Der Doktor mit den Böcken – eine Sage aus Baden-Württemberg
Donnerstag, November 5th, 2009
Vor uralten Zeiten wohnte auf einer Anhöhe des Eichelberges bei Wertheim, etwa zwei Büchsenschüsse vom Eicheltor entfernt, in einem großen Gebäude ein alter Doktor, der zwar in der Arzneikunst und auch noch in anderen Künsten sehr erfahren war, aber in der Stadt in keinem guten Rufe stand.
Man hielt ihn für einen Wettermacher, und weil er mutterseelenallein in dem alten Baue hauste, so konnte es nicht anders sein: bloß mit Hexen und Gespenstern musste er Umgang pflegen. Er wäre auch ganz gewiss von niemand in der Stadt besucht worden, wenn nicht seine große Geschicklichkeit in der Heilkunst die Leute manchmal vor seine Türe gezogen hätte.
Hier musste man schellen. Streckte der Doktor nicht sogleich seinen Kopf aus dem Fenster, um nach dem Läutenden auszusehen, so war dies kein gutes Zeichen. Da durfte man nur wieder nach Hause gehen. Denn dem Kranken, dessenthalben man gekommen, war nicht mehr zu helfen. Sah er aber heraus und fragte nach dem Begehr, so durfte man schon guten Mutes sein.
Der Doktor besuchte dann den Kranken und verschrieb ihm Arznei, die ihm bestimmt und sicher die Gesunheit wieder zurückgab. Dabei war aber merkwürdig, dass der Doktor nie zu Fuße sich zu einem Kranken begab. Er kam jedesmal in einem kleinen Wägelchen angefahren, welches von zwei großen, schwarzen Böcken gezogen wurde.

Eines Abends schaute der Doktor von seinem Garten aus herunter in den Main, da fuhr ein großer Nachen voller schöner Mädchen im Strom herab, die mit Gesang sich belustigten. Um sie genauer beobachten zu können, nahm er sein Fernrohr und musterte eine nach der andern. Als er an die Jüngste kam, machte diese einen solchen Eindruck auf sein Herz, dass er vor plötzlich entstandener Liebespein sich nicht zu raten und zu helfen wusste.
Er sah nach, solange es ging. Da bemerkte er, dass die Mädchen nicht fern von seiner Wohnung bei einem Schlosse ausstiegen, welches da stand, wo jetzt die "Weiße Scheuer" steht. Es waren ihrer zwölfe, eine schöner als die andere. Sie lebten hier in ihrem Schlosse zusammen in schwesterlicher Eintracht; in der einen Woche kochte diese, in der anderen jene, und so ging es reihum fort, bis das Jahr herum war.
Kaum schien ihm am anderen Morgen die schickliche Zeit zum Besuch herangekommen, da spannte er seine Böcke an den Wagen, fuhr hinab ins Schloss und brachte unter Anpreisung aller Vorteile, die er bieten könne, seinen Heiratsantrag vor. Die Schlossjungfrauen kamen darüber in sonderbare Stimmung; sie wussten nicht, sollten sie in Lachen herausplatzen oder den alten Freier im langen Spitzbarte sogleich abweisen.
Endlich sagte die Älteste: "Lasst uns drei Tage Zeit, dass wir Eure Wünsche überlegen können. Nach Verlauf dieser Frist meldet Euch wieder, Ihr sollt dann Bescheid erhalten." Der Doktor konnte dagegen nichts einwenden; er bestieg daher sein Wägelchen wieder und fuhr mit seinen Böcken ab.
Nach Verlauf von drei Tagen stand abermals das Bocksgespann vor dem Schlosse. Die Jungfrauen, umgeben von vielen Mädchen aus der Stadt, die sie zur Festlichkeit eingeladen hatten, empfingen den Freier am geschmückten Tore und führten ihn hinauf in den prachtvollen Saal. Hier saß auf einem Stuhl eine tief in Gewänder und Schleier gehüllte Gestalt, und man bedeutete ihm, er solle nur den Schleier heben und seine Braut umarmen. Wer war schneller bereit, dies zu tun, als der Doktor? Rasch trat er hinzu und hob der tiefverhüllten Gestalt den Schleier vom Angesicht.
Aber, o Himmel! Statt eines schönen Mädchens schaute ihn eine alte Katze an, die ihn mit lautem Miau willkommen hieß. Dieser Spott ergrimmte den Doktor so, dass er racheschnaubend aus dem Schloss fortstürzte, seinen Bockswagen bestieg und wie Sturm und Ungewitter nach Hause fuhr. Hier suchte er aus seinen Büchern die stärksten Zaubersprüche auf und eilte nachts zwischen elf und zwölf Uhr zur Vollführung seiner Rache zurück zum Schlosse, wo es noch recht lustig zuging.
"Seid das, womit ihr mich verhöhnt habt", schrie er wütend, als er in den zahlreichen Mädchenkreis eintrat und seine Zaubergeschichten losließ. Da waren auf einmal alle Mädchen in Katzen verwandelt, die nun mit lautem Schreien davonrannten. Zugleich kam ein Sturm, als sollte die Welt untergehen. Der Main schwoll an wie beim größten Hochwasser und untergrub das Grundgemäuer des Schlossturmes, so dass es mit lautem Krachen einstürzte.
Am andern Tag sah man vom Schlosse nichts mehr als den halbzerstörten Nebenbau, den man später in eine Scheuer verwandelte, die noch jetzt als "weiße Scheuer" mit der Jahrzahl 1565 auf dem alten Platze steht. Dass diese Scheuer aber vormals etwas anderes war, kann man noch jetzt daraus erkennen, dass die Balken der Decke und die Felder dazwischen bemalt sind, was doch sonst bei Scheuern nicht stattzufinden pflegt.
Auch ist gewiss, dass im Grunde des Baues noch große Schätze verborgen sind. Noch zu Mannes Gedenken sah man neben einem Pfeiler den oberen Teil eines vermauerten Eingangs zu einem Keller, der tief unter das Strombett des Mains hinabreicht. Wer da hineinkäme, könnte sein Glück machen! Aber man muss ein Güldensonntagskind sein, sonst erlangt man die Schätze nicht.

