Einst lebte ein Pfalzgraf bei Rhein hier zu Bacharach, der einen kräftigen schönen einzigen Sohn hatte. Ihn hatte einst die Nixe erblickt, als er unterhalb des Felsens, der einen Vorsprung bildet, badete; schon wollte sie ihren Zaubergesang anstimmen und sich dem in den Fluten spielenden Jüngling in ihrer ganzen Schönheit zeigen, als sie Mitleid mit ihm fühlte, denn sie empfand wirkliche Liebe für ihn.
Lange Zeit hörte man jetzt nichts mehr von der Wasserjungfrau, und ohne Gefahr konnten die Fischer selbst unter dem Felsen ihre Netze auswerfen, den jungen Pfalzgrafen aber schien seit diesem Augenblick in allem, was er unternahm, das Glück zu verfolgen. Wenn er auf der Jagd ganz erschöpft und verdurstet niedersank, da sprudelte auf einmal ein silberheller Quell neben ihm auf und er sah sich mitten in ein reiches Bett von süßen Waldbeeren versetzt; wollte er ausruhen, so fand er eine kühle Felsengrotte mit weichem Mooslager, kurz, es schien ein freundlicher Schutzgeist ihn überallhin zu begleiten.
Eines Abends, als er von der Jagd zurückkehrte, wurde er aber auf der ihm sonst so bekannten Bahn irre, er kletterte auf dem Felsen herum, ohne den Weg nach dem Fluss hinab finden zu können, im Gegenteil, er entfernte sich immer weiter von ihm. Da klang es ihm wie Saitenspiel ins Ohr, er kletterte eine Felswand hinan, um freie Aussicht auf den Strom zu gewinnen; auf der Felsenkuppe angelangt, stand er auf einmal wie geblendet, denn er sah plötzlich eine Jungfrau vor sich, so hold und liebreizend, wie sein Auge noch keine erblickt hatte.
Schon wollte er auf sie zuschreiten, als der Gedanke an die Nixe Lorelei durch seine Seele fuhr und er, sich andächtig bekreuzend, wie festgewurzelt stehenblieb. Plötzlich war die Jungfrau verschwunden und er fand sich wie aus einem Traum erwachend auf dem rechten Weg wieder, der hinab zum Fluss führte.
Seit diesem Abenteuer konnte der Jüngling aber den Gedanken an das wunderbare Frauenbild nicht wieder loswerden, er dachte Tag und Nacht an sie, stets klang die Melodie ihres Zaubergesanges vor seinen Ohren und schien ihn nach jenem Felsen hinzulocken. Die Folge davon war, dass er für ritterliche Spiele und seine frühere Lieblingsbeschäftigung, die Jagd, bald keinen Sinn mehr hatte und diese Verwandlung seinem Vater so auffiel, dass er ihn nach der Ursache fragte.
Als nun der Jüngling gestand, was er gesehen hatte, da beschloss der Pfalzgraf, ihn fortzusenden an das kaiserliche Hoflager, vielleicht, dass die Entfernung ihn von dem Gedanken an die Nixe abbringen möge; der Tag des Scheidens war schon bestimmt und es schien anfangs, als wenn der Jüngling gern dem Wunsch seines Vaters nachkomme; allein je näher der herankam, desto beklommener wurde sein Herz, und wie er sich auch mit Gewalt von diesen Gefühlen durch Anstrengungen auf der Jagd abziehen wollte, es gelang ihm nicht.
Am Tag vor seiner Abreise aber bat er seinen alten Erzieher, mit ihm hinauszuziehen zum Rhein, um sich das letzte Mal mit Fischen auf dem Strom zu belustigen. Der konnte es ihm nicht abschlagen und so fuhren sie denn mit dem Netz über die Fluten dahin und die reichste Beute wurde ihnen zuteil. Der Junker lenkte aber den Kahn nahe am Ufer hin, dem gefährlichen Felsen immer näher, ohne dass sein Gefährte, des glücklichen Fanges sich freuend, es bemerkte; da auf einmal, als der Mond in seiner ganzen Pracht hinter der Lorelei auftauchte und sein freundliches Licht auf den Höhen leuchtete und in den Wellen zitterte, da erblickte der Jüngling hoch oben auf der Platte die Junfrau in ihrem vollen Zauberreiz, wie er sie schon einmal gesehen.
Die Nixe aber stimmte ihren Gesang an und breitete die Arme aus, als wollte sie den Gegenstand ihrer Liebe brünstig umfangen. Da entsank dem Jüngling das Steuer, sein Auge sah nur sie, der Kahn, immer näher der Klippe gekommen, glitt dem brausenden Wirbel der Gewässer zu, die sich wild stürmend an dem Felsen brachen und auf einmal hoch sich auftürmend den Kahn und seine Führer verschlangen, welche die Gefahr nicht ahnten. Zwar trug den alten Erzieher eine Woge an das jenseitige Ufer, allein keine brachte den Jüngling wieder. Jener musste dem Pfalzgrafen die traurige Kunde bringen und dieser in wildem Zorn aufbrausend versprach hohen Lohn dem, der ihm die Nixe tot oder lebendig ausliefern werde.
Als aber der Mond am andern Abend aufging, da umstellten Reisige den ganzen Felsen, und wie das Gestirn hoch über der Platte stand, da war auch die Nixe wieder da. Mutig ging der alte Knappe auf sie los und fragte sie, wo der Jüngling sei, sie aber gab keine Antwort, sondern deutete nur auf die Wogen hinab, die auf einmal grollend aufbrausten.

Da warf sie ihr kostbares Perlenhalsband hinab, welches dieselben zu beruhigen schien, sang noch eine Zauberweise, warf ihren Schleier von sich, der langsam hinabsank, und von ihm getragen wurde sie von den Fluten in die Tiefe gezogen und nie mehr gesehen.
(Johann Georg Theodor Grässe, 1814-1885)
Verwendete Bilder sind von:
Emil Krupa-Krupinski (1872–1924): Loreley, 1899 (Bild 1)/gemeinfrei/Quelle Wikipedia
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