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Archive for the ‘Thüringen’ Category

Die Wichtel können keine Pferde leiden – eine Sage aus Thüringen

Sonntag, November 7th, 2010

pixelio.de - Die Wichtel können keine Pferde leiden 

Auf einem Bauernhofe in Dankmarshausen starben einst einige Pferde kurz hintereinander, und niemand wusste, wie das zuging. Da geschah es, dass der Bauer eines Abends noch spät über den Hausflur ging und einen schwachen Lichtschein unter einer umgestülpten Wanne bemerkte.

Als er näher zusah, steckten vier Wichtelmännchen darunter, die fleißig daran waren, Teig zu kneten, und einer sprach zum andern: "Knete zu, knete zu!" Sie ließen sich auch nicht irre machen, als sie sich entdeckt sahen, sondern einer sprach zu dem Bauern, der verwundert zusah: "Weil du gerade da bist, so können wir dir ja sagen, warum deine Pferde sterben. Wir haben unsere Wohnung unter dem Stall und können diese Tiere nicht leiden, wenn du sie aber in einen anderen stellst, wird ihnen kein Leid mehr geschehen."

Der Bauer tat, wie ihm die Wichtel geraten hatten, und es starb von der Zeit an keins mehr.

(E. Heusinger, 1841)

Verwendetes Bild ist von:
© Andreas Müller/www.pixelio.de

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Der Wartburgkrieg – eine altdeutsche Sage aus Thüringen

Mittwoch, Oktober 13th, 2010

Der WartburgkriegIm Jahre 1206 lebten auf der Wartburg am Hofe Hermanns, des Landgrafen von Thüringen und Hessen, sechs edle und berühmte Sänger: Herr Heinrich, genannt der tugendhafte Schreiber, Herr Walther von der Vogelweide, Herr Reinmar, Herr Wolfram von Eschenbach, alle ritterlichen Standes. Der fünfte war Biterolf, einer von des Landgrafen Hofgesinde, der sechste war Heinrich von Ofterdingen, ein Bürger aus der Stadt Eisenach und von einem frommen Geschlechte.

Diese sechs Meister gerieten in einen Streit über die Tugenden und Vorzüge etlicher Fürsten vor einander, besonders aber des Herzogs Leopold von Oesterreich und des Landgrafen Hermann von Thüringen. Sie kämpften aber nicht mit den Schwertern, sondern mit ihren Liedern gegen einander, flochten auch artige Rätsel in ihren Gesang, die sie meist der heiligen Schrift entlehnten. Die Lieder aber, die sie damals sangen, sind bis auf unsere Tage gekommen und heißen: der Krieg von Wartburg.

Es trat aber in diesem Kampfe Heinrich von Ofterdingen allein gegen die andern alle auf. Denn während die andern den Landgrafen Hermann besangen und ihn mit dem Tage verglichen, pries Heinrich von Ofterdingen in seinen Liedern den Herzog Leopold von Oestreich und verglich ihn vor andern Fürsten mit der Sonne.

Solches aber missfiel den übrigen Sängern so sehr, dass sie großen Hass gegen Heinrich von Ofterdingen fassten. Darum dachten sie darauf, wie sie ihn um das Leben brächten und nachdem sie in gegenseitiger Verpflichtung, auf Leben und Tod mit ihren Liedern gegen einander zu kämpfen, übereingekommen waren, auch Heinrich von Ofterdingen solcher Verpflichtung beigetreten war, ward sogleich nach dem Henker gesandt, damit dieser denjenigen, der als besiegt erfunden würde, alsbald an einem Baume aufknüpfe.

Stempfel - so hieß zu der Zeit der Henker – kam und erwartete, den Strang in der Hand haltend, den Ausgang des Kampfes. Er tat es aber nur nach dem Willen der Sänger und weil das Hofgesinde es gestattete; denn des Fürsten Jawort hatte man nicht, da dieser alles für einen Scherz hielt und sich der Sache nicht sehr annahm.

Der WartburgkriegAber aus dem Scherze ward ein bitterer Ernst, denn gar zu gern wären die übrigen Sänger ihres Feindes, Heinrich von Ofterdingen, entledigt gewesen. Heinrich sang nun zwar klug und geschickt; allein zuletzt wurden die andern ihm überlegen und fingen ihn in seiner Rede mit listigen Worten. Da klagte er, dass man ihm falsche Würfel vorgelegt, mit denen er habe verspielen müssen. Als aber die fünf den Henker herbeiriefen, auch selbst Hand an den Besiegten legten wollten, um ihn dem Henker zu überantworten, entfloh er vor ihnen und rettete sich unter den Mantel der Landgräfin, auf deren Schutz er sich verließ.

Da mussten sie ihn auch in Frieden lassen, denn die Landgräfin bat für ihn und wollte, dass sie mit ihm unterhandelten. So dingte er mit ihnen, dass sie ihm ein Jahr Frist gäben. Binnen dieser Frist wollte er sich aufmachen und aus Ungarland den berühmten Meister Klingsor nach der Wartburg holen. Was der über ihren Streit urteilte, das sollte gelten und wen er für besiegt erklären würde, der sollte durch Henkers Hand sterben. Könnte aber Heinrich von Ofterdingen jenen Klingsor nicht in der besagten Frist herbeischaffen, so sollte er hängen.

