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Archive for the ‘Baden-Württemberg’ Category

Der Doktor mit den Böcken – eine Sage aus Baden-Württemberg

Donnerstag, November 5th, 2009

pixelio.de - Der Doktor mit den Böcken

Vor uralten Zeiten wohnte auf einer Anhöhe des Eichelberges bei Wertheim, etwa zwei Büchsenschüsse vom Eicheltor entfernt, in einem großen Gebäude ein alter Doktor, der zwar in der Arzneikunst und auch noch in anderen Künsten sehr erfahren war, aber in der Stadt in keinem guten Rufe stand.

Man hielt ihn für einen Wettermacher, und weil er mutterseelenallein in dem alten Baue hauste, so konnte es nicht anders sein: bloß mit Hexen und Gespenstern musste er Umgang pflegen. Er wäre auch ganz gewiss von niemand in der Stadt besucht worden, wenn nicht seine große Geschicklichkeit in der Heilkunst die Leute manchmal vor seine Türe gezogen hätte.

Hier musste man schellen. Streckte der Doktor nicht sogleich seinen Kopf aus dem Fenster, um nach dem Läutenden auszusehen, so war dies kein gutes Zeichen. Da durfte man nur wieder nach Hause gehen. Denn dem Kranken, dessenthalben man gekommen, war nicht mehr zu helfen. Sah er aber heraus und fragte nach dem Begehr, so durfte man schon guten Mutes sein.

Der Doktor besuchte dann den Kranken und verschrieb ihm Arznei, die ihm bestimmt und sicher die Gesunheit wieder zurückgab. Dabei war aber merkwürdig, dass der Doktor nie zu Fuße sich zu einem Kranken begab. Er kam jedesmal in einem kleinen Wägelchen angefahren, welches von zwei großen, schwarzen Böcken gezogen wurde.

pixelio.de - Der Doktor mit den Böcken

Eines Abends schaute der Doktor von seinem Garten aus herunter in den Main, da fuhr ein großer Nachen voller schöner Mädchen im Strom herab, die mit Gesang sich belustigten. Um sie genauer beobachten zu können, nahm er sein Fernrohr und musterte eine nach der andern. Als er an die Jüngste kam, machte diese einen solchen Eindruck auf sein Herz, dass er vor plötzlich entstandener Liebespein sich nicht zu raten und zu helfen wusste.

Er sah nach, solange es ging. Da bemerkte er, dass die Mädchen nicht fern von seiner Wohnung bei einem Schlosse ausstiegen, welches da stand, wo jetzt die "Weiße Scheuer" steht. Es waren ihrer zwölfe, eine schöner als die andere. Sie lebten hier in ihrem Schlosse zusammen in schwesterlicher Eintracht; in der einen Woche kochte diese, in der anderen jene, und so ging es reihum fort, bis das Jahr herum war.

pixelio.de - Der Doktor mit den BöckenKaum schien ihm am anderen Morgen die schickliche Zeit zum Besuch herangekommen, da spannte er seine Böcke an den Wagen, fuhr hinab ins Schloss und brachte unter Anpreisung aller Vorteile, die er bieten könne, seinen Heiratsantrag vor. Die Schlossjungfrauen kamen darüber in sonderbare Stimmung; sie wussten nicht, sollten sie in Lachen herausplatzen oder den alten Freier im langen Spitzbarte sogleich abweisen.

Endlich sagte die Älteste: "Lasst uns drei Tage Zeit, dass wir Eure Wünsche überlegen können. Nach Verlauf dieser Frist meldet Euch wieder, Ihr sollt dann Bescheid erhalten." Der Doktor konnte dagegen nichts einwenden; er bestieg daher sein Wägelchen wieder und fuhr mit seinen Böcken ab.

Nach Verlauf von drei Tagen stand abermals das Bocksgespann vor dem Schlosse. Die Jungfrauen, umgeben von vielen Mädchen aus der Stadt, die sie zur Festlichkeit eingeladen hatten, empfingen den Freier am geschmückten Tore und führten ihn hinauf in den prachtvollen Saal. Hier saß auf einem Stuhl eine tief in Gewänder und Schleier gehüllte Gestalt, und man bedeutete ihm, er solle nur den Schleier heben und seine Braut umarmen. Wer war schneller bereit, dies zu tun, als der Doktor? Rasch trat er hinzu und hob der tiefverhüllten Gestalt den Schleier vom Angesicht.

Aber, o Himmel! Statt eines schönen Mädchens schaute ihn eine alte Katze an, die ihn mit lautem Miau willkommen hieß. Dieser Spott ergrimmte den Doktor so, dass er racheschnaubend aus dem Schloss fortstürzte, seinen Bockswagen bestieg und wie Sturm und Ungewitter nach Hause fuhr. Hier suchte er aus seinen Büchern die stärksten Zaubersprüche auf und eilte nachts zwischen elf und zwölf Uhr zur Vollführung seiner Rache zurück zum Schlosse, wo es noch recht lustig zuging.

"Seid das, womit ihr mich verhöhnt habt", schrie er wütend, als er in den zahlreichen Mädchenkreis eintrat und seine Zaubergeschichten losließ. Da waren auf einmal alle Mädchen in Katzen verwandelt, die nun mit lautem Schreien davonrannten. Zugleich kam ein Sturm, als sollte die Welt untergehen. Der Main schwoll an wie beim größten Hochwasser und untergrub das Grundgemäuer des Schlossturmes, so dass es mit lautem Krachen einstürzte.

