Aus dem Orte Fichtelberg in der Oberpfalz ging ein Weber in die Fremde. Als er zurückkehrte, waren seine Eltern tot. Niemand nahm ihn jetzt auf; denn seine Mutter war als böse Hexe verschrien gewesen.
Man wies ihn mit seinem Webstuhl hinaus in die Schafhütte einer zerfallenen Burg, die Zwergenburg genannt. Diese Hütte hatte der Schäfer verlassen müssen, weil die Zwerge nachts die Schafe verscheucht und versprengt hatten.
So stellte der Weber in der Hütte seinen Webstuhl auf. Als er in der ersten Nacht dort schlief, erwachte er plötzlich. Im hellen Mondschein sah er einen Zwerg in sein Schlafgemach kommen, befrackt, in kurzen Höschen, mit einem Hütchen auf dem Kopf, Schnallenschuhen an den Füßchen und einem Stöckchen in der Hand.
Neugierig beguckte der Kleine sich alles im Gemach. Zuletzt sprang er auf den Tisch, setzte sich – er war nur eine Spanne lang – auf den Brotlaib, der da noch lag, schnitt sich ein Stückchen ab und ließ es sich wohlschmecken.
Als er es verzehrt hatte, redete er den Weber an. Umsonst hier hausen, sagte er, das gäbe es nicht. Wenn der Weber hier wohnen wolle, dann müsse er drei Bedingungen erfüllen; Gold und Silber dagegen brauche er als Mietzins nicht zu zahlen. Die erste Forderung sei, dass bei jedem Vollmond der Webstuhl abgeräumt sein müsse, die zweite, dass der Weber niemals bei Nacht in die Werkstätte hineinsehe, die dritte, dass er schweigsam bleibe. Damit war der Gesell zufrieden, und der Zwerg ging.

Nun hatte der Weber einen Kaufherrn gefunden, der ihm Arbeit gab, und er richtete es so ein, dass mit dem nächsten Vollmond der Stuhl abgeräumt war. Als er am Morgen darauf in die Werkstatt trat, war er nicht wenig erstaunt, am Stuhl einen Streifen seidenen Gewebes mit einem Muster zu finden, das nicht seinesgleichen hatte.
Damit ging er zum Kaufherrn und bat um Seide, um nach dem Muster zu wirken. Er erhielt Seide, soviel er brauchte, und schon beim nächsten Vollmond brachte er ein wunderschönes Stück Seidenstoff. Das gefiel dem Herrn so, dass er dem tüchtigen Gesellen sofort neue Arbeit gab.
Der Weber hatte nun Brot genug und das, was er sonst benötigte, und öfter traf es sich, dass er am Morgen nach der Vollmondnacht ein neues, schönes Muster am Stuhle fand, das ihm stets neue Bestellungen verschaffte.
Darüber wurden aber des Webers Handwerksgenossen neidisch, besonders der Werkmeister. Sie bemühten sich daher auf alle Weise, ihm sein Geheimnis zu entlocken; er schwieg jedoch. Da führten sie ihn nicht selten zum Wein und machten ihn betrunken; aber auch so hielt er das dem Zwerg gegebene Versprechen.
Einmal kehrte er berauscht heim. Da erfasste ihn Neugier, die Werkstätte zu besehen. Schon hatte er den Griff der Tür in der Hand, als sein guter Geist ihn noch zurückhielt. Am Morgen fand er zwar ein Muster am Stuhl hängen, aber es war ganz verworren. Gleichwohl machte er es nach, und die Arbeit gefiel mehr als alle früheren Gewebe.
Indessen wurde ihm nun mehr und mehr mit Wein zugesetzt. Er verfiel daher in Trägheit und schlechte Sitten, und das Geschäft ging zurück. Um so mehr wollte er nun sehen, was die Zwerge machten. Er hatte aber einmal kaum die Tür geöffnet, als er ohnmächtig zu Boden fiel. Am Morgen danach war der Webstuhl zerbrochen und die Hütte in ihrem vorigen verfallenen Zustand.
Da nahm der erschrockene Weber seine Arbeit, um sie zum Kaufherrn zu bringen und ihm alles zu entdecken. Auf dem Wege dorthin legte er sich unter einem Baum nieder. Zufällig sah er nach dem Gewebe; es war in Asche zerfallen.
In höchster Verzweiflung machte er sich jetzt auf den Weg, um in die weite Welt zu gehen. Er kam in einen Wald, und hier dachte er, wie gut es für ihn wäre, wenn ihm der Teufel helfen wollte. Nun habe er doch nichts mehr zu verlieren, und dem Teufel wäre er ja ohnehin schon verfallen.
Wie er so dahinging, sah er vor sich ein zwei Schuh hohes Männchen auf einem Stein sitzen, das einen Stiefel ausgezogen hatte und ihn zu schmieren begann. Der Weber dachte, das werde wohl der Teufel sein. Das Männchen aber kannte des Gesellen Herz und rief ihm entgegen: "Ich bin nicht der Teufel, aber ich suche, was du suchst: Rache an den Zwergen. Willst du mit mir gehen, um dich zu rächen, so tue, was ich dir sage! Hole mir von dort unten zwei Binsen herauf!"
Der Weber brachte sie. Jeder setzte sich nun rittlings auf eine Binse, und so flogen sie weithin durch die Luft. An einem steinigen Platze hielten sie an und gingen dann – das Männchen voraus, der Weber hinterdrein – in das Steingewirr und zuletzt durch eine Kluft, die so eng wurde, dass der Gesell vermeinte, er müsse zu einem Kartenblatt werden, um durchzukommen.
Endlich machten sie halt. Da sagte das Männlein zum Weber: "Hörst du nicht Musik? Sie kommt von den Zwergen, die Hochzeit halten. Sieh durch diese Öffnung hinunter, und wenn die Braut in deine Nähe kommt, hole sie mir herauf!"

