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Archive for the ‘Mecklenburg-Vorpommern’ Category

Das Weib mit dem goldenen Kamme im Schlossberge bei Kirchdorf auf der Insel Poel – eine Sage aus Mecklenburg-Vorpommern

Dienstag, Januar 3rd, 2012

Das Weib mit dem goldenen Kamme 

Hart am "Karksee" – Kirchsee - der Insel Poel, auf dem sogenannten Schlossberge, liegt, umgeben von hohen Wällen, die ziemlich große Kirche des Ortes Kirchdorf mit ihrem spitzen Turm. Wenn nun Wogengebraus sich vereiniget mit den Tönen der Orgel zu einem Doppelchor, dann muss eine jede Menschenseele sich hier doppelt gemahnt fühlen, dass alles Irdische vergänglich ist; denn früher stand an dieser Stelle ein Schloss mit vielen Zinnen, die weithin sichtbar waren, während jetzt nur Gras die Überbleibsel der alten Fundamente überwuchert. Dieses Schloss haben wahrscheinlich die Geschlechter der von Plessen, Preen und Stralendorf bewohnt, welchen Heinrich der Löwe 1318 die Insel verkaufte.

Das Weib mit dem goldenen Kamme

In dem Schlossberge sind aber noch viele Gewölbe, darin große Schätze verborgen sein sollen. Geht man nun zum "Schlatt", wie die Insulaner den Berg nennen, so sieht man zwei Eingänge, die in denselben hineinführen und die erst seit etlichen Jahren vermauert sind. Als Junge war ich oft auf Poel. Eines Tages stand ich vor diesem Eingang und trug ein stark Gelüste hineinzugehen, als ein alter Mann zu mir trat und sagte: "Geh da nich rinne, denn dat Wief mit den golden Kamm lett Die nich weera rut!" ("Geh da nicht hinein, denn das Weib mit dem goldenen Kamme lässt dich nicht wieder heraus!")

Da ich nun nicht wusste, was es mit diesem Weibe für eine Bewandtnis habe, lief ich zum alten Onkel, und der erzählte mir nachstehende Sage:

Das Weib mit dem goldenen Kamme

Vor vielen Jahren begab es sich, dass drei Knaben am Kirchsee beim Schlossberge spielten. Da kamen sie denn auch auf den Gedanken, hinein zu gehen in das Gewölbe, um zu erfahren, wie es eigentlich darin aussehen möge; und da es furchtlose Buben waren, so traten sie ihre Wanderung bald an.

Das Weib mit dem goldenen Kamme

Das erste Gewölbe war nur schmal und nichts darin, als die nackten Wände. Bald gelangten sie an eine offenstehende Tür und kamen in ein zweites, das freilich auch leer war, doch bedeutend geräumiger erschien. Nachdem sie nun eine geraume Zeit umher getappt hatten, denn es war ziemlich finster darin, sahen sie aus der Ferne ein Licht schimmern. Darauf steuerten sie los und erreichten ein drittes Gewölbe, das sich saalartig erweiterte. In der Mitte hing eine Ampel, die das ganze Gemach erhellte. Die Wände waren mit Perlen bedeckt, welche wunderbar funkelten. Große Haufen Goldes lagen allenthalben aufgespeichert, und köstliche Prunkgefäße standen hie und da in den Nischen. Dem Eingange gegenüber stand ein eichener Tisch, daneben erblickten sie einen Stuhl, darauf saß eine steinalte, schlafende Frau in abenteuerlicher Kleidung, die hielt in ihrer rechten Hand einen großen goldenen Kamm, und zu ihren Füßen lag ein schwarzer, zottiger Pudel mit stechenden Augen. Betroffen blieben die Kinder am Eingange stehen.