Am andern Tag sah man vom Schlosse nichts mehr als den halbzerstörten Nebenbau, den man später in eine Scheuer verwandelte, die noch jetzt als "weiße Scheuer" mit der Jahrzahl 1565 auf dem alten Platze steht. Dass diese Scheuer aber vormals etwas anderes war, kann man noch jetzt daraus erkennen, dass die Balken der Decke und die Felder dazwischen bemalt sind, was doch sonst bei Scheuern nicht stattzufinden pflegt.

Auch ist gewiss, dass im Grunde des Baues noch große Schätze verborgen sind. Noch zu Mannes Gedenken sah man neben einem Pfeiler den oberen Teil eines vermauerten Eingangs zu einem Keller, der tief unter das Strombett des Mains hinabreicht. Wer da hineinkäme, könnte sein Glück machen! Aber man muss ein Güldensonntagskind sein, sonst erlangt man die Schätze nicht.

pixelio.de - Der Doktor mit den Böcken

Die Schlossjungfrauen sind auch noch nicht erlöst. Immer noch sieht man von Zeit zu Zeit sie als Katzen im Baue selbst oder in seiner Nähe sich herumtreiben. Am besten wusste davon zu erzählen der alte Fischer Schreck, ein achtbarer Mann (gestorben 1847), der zu Lebzeiten gewöhnlich "der Mailand" genannt wurde, weil Mailanddonnerwetter ein Lieblingsfluch war, den man oft von ihm hörte. Einst legte er mit seinem Waidnachen zwischen elf und zwölf Uhr nachts am Ufer bei der weißen Scheuer an, um ein kleines Geschäft zu verrichten. Als er wieder zurückkehrte, um sein Schiff zu besteigen, fand er dieses mit lauter Katzen angefüllt.

"Mailanddonnerwetter! Was ist das?!" rief er; "sind die Katzen Herr in meinem Waidschelch oder ist’s der Schreck? Heraus, heraus!" – aber wer nicht entwich, waren die Katzen; sie blieben ruhig darin und sahen ihn nur mit glühenden Augen an. Da nahm er Steine, wie er sie packen konnte, groß und klein, und suchte damit seine unerwünscht Schiffsgesellschaft zu vertreiben.

Allein es ging nicht. Entweder flogen die Steine zu hoch oder zu tief, kurz: keiner von den vielen Hunderten, die er schleuderte, fiel in den Waidschelch, obgleich er ganz nahe dabei war. Als das Werfen ihn müde gemacht hatte, dachte er: "Nun, ich will doch sehen, wie es weitergeht." Er blieb also ruhig stehen und beobachtete die Katzen drei Stunden lang in seinem Schelch, bis plötzlich in der Nähe ein Hahn krähte. Da waren die Katzen wie weggeblasen.

Auch der Doktor mit den Böcken lässt sich noch zeitweise sehen. Der arge Schimpf, der ihm angetan worden, lässt ihm keine Ruhe im Grab. Jedes Jahr, wenn der Tag wieder erscheint, wo seine Freierei ein so übles Ende nahm, fährt er nachts zwischen elf und zwölf Uhr von dem Platze, wo seine Wohnung stand, die Eichelsteige herab. Aus den Rädern seines Wagens fahren die Funken handvollweise, die Böcke speien Feuer und ihre Augen leuchten wie glühende Kohlen.

Sobald er der weißen Scheuer naht, springen deren Torflügel auf, als ob ein Sturmwind sie auseinanderrisse. Der Doktor fährt hinein, hetzt die Katzen von Gemach zu Gemach und kehrt beim Hahnkrähen wieder zu seiner Wohnung auf der Höhe zurück.

Alte Männer erinnern sich, dass vor sechzig bis siebzig Jahren von des Doktors Wohnung noch ein Überrest sich vorfand. Es war ein Gewölbe, etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Fuß tief, in welches sich die Knaben, die auf der Eichelsteige ihre Schweine hüteten, gewöhnlich bei schlechtem Wetter zu flüchten pflegten. Seitdem brach man die Trümmer ab und erbaute auf der Stelle das noch dastehende Gartenhäuschen, von wo aus man eine herrliche Aussicht ins Maintal genießt.

pixelio.de - Der Doktor mit den Böcken

(A. Fries)

Verwendete Bilder sind von:
© Reiner Durst/PIXELIO (Bild 1 – Wertheim)
© BrandtMarke/PIXELIO (Bild 2)
© Günter Havlena/PIXELIO (Bild 3)
© Sven Hesselbach/PIXELIO (Bild 4)
© fotonolei/PIXELIO (Bild 5 – Wertheim)
www.pixelio.de

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Ein zweiter Geßler – eine Sage aus Baden-Württemberg

Mittwoch, Juli 22nd, 2009

pixelio.de - Ein zweiter Geßler 

In der Stadt Königshofen an der Tauber wohnte ein Edelmann. Der verlangte von seinen Untertanen die gleichen Achtungsbezeigungen vor seinem Hut, den er außerhalb des Ortes auf einen Pfahl stecken ließ, wie einst der Landvogt Geßler in der Schweiz. http://maerchen.phantasieblogs.de/wilhelm-tell-eine-sage/

Der Königshofener schoss von seinem Fenster aus jeden nieder, der sich diesem Gebot widersetzte. Die Bürger waren darüber so empört, dass sie sein Haus stürmten und ihn zum Fenster des oberen Stockwerks hinausstürzten. Dann schlossen sie sich dem damals ausgebrochenen Bauernkrieg an.