Da schaute der Weber durch eine Spalte in einen Saal hinab, wo die Zwerge bei süßer Musik fröhlich auf und ab gingen und tanzten. Die Braut trug gleich allen Gästen seidene Kleider; die Stoffe zeigten dieselben Muster, die einst an des Gesellen Webstuhl gehangen hatten. Im Bräutigam aber erkannte er den Zwerg von einst.
Köstlicher Speisegeruch stieg ihm jetzt in die Nase. Schon näherte sich ihm die Braut. Er wollte sie ergreifen, doch furchtsam zog er die Hand wieder zurück. Dem ungeduldigen Begleiter gegenüber entschuldigte er sich damit, dass ihm ein Schweißtropfen von der Stirn ins rechte Auge gelaufen sei. Auch beim zweiten Male zog er die Hand scheu zurück.
Da sprang das Männchen ihm zornig auf den Nacken und drohte, ihn zu erwürgen, wenn er nicht endlich zugriffe.
Zum dritten Male streckte der Gesell die Hand nach der Braut aus. Da aber nieste sie, und er rief unwillkürlich ein "Gesundheit!" zu ihr hinunter.
Nun brach mit einem fürchterlichen Getöse alles zusammen, und der Zwerg streckte den Weber mit einem Faustschlag zu Boden. Ohnmächtig lag er eine Zeitlang da.
Als er endlich erwachte, standen die Zwerge um ihn her, und der Bräutigam dankte ihm für die Rettung seiner Braut, ermahnte ihn aber, fortan ein besseres Leben zu führen. Mit Silber, sagte das Männchen, könne es ihm seine Tat nicht lohnen, bei der Arbeit aber wolle es ihm helfen wie früher.
So ging der Weber fröhlich wieder heim. Seine Hütte fand er hergestellt und mit dem Webstuhl drin. Die Arbeit begann jetzt aufs neue. Zu tun hatte er nun stets genug, und mit des Zwerges Hilfe ging die Arbeit bestens vonstatten.

(Julius Reuper)
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