Klingsor war ein großer, wohlgelehrter Mann und Weiser, ein Meister in den sieben freien Künsten, ein Beobachter der Sterne, aus denen er zukünftige Dinge vorhersagte. Auch war er ein Meister in der schwarzen Kunst, die Geister mussten ihm gehorsam sein und Schätze, die in der Erde verborgen lagen, wusste er wohl zu finden. Darum hielt ihn der König von Ungarn sehr lieb und wert, ließ ihn nicht von seinem Hoflager und gab ihm alle Jahre dreitausend Mark Silber zum Lohne, so dass Klingsor, der auch ein schöner Mann war, seinen eigenen Hof, wie ein großer Bischof, halten konnte.

Kein Mensch auf der ganzen Erde war also wohl mehr im Stande, den Streit der Sänger auf der Wartburg zu entscheiden, als Meister Klingsor und auf ihn hatte sich Heinrich von Ofterdingen berufen, zur Zufriedenheit der übrigen Sänger, die da glaubten, auf diesem Wege ihres Gegners sicher ledig zu werden.

Aber Heinrich von Ofterdingen meinte, er allein sei einer solchen Botschaft an den weit und breit berühmten Klingsor nicht gewachsen, sah auch nicht wohl ein, wie er ihn aus Ungarn nach der Wartburg bringen möchte. Darum machte er sich auf  zu dem Herzoge von Oestreich, offenbarte ihm, wie es auf der Wartburg ergangen, wie er ihn verglichen hätte der Sonne, wie der Landgraf Hermann von Thüringen aber von den andern Sängern dem Tage verglichen worden wäre, womit sie ihn hätten überlisten wollen, wie er sich aber auf Meister Klingsor zu Ungarn berufen, der in allen Landen wegen seiner Gelehrtheit und Klugheit gar berühmt wäre. Dann bat er den Herzog um Briefe an Meister Klingsor, damit der desto bereitwilliger wäre, ihm nach der Wartburg zu folgen.

Solches gewährte auch der Herzog dem von Ofterdingen, dazu noch reichliches Reisegeld und also ausgestattet eilte dieser zu Meister Klingsor. Dieser, nachdem er die Ursache solcher Reise vernommen, auch die Briefe des Herzogs von Oestreich gelesen hatte, hieß Heinrich von Ofterdingen willkommen sein, tröstete ihn in seiner Bekümmernis, und versprach ihm, ihn sicherlich nach Thüringen zu begleiten.

Zugleich verlangte er die Lieder seines Gastes zu hören, damit er sich darnach richten könnte. Also musste ihm Heinrich all seine Gesänge vortragen, die dem Meister über die Maßen wohlgefielen, denn sie waren voll guten Sinnes.

Nun aber schien es, als wollte Meister Klingsor gar keine Anstalt zu seiner Reise machen und als hielte er seinen Gast nur durch Worte hin, so dass endlich nicht mehr als ein Tag von der dem Heinrich von Ofterdingen zugestandenen Zeit übrig war. Da geriet Heinrich in große Angst und Betrübnis und klagte: "Meister, ich fürchte, Ihr lasset mich im Stich und ich muss allein und traurig meine Straße ziehen. Dann bin ich ehrenlos und darf zeitlebens nimmermehr nach Thüringen."

Da Meister Klingsor solche Reden hörte, sprach er ihm gütlich zu, gelobte ihm auch, sicherlich mit nach der Wartburg zu fahren. "Ich habe starke Pferde", sprach er, "und einen leichten Wagen, wir wollen den Weg in kurzer Zeit zurücklegen."

Aber Heinrich von Ofterdingen fand wenig Trost in dieser Rede, beklagte vielmehr, dass er jemals nach Ungarn gekommen und konnte nicht schlafen. Darum gab ihm der Meister abends einen Trank ein, durch den er sogleich in festen Schlaf versenkt wurde. Dann legte er ihn auf ein Bett und sich dazu und befahl seinen Geistern, dass sie ihn schnell nach Eisenach im Thüringerland schaffen und in das beste Wirtshaus niedersetzen sollten.

Der Wartburgkrieg

Das geschah; sanft und wohlbehalten kamen sie noch vor Tages Anbruch in Heinrich Hellgrafens Hof an, der am St. Georgentor lag, linker Hand, wenn man aus der Stadt ging. Im Morgenschlaf hörte Heinrich bekannte Glocken läuten und er sprach: "Mir ist, als hätte ich diese Glocken schon gehört und es däucht mich, ich wäre in Eisenach.""Dir träumt wohl", sprach da Meister Klingsor. Heinrich aber stand auf und sah sich um, da merkte er, dass er in Thüringen war. "Gott sei Lob, dass wir hier sind!" sprach er. "Das ist Hellgrafens Haus und hier sehe ich das Tor von St. Georg und die Leute, die davor stehen und über Feld gehen wollen."