(August Schnezler, 1809-1853)

Verwendetes Bild ist von:
© Gitti/PIXELIO
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Der Brautbrunnen – eine Sage aus Baden-Württemberg

Mittwoch, Juli 22nd, 2009

pixelio.de - Der Brautbrunnen

Drei Tage noch, und die reiche Braut des jungen Ehrenfried von Sponeck sollte in seine Burg einziehen. Zwölf prächtig gewappnete Edelknechte begaben sich nach Landeck hinüber, um am bestimmten Tage die Braut zu ihrem künftigen Gemahl zu geleiten. Auf Landeck herrschte fröhliches Leben. Die Burgfrau ließ es an nichts fehlen, und mit stolzen Blicken sah die junge Braut auf die Menge, die festlich bewirtet wurde.

"Du wirst mit deiner Freigebigkeit die Leute gewiss verwöhnen, Mutter", sagte Brigitte, die Braut. "Es ist nicht gut, ihnen das Joch vom Halse zu nehmen."

"Ei, Kind, sei nicht so hart an dem Tage, der dir Glück bringen soll!" ermahnte sie die Mutter. "Es ist besser, die Menschen lieben uns, als dass sie uns Böses wünschen und uns verfluchen. Deine strenge und oft ungerechte Art musst du jetzt ablegen. Schwerlich wird dein künftiger Gemahl dulden, was ich bisher zugelassen habe, zumal er ein gar mildes Herz haben soll."

"Wie, Mutter! Soll sich mein Gemahl nicht nach mir richten?" erwiderte die hochfahrende Tochter. "Er wird es bald begreifen. Ich will ihn streng in die Schule nehmen! Und wird Ehrenfried von Sponeck binnen einem Jahr es nicht lernen, sich meinem Willen unterzuordnen, so wirst du mir die Tore unserer Burg nicht verschließen, wenn ich hierher zurückkehren möchte."

"Welche Gedanken!" rief die Mutter entsetzt. Und fürwahr, man durfte das Fräulein von Landeck nur einiges sprechen hören oder eine Stunde in ihrer Gesellschaft zubringen: Ihren Charakter hatte man bald erkannt.

Die Braut schied von ihrer Mutter. In einer Sänfte wurde sie aus der Burg getragen. Die zwölf Edelknaben von Sponeck geleiteten sie. Es folgte ein Wagen, den die Brautmutter mit Gaben für die Armen hatte füllen lassen, die sicher dem Brautzug allerorten nachziehen würden.

pixelio.de - Der Brautbrunnen

Nicht Sonnenschein begleitete die hochzeitliche Fahrt, sondern aus trüben, flüchtigen Wolken folgte den ganzen Vormittag Regenschauer auf Regenschauer. Zwar murrte die junge Braut; aber ändern konnte sie es nicht. "Ich will mich dafür an dem armen Gesindel rächen!" sagte sie übelgelaunt. "Es darf ihm weder Brot noch Wein ausgeteilt werden!"

Mehr als fünfzig Hungrige stürmten der Sänfte nach. Sie riefen, flehten. Unerbittlich blieb die böse Braut. Sie gab nichts.

Mittag war vorüber. Am Wege, auf dem sich der Zug dahinbewegte, sprudelte ein Brünnlein, und sein kristallhelles Wasser rauschte lustig. "Von diesem Wasser möchte ich trinken; selbst werde ich mir das Wasser schöpfen!" rief das Fräulein von Landeck, und die Sänfte musste halten. Beim Aussteigen zögerte das Fräulein und sagte: "Ich will meine Schuhe nicht beschmutzen. Holt mir deshalb sofort viele Brote aus dem Wagen. Bereitet einen Pfad bis zur Quelle, damit ich, ohne mich zu beschmutzen und Schaden zu nehmen, auf ihnen gehen kann!"

Die Edelknaben, die die Braut begleiteten, erbebten, als sie das hörten. Schweigend sahen sie einander an. Endlich wagte einer zu widersprechen. Doch das Fräulein schrie voll Zorn: "Wer wagt es, meine Befehle und Wünsche nur saumselig oder gar nicht zu erfüllen! Seid ihr so erzogen? Ich werde andere Zucht unter euch bringen! Schnell meinen Willen ausgeführt, wenn euch meine Gnade erhalten bleiben soll."

pixelio.de - Der BrautbrunnenEtliche von den Dienern schafften daraufhin die Brote aus dem Wagen. Wie freuten sich da die bettelnden Menschen, denn sie glaubten, dass endlich etwas an sie verteilt würde. Als aber die Armen sahen, wie die köstlichen Brote in den Kot gelegt wurden und wie die hartherzige Braut über sie hinwegschritt, da wandten sich alle empört gegen diesen Frevel.

Dreimal hatte sich Brigitte hinuntergebeugt; dreimal hatte sie aus dem silbernen Becher getrunken. Noch einmal beugte sie sich nieder. Doch siehe da! Der Boden wich unter ihren Füßen, öffnete sich, und mit einem entsetzlichen Schrei war das Fräulein von Landeck versunken und verschwunden.

Bestürzung ergriff die zuschauende Menge. In wilder Unordnung stürzten die einen da-, die andern dorthin. Niemand wagte, vom Brot oder Wein etwas zu nehmen. Einige Diener von Landeck sammelten sich endlich wieder, hoben die zertretenen Brote auf und kehrten um nach ihrer Burg. Die Edelknaben von Sponeck aber spornten ihre Rosse an und eilten im schnellsten Galopp mit der Schreckensbotschaft zur Burg des Bräutigams.

