Es war ein Zwerg, der hieß Allwiss. Der besaß so große Klugheit und Kraft, dass er meinte, selbst der gewaltige Donar müsste sich seinen Wünschen fügen. Eines Tages sprach der Zwerg zu sich: "Ich werde alt und lebe so allein. Die Lust, immer umherzufahren in den neun Welten, vergeht mir allgemach. Ich möchte ein Haus gründen; aber wer wird im Hause meiner harren und warten?"

Da fiel ihm Trud ein, Donars schönes, kleines, mehlweises Töchterlein. Und er beschloss, um sie zu werben.
Es war gerade Nacht und Ausfahrenszeit. Im Nu war er oben. Er erkundete mit seinen weitspähenden Sinnen schnell, wo Donar wäre. Als er ihn im Kampfe mit Riesen am äußersten Ende des Ostens wahrnahm, da freute sich Allwiss und flog hinauf.
Alles war still und ruhig. Die Diener machten die letzten, leisen Gänge des Abends, und Trud sollte eben von ihren Jungfrauen zum Lager geleitet werden. Da klopfte es schnell und hart an die Tür. Wie erstaunten die Diener, als sie einen so hohen Gast so spät eintreten sahen! Schnell wurden die Decken wieder ausgebreitet, die Tische wieder gerückt, die Sessel in Reihe gestellt. Aber Allwiss unterbrach die Diener in ihrer Geschäftigkeit und rief: "Meines Bleibens ist nicht lange. Kündet bei Trud mich an und sagt der jungen Herrin, der um sie werbe und sie heimführen wolle, sei hier."
Die Diener erschraken; denn sie fürchteten den Zwerg und seine Zauberei. Donar aber merkte auch in der Ferne sofort, dass eine Gefahr drohe. Schnell wandte er sich vom Kampfe ab, sauste und brauste durch die Luft, und es glühte und sprühte aus seinen Augen. Als er auf der Mitte der Fahrt war, begegneten ihm die Böcke, die allein mit dem Wagen gekommen waren. Donar setzte sich hinein, und nun krachte es daher, und mit Donnergepolter fuhr es vor, dass alle im Hause erschraken.
Da stand der erhabene Gott dem überraschten Zwerge gegenüber. "Sieh da, du dreistes Bürschlein!" rief Donar. "Bleichnasiger Krüppel! Kommst, dich zu wärmen, mir ins hohe Haus? Ja, ich glaube, euch friert da unten im feuchten Grunde; nichts leuchtet, nichts wärmt euch. Wie seid ihr zu beklagen, ihr armen Wichte!"
Dem Zwerg Allwiss war die Anrede gerade nicht angenehm. "Es ist wahr", sprach er, indem er eine gelassene, vornehme Miene annahm, "dass unsere Säle nicht zur Sonne emporragen. Alt ererbte Feindschaft trennt uns von dem Lichte des Tages. Doch weißt du selber, und alle Götter wissen, welch starkes Volk die Zwerge sind. Und ich zumal! Allwiss ist mein Name, denn alle neun Welten bin ich durchreist; – ich rede die Sprache aller neun Welten und weiß die Dinge aus neun Welten."
Da lachte Donar aus voller Brust. "Ha! Allwiss ist dein Name? Denn alles glaubst du zu wissen? Wie schnell ich dich ertappe! Du meinst, ich gebe dir Trud zur Gattin in dein finstres, enges Haus? Wärst du allwissend, so würdest du wissen, dass ich das nimmer tue."
"Doch, Donar", antwortete der Zwerg, "du wirst nicht wagen, einen vom Stamme der Götterhelfer zu beleidigen. Wer gab euch Waffen und Rüstzeug? Wer Speere und Ring? Wer Eber und Schiff? Wer schmiedete dir den grimmigen Hammer? Es könnte euch übel ergehen, wenn ihr nicht sorgtet, der Zwerge Freundschaft zu wahren."