Sogleich verbreitete sich die Nachricht von der Ankunft der beiden in ganz Eisenach und auch auf der Wartburg vernahm man, dass Heinrich von Ofterdingen wieder angekommen wäre und den Meister Klingsor mitgebracht hätte, und die Sänger gingen von dem Schlosse, den Meister mit Ehrenbezeugungen und Geschenken zu bewillkommen, wie es der Landgraf ihnen geheißen hatte. Als man den Ofterdingen fragte, wie es ihm ergangen und wo er gewesen, antwortete er: "Gestern Abend ging ich in Ungarn schlafen und zur Zeit der Frühmette war ich heute hier. Wie das aber zugegangen ist, das weiß ich nicht." So vergingen etliche Tage, bevor die Meister vor Klingsor sangen.

Nun geschah es, dass Meister Klingsor eines Abends in seines Wirtes Garten saß und die Gestirne betrachtete, lange auf eine Stelle des Himmels hinschauend. Und es waren viele ehrbare Leute von des Fürsten Hofe und ein Teil der Bürger aus der Stadt gegenwärtig, die den Abendtrunk zu sich nahmen. Diese baten den Meister, ihnen etwas Neues zu sagen, wie er oft zu tun pflegte und weshalb man immer gern bei ihm war.

Der Wartburgkrieg"Ich will euch", sprach er da, "neue und fröhliche Mär sagen. In dieser Nacht wird meinem Herrn, dem Könige von Ungarn, eine Tochter geboren, die wird Ludwig, dem Sohne eures Fürsten, zur Ehe gegeben werden und von ihrer Tugend und Heiligkeit wird dieses Land und die gesammte Christenheit großen Segen haben."

Das hörten die Herren aus Hessen und Thüringen, die in Meister Klingsors Herberge gekommen waren, mit großer Freude, eilten zur Wartburg zurück und als Landgraf Hermann des Morgens die Messe angehört hatte, verkündeten sie ihm die Worte, die sie von dem Meister vernommen hatten. Der Fürst verwunderte sich gar sehr über dieselben und ritt sogleich hinab, Meister Klingsor zu empfangen und auf sein Schloss zu führen, damit er ihm und der Landgräfin noch einmal die frohe Nachricht sagen möchte.

Da ward ein großer Zulauf und ein Gerede unter dem Hofgesinde von den fröhlichen neuen Mären. Dem Meister Klingsor zu Ehren aber ward ein festliches Mahl bereitet.

Als Klingsor sich genug mit dem Landgrafen unterhalten und ihm auf seine Fragen geantwortet hatte, begab er sich nach dem Rittersaale zu den Sängern, das auszuführen, um dessen willen er gekommen war.

Der Wartburgkrieg

Da trat gegen ihn auf Wolfram von Eschenbach, der ihm gram war. Sie sangen mit ihren Liedern gegen einander, aber Wolfram tat so viel Sinn und Geschick in seinen Liedern kund, dass ihn der Meister nicht überwinden konnte. Nachdem sie eine Weile gegen einander gesungen hatten, ging Klingsor aus dem Rittersaale, beschwor einen Geist, ließ diesen die Gestalt eines Jünglings annehmen und indem er ihn zu Wolfram von Eschenbach brachte, sagte er zu diesem in Gegenwart des Fürsten und dessen Mannen: "Wolfram, ich bin etwas müde mit dir zu reden; mein Knecht soll eine Weile mit dir sprechen."

Und nun fing der Teufel an zu reden von dem Anbeginn der Welt und kam bis auf die Zeit, da Christus geboren ward. Da schwieg er. Wolfram aber sang weiter von der Gnade Gottes, die er durch Jesum der Welt erwiesen und als er sang von der heiligen Wandlung des Brotes und Weines, da musste der Teufel von dannen weichen.

Klingsor hatte alles mit angehört, wie Wolfram mit gelehrten Worten das göttliche Geheimnis besungen hatte und glaubte, dass Wolfram wohl auch ein Gelehrter sein möge. Doch wollte Klingsor genauer wissen, ob Herr Wolfram wirklich gelehrt oder nur ein Laie wäre, und darum beschwor er noch einmal den Teufel, der sollte es ihm erforschen.

Der  WartburgkriegNun hatte Herr Wolfram seine Herberge bei einem Bürger in Eisenach, Titzel Gottschalk mit Namen, dem Brotmarkte gegenüber, mitten in der Stadt. Dahin kam der Teufel des Nachts in ein steinernes Gemach, welches die düstere Kammer hieß, denn sie hatte kein Fenster, war aber zu der Zeit Herrn Wolframs Schlafkammer.

Und der Teufel begann zu sprechen von den Sternen, von des Himmels Lauf und Natur und wie es um die Bilder des Himmels beschaffen wäre. Er legte Wolfram auch Fragen vor. Weil dieser aber nur gelehrt war in Gottes Wort, in andern Dingen aber unerfahren, so konnte er ihm nicht antworten.

