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Archive for the ‘Volksmärchen’ Category

Der Mohriner See – eine Sage

Sonntag, Januar 31st, 2010

 

In dem großen rings von steilen Ufern umgebenen Mohriner See, sagt man, liegt ein großer Krebs, der ist mit einer Kette an den Grund angeschlossen; reißt er sich aber einmal los, so muss die ganze Stadt untergehen. Oft genug hat man deshalb schon in Angst geschwebt, denn wenn der See heult, wie die Leute sagen, so tobt da unten der Krebs und will sich lösen.

Im See muss auch alle Jahr einer ertrinken, und wenn das ja einmal in einem Jahr nicht zutrifft, so müssen sicherlich im nächsten Jahr zwei dafür büßen.

pixelio.de - Der Mohriner See

Man sieht auch oft einen Schimmel aus dem Wasser hervorkommen, besonders während der Nacht, der geht ruhig neben dem Wanderer her, der noch spät des Weges kommt und begleitet ihn ein Stück.

Am Marientag aber zeigt sich eine weiße Gestalt, die lockt die Leute auf allerlei Weise herabzukommen, und wer sie einmal erblickt hat, der muss hinunter, mag er wollen oder nicht.

(Franz Felix Adalbert Kuhn, 1812-1881)

Verwendetes Bild ist von:
© Isinor/www.pixelio.de

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Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod – ein rumänisches Volksmärchen

Sonntag, Oktober 25th, 2009

pixelio.de - Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod

Es war einmal ein mächtiger Kaiser, der hatte eine Gemahlin, und beide waren jung und schön. Da sie sich Kinder wünschten, baten sie Heilkundige und Weltweise, ihnen aus dem Lauf der Gestirne zu prophezeien, ob sie Kinder bekommen würden. Doch niemand konnte es ihnen sagen. Eines Tages hörte der Kaiser, dass in einem nahen Dorf ein weiser Alter lebte, und schickte Boten aus, um ihn zu holen; der aber antwortete: "Wer etwas von mir will, soll zu mir kommen."

So brachen denn der Kaiser und seine Gemahlin, begleitet von einigen angesehenen Bojaren, von Kriegern und Hofgesinde auf und begaben sich zum Hause des Alten. Als dieser sie von weitem erblickte, trat er vor die Tür, sie zu empfangen und sagte: "Seid alle willkommen; aber was willst du wissen, Kaiser? Wenn dein Wunsch in Erfüllung geht, wird dir daraus großer Kummer erwachsen."

"Nicht um das zu erfahren, bin ich hier", sagte der Kaiser, "sondern um dich zu fragen, ob du ein Mittel kennst, welches uns zu Kindern verhelfen könnte, und um es von dir zu erbitten." "Ich habe wohl solch ein Mittel, doch sollt ihr nur ein einziges Kind bekommen: den Prinzen Wunderhold, so stark und treu wie Gold, aber ihr werdet seiner nicht froh werden."

Der Kaiser und seine Gemahlin nahmen das Mittel in Empfang, kehrten guten Mutes in ihren Palast zurück, und nach einigen Tagen fühlte die Kaiserin, dass sie ein Kind unter dem Herzen trug. Das ganze Kaiserreich, der ganze Hof und das ganze Hofgesinde freuten sich, als sie davon erfuhren.

pixelio.de - Jugend ohne Alter und Leben ohne TodBevor noch die Stunde der Geburt herangekommen war, begann das Kind zu weinen, und kein Heilkundiger vermochte es zu beruhigen. Da versprach der Kaiser ihm alle Glücksgüter der Welt, aber auch dadurch konnte er es nicht zum Schweigen bringen. "Sei still, mein Liebling", sagte der Kaiser, "ich werde dir ein ganzes Kaiserreich schenken. Sei still, mein Sohn, ich werde dir eine schöne und reiche Prinzessin zur Gemahlin geben", und noch vieles andere dieser Art. Da aber das Kind immer noch weinte, sagte er schließlich zu ihm: "Sei still, mein Junge, ich werde dir Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod geben."

Da beruhigte sich das Kind und kam zur Welt; da rührten die Musikanten alsogleich die Trommel und stießen ins Horn, und im ganzen Kaiserreich wurde das freudige Ereignis eine Woche lang gefeiert.