Als der Hund die Knaben sah, sprang er auf und zeigte seinen großen Zähne. Da wurde es den Kindern unheimlich, sie fingen an laut zu schreien und wollten davon laufen, konnten aber nicht, mussten vielmehr wie gebannt stehen bleiben. Über das Geschrei erwachte die Alte, rieb sich die Augen und sprach zu den Kindern: "Kinnekens, kaamt man ranne na mie, de Pudel deit Juch nicks." ("Kinderchen, kommt nur heran zu mir, der Pudel tut euch nichts.")

Allein die Kinder standen da, als wären sie Bildsäulen geworden, hätte nicht ihr Zittern verraten, dass sie noch lebten. Das Weib aber fing an zu lachen und sagte: "Kaamt doch man heer, Jieh heft dat Hoor Juch nich kämmt. Kiekt, ick will Juch uck mit dissen golden Kamm kämm’n. Kämm’n mach ick giern, un dat is all lang heer, as ick dat letzte Kind kämmt heff." ("Kommt doch nur her, ihr habt das Haar euch nicht gekämmt. Seht, ich will euch mit diesem goldenen Kamm kämmen. Kämmen mag ich gerne, und das ist schon lange her, als ich das letzte Kind gekämmt habe.")

Die Angst der armen Knaben wurde immer größer, sie wussten nicht, was sie tun sollten. Das Weib aber redete immer freundlicher: "So kaamt doch man; wer kümmt sall uck von dat Geld sich all de Taschen full stäken." ("So kommt doch nur; wer kommt, soll auch von dem Gelde sich all die Taschen voll stecken.")

Da ging der eine Knabe hin zu dem Weibe. Diese nahm sogleich ihren goldenen Kamm und fing an, damit dem Knaben die Haare zu kämmen. Man denke sich aber das Entsetzen der beiden andern, denn mit dem ersten Strich, den das Weib mit dem goldenen Kamm über das Haar machte, verwandelte es sich in zottiges Pudelhaar, und je länger sie kämmte, desto mehr nahm ihr Spielgenosse die Gestalt eines Pudels an.

Bleich vor Schrecken und Angst rannten die beiden Knaben davon, erreichten auch glücklich den Ausgang; hier aber brachen ihre Kräfte zusammen und bewusstlos fielen sie nieder.

Zu Hause erzählten die Kinder von ihrem unglücklichen Kameraden und was sie gesehen. Anfänglich achtete man ihrer Aussage nicht, als jedoch der dritte Knabe nicht wieder kam, und auch die beiden andern bald starben, da mied man die Stelle soviel als möglich, und kein Kind hat wieder den Ort besuchen mögen.

Das Weib mit dem goldenen Kamme

Alle zehn Jahre, nachts um die zwölfte Stunde, soll aber das Weib mit dem goldenen Kamm ihre Pudel auf den Schlossberg schicken, die dann die Kühe, welche dort weiden, um die Kirche hetzen. Niemand sieht freilich die Pudel, und bellen können sie auch nicht; aber das Vieh soll ängstlich brüllen und arg rennen, also muss es doch wohl wahr sein.

(Albert Niederhöffer, 1828-1881 – überliefert von C. Struck zu Dargun)

Verwendete Bilder sind von:
© Dana
Bild 1 und Bild 5: Kirchdorfer Kirche
Bild 2:                    Wallanlage
Bild 3:                    Kirchsee
Bild 4:                    Ausgang vom Kirchhof zum Schlossberg

 

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Frau Gaur in den Zwölften – eine Sage aus Mecklenburg-Vorpommern

Montag, Dezember 12th, 2011

pixelio.de - Frau Gaur in den Zwölften 

In der Umgegend von Grabow erzählt man sich viel von "Fruu Gaur". Sie wird als eine Frau gedacht, die auf einem hölzernen Schlitten, wie man sie noch jetzt bei den Landleuten findet, von Hunden gezogen durch die Lüfte fährt. Eine Menge Hunde umkreisen das Fuhrwerk, indem sie fortwährend bellen und dadurch einen dem Geschrei der Nachtvögel ähnlichen Lärm verursachen.