Da lachte der Teufel und schrieb mit seinem Finger in die Steinwand, als ob sie ein weicher Teig gewesen wäre: "Wolfram, du bist ein Laie; Schnippenschnapp!" Darauf entwich der Teufel, die Schrift aber blieb an der Wand stehen. Weil jedoch viele Leute kamen, die das Wunder sehen wollten, verdross es den Hauswirt; ließ den Stein aus der Mauer brechen und ins Wasser werfen.

Klingsor aber, als er die Sänger versöhnt hatte, wollte nicht länger bleiben, verabschiedete sich von dem Landgrafen, von dem er noch kostbare Kleider und Kleinode zum Geschenke erhielt und schied mit großem Danke von der Wartburg. Wie er aber hinweggekommen, das wusste niemand.

(Albert Richter, 1838-1897) 

Verwendete Bilder sind von: Wikipedia

(Bild 1: Sängerkrieg auf der Wartburg – Miniatur aus dem Codex Manesse, 14. Jh. – gemeinfrei)
(Bild 2: Walther von der Vogelweide - Codex Manesse, um 1300 – gemeinfrei)
(Bild 3: Eisenach um 1647 – Merian-Top. – gemeinfrei)
(Bild 4: Hermann I. von Thüringen und seine zweite Gattin Sophia von Wittelsbach, Darstellung in einer Handschrift um 1210 – gemeinfrei)
(Bild 5: Der Sängerkrieg – Moritz von Schwind Fresko auf der Wartburg 1854 – gemeinfrei)
(Bild 6: Wolfram von Eschenbach; Autorbild als Ritter im Codex Manesse – gemeinfrei)

 

 

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Tannhäuser – eine altdeutsche Sage aus Thüringen

Montag, Oktober 11th, 2010

TannhäuserTannhäuser, ein edler deutscher Ritter, war weit in der Welt herumgekommen und hatte viele Wunder der Welt gesehen. Da kam er auch in den Venusberg, darin Frau Venus, die schöne Göttin, mit ihren Frauen und Jungfrauen hauste. Hier gefiel es dem Ritter wohl und im Verkehr mit den schönen Frauen dachte er lange Zeit gar nicht mehr an die Welt da draußen vor dem Berge.

Endlich aber begann sein Gewissen doch, ihm Vorwürfe zu machen, dass er als ein christlicher Ritter mit heidnischen Frauen sich vergnüge. Da beschloss er, wieder aus dem Berge heraus zu gehen und Vergebung für seine Sünde zu suchen. Er begehrte deshalb Urlaub von der Göttin.

Die hörte aber von solchem Entschlusse sehr ungern und versuchte, den Ritter zum Bleiben zu bewegen. "Herr Tannhäuser", sprach sie, "was sind das für Reden, dass Ihr mich verlassen wollt? Ihr sollt bei mir bleiben und die schönste von meinem Gespielinnen will ich euch zum Weibe geben."

Der Ritter aber erwiderte: "Ich habe mir eine andere Herrin erwählt, der ich dienen will, das ist die himmlische Jungfrau Maria. Die will ich bitten um meiner Seele Seligkeit, damit ich nicht ewig in der Hölle Glut brennen muss." "Was wisst Ihr denn von der Hölle Glut?" sprach da die Göttin. "Bleibet nur hier, Ihr werdet in keinem andern Dienste so viel Freud und Wonne haben, wie in dem meinen."

Als sie noch länger fortfuhr, den Ritter zum Bleiben zu ermahnen, als sie ihm die Freuden, die seiner in ihrem Dienste warteten, mit den lebhaftesten und verführerischsten Farben malte, sprang Tannhäuser auf und rief: "Ihr seid eine Teufelin und ich will nichts wissen von Eurem roten Munde. All mein Sinn ist mir verstört und mein Leben ist hier und ewig verloren, wenn ich länger noch bei Euch bleibe." Und in größter Erregung rief er die himmlische Jungfrau an: "Hilf mir, Maria, himmlische Maid, von diesem Ort der Sünde."

Da konnte ihn die Göttin nicht länger halten.

TannhäuserReuevoll wendete der Ritter seine Schritte gegen Rom; je näher er Rom kam, desto fröhlicher ward sein Gemüt, denn hier hoffte er bei dem Papst Urban Vergebung seiner Sünden zu finden. Mit gesenktem Antlitz trat er vor den Papst und beichtete: "Ich klage Euch meine Sünde. Ich bin ein Jahr in Frau Venus‘ Berg gewesen. Nun legt mir eine Buße auf, dass meine Seele gerettet werde und ich einst Gottes Antlitz schauen möge."

Der Papst hatte aber einen Stab in der Hand und sprach zu dem Ritter: "So wenig dieser dürre Stab, den ich in meiner Hand halte, noch grünen und Blätter treiben wird, so wenig kann euch diese Sünde vergeben werden."

Da fing der Ritter an zu klagen: "Ach, sollte ich auch nur ein Jahr noch auf dieser Erde leben, so wollte ich solche Buße tun, dass ich Gottes Huld wieder erwürbe." Mit ausgestreckten Armen fiel er vor dem Kreuze am Altare nieder und betete brünstig: "Ich bitte dich, Herr Jesu Christ, du wollest dich mein erbarmen!"