An der Straße von Emmendingen nach Altbreisach - zwischen Eichstätten und Bötzingen - floss noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts der Brautbrunnen. Im Volksmund hieß er der "Britte-Brunne" (von "Britte" gleich Braut).

(August Schnezler, 1809-1853)

Verwendete Bilder sind von:
© simon45/PIXELIO (Bild 1)
© EmmaN/PIXELIO (Bild 2)
© Waltraud Kugler/PIXELIO (Bild 3)
www.pixelio.de

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Die drei Jungfrauen aus dem See – eine Sage aus Baden-Württemberg

Dienstag, Juli 21st, 2009

 pixelio.de - Die drei Jungfrauen aus dem See

Ungefähr in der Mitte des schönen Tals von Oberkappel - dort, wo der Weg zum Mummelsee hinaufführt – liegt der Weiler Seebach. Wie in vielen Gegenden Deutschlands, so war es auch hier Sitte, dass an langen Winterabenden die jungen Mädchen mit ihren Spinnrocken sich abwechselnd in einer der Wohnungen versammelten, um sich beim Spinnen die Zeit durch Singen und Plaudern zu vertreiben. Auch die jungen Burschen aus dem Ort pflegten sich dazu einzufinden.

Als vor vielen Jahren eines Abends in der Spinnstube des Bauern Erlfried alle munter und guter Dinge waren, öffnete sich leise die Tür, und es traten drei weißgekleidete Jungfrauen von ausnehmender Schönheit ein. Jede hatte ein niedliches Spinnrädchen von seltsamer Form in der Hand. Sie begrüßten die Gesellschaft, und eine der drei fragte mit sanfter Stimme an, ob man ihnen als friedlichen Nachbarinnen gestatten wolle, an der Unterhaltung in der Spinnstube teilzunehmen.

Augenblicklich wurde dies den drei unbekannten Mädchen zugestanden. Man setzte für sie Stühle in den Kreis, und bald schnurrten ihre Rädchen mit den andern um die Wette. Durch diesen unerwarteten Besuch war freilich die heitere Unbefangenheit etwas gestört worden, und alle empfanden eine gewisse Scheu. Als aber die drei Jungfrauen so freundlich sprachen und mit ihren klaren blauen Augen so offen umherblickten, verloren die andern Spinnerinnen das wundersame, ja unheimliche Gefühl, und bald war die bisherige Munterkeit wiederhergestellt.

pixelio.de - Die drei Jungfrauen aus dem See

Von nun an fehlten die drei Jungfrauen in keiner Spinnstube mehr. Sobald der Abend dämmerte, stellten sie sich mit ihren Spinnrocken ein und plauderten mit den andern. Aber beim elften Glockenschlag nahmen sie Rocken und Hanf und eilten fort. Da half kein Bitten, kein Zureden. Nichts konnte sie bewegen, über die elfte Stunde hinaus zu bleiben.

Niemand wusste, woher sie kamen und wohin sie gingen. Doch raunte man sich bald zu, die drei unbekannten Spinnerinnen seien aus dem Mummelsee, und fortan nannte man sie das "Schwesternkleeblatt vom See". Seitdem sie aber die Spinnstuben im Tal besuchten, fanden sich die Burschen und die Mädchen noch einmal so gern bei diesen Zusammenkünften ein; denn die Seejungfern wussten ihnen gar viele neue Lieder und hübsche Geschichten zu erzählen.

Die Spinnerinnen brachten jedesmal vollere Spulen und feineren Faden als früher nach Hause, wenngleich ihr Gespinnst mit dem der drei Fremden an Zartheit und Silberglanz nicht zu vergleichen war.

Der Sohn des Bauern Erlfried fand an einer der Seejungfrauen besonderes Wohlgefallen. Daher ärgerte er sich auch am meisten darüber, dass die drei an jedem Abend so frühzeitig aufbrachen. Er kam auf den Gedanken, eines Abends die hölzerne Wanduhr um eine Stunde zurückzustellen. Gedacht, getan!

Unter Lachen und Scherzen verfloss auch diesmal die Zeit. Endlich schlug es statt der Mitternachtsstunde elf Uhr. Die drei Jungfrauen nahmen ihr Spinngerät und entfernten sich wie gewöhnlich.

pixelio.de - Die drei Jungfrauen aus dem See

Am Morgen darauf gingen Holzhauer am Mummelsee vorüber. Da vernahmen sie aus der Tiefe ein seltsames Klagen, und auf der Wasseroberfläche schwammen drei große Blutflecke. Der junge Erlfried erkrankte in der gleichen Nacht und starb nach drei Tagen.

Die drei Jungfrauen aus dem See aber wurden nie wieder im Tal gesehen.

(August Schnezler, 1809-1853)

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© Rainer Sturm/PIXELIO (Bild 1 – Schwarzwald + Bild 3 – Mummelsee)
© Paul-Georg Meister/PIXELIO (Bild 2)
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Das Gastmahl ohne Brot – eine Sage aus Baden-Württemberg

Samstag, Juli 4th, 2009

 pixelio.de - Das Gastmahl ohne Brot

Während der Schlacht bei Seckenheim im Juni 1462 kamen auch Scharen des Grafen Ulrich von Württemberg sengend und Land und Saaten furchtbar verwüstend bis in die Gegend von Seckenheim, nahe ans Ufer des Neckars.

Dieser Zug war am Abend geschehen, und schon am folgenden Morgen sah man im Neckartal und um Heidelberg herum die Dörfer in lichten Flammen stehen. Um alle Felder schnell zu verderben, banden die Unholde den Pferden abgehauene Baumäste an die Schweife und zogen so, des Landmanns Saat verheerend, durchs Land.