Die Schlossjungfrauen sind auch noch nicht erlöst. Immer noch sieht man von Zeit zu Zeit sie als Katzen im Baue selbst oder in seiner Nähe sich herumtreiben. Am besten wusste davon zu erzählen der alte Fischer Schreck, ein achtbarer Mann (gestorben 1847), der zu Lebzeiten gewöhnlich "der Mailand" genannt wurde, weil Mailanddonnerwetter ein Lieblingsfluch war, den man oft von ihm hörte. Einst legte er mit seinem Waidnachen zwischen elf und zwölf Uhr nachts am Ufer bei der weißen Scheuer an, um ein kleines Geschäft zu verrichten. Als er wieder zurückkehrte, um sein Schiff zu besteigen, fand er dieses mit lauter Katzen angefüllt.
"Mailanddonnerwetter! Was ist das?!" rief er; "sind die Katzen Herr in meinem Waidschelch oder ist’s der Schreck? Heraus, heraus!" – aber wer nicht entwich, waren die Katzen; sie blieben ruhig darin und sahen ihn nur mit glühenden Augen an. Da nahm er Steine, wie er sie packen konnte, groß und klein, und suchte damit seine unerwünscht Schiffsgesellschaft zu vertreiben.
Allein es ging nicht. Entweder flogen die Steine zu hoch oder zu tief, kurz: keiner von den vielen Hunderten, die er schleuderte, fiel in den Waidschelch, obgleich er ganz nahe dabei war. Als das Werfen ihn müde gemacht hatte, dachte er: "Nun, ich will doch sehen, wie es weitergeht." Er blieb also ruhig stehen und beobachtete die Katzen drei Stunden lang in seinem Schelch, bis plötzlich in der Nähe ein Hahn krähte. Da waren die Katzen wie weggeblasen.
Auch der Doktor mit den Böcken lässt sich noch zeitweise sehen. Der arge Schimpf, der ihm angetan worden, lässt ihm keine Ruhe im Grab. Jedes Jahr, wenn der Tag wieder erscheint, wo seine Freierei ein so übles Ende nahm, fährt er nachts zwischen elf und zwölf Uhr von dem Platze, wo seine Wohnung stand, die Eichelsteige herab. Aus den Rädern seines Wagens fahren die Funken handvollweise, die Böcke speien Feuer und ihre Augen leuchten wie glühende Kohlen.
Sobald er der weißen Scheuer naht, springen deren Torflügel auf, als ob ein Sturmwind sie auseinanderrisse. Der Doktor fährt hinein, hetzt die Katzen von Gemach zu Gemach und kehrt beim Hahnkrähen wieder zu seiner Wohnung auf der Höhe zurück.
Alte Männer erinnern sich, dass vor sechzig bis siebzig Jahren von des Doktors Wohnung noch ein Überrest sich vorfand. Es war ein Gewölbe, etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Fuß tief, in welches sich die Knaben, die auf der Eichelsteige ihre Schweine hüteten, gewöhnlich bei schlechtem Wetter zu flüchten pflegten. Seitdem brach man die Trümmer ab und erbaute auf der Stelle das noch dastehende Gartenhäuschen, von wo aus man eine herrliche Aussicht ins Maintal genießt.

(A. Fries)
Verwendete Bilder sind von:
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Etliche von den Dienern schafften daraufhin die Brote aus dem Wagen. Wie freuten sich da die bettelnden Menschen, denn sie glaubten, dass endlich etwas an sie verteilt würde. Als aber die Armen sahen, wie die köstlichen Brote in den Kot gelegt wurden und wie die hartherzige Braut über sie hinwegschritt, da wandten sich alle empört gegen diesen Frevel.



Eines Tages brachte ihr das Weiblein einige Stücke gediegenen Goldes. 

Als nun am Neujahrstag die Prasberger mit ihren Mannen gegen
Damals lebte auf Eberstein ein Burgvogt, ein gar harter Mann. Der zwang die Mägde im Frauenhaus Tag und Nacht zur Arbeit und gönnte ihnen weder Ruhe noch einen Bissen Brot. Unter den Mägden war eine junge, schmucke Dirne, Klara mit Namen. Diese hatte der Schlossgärtner sehr lieb, und sie mochte ihn gleichfalls gern.
Das Gesicht des Bergweibleins verfinsterte sich.


Dem Schultheißen von Bopfingen flog einmal ein Kanarienvogel weg. Da ließ er schnell bekanntmachen, man solle alle Tore sorgfältig verschließen, damit der Vogel nicht aus dem Städtchen fliegen könne.