Voll Jammer und Leid wendete er dann der Stadt Rom den Rücken und brach in die schmerzliche Klage aus: "O, dass du mich verstoßen hast, Maria, himmlische Maid, dass ich dir nicht dienen darf und mich von dir scheiden muss! Nun bleibt mir nichts übrig, als zu Frau Venus in den Berg zurückzukehren, von da ich um meines Seelenheiles willen entflohen war."

Als er wieder zu dem Berge kam, empfing ihn Frau Venus voll großer Freude und hieß ihn hoch willkommen.

Drei Tage aber, nachdem der Papst den harten Spruch über den Ritter getan hatte, fing des Papstes Stab an zu grünen und Knospen und Blätter zu treiben. Da sah der Papst, dass Gott dem Ritter seine tiefbereute Sünde vergeben wollte und er schickte Boten in alle Lande aus, den edeln Tannhäuser zu suchen und ihm das Wunder, das sich zugetragen, zu verkünden.

Aber es war zu spät. Nirgends fand man den Ritter, der bereits wieder im Venusberge weilte, trauernd über des Papstes Spruch und doch noch nicht ganz an Gottes Gnade verzweifelnd.

(Albert Richter, 1838-1897)

Verwendetes Bild ist von:
Wikipedia
(Bild 1 – William-Adolphe Bouguereau (1825–1905) – Die Geburt der Venus – gemeinfrei)
(Bild 2 – Codex Manesse, Der Tannhäuser; Codex Manesse (UB Heidelberg cpg 848), fol. 264r – Zürich, ca. 1300 bis ca. 1340 – gemeinfrei)

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Ludwig der Eiserne und der Teufel – eine Sage aus Thüringen

Montag, September 27th, 2010

 

Ludwig der Eiserne und der TeufelLandgraf Ludwig der Eiserne von Thüringen war ein großer Tyrann, der die Bewohner seines Landes grausam unterdrückte.

Als er im Sterben lag, gab er seinen Freunden folgenden Befehl: "Sobald ich gestorben bin, kleidet mich in die Kutte eines Zisterziensers. Aber gebt wohl acht, dass es nicht eher geschieht, als bis ich wirklich tot bin!" Er glaubte, sich damit die ewige Seligkeit erkaufen zu können. Als sie ihm gehorchten und er in einem solchen Gewand auf dem Totenbett lag, sagte ein Ritter spöttisch: "Wahrlich, keiner ist meinem Herrn an Tugend gleich. Als er noch ein Ritter war, übertraf er alle an Tapferkeit. Wo er jetzt Mönch geworden ist, stellt er für alle ein Musterbild kirchlicher Zucht dar; denn seht nur, wie streng er das Stillschweigen beachtet. Kein einziges Wort spricht er!"

Als die Seele des Landgrafen vom Körper schied, wurde sie – so geht die Sage – dem Teufel vorgeführt. Der saß auf einem feurigen Thron, hielt einen Becher in der Hand und begrüßte den Ankömmling mit den Worten: "Seid willkommen, hoch willkommen, unser lieber Freund!" Und zu den andern Teufeln gewandt, sprach er: "Zeigt ihm unsere Speisesäle, unsere Apotheken, unsere Keller und bringt ihn dann wieder zu mir!" Nun führte man den Landgrafen an den Ort der Strafen, wo nichts war als Heulen und Zähneknirschen, und als man ihn von dort wieder zurückbrachte, sagte der Teufel zum Fürsten: "Jetzt trinke aus meinem Becher, Freundchen!" Er wehrte sich umsonst, und als er trinken musste, schlugen ihm Schwefelflammen aus Augen, Ohren und Nase. Der Teufel aber sprach: "Jetzt betrachte dir auch meinen Brunnen, der von unergründlicher Tiefe ist!" Der Deckel wurde hinweggezogen, und der Teufel stieß den Landgrafen hinein.

pixelio.de - Ludwig der Eiserne und der Teufel

(Karl Wehrhan, 1871 – 1939)

Verwendete Bilder sind von:
Wikipedia (Bild 1 – Ludwig der Eiserne – fotografiert von Ingersoll – gemeinfreie Nutzung)
© Jessie (Bild 2)/www.pixelio.de

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Der Säuferkönig – eine Sage aus Thüringen

Montag, August 23rd, 2010

Graf Ernst von Klettenberg ritt einst an einem Sonntagmorgen zu einem großen Gelage nach Ellrich. Viel waren der geladenen Ritter, die hier um den Ehrenpreis tranken. Der ausgesetzte Dank war eine goldene Kette.

pixelio.de - Der Säuferkönig

Viele Stunden tranken die Ritter, bis sich der Sieg mehr entschied, und hier einer, dort einer erlag unter der Last der ungeheuren Humpen, und unter der lauten Hohnlache der Zecher als Schwächling niedergeleget wurde auf den Boden des Saales. Endlich blieben noch vier von all diesen Edlen auf dem Kampfplatze.

Doch drei von ihnen lehneten an der Wand und triumphierten mit lallender Zunge, dass die Willkommen den zitternden Händen nicht entsanken. Nur Ernst von Klettenberg stand noch auf freien Füßen und ergriff siegprangend die goldene Kette, die auf dem Tische lag, und hängete sie sich um den Hals.