Nach der Schlacht empfing der siegreiche Kurfürst Friedrich in seiner Burg auf dem Geisberg eine große Zahl der gefangenen Grafen und Edlen, unter denen sich auch Graf Ulrich von Württemberg befand, und bewirtete sie im Rittersaal. Die Tafel war prachtvoll besetzt, der Kurfürst der leutseligste Wirt. Aber es fehlte das Brot auf dem Tisch.

Anfangs warteten die Gäste eine Weile. Dann aber sah sich Graf Ulrich um und hieß die Diener solches bringen.

Da erhob sich Friedrich, nahm den Württemberger bei der Hand und führte ihn ans Fenster, wo man das Neckartal überschauen konnte. "Herr Graf", sprach er mit ernstem Blick und strengem Ton, "blickt um Euch! Seht Ihr, wie Ihr und die Euren dort, wo Wohlstand und Arbeitsamkeit herrschten, durch schwarze Trümmer und versengte Felder den Weg bezeichnet haben? In diesem Sommer gibt’s nichts zu ernten in der Pfalz - dank Euch und Euren Verbündeten. Darum bescheidet Euch! Den Kriegern, die aus bloßem Mutwillen die Saat des Landmanns im Felde zerstören und die Mühlen in Rauch verwandeln, gehört kein Brot!"

(Alfred Reumont, 1808-1887)

Verwendetes Bild ist von:
© Templermeister/PIXELIO
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Das Bergweiblein – eine Sage aus Baden-Württemberg

Donnerstag, Juli 2nd, 2009

pixelio.de - Das Bergweiblein 

Bei Ottenhöfen im Kapplertal schaute einst die Burg Bosenstein - jetzt ist sie nur noch eine Ruine - von einem Hügel herab. Einer der Ritter, die dort hausten, hatte eine einzige Tochter, Ida mit Namen, die ausnehmend schön und gut war. Oft erging sie sich im nahen Walde, pflückte Blumen und Kräuter und lauschte dem Gezwitscher der Vögel. Da gesellte sich von Zeit zu Zeit ein grau gekleidetes Weiblein zu ihr. Durch sein freundliches Wesen und die wundervollen Geschichten, die es ihr erzählte, hatte es bald Idas Gunst gewonnen.

pixelio.de - Das BergweibleinEines Tages brachte ihr das Weiblein einige Stücke gediegenen Goldes. "Da", sagte es, "will ich dir etwas schenken! Solch ein kostbares Spielzeug hat kaum jemand aufzuweisen!" Ida freute sich herzlich über diese Kleinodien. Als sie nach Hause zurückgekehrt war, zeigte sie die Kostbarkeiten eiligst ihrem Vater. Aber dieser Anblick weckte im Herzen des Ritters bald die böse Begierde. Der Gedanke, das Waldweiblein müsse große Vorräte solcher Schätze besitzen, ließ ihm keine Ruhe mehr, und seine Habsucht trieb ihn zu einem unseligen Entschluss.

Tags darauf spielte Ida im Wald, und auch das geheimnisvolle Weiblein hatte sich wieder eingestellt. Da stürzten plötzlich etliche Knechte des Burgherrn aus dem Gebüsch hervor, wo sie gelauert hatten. Ohne auf das Flehen der erschrockenen Ida zu achten, ergriffen sie das Weiblein und schleppten es auf die Burg vor den Ritter von Bosenstein.

Dieser deutete auf das ihm von seiner Tochter überlassene Gold und fuhr das Weiblein mit rauhen Worten an: "Woher hast du diese Stücke?" "Aus meiner Heimat", entgegnete das Bergweiblein. "Ihr müsst ja einen Überfluss an solchen Schätzen haben! Ich befehle dir, mir bis spätestens morgen um diese Zeit zehn Körbe voll davon zu bringen!"

"Ich bin nicht Eure Leibeigene!" gab das Weiblein mit finsterm Blick zurück. "Glaubt nicht, dass ich Euch gehorchen werde!" "So will ich versuchen, ob eine Nacht in meinem Burgverlies dich nicht anderen Sinnes werden lässt!" sprach der Ritter böse.

"Gewiss zum Danke dafür, dass ich Eurem Töchterlein das Gold als Spielzeug gebracht habe?" fragte das Weiblein höhnisch, und seine Worte klangen so unheimlich, dass dem Burgherrn ein Grausen ankam. Doch der Glanz der Goldes überwältigte in ihm schnell jede bessere Regung. Er befahl, die Alte in den Kerker zu werfen, wenn sie nicht versprechen würde, seinem Gebot zu folgen.

Zwar beschwor Ida unter Tränen ihren Vater, er solle ihre Freundin schonen. Aber der habsüchtige Mann blieb ungerührt. Ida bestand nun darauf, mit dem Weiblein in den Kerker gesperrt zu werden; doch der harte Vater riss sie heftig hinweg, und die Alte wurde allein in den Turm geführt, wo sich das Burgverlies befand.

Diesem Abend folgte eine furchtbare Nacht. Ein entsetzlicher Sturm erhob sich. Burg Bosenstein schien in Trümmer zusammenzustürzen. Zwischen dem Grollen des Donners und dem Heulen des Sturms waren seltsame Stimmen und dröhnende Hammerschläge zu vernehmen. Als es endlich Morgen wurde, kam zum Ritter ein Knecht, der ihm meldete, dass die Gefangene durch ein Loch im Turm entflohen sei.

