Das Weihnachtsgeschenk – eine Sage aus Sachsen
Samstag, Dezember 17th, 2011
Wenn man von Budissin nach Görlitz geht, erblickt man unweit des Pfarrdorfes Krischa linker Hand einen mit Nadel- und Laubholz bepflanzten Platz, auf dem vor nun über hundert Jahren noch eine Betsäule stand, die eine nicht mehr lesbare Inschrift trug.
Darüber wird erzählt: Es soll einst an einem Christabend ein armer Bürger aus Budissin nach Görlitz gegangen sein, um dort einiges Geld für von ihm dorthin gelieferte Arbeit zu holen. Allein wie ward ihm, als er dasselbe nicht erhielt und dadurch seine Hoffnung, für seine sechs kleinen Kinder einige Christstollen zu kaufen, in den Born fiel.

Traurig und mit banger Sorge vor dem kommenden Winter kehrte er in später Abendstunde in seine Vaterstadt zurück; da sah er, dass das rechts bei Krischa liegende Gebüsch mit einer Anzahl heller Lichter erleuchtet war. Er begriff allerdings nicht, was dies sein könne, allein er fasste sich ein Herz und ging mutig auf das Gebüsch los, um zu sehen, was die Lichter zu bedeuten hätten. Da trat ihm am Eingange desselben ein kleines, kaum vier Spannen hohes Männchen entgegen, grüßte ihn und rief ihm zu, er möge nur näher kommen, es sei ihm heute eine große Freude beschert.
Der arme Mann ließ sich dies auch nicht zweimal sagen. Er trat unter die Bäume und sah die kleinen Fichten ganz wie die Lichterbäume in der Stadt mit Äpfeln, Nüssen, Mandeln, Zuckerwerk und Honigkuchen behangen. Das Männchen lud ihn nun ein, sich davon soviel zu nehmen, als er wolle, um seinen Leuten zu Hause eine Weihnachtsfreude zu bereiten, und so füllte er sich denn den Sack, den er zum Tragen der Stollen bestimmt gehabt hatte, mit diesen wunderlichen Weihnachtsgaben an und machte sich auf den Weg nach seiner Heimat, nachdem er noch ausdrücklich die Lichter hatte auslöschen sehen. Je näher er aber auf die Stadt zukam, desto schwerer ward sein Sack, und kaum vermochte er sein Haus zu erreichen; doch hütete er sich wohl, etwas aus jenem wegzuschütten, um sich seiner Bürde zu erleichtern.
An der Tür kamen ihm schon seine Kleinen entgegen, welche lange schon auf ihn gelauert hatten, weil sie wussten, dass er ihnen einen heiligen Christ hatte mitbringen wollen; schnell warf er nun den Sack von den müden Schultern, allein wir ward ihm, als beim Öffnen statt der Äpfel, Nüsse usw., die er darin zu finden gedachte, eine Masse alter Goldmünzen herauskullerten.
Damit war aber aller ihrer Not ein Ende gemacht. Nun konnte er seinen Kindern nicht bloß Christstollen, sondern überhaupt alles kaufen, was sich sein Herz wünschte. Er wendete aber das Geschenk des kleinen Männchens wohl an; er errichtete zur Erinnerung an jene himmlische Weihnachtsbescherung an jener Stelle eine Betsäule, trieb sein Handwerk – er war ein Strumpfwirker - dermaßen ins Große, dass dasselbe überhaupt in seiner Vaterstadt gehörig in Schwung kam, und ward der Ahnherr einer der angesehensten und wohlhabendsten Familien der Stadt.
(Johann Georg Theodor Grässe, 1814-1885)
Verwendete Bilder sind von:
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