
In einem Dörfchen in der Nähe des Kyffhäusers erzählte man sich folgende Geschichte:
Eines Sonnabends fuhr der lange Töffel eine Ladung Getreide in die Stadt Kelbra. Allein entweder hatte er damit zu hoch hinausgewollt, oder es war zuviel Getreide auf dem Markt. Genug, Töffel verkaufte kein Korn, geschweige denn die ganze Ladung, und musste seine Frucht wieder aufladen und mitnehmen.
Das ärgerte ihn gewaltig. Er dachte hin und her, wie er die Sache recht gescheit angreifen sollte, und verfiel endlich auf den Gedanken, nach Nordhausen zu fahren und zu sehen, ob er sein Getreide nicht etwa einem Branntweinbrenner aufschwatzen könne. Er wäre es dort auch losgeworden; aber was nicht sein soll, soll eben nicht sein.
Töffel war noch keine halbe Stunde von Kelbra weg, da erhob sich auf einmal ein so gewaltiger Sturm, dass es nicht anders war, als wenn er alle Bäume aus der Erde reißen wollte. Dabei fing’s auch an so zu regnen, zu blitzen und zu donnern, dass Töffel nicht anders glaubte, als der Jüngste Tag breche herein.
Er musste also wohl oder übel seinen Vorsatz, nach Nordhausen zu fahren, aufgeben und im ersten besten Dorf einkehren, um dort das Wetter abzuwarten.
Das Gewitter ging auch sehr bald vorüber, und Töffel hätte wieder aufbrechen können. Aber wie’s nun so zu gehen pflegt, wenn man einmal einkehrt: Da nötigt einen der, noch ein Viertelstündchen zu bleiben und jener noch ein Viertelstündchen, und darüber bleibt man kleben.
Ebenso ging’s Töffel. Er hatte in der Schenke gute Gesellschaft gefunden und ließ sich daher aufhalten bis zum Abend. Da er einmal so lange geblieben war, hätte er auch die folgende Nacht bleiben können. Aber dazu war er nicht zu bereden. Er bezahlte seine Zeche, schirrte flugs an und fuhr auf Nordhausen zu. Allein der Regen hatte den Weg so aufgeweicht, dass die Wagenräder ein Mal über das andere bis an die Achsen einsanken und die Pferde sich aufs äußerste anstrengen mussten, den Wagen wieder herauszuziehen.
Jeder andere an seiner Stelle wäre augenblicks wieder umgekehrt und hätte sich bis zum andern Morgen in die Schenke gesetzt, währenddessen es gewiss ein wenig trockner geworden wäre. Allein Töffel, der vielleicht ein bisschen Hafer im Kopfe hatte und von den Leuten in der Schenke, die ihm das im voraus prophezeit hatten, nicht gern ausgelacht werden wollte, ließ sich durch die grundlosen Straßen und die immer mehr hereinbrechende Nacht nicht abhalten, seinen Weg fortzusetzen. Er vertraute seinen Pferden, die ihre Ladung noch nie hatten steckenlassen, und glaubte noch zur rechten Zeit in Nordhausen anzukommen. Aber er fand sich in seiner Rechnung mächtig betrogen.

Der Weg wurde immer schlimmer und am Ende so grundlos, dass der Wagen samt den Pferden steckenblieb.
Nun fing Töffel an zu bereuen, dass er den Rat des Wirts und seiner Freunde nicht befolgt hatte. Doch nun war’s zu spät. Der dumme Streich war einmal begangen und musste so viel wie möglich wiedergutgemacht werden. Das wusste Töffel auch. Darum stellte er sein vergebliches Fluchen ein und legte dafür lieber Hand ans Werk. Aber alle Mühe war umsonst; der Wagen saß fest wie angenagelt. Töffel gab daher alle Hoffnung auf und holte schon sein Messer aus der Tasche, um die Stränge loszuschneiden und dann wenigstens die Pferde zu retten.
Da erblickte er in der Ferne eine Laterne, die sich ihm zu nähern schien.
Gottlob, hier kommt jemand, der dir in deiner Not beistehen kann, dachte er und steckte geschwind das Messer wieder in die Tasche. Als aber die Laterne immer näher kam, sah Töffel, dass ein ganz kleiner Mann sie trug. Er war ungefähr zwei Fuß hoch und hinten und vorn ausgewachsen. Da fiel dem Töffel auf einmal wieder der Mut.
Der wird dir wenig helfen können, dachte er bei sich und war anfangs gar nicht willens, den kleinen buckligen Laternenträger um seinen Beistand zu bitten. Allein da einem in der Not jede Hilfe willkommen sein muss, entschloss er sich endlich, den Kleinen anzusprechen. "Heda, guter Freund!" rief er, als der kleine Purzel, der seinen Weg seithalb nahm, ihm so nahe war, dass er ihn hören konnte. "Will Er denn nicht so gut sein und mir ein wenig mit Seiner Laterne leuchten, damit ich sehen kann, ob es nicht noch möglich ist, den Wagen da aus dem Sumpf herauszubringen?"
