Die Gräfin und der Krüppel – eine Sage aus Bremen
Dienstag, Juni 9th, 2009
Einst war der Herzog Benno von Sachsen zu Besuch bei der Witwe seines Bruders Lüdger in Lesum bei Bremen. Ihre Güter umfassten einen großen Teil des jetzigen Stadtgebiets von Bremen. Die Gräfin Emma von Lesum war wohltätig gegen die Armen und daher weit und breit hochgeehrt.
Eines Morgens ritt sie mit ihrem Schwager und einem großen Gefolge aus, um einige ihrer Güter zu besichtigen. Im Vertrauen auf ihre offene Hand nahten sich ihr dabei einige Abgeordnete der Bremer Bürgerschaft mit Klagen über den Mangel an Weideland für ihr Vieh. Die Gräfin hörte ihnen teilnehmend zu und versprach, ihrer Not abzuhelfen. Sie wollte ihnen, sagte sie, an Wiesen und Weiden geben, soviel ein Mann in einer Stunde umgehen könne.
Da wurde der Herzog besorgt, dass die Gräfin bei ihrer bekannten Herzensgüte zuviel von dem kostbaren Erbe verschenken möge, das ihm oder seinen Kindern nach ihrem Tode zufallen würde. "Ihr solltet lieber die Frist auf einen ganzen Tag ausdehnen", sagte er ärgerlich. Die Gräfin aber überhörte den Vorwurf, der in seinen Worten lag, und erwiderte sanft: "Ich bin mit irdischen Gütern reich gesegnet; es mag Euer Wort gelten."
Die Zustimmung der Gräfin kam dem Herzog unerwartet, und er sann darauf, wie die Sache rückgängig zu machen sei. Da fiel ihm plötzlich ein listiger Gedanke ein. Er verbarg seinen Ingrimm unter einer glatten Miene und sagte zu seiner Schwägerin: "Da Ihr Euch in dieser Angelegenheit meinem Rat so schnell gefügt habt, so überlasst Ihr es mir wohl auch, die Sache sogleich ins Werk zu setzen?"
Emma willigte arglos ein, und nun kam die Tücke des Herzogs zum Vorschein. Denn er sprengte die Straße hinab zu einem Bettler, an dem sie soeben vorbeigeritten waren und dem die Gräfin ein reichliches Almosen gespendet hatte. Der Herzog hatte im Vorüberreiten bemerkt, dass der Mann gelähmt war.
Verwundert folgte ihm der ganze Zug. "Soll ich also", wandte er sich schadenfroh an die Gräfin, "dafür sorgen, dass Euer Befehl pünktlich vollstreckt werde, so will ich Euch auch den Mann zeigen, der sogleich seinen Weg antreten wird."
Da brachen die Bürger in lautes Wehklagen darüber aus, dass durch des Herzogs arge List die Freigebigkeit ihrer Wohltäterin vereitelt sei. Emma aber stieg von ihrem Rosse und legte ihre Hand auf das Haupt des armen Krüppels.
Die Bürger standen verzweifelt daneben; denn sie kannten den Mann und wussten, dass er ohne fremde Hilfe sich nicht vom Platze bewegen konnte. Des Morgens brachten ihn mitleidige Menschen an die Straße, und am Abend mussten sie ihn wieder heimholen.
Der Bettler selbst war über die Zumutung der hohen Frau erstaunt. Als sie ihm winkte, er solle aufbrechen, sah er zweifelnd zu ihr empor. "Versuch’s nur!" sagte die Gräfin. Und der Mann setzte sich in Bewegung. Gehen konnte er freilich nicht, da der Gebrauch der Füße ihm gänzlich versagt war; er kroch also auf den Händen, und ein Diener der Gräfin folgte ihm, um alle hundert Schritt einen Pfahl einzuschlagen.
Am Anfang waren die Bürger traurig, und die meisten gingen missmutig nach Hause. Denn was sollten sie von einem Gelähmten erwarten? Der aber kroch und kroch immer gleichmäßig weiter – ohne Ruhe und ohne Rast, und als die Bürger am Mittag wieder hinausgingen, waren sie überrascht; denn soweit das Auge reichte, erblickten sie die hellschimmernden Pfähle in einer langen, langen Reihe und im Hintergrund in einem großen Bogen.
So ging es fort, und am Abend konnte man schon von der Stadt aus deutlich den Mann kriechen und näher und näher kommen sehen. Als die Sonne sank, langte er bei der Stadt an, und es war eine Weide eingezäunt, die viel umfangreicher war, als die Bürger ursprünglich gehofft hatten.
Das soll im Jahre 1032 geschehen sein.

Den Gelähmten aber hielten die Bremer in Ehren, und auch die Nachwelt vergaß ihn nicht. Sein Bildnis sah man später zwischen den Füßen der Rolandssäule in Stein ausgehauen.
(Franz Felix Adalbert Kuhn, 1812-1881 & Wilhelm Schwartz, 1821-1899)
Verwendete Bilder sind von:
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