"Genug des Geschwätzes!" rief Donar. "Habt ihr den Hammer geschmiedet, so wisst ihr auch, dass ich ihn schwinge. Und dir auch sei es gesagt, dass Donar einen Spötter und Lästerer nicht ungestraft lässt."
Als der Zwerg sah, dass Donar so zornig war, sprach er bittend: "Es soll alles in Ordnung geschehen! Habe ich ein Recht, um Trud zu werben, so hast du ein Recht, über Trud zu verfügen. So gib mir denn Antwort auf meine Werbung um Trud."
Da lachte Donar wiederum. Und nach kurzem Besinnen sprach er: "Wohlan! Gewährt sei die Bitte, wenn sich erweist, dass du die Wahrheit gesprochen. Kannst du beweisen, dass du einer der Allwissenden bist, so werde Vermählung gefeiert zwischen Allwiss und Trud."
Voller Glück, dass ihm der Wunsch sich erfüllen sollte, rief und sang der Zwerg:
"Neun sind der Welten. Ich durchwallete alle.
Ich wallte zu Göttern; ich wallte zu Menschen.
Ich führte nach oben, nach unten den Fuß.
Ich weiß dir die Antwort, was du auch fragst!"
Und Donar begann zu fragen: "Wie heißt die Erde in allen neun Welten?" Und gleich fing Allwiss an zu reden: "Erde bei den Menschen, bei den Asen Flur, bei den Wanen Strandfläche, bei den Thursen Ganzgrün, bei den Alfen Halmfeld, bei den Zwergen Schlupfhöhle." - Er kannte die Namen alle in allen neun Welten.
Und Donar fragte weiter: "Wie heißt der Himmel in allen neun Welten?" Und Allwiss antwortete wieder ohne Besinnen: "Himmel bei den Menschen, bei den Asen Daheim, bei den Wanen Lufthaube, bei den Thursen Urvaters Schädel, bei den Alfen Blaulicht, bei den Zwergen Klettervergnügen."
Und Donar: "Wie heißt die Sonne in allen neun Welten?" Aber Allwiss ohne Besinnen: "Sonne bei den Menschen, bei den Asen Allbeschauer, bei den Wanen Hochauf-Taucher, bei den Thursen Goldglanz, bei den Alfen Liebeslächeln, bei den Zwergen Zwergs-Überlist."
Und Donar sprach: "Fürwahr, viel weißt du. Schon sehe ich voraus, dass auf alle Fragen, die ich dir vorlegen mag, dir die Antwort geläufig sein wird." "Frage nur weiter!" fiel Allwiss ihm ins Wort; "du sollst erfahren, dass ich nicht prahlte und log."
Und Donar fuhr fort zu fragen nach Mond und Wolke, Wind und Luft, Saat und Wald, und immer wusste Allwiss ohne Besinnen die Antwort. Endlich sprach Donar: "Genug, nun sei es! Mit einem nur will ich dein Wissen noch prüfen. Wie heißt, was die Wesen trinken, in allen neun Welten?"
Und wieder begann Allwiss singend und lachend zu reden:
"Bei den Menschen heißt’s Bier, bei den Asen Met,
Bei den Wanen Ael, bei den Thursen Flut,
Bei – - – -"
Warum verstummte Allwiss so plötzlich? Er stand regungslos da. Kein Wort mehr entschlüpfte seinen Lippen. Das arme Gezwerg! Er hatte sich selbst in den Tod geredet. Die Sonne, "der Zwerge Überlist", war aufgestiegen. Der Morgenstrahl war vom Tiefrande der Welten emporgeschossen, hatte die Wolke berührt, war durch die Tür des Palastes gedrungen und hatte den Zwerg getroffen. Da stand er, ein lebloser Stein; das Wort war ihm im Munde erstarrt.

Mit mitleidigem Seufzen sprach Donar: "So viel Wissen und Weisheit aus eines Munde habe ich nie vernommen. Doch sich selber betrog der Tropf. Er merkte den Strahl nicht, der ihn zu Stein verwandelte."
(nach Werner Hahn)
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