Jetzt ergriff doch ein Bangen das Herz des Burgherrn. Als aber auch noch eine Magd die Nachricht brachte, Idas Bett sei leer und es sei keine Spur von ihr zu finden, da schlug er sich die Faust vor die Stirn und wütete über sich selbst.

Das Burggesinde und die Reisigen durchstreiften die Gegend ringsum. Aber alles Forschen blieb vergeblich. Der Ritter raufte sich das Haar und geriet schier in Verzweiflung. Endlich brachte ein Holzhauer die Kunde, dass er das Fräulein bei dem Weiblein auf einer Felsenklippe haben sitzen sehen, die eine halbe Stunde von Bosenstein entfernt im Walde lag und die noch niemand hatte ersteigen können. Unverzüglich machte sich der Ritter mit seinen Leuten nach der Stelle auf. Als das Weiblein die Ankommenden erblickte, nahm es Ida rasch bei der Hand und verschwand mit ihr auf der Rückwand des Felsens. Der Ritter wähnte nun alles verloren.

pixelio.de - Das Bergweiblein

Als er sich jedoch mit vieler Mühe einen Weg durch das Gestrüpp hinter der Klippe gebahnt hatte, fand er zu seiner größten Freude seine Tochter auf einer Moosbank am Felsen schlummern. Neben ihr standen zwei mit Laub überstreute hohe Körbe. Der Ritter dachte nicht anders, als dass sie mit Gold gefüllt seien. Als er jedoch die Hülle aufdeckte, glänzten ihm nichts als Steinkohlen entgegen, und dabei lag ein Pergamentstreifen, auf dem geschrieben stand: "Dem goldgierigen Ritter von Bosenstein!"

Das Bergweiblein aber ließ sich von diesem Tag an nirgends mehr blicken.

(August Schnezler, 1809-1853)

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© Campomalo/PIXELIO (Bild 1)
© Rike/PIXELIO (Bild 2 + 3)
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Die Prasberger und die Stadt Wangen – eine Sage aus Baden-Württemberg

Samstag, Juni 27th, 2009

pixelio.de - Die Prasberger und die Stadt Wangen

In der Umgegend der Stadt Wangen hatten die Ritter vom nahen Prasberg viele Besitzungen. Auch in der Stadt selbst gehörte ihnen ein großes, schönes Haus am Marktplatz. Wenn damals ein Untertan Hochzeit hielt, so kam nach der Trauung ein Wagen vor die Kirche gefahren. Der brachte die Braut in jenes Haus oder auf die Burg Prasberg, und sie wurde von da erst nach drei Tagen dem Bräutigam wieder zurückgegeben. Die Wangener nahmen daran Ärgernis, und da sie auch sonst gegen die Ritter aufsässig waren, zerstörten sie einmal dieses Haus von Grund aus und machten es dem Erdboden gleich.

Deshalb schwuren ihnen die Prasberger blutige Rache. Da ihnen aber die Stadt zu einem offenen Angriff zu stark und mächtig war, beschlossen sie einen heimlichen Überfall. Um einen Angriff zu verabreden, bestellten sie alle ihre zuverlässigen Mannen und befreundeten Ritter der Umgegend auf einen Sonntag in die Kapelle zu Herfatz. Hier beratschlagten sie und kamen überein, dass sie am kommenden Neujahrstag, wenn die Wangener es sicherlich am wenigsten erwarten würden, die Stadt überfallen wollten. Diese Abmachung hatte aber ein altes Weiblein, das in der Kapelle in einem Stühlchen etwas abseits gesessen hatte und von den Rittern unbemerkt geblieben war, mit angehört. Nachdem die Männer wieder fort waren, ging sie eiligst nach Wangen, sagte denen alles, was sie angehört hatte, und ermahnte sie, dass sie sich vorsehen sollten.

pixelio.de - Die Prasberger und die Stadt WangenAls nun am Neujahrstag die Prasberger mit ihren Mannen gegen Wangen herangezogen kamen, wurde ihnen von den Bürgern ein rauer Empfang zuteil. Besonders waren es die Schmiede, die mit eisernen Spießen und Stangen den Rittern arg zusetzten und gräulich unter ihnen hausten, dass die Funken aus den Harnischen stoben. Wer dabei nicht erschlagen wurde, floh davon.

Zum Andenken an die siegreiche Zurückweisung des heimtückischen Überfalls ritt noch bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts jedes Jahr am Neujahrstag ein Reiter den Stadtwall entlang und schwenkte ein Fähnlein.

(Karl Reiser)

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© Romy (reikidelfin)/PIXELIO (Bild 1 – Wangen)
© Rainer Sturm/PIXELIO (Bild 2)
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Das Rockenweibchen – eine Sage aus Baden-Württemberg

Dienstag, Juni 23rd, 2009

 

Dem Schloss Eberstein im Murgtal kehrt ein hoher Fels den Rücken zu, und er heißt darum nach alter Sprachweise der Rockenfels. In einer unterirdischen Kammer des Felsens soll einst ein Bergweiblein gewohnt haben, zwar nicht jung und nicht schön, aber gar freundlich und dienstfertig über die Maßen.

Es kam oft des Abends in die Spinnstuben der umwohnenden Landleute und erzählte dem jungen Volk seltsame Geschichten. Und wo die Alte war, wurden die Spulen bald voll, und der Faden wurde fein und gleichmäßig.

pixelio.de - Das RockenweibchenDamals lebte auf Eberstein ein Burgvogt, ein gar harter Mann. Der zwang die Mägde im Frauenhaus Tag und Nacht zur Arbeit und gönnte ihnen weder Ruhe noch einen Bissen Brot. Unter den Mägden war eine junge, schmucke Dirne, Klara mit Namen. Diese hatte der Schlossgärtner sehr lieb, und sie mochte ihn gleichfalls gern.