Um sich dem Volke als Sieger zu zeigen, wankete er aus dem Gemache und befahl sein Ross vorzuführen. Vier Knappen hoben ihn herauf, und so ritt er unter dem Gekreische der hinzuströmenden Menge durch das Städtlein, um nach  Klettenberg heimzukehren. Als er durch die Vorstadt ritt, hörete er in der Kirche des heiligen Nikolaus die Vesper singen. Graf Ernst, in seinem Taumel, ritt durch das offenstehende Kirchtor ein, mitten durch die versammelte Gemeinde hindurch, bis vor den Altar. Der Gesang der Andacht ging in starres Anstaunen und bald in wildes Geschrei über.

Aber nicht lange freute Graf Ernst sich seines Frevels. Denn, als das gespornte Ross jetzt die Stufen des Altars betrat, siehe, da fielen plötzlich alle vier Hufeisen ihm ab, und es sank nieder mit seinem Reiter.

Zum ewigen Andenken wurden diese vier Hufeisen an die Kirchtüre angenagelt, wo sie Jahrhunderte lang angestaunet wurden wegen ihrer Größe und der schauerlichen Sage. Bei einem Kirchenbrande kamen sie aufs Rathaus oder auf das Inspektoramt zu Ellrich.

Noch jetzt spricht man in Ellrich viel von einem Gerippe, welches sich alle siebenzig Jahre auf dem Buntel, einem Teiche, sehen lässet. Einige sagen, das sei das Gerippe des Klettenberges, des Säuferkönigs; andere, es sei das Gerippe eines Mönchs von Walkenried. Alle aber sagen, wer das Gerippe erlöse, bekomme viel Geld dafür.

pixelio.de - Der Säuferkönig

Einstmals waren auch die siebenzig Jahre gerade wieder um, da kam eine Frau daher, sah das Gerippe auf dem Wasser schwimmen und hörete wie es schrie: »Erlöset mich! erlöset mich!« Allein die Frau lief so schnell als möglich davon, verzählete auch alles daheim ihrem Manne. Der lief sogleich hin, den Säuferkönig, oder wer das Gerippe nun sonst war, zu erlösen, und das viele Geld zu gewinnen; doch das war schon wieder im Wasser niedergesunken. Die Frau hat von der Zeit weder Ruhe noch Glück mehr gehabt.

(Heinrich Pröhle, 1822-1895)

Verwendete Bilder sind von:
© gd/Kurt Michel/PIXELIO (Bild 1)
© Jurec/PIXELIO (Bild 2)
www.pixelio.de

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Zauberkräuter kochen – eine Sage aus Thüringen

Freitag, Januar 29th, 2010

pixelio.de - Zauberkräuter kochenIm Jahre 1672 hat sich zu Erfurt begeben, daß die Magd eines Schreiners und ein Färbersgesell, die in einem Hause gedient, einen Liebeshandel miteinander angefangen, welcher in Leichtfertigkeit einige Zeit gedauert. Hernach ward der Gesell dessen überdrüssig, wanderte weiter und ging in Langensalza bei einem Meister in Arbeit.

Die Magd aber konnte die Liebesgedanken nicht loswerden und wollte ihren Buhlen durchaus wiederhaben. Am heiligen Pfingsttage, da alle Hausgenossen, der Lehrjunge ausgenommen, in der Kirche waren, tat sie gewisse Kräuter in einen Topf, setzte ihn zum Feuer, und sobald solche zu sieden kamen, hat auch ihr Buhle zugegen sein müssen. Nun trug sich zu, dass, als der Topf beim Feuer stand und brodelte, der Lehrjunge, unwissend, was darin ist, ihn näher zur Glut rückt und seine Pfanne mit Leim an dessen Stelle setzt.

pixelio.de - Zauberkräuter kochen

Sobald jener Topf mit den Kräutern näher zu der Feuerhitze gekommen, hat sich etlichemal darin eine Stimme vernehmen lassen und gesprochen: "Komm, komm, Hansel, komm! Komm, komm, Hansel, komm!" Indem aber der Bube seinen Leim umrührt, fällt es hinter ihm nieder wie ein Sack, und als er sich umschaut, sieht er einen jungen Kerl da liegen, der nichts als ein Hemd am Leibe hat, worüber er ein jämmerlich Geschrei anhebt.

Die Magd kam gelaufen, auch andere im Haus wohnende Leute, zu sehen, warum der Bube so heftig geschrien, und fanden den guten Gesellen als einen aus tiefem Schlaf erwachten Menschen also im Hemde liegen. Indessen ermunterte er sich etwas und erzählte auf Befragen, es wäre ein großes schwarzes Tier, ganz zottigt, wie ein Bock gestaltet, zu ihm vor sein Bett gekommen und habe ihn also geängstigt, daß es ihn alsbald auf seine Hörner gefaßt und zum großen Fenster mit ihm hinausgefahren.

