bis er einen Totenkopf fand. "Den hebb ick funnen", sagte er für sich. Da antwortete eine Stimme "dat is mien Kopp". Er warf ihn fort, suchte und fand einen zweiten und sagte "da hebb ick wedder een." Gleich erklang es "dat is mien Vader sin Kopp." Der Mann warf den Kopf fort und suchte den dritten. "Da hebb ick den drüdden", rief er, als er wieder einen gefunden hatte. Da erklang es zum dritten Male "dat is mien Grotvader sien Kopp."

"Und wenn he den Deuwel sine Grotmoder tohört, so nehm ick’n doch mit", rief er und eilte mit dem Kopf davon, aber Angst hatte er doch, und als er bei seinen Genossen ankam, war er in  Schweiß gebadet.

(Peter Friedrich Ludwig Strackerjahn, 1825-1881)

Verwendetes Bild ist von:
© Andrea Damm/www.pixelio.de

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Rasenmeer – eine Sage aus Niedersachsen

Samstag, Dezember 31st, 2011

 pixelio.de - Rasenmeer

In einer der großen Sturmfluten, die unsere Küste von Zeit zu Zeit verwüsten, waren die Deiche Jeverlands an vielen Stellen durchbrochen, am breitesten und tiefsten in der Nähe des Kirchdorfs Wiarden, das damals noch näher an der See lag als jetzt, wo sich das alte Wangerland mit einem breiten Saum fruchtbarer Groden umgürtet hat. Zwar war das Meer schon in seinen alten Stand zurückgewichen, aber täglich rollte die Flut wieder über das Land hin und zerstörte die schwachen Werke, die von den Bewohnern aufgerichtet wurden. Die einzelnen Spaten voll Erde, die eine Menschenhand bewegte, konnten nicht widerstehen; wenn nicht ganze Wagen voll Erde auf einmal in die Lücke gebracht werden konnten, durfte man nicht hoffen, den Deich wieder herzustellen. Aber niemand wagte es, mit einem Wagen in die brausende Flut hineinzufahren, deren Tiefe man nicht kannte, und die nach der Höhe der Wogen zu urteilen unergründlich schien.

Da versprach man demjenigen, welcher zuerst mit einer Ladung Erde durch das Wasser fahren würde, alles Land, das in der Nähe des Deichbruchs lag. Lange ging niemand ein auf das lockende Gebot, bis endlich ein junger Bursche auf einen bereit stehenden Wagen sprang und kühn die Pferde in die Flut trieb. Voll Erstaunen rief das Volk "de rasenden Mähren"! und gab das Leben des Burschen wie der Tiere auf, aber mutig sttrebte das Gespann vorwärts und erreichte das jenseitige Ufer. Nun war der erste Schritt getan, andere folgten nach, und bald erhob sich der Deich in alter Höhe. Das Land, welches man dem Burschen versprochen hatte, wurde in ein Gut vereinigt und heißt bis auf den heutigen Tag Rasenmeer.

pixelio.de - Rasenmeer

(Peter Friedrich Ludwig Strackerjahn, 1825-1881)

Verwendete Bilder sind von:
© Thomas (Bild 1)
©  Lupo (Bild 2)
www.pixelio.de

 

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Das harte Gelübde – eine Sage aus Hessen

Donnerstag, Dezember 29th, 2011

 pixelio.de - Das harte Gelübde

Ein Edelknabe, von Dalwigk, hat zwischen Landgraf Heinrich (Vater Ottos des Schützen) und seiner Gemahlin Elisabeth ein großes Unheil angestiftet, indem er seinem Herrn dem Landgrafen beigebracht, als ob seine Gemahlin ihm nicht treu wäre.

Wie der Landgraf dies gehört, wird er sogleich von Zorn und Affekten übermannt und tut ein hartes Gelübde, er wolle sie von nun an nimmermehr berühren.

Obzwar hernach ihre Unschuld an den Tag kam und ihn das getane Gelübde reute, wollte er seinen Sinn doch nicht ändern und blieb immer dabei, indem er sich einredete, es müsse ein Fürst sein Wort so rein halten wie das heilige Evangelium.

Einstmals kommt ihm seine Gemahlin, aufs prächtigste geschmückt und mit liebreizender Freundlichkeit, unter die Augen, in der Hoffnung, er würde sie umfangen. Aber er hat ihr gesagt: "Ach Elisabeth, du bist ein schönes Weib, aber um mein Wort wahr zu halten, komme ich nimmermehr an deinen Leib."

Als ihr Bruder Friedrich, Landgraf in Thüringen, solches erfuhr, hat er sie mit ihren Jungfrauen von Kassel nach Eisenach holen lassen und dort ist sie dann im Jahr 1347 gestorben.

(Johann Justus  Winkelmann, 1620-1699)

Verwendetes Bild ist von:
© chocolat01/www.pixelio.de

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