Gesehen hat sie niemand, und daher weiß man von ihrer Gestalt und Kleidung nichts zu sagen. Um die Weihnachtszeit, in den "Zwölften", fährt sie mit Hundegebell durch die Luft, segnend und strafend. Dann verschließt der Bauer seine Haustür mit Dunkelwerden; Knechte und Mägde tragen Wasser, Geräte und was sie des Abends gebrauchen, vorher ins Haus, damit keiner mehr nach der Dämmerung draußen zu tun hat; denn Fruu Gaur straft die Nachlässigkeit und Faulheit des Gesindes.

pixelio.de - Frau Gaur in den Zwölften

Während der Zwölften verbietet sie den Mädchen und Frauen das Spinnen und gibt ihnen überhaupt nur bis Fastnacht Frist dazu. Wenn der Flachs am Fastelabend nicht aufgesponnen ist, kommt Fruu Gaur und zerreißt den Spinnrocken. Fragt nun fastnachts die Bäuerin ihre Nachbarin, ob sie schon anfängt zu weben, und wird diese antworten, dass sie noch nicht kann, weil sie ihren Flachs noch nicht aufgesponnen hat, so gilt das noch heute als ein Zeugnis der Faulheit.

Eines Abends kommt Fruu Gaur zu einem Bauer in Spornitz, steigt auf seinen Boden und wirft alle zum Feste gebackenen Brote herunter, welche die Hunde schnell verzehren. Der Bauer steht furchtsam dabei, er wagt es nicht, das Vorhaben der Frau zu hindern. als die Hunde alles Brot aufgefressen haben, sagt Fruu Gaur zu dem Bauer, er solle ihr nun sein größtes Stück Acker zeigen.

Der Bauer denkt: "Das alte Weib ist nicht klug, was will sie von meinem Acker wissen?" Weil er sich aber fürchtet und wünscht, sie sobald als möglich loszuwerden, führt er sie in den Hof und zeigt ihr gerade sein kleinstes Ackerstück. Fruu Gaur tobt nun mit ihren Hunden auf diesem Stück auf und ab, so dass keine Stelle nachbleibt, wohin sie nicht gekommen. Darauf verschwindet sie.

Als nun die Erntezeit kommt, da gibt des Bauern Hofstück zehnmal soviel Roggen als sonst. Da ärgert sich der Bauer, denn er weiß nun, dass es Fruu Gaur gewesen und er sie zu dem größten Stück hätte führen müssen.

(Karl Friedrich Adolf Konrad Bartsch, 1832-1888)

Verwendete Bilder sind von:
© Gerd Altmann/www.pixelio.de

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Der Ritter mit der goldenen Kette – eine Sage aus Mecklenburg-Vorpommern

Mittwoch, April 27th, 2011

pixelio.de - Der Ritter mit der goldenen Kette 

Um das Jahr 1360 lebte auf der Insel Usedom in dem Schlosse zu Mellenthin ein Rittersmann, namens Nienkrake, den die Leute aber jetzt Nienkerke oder Neukirchen nennen. Er trug immer eine große und schöne goldene Kette um den Hals, auf die er viel hielt, weshalb er auch mehrenteils nur der Ritter mit der goldenen Kette hieß.

Dieser Ritter hatte große Liebe zu einer schönen Nonne im benachbarten Kloster Pudagla, und weil er dieser weder im Guten noch mit Gewalt habhaft werden konnte, so grub er zuletzt, da er ohne sie gar nicht leben zu können vermeinte, unter der Erde einen Gang von seiner Burg bis nach dem Kloster, eine ganze Meile lang. Durch diesen entführte er die Nonne und ehelichte sie.

pixelio.de - Der Ritter mit der goldenen KetteEr hatte das alles so heimlich betrieben, dass kein Mensch wußte, wo die Nonne geblieben war. Ein Bauer aus Mellenthin verriet ihn aber endlich, und nun kam der Bruder der Nonne mit großer Heeresmacht vor die Burg des Ritters mit der goldenen Kette, um ihm sein Gemahl wieder zu entreißen. Allein der Herzog von Stettin, dem die große Liebe des Ritters gefiel, stand ihm bei, und befreiete ihn von der Belagerung. Der Ritter hat darauf mit seiner schönen Nonne noch viele und vergnügte Tage verlebt.