Weil sie aber eine Eigene war, durfte sie sich ohne des Vogts Einwilligung nicht verheiraten. Dieser wusste jedesmal, wenn ihn die jungen Leute bestürmten, eine Ausrede, um die Sache zu verzögern. Einst, als die Dirne recht flehentlich in ihn drang, sagte er mit höhnischem Lächeln, indem er sie ans Fenster führte:

"Siehst du dort drüben das Grab?" "Ach", seufzte Klara, und die Tränen liefen ihr über die Wangen, "ach, es ist ja das Grab meiner Eltern." "Die Nesseln gedeihen recht gut auf dem Grab", fuhr der Vogt fort. "Ich habe sagen hören, es lasse sich aus dieser Pflanze ein überaus zarter Faden spinnen, und darum will ich dir einen Vorschlag machen: Du spinnst mir aus jenen Nesseln ein Stückchen Leinwand, das gerade zu zwei Hemden reicht, aber nicht größer und nicht kleiner. Das eine wird dann dein Brauthemd, und in dem anderen soll man mich begraben!"

Mit diesen Worten ging er boshaft lachend seiner Wege. Die arme Dirne aber stand bestürzt da und wusste sich keinen Rat. In der Trauer ihres Herzens lief sie zum Grab ihrer Eltern und weinte, dass es einen Stein hätte erweichen mögen. Da trat das Bergweiblein zu ihr und fragte sie nach der Ursache ihres Grams. Klara erzählte, was zwischen ihr und dem Vogt vorgefallen war.

pixelio.de - Das RockenweibchenDas Gesicht des Bergweibleins verfinsterte sich. "Sei getrost", sagte es zu der Dirne, "dir soll geholfen werden." Nach diesen Worten riss es die Nesseln auf dem Grabe aus und trug sie hin über den Berg.

Kurze Zeit nachher jagte der Vogt in dem Forst über der Murg und kam auch auf den Rockenfels, wo eben das Bergweiblein am Eingang seiner Höhle saß und die Spindel wacker schnellte. "Du spinnst dir wohl ein Brauthemd, Alte?" fragte der Vogt. "Ein Brauthemd und ein Totenhemd, zu dienen, Herr Vogt", versetzte das Mütterchen.

"Da hast du einen schönen Flachs, den hast du mir gewiss gestohlen?" "Mitnichten", entgegnete das Bergweiblein. "Er ist drüben auf dem Grab des ehrlichen Gottfried gewachsen."

Diese Worte stachen dem Vogt ins Gewissen. Ängstlich kehrte er nach Eberstein zurück und überlegte hin und her, ob er das Jawort zu Klaras Hochzeit geben sollte oder nicht. Einige Tage vergingen, und er konnte zu keinem Entschluss kommen. Gegen Abend, als er eben beim vollen Becher im Gemach saß, kam Klara und trug in der Hand zwei zierliche Hemden.

"Herr Vogt", sagte sie, "was Ihr verlangt habt, ist geschehen. Hier sind zwei Hemden aus den Nesseln am Grabe meiner Eltern, das eine für Euch und das andre für mich." "So will ich auch Wort halten", antwortete der Vogt, "morgen soll deine Hochzeit sein." Er sprach dies mit Lachen, aber in seinem Herzen war ein Bangen, und vor seinen Augen wurde es dunkel. Es war, als triebe ihn eine unsichtbare Hand. Er gab den Befehl zur Trauung des Gärtners mit Klara und versprach, sie in die Kirche zu begleiten.

pixelio.de - Das Rockenweibchen

Aber am nächsten Morgen war er dem Tode nah, und als Klara und ihr Bräutigam aus der Kirche kamen, da läutete dem Burgvogt die Totenglocke.

(Aloys Schreiber, 1761-1841)

Verwendete Bilder sind von:
© Mario K./PIXELIO (Bild 1)
© Verena N./PIXELIO (Bild 2)
© Kenneth Brockmann/PIXELIO (Bild 3)
www.pixelio.de

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Der Hund von Bretten – ein Gedicht

Sonntag, Juni 21st, 2009

 

Es ist ein Hündlein, wohlbekannt,
aus rauhem Stein gehauen,
zu Bretten auf der Kirchenwand
am hohen Dach zu schauen.
Die Kirche Sankt Laurentii
weiß selbst nicht mehr, warum und wie
sie zu dem Hund gekommen.
Ich aber hab’s vernommen.

Ihr Herrn, die ihr mit Heldenmut
euch kecker Taten rühmet:
vor diesem Hündlein zieht den Hut,
als dem die Ehre ziemet!
Denn wisset: Dieses Hündlein hat
gerettet seine Vaterstadt
vor vielen hundert Jahren
aus Jammer und Gefahren.

Einst war von einer Kriegerschar
die schöne Stadt umgeben.
Da tät sie greulich in Gefahr
und Todesängste schweben.
Es dauerte wohl wochenlang
des Feindes mächt’ger Waffendrang.
Doch wollt’s ihm nicht gelingen,
die Tapfern zu bezwingen.

Gewalt vermochte nimmermehr
das Städtlein zu besiegen.
Doch blieb das ganze Feindesheer
rings um die Mauern liegen,
dass Hunger es beinah bezwang.
Schon droht den Bürgern Untergang,
bis sie, die Not zu enden,
zu einer List sich wenden.

