Der Todeswürfel – eine Sage aus Berlin
Montag, Februar 1st, 2010
Unter dem großen Kurfürsten hat in Berlin ein reicher Waffenschmied gelebt, der nur ein einzig Kind, ein wunderschönes Mädchen besaß. Um diese bewarben sich zwei Leib-Trabanten des Kurfürsten, Heinrich und Rudolph, beide bei ihrem Herrn sehr beliebt, und obwohl sie gleich außer ihrer Stelle dem Mädchen nicht viel zu bieten hatten, wagte doch der Vater derselben sie wegen der Gunst, in der sie bei dem Kurfürsten standen, nicht zurückzuweisen.
Die Jungfrau selbst entschied sich anfangs für keinen, allein endlich fühlte sie sich doch mehr zu dem stillen Heinrich hingezogen als zu dem heftigen Rudolph. Als nun ersterer eines Abends den alten Waffenschmied aus den Händen roher Gesellen, die ihn misshandeln wollten, befreit hatte und überdies auch gleichzeitig durch eine Erbschaft zu Geld gekommen war, da gab ihm auch der Vater den Vorzug vor seinem Kameraden, und dieser räumte zwar notgedrungen das Feld, beschloss aber, bittere Rache zu nehmen.

Er schlich nun den Liebesleuten auf Tritt und Schritt nach und als er sie eines Abends im Schatten der Häuser versteckt am Brunnen belauert hatte, wurde er durch die Liebkosungen, welche das Mädchen ihrem Liebhaber zuteil werden ließ, so zur Wut entflammt, dass, als jener sich von ihr entfernt, er auf sie losstürzte und ihr sein Schwert in die Brust stieß.
Er entfernte sich unbemerkt, und als das Mädchen in ihrem Blut gefunden wurde, fiel natürlich der Verdacht nicht auf ihn allein, den niemand gesehen hatte und auf den man eben nur darum kommen konnte, weil seine Eifersucht bekannt war, sondern auch auf Heinrich, den mehrere Zeugen noch ganz kurz zuvor mit dem Mädchen hatten sprechen sehen.
Der unglückliche Vater flehte den Kurfürsten um Bestrafung des Verbrechers an und dieser ließ beide Trabanten verhaften, weil nur einer von ihnen es gewesen sein konnte. Beide leugneten entschieden, und auch die Tortur brachte aus ihnen kein Geständnis heraus, so dass der Kurfürst nicht wagte, ein Urteil zu fällen, sondern die Entscheidung Gott anheimstellte. Er befahl nämlich, jene zwei sollten um den Tod würfeln, so dass wer den höchsten Wurf getan für unschuldig zu erachten sei, der andere aber hingerichtet werden sollte.
Sämtliche Trabanten mussten aufmarschieren, vor der Front wurde eine Trommel hingestellt, dabei stand ein Geistlicher und unfern davon ein Sarg. Beide Angeklagten schritten fest zu dem furchtbaren Gottesgerich, Heinrich forderte noch einmal, indem er seine Unschuld beteuerte, seinen Kameraden auf, sich schuldig zu bekennen, allein umsonst; derselbe nahm die Würfel, schüttelte sie und warf zwei Sechsen, so dass sonach eigentlich seines Gegners Los entschieden war.
Allein dieser ließ sich nicht beirren, gläubig sah er gen Himmel und flehte zu Gott, er möge ein Zeugnis seiner Unschuld ablegen. Und siehe, was geschah, als er die Würfel auf die Trommel warf, zersprang der eine, der andere zeigte eine Sechs und die zwei Seiten des zersprungenen eine Sechs und eine Eins, so dass er dreizehn, also eins mehr als sein Gegner hatte.

Letzterer aber wurde von diesem offenbaren Gericht Gottes so ergriffen, dass er seine Schuld nicht mehr leugnete, sondern ehrlich gestand, wie die Sache zugegangen war. Der Kurfürst aber wagte auch nicht, die Hinrichtung des Schuldigen zu befehlen, sondern verurteilte ihn, um ihm Zeit zur Reue zu lassen, zu ewigem Gefängnis, jener Todeswürfel aber kam in die Kunstkammer des königlichen Schlosses zu Berlin als ein Wahrzeichen von des Schicksals wundersamen Fügung und der ewigen Gerechtigkeit des Himmels.
(Johann Georg Theodor Grässe, 1814-1885)
Verwendete Bilder sind von:
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So saß er auch eines Abends emsig beschäftigt, als ein Fremder in schlichtem Anzug bei ihm eintrat. Bergner, den guten Abend des Fremden freundlich erwidernd, blickt auf und erkennt in ihm seinen König Friedrich Wilhelm I., der ein besonderes Vergnügen daran fand, in einem einfachen Anzug abends auf den Straßen zu lustwandeln und das Tun und Treiben seiner Bürger zu beobachten.
Schon am nächsten Tag erhielt er das Gold und Bergner war nun noch fleißiger als er es je gewesen war. Der König wiederholte oft seinen Besuch, sah lange und aufmerksam der Arbeit des geschickten Künstlers zu, die ihm wohlgefiel, und freute sich sehr auf die Vollendung des Services.
Dieser Bau gab dem König Gelegenheit, seinen Vorsatz auszuführen und die neidische Frau und Tochter des gegenüber wohnenden Goldschmieds auf eine empfindliche Weise zu strafen. Er ließ nämlich in der Mitte des Hauses nach seiner Länge, zwischen dem zweiten und dritten Stockwerk, in einer Vertiefung ein weibliches Brustbild fast in Lebensgröße anbringen, dessen Gesicht abscheulich verzerrt und dessen Kopf statt der Haare mit Schlangen bedeckt ist. Die Zunge bläkt es aus dem Mund nach dem gegenüberliegenden Hause.

Da dachte der Teufel, er habe schon gewonnenes Spiel, und schickte die schöne Dirne zum zweiten Mal aus, und zwar gleich in das Haus der vier Brüder, damit sie sich denselben als Magd anbieten sollte, um nun die Brüder, weil natürlich sie jeder besitzen wollte, erst recht zu entzweien. Allein als sie das Zimmer betrat, sah sie die vier Brüder miteinander beten und erhielt von ihnen, nachdem sie ihnen ihre Dienste angeboten, die strenge Antwort, sie solle ihres Weges ziehen, sie würden bis an ihr Lebensende sich selbst bedienen; und damit kein irdischer Reiz jemals wieder zwischen sie treten könne, hätten sie gelobt, ein Kloster zu erbauen und selbst als die ersten Brüder einzutreten.

Das Mädchen wurde erwischt und nach kurzem Prozess zum Tod verurteilt. Als man sie noch einmal nach dem Hof ihres früheren Brotherrn führte, rief sie aus:
Dass es Bernauer Bier in Berlin geben könne, der Gedanke kam ihm nicht in den Sinn; zu fragen getraute er sich weiter auch nicht, und so wanderte er denn zum damaligen Georgen-, jetzigen Neuen-Königstor hinaus, um aus seiner Vaterstadt Bernauer Bier zu holen.