Nachdem sie gestorben waren, hat man ihre Leichname in der Kirche zu Mellenthin beigesetzt. Das Bildnis des Ritters ist auch noch in dieser Kirche zu sehen. Der Ritter ist übrigens mit seiner goldenen Kette begraben, von der er sich nicht hat trennen mögen, und die er auch nach seinem Tode nicht von sich lassen will.

Vor einigen Jahren war einmal einer, der Gelüste nach ihr trug, und der deshalb täglich an dem stark verlöteten Sarge feilte, um  ihn offen zu bekommen. Nachdem der Mann aber ein Schildchen abgefeilt hatte, erschien auf einmal in einer Nacht der Frau desselben der Ritter mit der goldenen Kette; er berührte mit den großen Federn auf seinem Helme ihr Gesicht, dass sie aufwachte, und sah sie zürnend und drohend an. Seitdem hat es Keiner mehr gewagt, nach der Kette zu streben.

(Heinrich Stahl alias Jodocus Donatus Hubertus Temme, 1798-1881)

Verwendete Bilder sind von:
© Judith Lisser-Meister/PIXELIO (Bild 1)
© Alfred Krawietz/PIXELIO (Bild 2)
www.pixelio.de

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Die Unterirdischen rauben einem Schäfer das Augenlicht – eine Sage aus Mecklenburg-Vorpommern

Dienstag, April 26th, 2011

 

In der Nähe des Gutshofes Dahlan bei Zirkow liegt ein kleiner Berg, in dem hausen die Unnererdschken. Einst hütete ein Schäfer dort, da kroch aus dem Hügel einer von den kleinen Leuten heraus und rief einem andern, der noch im Innern des Berges war, zu: "Schmiet den’ Hot ruut!" – Schrie der Angeredete zurück: "Is wieder nicks hier as Großvadders Hot!""Na", versetzte der erste, "denn schmiet den’ ruut!"

pixelio.de - Die Unterirdischen rauben einem Schäfer das Augenlicht

Und kaum hatte er das gesagt, so flog auch ein großer Hut aus der Höhle heraus. Der Schäfer hatte jedoch genau Obacht gegeben, und ehe der Unterirdische noch zugreifen konnte, hatte er den Hut in der Hand und setzte ihn sich selbst auf den Kopf.

Als er zu Mittag heimtrieb und in die Gesindestube trat, saßen die Knechte schon alle beim Mahle, aber keiner konnte ihn sehen, denn der Hut der Unterirdischen machte ihn unsichtbar. Da erblickte er nun zu seinem Erstaunen, dass immer zwischen je zwei Knechten einer von den kleinen Leuten saß und wacker von den Tellern zulangte. Jetzt wurde es dem Schäfer klar, warum das Essen immer spurlos vom Tische verschwunden war.

Wie nun aber gar einer von den kleinen Kerlen nach dem Fleischteller griff und von dem Fleisch ein großes Stück mit seinem Messer herunterschnitt, da konnte er seinen Ärger nicht mehr bemeistern, und er rief dem zunächst sitzenden Burschen zu: "Johann! Siehst du nich, dat de Söll di dat Fleesch wechnimmt?"