"Recht gern", erwiderte der Zwerg, indem er auf Töffel zugezappelt kam. "Ich versage keinem Menschen meinen Beistand und will Euch gern mit Rat und Tat helfen, soviel ich vermag."
"Nun, so geb Er mir einen guten Rat, wie ich hier mit meinem Wagen und den Pferden wieder aus dem Sumpf herauskommen kann." "Hilfe ist hier besser als guter Rat", versetzte das Männchen, gab Töffel die Laterne zu halten, setzte sich quer über das Sattelpferd, hieb mit der Peitsche auf die Vorderpferde und fuhr glücklich aus dem Morast heraus.
Wer war froher als Töffel! Er dankte dem kleinen Mann tausendmal und wollte ihm einen bayrischen halben Gulden Trinkgeld geben. Doch der Kleine nahm durchaus nichts.
"Behaltet Ihr nur Euer Geld, Schwager", sagte er. "Ich habe selbst, soviel ich brauche, und mache mir ein Vergnügen daraus, meinem Nächsten zu dienen in allen Nöten. Aber wenn Ihr mir einen Gefallen tun wollt, so lasst mir Euer Getreide für Geld und gute Worte zukommen; ich will Euch gern geben, was Ihr dafür verlangt."
"Ist das Sein Ernst?" fragte Töffel, dem dieser Antrag gar sehr willkommen war. "Mein völliger Ernst", erwiderte der Zwerg. "Wenn Ihr also gesonnen seid, meinen Vorschlag anzunehmen, so fahrt mit."
Töffel ließ sich das nicht zweimal sagen. Er schwang sich, ohne lange zu fragen, wer sein Käufer sei, aufs Pferd und gelangte unter der Geleitschaft des Kleinen, der immer drei Schritte vor den Pferden mit seiner Laterne hertrippelte, endlich an den Fuß eines hohen, steilen Berges. Dort befahl ihm das Männchen zu halten und abzuladen.
Töffel hatte sich bis jetzt keine Gedanken über den Kleinen gemacht und geglaubt, er hätte es mit einem wirklichen Menschen zu tun. Daher fühlte er nicht die geringste Anwandlung von Furcht. Allein als ihn der Zwerg, nachdem er seine Ladung hinauf aufs Schloss geschafft hatte, in ein großes Gewölbe führte, worin nichts als eiserne, bis obenan mit Gold und Silber angefüllte Kästen standen, da gingen ihm endlich die Augen auf. Er merkte nun deutlich, dass er es mit Kaiser Friedrichs Kellermeister zu tun hatte.
Als ein verwegener Kerl aber war er mehr erfreut als betrübt darüber. Er glaubt nämlich nichts gewisser, als dass der Zwerg ihm wenigstens eine solche Truhe voll Goldstücke als Kaufschilling für sein Getreide geben würde. Hierin irrte er sich sehr.
Der bucklige Bewahrer dieses Schatzes zeigte sich nicht so großmütig. Er führte ihn zwar zu einer Kiste, in der sich eitel Goldstücke eines Schlags befanden, verbot ihm aber aufs strengste, mehr davon zu nehmen, als seine Ladung wert war.
Dieses Verbot kam dem geizigen Töffel sehr ungelegen. Er hatte zum wenigsten auf eine Tonne Goldes gerechnet und ließ sich’s daher ziemlich deutlich merken, dass er sich von der Freigebigkeit des Zwerges mehr versprochen hatte. Doch was half’s? Der Zwerg gestand ihm nicht einen Kreuzer mehr zu und drohte sogar, ihn das Getreide wieder aufladen zu lassen, wenn er mit dem wahren Wert des Korns nicht vorliebnehmen wollte.
Da diese Drohung gar nicht nach Töffels Sinn war, so glaubte er, sich mit einem mäßigen Profit zufriedengeben zu müssen. Er zählte sich daher so viel ab, wie er für seine Frucht gefordert hatte, konnte aber nicht umhin, ehe er die Kiste verließ, noch einen dichten Griff hineinzutun. Er freute sich dabei herzlich, dass er den geizigen Zwerg doch noch um ein paar hundert Tälerchen - denn so viel mochten es wohl gewesen sein – geprellt hatte. Schon war er im Begriff, das Schloss zu verlassen, als der Zwerg ihn zurückrief. Er fragte Töffel, ob er nicht Kaiser Friedrich sehen wolle.