Ein fettes Hündlein wird ersehn,
das schwerbedrängte Bretten
womöglich vor dem Untergehn
und Hungertod zu retten.
Man mästet nun das Tier so sehr,
dass es so feist ward, dick und schwer,
dem Feinde nur zum Trug doch,
als hätt’ man Fleisch genug noch.

pixelio.de - Der Hund von Bretten

Als dieser bald darauf die Stadt
mit stolzem Trotz soeben
von neuem aufgefordert hat,
sich endlich zu ergeben,
da kroch gemächlich aus dem Tor
ein fett gemästet Tier hervor,
als sollt’ sein voller Magen
dem Feind die Antwort sagen.

Obwohl ihn solcher Spott verdross,
vergaß er, sich zu rächen,
und fand’s für gut, mit seinem Tross
soforten aufzubrechen.
Er schickt mit zornentflammtem Blick
schwanzlos den armen Hund zurück.
So hat für fette Bissen
das Hündlein leiden müssen!

Doch um dem Hündlein für die Tat
ein Denkmal zu erbauen,
beschloss hierauf der Magistrat,
sein Bildnis auszuhauen.
So sieht man jetzo spat und früh
am Dache Sankt Laurentii
den Hund, den immer fetten.
Das ist der Hund von Bretten.

(Hans Sachs, 1494-1576)

 Verwendetes Bild ist von:
© gino73/PIXELIO
www.pixelio.de
 

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Bopfingerstreiche – eine Sage aus Baden-Württemberg

Sonntag, Juni 21st, 2009

pixelio.de - Bopfingerstreiche 

Die Bopfinger hatten einmal einen Übeltäter, der gehenkt werden sollte. Sie besaßen aber keinen eigenen Galgen. Deshalb gingen sie die Lauchheimer um den ihrigen an. Der hochweise Lauchheimer Magistrat beriet reiflich und beschloss: Als Nachbarn sind wir gern bereit, den Bopfingern den Galgen zu leihen. Allein es steht in den Akten geschrieben, dass der Galgen bloß für uns und unsere Kinder und Kindeskinder bestimmt ist.

Die Bopfinger erhielten daher den Galgen nicht, zahlten dies aber bald darauf den Lauchheimern heim.

Der Missetäter kam gut weg. Die Bopfinger gaben ihm Reisegeld und sagten ihm, er solle sich, da sie selbst keinen Galgen hätten, in Nürnberg hängen lassen.

Bald darauf wollten die Lauchheimer einen an den Pranger stellen, hatten aber keinen Pranger. Sie baten die Bopfinger um den ihren. Doch jetzt bekamen die Lauchheimer von den Bopfingern die Antwort, dass der Pranger nur für sie – die Bopfinger - und ihre Kinder und Kindeskinder bestimmt sei.

pixelio.de - BopfingerstreicheDem Schultheißen von Bopfingen flog einmal ein Kanarienvogel weg. Da ließ er schnell bekanntmachen, man solle alle Tore sorgfältig verschließen, damit der Vogel nicht aus dem Städtchen fliegen könne.

Als die Bopfinger das Rathaus bauten, hatten sie zu ihrem Schrecken die Türen vergessen. Es musste nun jeder Ratsherr einzeln von außen hinaufgezogen werden. Einer aus dem ehrsamen Rat war von Beruf Scherenschleifer. In einer wichtigen Angelegenheit sollte er einmal im Rathaus eine Rede halten. Beim Hinaufziehen rutschte er rückwärts und fiel mit seinem Schleifstein, den er stets auf dem Rücken mit sich führte, hinab. Als er endlich sprechen sollte, sagte er, er habe beim Fallen seine Rede verloren. Da fingen die Ratsherren sogleich an, das Pflaster aufzureißen, den Boden aufzugraben und die Rede zu suchen.

Die Bopfinger hatten keinen Ratsschreiber. Da hielt der hochweise Rat eine Sitzung ab, und die Stimmen fielen auf einen, der aber nicht lesen und nicht schreiben konnte. "Tut nichts", sagte er, "ich habe ein gutes Gedächtnis!"

Der ehrsame Rat von Dinkelsbühl schrieb einmal in Salzangelegenheiten an den "wohlweisen" Stadtrat von Bopfingen. Der Bopfinger Stadtrat hielt nun Sitzung, wie man einen noch ehrenhafteren Titel finden könnte. Da fiel’s einem, der sich auf die Rechtschreibung nur wenig verstand, ein, "Schnee" sei doch noch weißer als "Wolle". Und da es auch die andern aus dem Bopfinger Stadtrat in der Rechtschreibung nicht viel weiter gebracht hatten, ging bald darauf die Antwort ab an den "schneeweißen Stadtrat von Dinkelsbühl".

pixelio.de - Bopfingerstreiche

Als die von Bopfingen einstmals ihrem Fürsten die jährliche Abgabe abliefern wollten, die in Eiern bestand, sollen sie – wie man erzählt – die Eier in einen Kastenwagen getan und mit den Füßen eingetreten haben, damit recht viele hineingingen. Das hat ihrer Ehrlichkeit keine Schande gemacht. Aber alle, die aus jener Gegend waren, haben in böser Leute Mund den Namen "Gelbfüßler" erhalten.


 


(Anton Birlinger, 1834-1891 & Michel Buck, 1832-1888)

Verwendete Bilder sind von:
© Gerd Altmann (geralt)/PIXELIO (Bild 1)
© Stephanie Hofschlaeger/PIXELIO (Bild 2 & 3)
www.pixelio.de

 

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