Das machte die kleinen Leute stutzig, denn sie sahen sich verraten; und sie sprachen zu dem, der wohl der Älteste von den Unterirdischen sein mochte und auch mit am Tische saß: "Pust em dat Licht ut! Pust em dat Licht ut!" Der stand sofort auf und hauchte dem Schäfer in die Augen, und da ward er von Stund an blind und ist es geblieben sein Leben lang. Die Kappe hat er auch nicht behalten; die haben die Unterirdischen ihm vom Kopfe gerissen und wieder in ihr Reich zurückgenommen. Das hatte der Schäfer davon, dass er die kleinen Leute verriet.

pixelio.de - Die Unterirdischen rauben einem Schäfer das Augenlicht

(Dr. Ulrich Jahn, 1861-1900)

Verwendete Bilder sind von:
© Gitti/PIXELIO (Bild 1)
© Dieter Schütz/PIXELIO (Bild 2)
www.pixelio.de

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Das silberne Zwerg-Glöckchen – eine Sage aus Mecklenburg-Vorpommern

Samstag, April 23rd, 2011

pixelio.de - Das silberne Zwergglöckchen 

Vor vielen Jahren lebte zu Patzig, eine halbe Meile von der Stadt Bergen, ein armer Schäferjunge, der hieß Fritz Schlagenteufel. Eines Morgens fand er zwischen den Hünengräbern, die dort auf der Heide liegen, ein kleines silbernes Glöckchen. Das war von der Mütze eines braunen Zwerges, der es in der Nacht beim Tanzen im Mondschein verloren hatte – zu seinem großen Unglück. Denn nächst dem Verlust ihrer Mütze selbst oder ihrer Schuhe haben die Zwerge keinen schlimmeren Verlust als den des Glöckchens, das sie an der Mütze tragen, und des Spängleins an ihrem Gürtel. Sie können bei solchem Verluste nicht eher schlafen, als bis sie das Verlorene wieder herbeigeschafft haben.

Darum grämte sich der arme Zwerg sehr, der das von Fritz Schlagenteufel gefundene Glöckchen verloren hatte. Um sein Unglück aber voll zu machen, durfte er in der ersten Zeit noch nicht wieder aus seinem Berge heraus; denn die Zwerge dürfen nicht immer, sondern nur wenige Tage im Jahre auf die Oberwelt gehen. Als er endlich herauskam, da war sein erstes, dass er sein verlorenes Glöckchen suchte. Er konnte es lange nicht finden, denn Fritz Schlagenteufel war unterdes von Patzig weggezogen nach Unrow bei Gingst, wo er Schäferknecht geworden war.

Endlich kam der Zwerg auch hierher und sah sein Glöckchen, wie der Schäfer, der auf dem Felde seine Schafe hütete, damit klingelte. Geschwind verwandelte der Zwerg sich in eine arme, alte Frau und suchte dem Burschen das Glöckchen mit glatten Worten abzuschwatzen. Das wollte ihm aber nicht glücken; denn Fritz Schlagenteufel mochte das schöne, hellklingende Glöckchen nicht von sich geben. Er zog daher zuletzt ein weißes Stäbchen hervor, das er dem Schäfer für sein Glöckchen anbot, und pries dasselbe, dass er damit allerlei Zauberei verrichten könne. Darauf ging Schlagenteufel ein, und der Zwerg bekam sein Glöckchen zurück.

pixelio.de - Das silberne Zwergglöckchen

Das weiße Stäbchen war wirklich ein Zauberstab, der es machen konnte, dass alle Schafe, welche damit getrieben wurden, vier Wochen früher fett wurden und zwei Pfund Wolle mehr trugen als andere Herden. Dadurch wurde denn Fritz Schlagenteufel der reichste Schäfer auf ganz Rügen und kaufte sich zuletzt ein Rittergut, nämlich Grabitz bei Rambin, und wurde selbst ein Edelmann. Seine Nachkommenschaft blüht noch.