Wie ihm weiter geschehen, wisse er nicht, auch habe er nichts Sonderliches empfunden, nun aber befinde er sich so weit weg, denn gegen acht Uhr habe er noch zu Langensalza im Bett gelegen, und jetzt wäre er zu Erfurt kaum halber neun. Er könne nicht anders glauben, als dass die Katharine, seine  vorige Liebste, dieses zuwege gebracht, indem sie bei seiner Abreise zu ihm gesprochen, wenn er nicht bald wieder zu ihr käme, wollte sie ihn auf dem Bock holen lassen.

Die Magd hat, nachdem man ihr gedroht, sie als eine Hexe der Obrigkeit zu überantworten, anfangen herzlich zu weinen und gestanden, dass ein altes Weib, dessen Namen sie auch nannte, sie dazu überredet und ihr Kräuter gegeben, mit der Unterweisung: wenn sie die sachte würde kochen lassen, müsse ihr Buhle erscheinen, er sei auch, so weit er immer wolle.

 

(Jacob Grimm, 1785-1863 & Wilhelm Grimm, 1786-1859)

Verwendete Bilder sind von:
© Karl-Heinz Laube/PIXELIO (Bild 1 – Erfurt/Krämerbrücke)
© Paul-Georg Meister/PIXELIO (Bild 2)

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Doktor Luther zu Wartburg – eine Sage aus Thüringen

Samstag, Oktober 31st, 2009

 

pixelio.de - Doktor Luther zu WartburgDoktor Luther saß auf der Wartburg und übersetzte die Bibel.

Dem Teufel war das unlieb und hätte gern das heilige Werk gestört; aber als er ihn versuchen wollte, griff Luther das Tintenfass, aus dem er schrieb, und warf’s dem Bösen an den Kopf.

Noch zeigt man heutigestages die Stube und den Stuhl, worauf Luther gesessen, auch den Flecken an der Wand, wohin die Tinte geflogen ist. 

(Jacob Grimm, 1785-1863 & Wilhelm Grimm, 1786-1859)

Verwendetes Bild ist von:
© HAUK MEDIEN ARCHIV / Alexander Hauk / www.bayernnachrichten.de (Wartburg/Lutherzimmer)
www.pixelio.de

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Elisabeths Rosen – eine Sage aus Thüringen

Samstag, Oktober 3rd, 2009

Elisabeths Rosen 

 

Elisabeths RosenEinst war der Landgraf in der Stadt Eisenach gewesen und ging wieder zurück nach der Wartburg. Unterwegs sah er die heilige Elisabeth mit einer ihrer liebsten Jungfrauen stehen; beide kamen von der Burg herab mit allerlei Speisen und Nahrungsmitteln fast sehr beladen, die sie in Krügen und Körben unter ihren Mänteln mit sich trugen und den Armen bringen wollten, die ihrer unten im Tale harrten.

Der Landgraf hatte das alles wohl bemerkt und sprach, indem er ihnen die Mäntel zugleich zurückschlug: "Lasset sehen, was ihr da traget!" Dabei wurden aber die Speisen alsbald zu Rosen. Die heilige Elisabeth war darüber so heftig erschrocken, dass sie ihrem Gemahl auf seine Frage und Rede nichts zu sagen vermochte.

Dem Landgrafen tat der Schrecken, den er seiner lieben Elisabeth verursacht hatte, gar leid, und schon wollte er freundlich und mit guten Worten ihr zusprechen, als ihm auf ihrem Haupte ein Bild des gekreuzigten Heilands als ein Kopfschmuck erschien, den er vorher nie gesehen hatte. Da wollte er die heilige Elisabeth nicht länger aufhalten; er ließ sie ihren Weg gehen und den Armen und Kranken nach ihrem Gefallen Gutes tun und ging weiter nach der Wartburg.

Am Wege, nahe unter dem Kniebrechen, wie die Leute sagen, stand ein Baum, in den ein Kreuz gehauen war. Dieser wurde später umgehauen und zum Zeichen und ewigen Gedächtnis an jenes hohe Wunder an diese Stelle, wo es geschehen, ein steinernes Bild gesetzt.

Als Elisabeth starb, wurde sie zu Marburg begraben und ihr zu Ehren die Elisabethkirche daselbst erbaut.

pixelio.de - Elisabeths Rosen

Verwendete Bilder sind von:
© Klaus Dieter Hotzenplotz / Schmenner Digital Stock Marburg (Bild 3, Elisabethkirche Marburg)/www.pixelio.de

© Dana (Bild 1, Weg zur Wartburg + Bild 2, Tafel vor der Wartburg)

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Elisabeth speist die Armen – eine Sage aus Thüringen

Samstag, Oktober 3rd, 2009

pixelio.de - Elisabeth speist die Armen

In vielen deutschen Ländern und auch in Thüringen war eine allgemeine Hungersnot und währte schon bis in das dritte Jahr. Auch strafte Gott die Menschen um ihrer Sünden willen mit Krankheit und bösen Seuchen, und großes Wasser ergoss sich, wie es seit vielen Jahren nicht gesehen worden war.