Töffel wusste anfangs nicht, ob er ja oder nein sagen sollte. Endlich entschloss er sich aus angeborenem Vorwitz und sagte: "Je nun, wenn Er ihn mir zeigen will und mir verspricht, dass mir nichts Unheimliches begegnen soll, so möchte ich den alten Herrn wohl kennenlernen. Ich habe viel Schnurriges von ihm erzählen hören und mir daher oft gewünscht zu erfahren, ob auch was an der Sache wäre. Aber wie gesagt, Gefahr muss ich nicht zu befürchten haben, sonst gehe ich lieber meiner Wege."
Der Zwerg versicherte ihm, dass er nichts zu besorgen habe, und führte ihn darauf durch einen langen unterirdischen Gang. Dorthinein schien weder Sonne noch Mond, und jeder Fußtritt hallte laute wider. Sie kamen zu einer eisernen Tür, die mit zehn mächtigen Riegeln verwahrt war. Daran hingen ebensoviel ungeheure Schlösser.

Der Zwerg öffnete sie mit Hilfe eines Bundes Schlüssel, das er bei sich führte, und schob die Riegel nach und nach alle zurück. Endlich dröhnte die Tür mit so fürchterlichem Geräusch auf, dass Töffel, dem doch gewiss das Herz auf dem rechten Fleck saß, darob ein Grausen ankam. Allein die Neugierde siegte über die Furcht.
Er bot also seine ganze Herzhaftigkeit auf und trat in ein Gewölbe, das so groß war, dass ein Wagen mit vier Pferden darin hätte wenden können. Es wurde von einer einzigen Lampe erleuchtet, die gerade in der Mitte des Gewölbes über einem runden steinernen Tisch hing. Um ihn herum saß Kaiser Friedrich mit seiner ganzen Familie. Alle waren niedergeschlagen, als ob ihnen die Hühner das Brot genommen hätten, und sahen, die Köpfe auf die Arme gestützt, stier vor sich hin. Am traurigsten aber schien der Kaiser zu sein, der in der Mitte seiner Familie saß. Sein roter Bart war durch den Tisch gewachsen.
Töffel betrachtete ihn lange mit Verwunderung und wollte eben wieder gehen, als der Kaiser ihn gewahr wurde. Er schien aus einem tiefen Schlafe zu erwachen und fragte Töffel mit hohler Stimme, ob die Raben noch um das Schloss herumflögen.
"Ja, Ihro Majestät", versetzte Töffel mit einem tiefen Bückling, und das zwar nicht aus Überzeugung, denn er hatte darauf gar nicht geachtet. Gesagt hatte er es bloß, weil er einmal von seinem Schulmeister gehört hatte, dass man großen Herren nie widersprechen, sondern allemal recht geben müsse. Damit hatte er jedoch mächtig gefehlt, denn kaum war das fatale "Ja" seinen Lippen entwischt, so verfinsterte sich des Kaisers Stirn.
"So muss ich denn noch hundert Jahre hier nach Erlösung schmachten", sprach er seufzend und ließ wieder den Kopf sinken. Jetzt merkte Töffel erst, dass er gepudelt hatte. Er hätte daher gern sein "Ja, Ihro Majestät" zurückgenommen, wenn es nur möglich gewesen wäre. Doch war es einmal heraus, und so musste er wieder seinen Abmarsch nehmen, ohne dem armen Kaiser den geringsten Dienst erwiesen und ohne die geringste Anwartschaft auf seine Dankbarkeit bekommen zu haben.
Als er wieder nach Hause kam, erzählte er seiner Frau haarklein, wie’s ihm über Nacht ergangen war, und zeigte ihr zum Beweis auch die Goldstücke, die er von dem Zwerg für sein Korn erhalten hatte. Auf der einen Seite befand sich das Bildnis des Kaisers Tiberius, auf der anderen aber waren die Worte zu sehen: Halber Sekel. Auch machte er gar keinen Hehl daraus, dass er wider das ausdrückliche Verbot des Zwergs mehr genommen hatte, als seine Früchte wert gewesen waren und ihm zugestanden worden war.
Er wusste sich vielmehr recht viel darauf zugute zu tun, dass er den Schatzmeister des Kaisers Friedrich hintergangen hatte. Dabei dachte er an nichts weniger, als dass die Strafe für diese Betrügerei noch nachkommen könnte.
Töffel hatte von der Stunde an, da er zu tief in Kaiser Friedrichs Geldkasten gegriffen, weder Glück noch Segen. Das Wetter verhagelt seine Felder, die Raupen fraßen ihm das Gemüse, und eine pestartige Seuche raffte in einer Zeit von vierzehn Tagen all sein Vieh dahin. Das war aber noch nicht genug. Nun kamen auch Spitzbuben und mausten ihm, was Viehseuche, Wetterschlag und Ungeziefer noch übriggelassen hatten.
Auf diese Art war Töffel auf einmal aus einem wohlhabenden Mann ein Bettler geworden. Er packte den Rest seiner Siebensachen und verließ mit seiner Frau das heimatliche Dorf. Keiner seiner Freunde hat ihn je wieder gesehen.
(August Krumbhaar)
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