(Dr. Ulrich Jahn, 1861-1900)

Verwendete Bilder sind von:
© Albrecht E. Arnold/PIXELIO (Bild 1)
© M. E./PIXELIO (Bild 2)
www.pixelio.de

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Frau Wode – eine Sage aus Mecklenburg-Vorpommern

Freitag, März 25th, 2011

 

Frau WodeIn Mecklenburg, und zwar besonders in der Stadt Schwerin und was drum herum liegt, treibt ein Geist sein Wesen, Frau Wode genannt, davon die Leute eine Menge Geschichten zu erzählen wissen, besonders in den Spinnstuben, wo Frau Wode eine große Rolle spielt.

Viele halten sie für eine Fee und glauben, ihre eigentliche Wohnung sei der prächtige Schweriner See. Dem ist aber nicht so! Frau Wode ist ein wirkliches Gespenst und war bei ihrem Leben niemand anders als die ehrsame Hausfrau des uralten mecklenburgischen Heidenfürsten Wodan, welchen die abgöttischen Heiden nach seinem Tode als einen Gott anbeteten.

Wie die Frau Wode nun dazu gekommen ist, dass sie so viele tausend Jahre nach ihrem Tode noch nicht zur Ruhe kommen kann, sondern bis auf den heutigen Tag als ein Gespenst herumspuken muss, das kann ich euch nicht sagen und kein Mensch in Mecklenburg, denn Frau Wode hat, solange sie lebte, nichts als Gutes und Liebes getan, und auch als Gespenst fürchten sich nur die Faulen und Bösen vor ihr, denn die Bösen schreckt sie und die Faulen neckt sie! Den Guten aber beschert sie Glück und Segen, wovon viele Leute, und besonders die fürstliche Familie, zu erzählen wissen.

Frau Wode sieht auch gar nicht so grausig aus wie andere Gespenster, sondern im Gegenteil! Sie gleicht einer stattlichen Frau von vierzig bis fünfzig Jahren, mit blonden Haaren, blauen Augen und einem kleinen Bärtchen über der Oberlippe, wie es stattliche Frauen in ihrem männlichen Alter wohl zu bekommen pflegen.

Sie trägt einen hellgrauen, sehr sauberen Rock, eine blendend weiße Schürze und über das ebenfalls ganz weiße Kopftuch einen langen, langen grauen Schleier, so fein und durchsichtig, dass man meint, er wäre von Spinnweben. Ihr Gesicht ist aber blass, aber gar nicht leichenhaft und immer sehr freundlich und wohlwollend. Wie sie sich denn auch nur zeigt, wenn sie mit jemandem zufrieden ist. Ist sie dagegen unzufrieden, so bekommt sie keiner zu sehen, aber wohl fühlt er ihre Nähe, denn wenn Frau Wode zornig ist, so zwickt und kneipt sie so gut wie andere Gespenster.

Frau WodeBesonders müssen sich die Spinnerinnen in acht nehmen, dass sie am Sonnabendabend keinen Flachs auf dem Rocken übrigbehalten, denn das kann Frau Wode durchaus nicht leiden! Wenn die Mädchen aber recht fleißig spinnend des Abends beisammensitzen, dann geschieht es oft, dass es draußen vor der Türe "Klipp, klapp! Klipp, klapp!" geht, grade, als käme eine Frau auf Pantoffeln die Stiege herauf – nicht lange darnach tritt denn auch wirklich Frau Wode mit einem Spinnrocken zur Tür hinein, setzt sich mitten unter die Mädchen und fängt an zu spinnen und hat es dann gerne, wenn die Mädchen ein altes Spinnerliedchen singen …

Wenn dann die Frau Wode eine Stunde mitgesponnen hat, dann steht sie auf und besieht das Gespinst der Mädchen, und die, welche am fleißigsten und feinsten gesponnen hat, bekommt gewöhnlich um Weihnachten einen gehenkelten Dukaten von ihr zum Geschenk, und solch ein Dukaten bringt großes Glück und macht die Mädchen bald reich. Sie müssen aber immer fleißig und fromm bleiben, denn sonst verschwindet der Dukaten.