In dieser Zeit der Trübsal und Angst war der Landgraf Ludwig von Thüringen und Hessen fern von seinem Lande; er weilte an des Kaisers Hof in Italien. Aber seine Gemahlin, die heilige Elisabeth, war daheim in aller Weise bedacht, die Not und das Unglück der armen und kranken Leute zu lindern.

pixelio.de - Elisabeth speist die ArmenSie erbaute unter der Wartburg ein Spital und nahm achtundzwanzig arme und hilfsbedürftige Menschen darin auf, und wenn einer derselben starb, trat sogleich ein anderer an seine Stelle. Auch ließ sie unter ihrer Aufsicht an 400 Arme täglich Almosen und milde Gaben durch ihre Dienerschaft verteilen.

Als nun der Landgraf von seiner Reise wieder heimgekehrt war, so suchten einige von seinen Amtleuten und der Dienerschaft, welche die Milde und Barmherzigkeit der edlen Fürstin ungern gesehen und mit scheelen Augen betrachtet hatten, dieselbe bei ihrem Herrn und Gemahl übel zu bereden und klagten über ihre Unwirtschaftlichkeit und große Freigebigkeit.

Aber der tugendsame Fürst antwortete ihnen: "Lasset sie um Gottes willen nur geben und armen Leuten nach ihrem Gefallen Gutes tun, wenn uns nur die Wartburg und die Neuenburg verbleiben. Ich weiß wohl aus der Heiligen Schrift, dass Gott dem Herrn drei Dinge besonders wohlgefällig und auch bei den Menschen gut bestehen: Einträchtigkeit unter Brüdern, Liebe und Treue unter den Nebenmenschen und Mann und Frau, die beide einträchtig sind."

Verwendete Bilder sind von:
© Karl-Heinz Laube/PIXELIO (Bild 1)
© Henning Hraban Ramm/PIXELIO (Bild 2)
www.pixelio.de

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Der kleine Mann und der Maurer – eine Sage aus Thüringen

Dienstag, Juli 21st, 2009

 

Ein Maurer, der in Berka an einem Bau gearbeitet hatte, ging einst in stürmischer Herbstnacht das Ilmtal abwärts seinem Heimatdorfe zu. Als er in die Nähe von Buchfart gekommen war und die dortige Turmuhr Mitternacht schlug, schritt – als ob es plötzlich aus der Erde gewachsen sei – langsam und schweigend ein altes Männchen neben ihm her.

Als der Maurer es fragte: "Wohin des Wegs?" zeigte der Kleine nach dem Felsenschloss und sagte: "Da oben ist meine Behausung. Willst du mit mir kommen, so kannst du dir noch einen guten Nachttrunk verdienen."

pixelio.de - Der kleine Mann und der MaurerDer Mann folgte den Bergpfad hinauf und erhielt dort beim Schein einer Leuchte, die der Kleine entzündete, Anweisung, eine Vertiefung im Berg zu erweitern. Es war der Eingang zu einem unterirdischen Gemach. Während der Kleine Mörtel und Steine herbeischleppte, arbeitete der Maurer tüchtig an der Wölbung.

Nach einigen Stunden brachte ihm das Männchen einen silbernen Pokal und reichte ihm daraus zur Stärkung köstlichen Wein. Dann hieß es ihn heimgehen, forderte ihn aber auf, am nächsten Abend wiederzukommen und sein Werk zu beenden. Er versprach hohen Lohn, wenn der Maurer Verschwiegenheit bewahre. Gleichzeitig reichte ihm der Kleine eine Handvoll gelber Blätter und sagte: "Die nimm deiner Frau mit!"

Dann ertönte der erste Hahnenschrei. Die Leuchte erlosch, und das Männchen war verschwunden. Verdrießlich betrachtete der Maurer die wertlosen Blätter und warf sie weg. Nur eins blieb unbemerkt an seinem Wams hängen. Als er nach Hause kam, fragte ihn seine Frau eindringlich, warum er so spät heimkehre. Er aber dachte an die Worte des Alten und schwieg.

Am andern Morgen entdeckte die Frau in den Fäden seines Wamses eine glänzende Goldmünze, und sie bestürmte ihn aufs neue mit Fragen. Weil er selbst so überrascht war, erzählte er ihr sein Erlebnis.

Freilich fiel es ihm alsbald schwer aufs Herz, dass er geplaudert hatte. Doch beruhigte er sich wieder und ging nach Sonnenuntergang mit seinem Werkzeug eilig dem Berg zu. Aber dort schien ihm alles verändert. Er fand seine Arbeitsstätte am Eingang des unterirdischen Gemachs nicht mehr, und der kleine Mann stellte sich auch nicht ein. Ebensowenig war von den weggeworfenen Blättern etwas zu entdecken.

Auch in der Folgezeit machte sich der Maurer noch öfters ans Suchen. Doch fand er die Stelle niemals wieder. Die Goldmünze soll sich lange Zeit im Besitz seiner Nachkommen befunden haben.

pixelio.de - Der kleine Mann und der Maurer

(Paul Mitzschke, 1853-1920)

Verwendete Bilder sind von:
© Paul-Georg Meister/PIXELIO (Bild 1)
© Dieter Schütz/PIXELIO (Bild 2)
www.pixelio.de

 

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