Da die Prinzessinnen aus dem Mecklenburgischen Hause von jeher sehr fleißig waren und selbst viel künstliche Arbeiten fertigten, so ist Frau Wode ihnen besonders gut und bewahret sie, wie in anderen Fürstenhäusern die weiße Frau die Töchter zu bewahren sucht. Frau Wode aber hat mehr Macht, da sie, wie gesagt, ein gutes Gespenst ist, und nicht, wie die meisten weißen Frauen, ihrer Sünden halber umgehen muss.

(Johann Peter Lyser, 1803-1870)

Verwendete Bilder sind von:
Wikipedia
(Bild 1: Spinnerin mit Spindel und Rocken („La Fileuse“, 1873) von William Adolphe Bouguereau (1825–1905) – gemeinfrei)
(Bild 2: Abbildung des Spinnvorganges mit dem Spinnwirtel, aus Meyer’s Conversationslexikon – by de:Benutzer:Laudrin – gemeinfrei)

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Tiefe des Lucin-Sees – eine Sage aus Mecklenburg-Vorpommern

Freitag, März 25th, 2011

 

pixelio.de - Tiefe des Lucin-SeesZwei Fischer aus Feldberg wollten die Tiefe des Lucin-Sees ergründen; sie nahmen das Hinterteil eines Wagens, banden daran einen Haufen Stricke und ließen nun alles in die Tiefe. Die Stricke sanken immer tiefer und tiefer, bis sie zu Ende waren. Da zog es von unten, und eine Stimme rief: "Lasst ab und zieht empor, ihr stört unsere Ruhe!"

Die Fischer zogen erschreckt die Stricke an sich, und diese gingen jetzt ganz leicht in die Höhe. Als sie zu Ende waren, fand sich statt des Wagenstückes unten ein Pferdekopf daran befestigt.

(Karl Friedrich Adolf Konrad Bartsch, 1832-1888)

Verwendetes Bild ist von:
© Gerd Altmann/www.pixelio.de

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Die Watermöme – eine Sage aus Mecklenburg-Vorpommern

Donnerstag, März 24th, 2011

 

pixelio.de - Die WatermömeUm die Mitternachtsstunde in den Vollmondnächten singen die "Watermömen" in den Teichen. Ihr Gesang ist herrlich und lockend, aber wer ihm nachgeht, der wird von ihnen ins Wasser gezogen und muss bei ihnen bleiben.

Bei Rehna liegt ein Teich, der sogenannte "Tote See", vielleicht ein Erdfall im Moorboden, welcher als Aufenthaltsort der "Watermömen" berüchtigt war und nicht selten Opfer forderte.

(Karl Friedrich Adolf Konrad Bartsch, 1832-1888)

Verwendetes Bild ist von:
© Gerd Altmann/www.pixelio.de

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Stecken schlägt aus – eine Sage aus Mecklenburg-Vorpommern

Donnerstag, März 24th, 2011

 

pixelio.de - Stecken schlägt ausIn Spendin, einem dem Kloster Dobertin gehörigen Gute, stahl einmal ein Mann ein Pferd. Von den Häschern verfolgt, traf er einen Schäfer und bat ihn, das Pferd nur einen Augenblick zu halten, damit er seine Notdurft verrichten könne.

Die Häscher kamen heran, ergriffen den Schäfer und schleppten ihn, wiewohl er seine Unschuld beteuerte, vor den Richter, der ihn zum Tode verurteilte. Als er nach dem Gerichtsberg geführt wurde, stieß er am Wege seinen Stecken in die Erde und sagte: "So wahr ich unschuldig bin, so wahr wird dieser Stecken ausschlagen!"

Kaum war er hingerichtet, als der eichne Stab Blätter und Zweige trieb. Der Berg und die Eiche werden noch heute gezeigt.

(Karl Friedrich Adolf Konrad Bartsch, 1832-1888)

Verwendetes Bild ist von:
© Dieter Schütz/www.pixelio.de

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Die Reise eines Schäferknechts nach dem Blocksberg – eine Sage aus Mecklenburg-Vorpommern

Dienstag, März 22nd, 2011

 

Die Reise eines Schäferknechts nach dem BlocksbergIn Spornitz bei Parchim wohnte einstmals ein Bauer, dessen Frau eine Hexe war. Wie alle Hexen pflegte auch sie in der ersten Mainacht nach dem Blocksberg zu reisen. Einst machte sie dem in ihrem Hause dienenden Schäferknecht, auf welchen sie ein Auge geworfen hatte, den Vorschlag, doch einmal mit ihr nach dem Blocksberg zu reisen.

Der Knecht, der sehr einfältiger, aber dabei auch höchst neugieriger Natur war, ließ sich bereden, und so ging denn schon in der nächsten Mainacht die Reise wirklich vor sich. – Die Bauersfrau befahl ihrem Auserkorenen, gleich ihr einen Besenstiel zu besteigen und ihr folgende Worte nachzusprechen: "Auf und davon und nirgends an!"

Der Schäferknecht, der nicht genau zugehört haben mochte, rief in der Hast: "Auf und davon und allenthalben an!" Sein hölzernes Ross schwang sich hiernach auch richtig in die Höhe und fuhr mit ihm durch die Lüfte dahin, dem Blocksberge zu. Aber er stieß allenthalben an, bald an einem Kirchturm, bald an einen hohen Baum, während seine Hausfrau ungehindert über alles hinwegsauste.

Die Reise eines Schäferknechts nach dem Blocksberg

Endlich auf dem Blocksberg angelangt, findet unser Schäferknecht schon die ganze saubere Gesellschaft versammelt. Die ausgelassenste Freude und Lust herrscht überall. Es erschallt eine rauschende, prächtige Musik, so schön wie er sie noch nie gehört. Alles jubelt und lacht, tanzt oder macht Musik.

Nachdem sich auch unser Freund aufs meiste gütlich getan hat und eine Masse der im Überfluss bereitstehenden herrlichen Speisen und Getränke zu sich genommen hat, wird ihm, da er nicht tanzen will, eine Trompete gegeben, um sich damit zu vergnügen und lustig mitzublasen.

Obgleich er niemals Musik getrieben, geschweige je eine Trompete geblasen hat, so will er in seiner frohen Laune darauf doch einmal sein Heil versuchen. Er setzt also dreist das Instrument an den Mund. Und siehe da, es geht ausgezeichnet, und er bläst besser als der Neustädter Stadtmusikant, wenn er in Spornitz zu Hochzeiten oder Erntebier aufspielen musste.

Als kaum der Morgen zu grauen beginnt, hat das Fest ein Ende. Alles schwingt sich auf und eilt der Heimat zu. Auch der Schäferknecht besteigt wie seine Hausfrau sein Holzross, spricht jetzt richtig die bekannten Worte und kommt glücklich und ohne diesmal wieder gegen Türme oder Bäume anzufahren nach Hause.

Hier legt er sich zum Bette, um noch die paar Stunden bis zum gänzlich angebrochenen Tage zu verschlafen und sich also von den Anstrengungen der Reise zu erholen.

Seine Trompete, die er auf dem Blocksberge so herrlich geblasen, und die er sich dort hatte schenken lassen, legt er bei sich ins Bett. Aber o Wunder! Als er am andern Morgen aufwacht und nach seiner Trompete greift, ist dieselbe ein Katzenschwanz.

(Albert Niederhöffer, 1828-1881)

Verwendete Bilder sind von:
Wikipedia
(Bild 1: Hexenflug der "Vaudoises" – Martin Le France (1410-1461) – gemeinfrei)
(Bild 2: Darstellung des Hexensabbats aus der Chronik des Johann Jakob Wick – gemeinfrei)

 

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