Der Knabe wuchs heran und wurde immer klüger und kühner. Die Eltern ließen ihn alle Schulen besuchen und gaben ihm die größten Weisen zu Lehrer, und was andere Kinder in einem Jahre lernten, das erlernte er in einem Monat, so dass der Kaiser sich vor Freude nicht zu fassen wusste. Das ganze Reich war stolz darauf, dass es einen Herrscher haben werde, so weise und reich wie König Salomo.

Es kam aber eine Zeit, da sich das Gemüt des Prinzen verdüsterte, er wurde schwermütig und nachdenklich. Als er das fünfzehnte Lebensjahr vollendet hatte und der Kaiser, umgeben von allen Bojaren und vom Hofgesinde, tafelte, erhob sich Prinz Wunderhold und sagte: "Vater, es ist an der Zeit, mir das zu geben, was du mir bei meiner Geburt versprochen hast."

Bei diesen Worten wurde der Kaiser sehr traurig und antwortete ihm: "Alles was recht ist, mein Sohn, aber wie kann ich dir eine so unerhörte Gabe beschaffen? Wenn ich sie dir damals versprach, so geschah es nur, um dich zu beruhigen." "Wenn du mir dies nicht geben kannst, Vater, so muss ich die ganze Welt durchwandern, bis ich finde, was mir verheißen wurde."

Da fielen alle Bojaren und der Kaiser auf die Knie und baten ihn, das Reich nicht zu verlassen, "denn", sagten die Bojaren, "dein Vater ist schon alt, wir werden dich auf den Thron erheben und dir die allerschönste Prinzessin von der Welt zur Gemahlin geben." Allein es war nicht möglich, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, fest wie ein Fels beharrte er auf seinem Entschluss. Als sein Vater dies sah, ließ er ihm den Willen und gab Auftrag, Mundvorrat und alles sonst Nötige für den Weg vorzubereiten.

pixelio.de - Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod

Darauf ging der Prinz Wunderhold in die kaiserlichen Marställe, wo sich die schönsten Hengste des ganzen Reiches befanden, um sich einen auszuwählen; sobald er aber das eine oder das andere Tier nur anfasste und am Schweif zog, fiel es um, und so stürzten schließlich alle Pferde zu Boden. Zu guter Letzt ließ er seine Blicke noch einmal durch den Stall wandern. Da gewahrte er in einer Ecke ein rotzkrankes, mit Geschwüren bedecktes, mageres Pferd und packte es am Schweif.

Augenblicklich wandte es den Kopf und fragte: "Was befiehlst du, Gebieter?" Es stemmte seine Hufe fest auf die Erde und stand kerzengerade da. Nun erklärte ihm Prinz Wunderhold, was er vorhabe, und das Pferd sagte: "Um auszuführen, was du im Sinne hast, musst du von deinem Vater das Schwert, den Speer, den Bogen, den Köcher mit den Pfeilen und die Gewänder verlangen, die er als Jüngling getragen hat; mich aber musst du sechs Wochen lang mit eigener Hand betreuen und mich mit in Milch gekochter Gerste füttern."

pixelio.de - Jugend ohne Alter und Leben ohne TodAls der Prinz, wie das Pferd es ihm geraten, von seinem Vater diese Dinge verlangte, ließ der Kaiser den Schatzmeister kommen und befahl ihm, alle Truhen zu öffnen, damit sein Sohn sich auswählen könne, was ihm gefiel. Nachdem Prinz Wunderhold drei Tage und drei Nächte lang in diesen Truhen gewühlt hatte, fand er schließlich auf dem Boden einer alten Kiste das Gewand seines Vaters, das er in seinen Jünglingsjahren getragen, sowie auch die Waffen; doch diese waren verrostet. Er machte sich daran, sie eigenhändig zu säubern, und nach sechs Wochen waren sie schließlich spiegelblank.

Derweilen betreute er auch das Ross nach dessen Wunsch. Als Prinz Wunderhold dem Pferde sagte, dass Gewand und Waffen blitzsauber bereitlagen, schüttelte es sich einmal, und seine Krankheit, alle Schwären fielen von ihm ab: es stand gesund da, genauso, wie seine Mutter es geboren, ein kräftiges, wohlgestaltetes Ross mit vier Flügeln; Prinz Wunderhold aber sagte zu ihm: "In drei Tagen brechen wir auf." "Recht so, mein Gebieter! Ich bin bereit", antwortete das Pferd.

Am dritten Tage, frühmorgens, war der ganze Kaiserhof und das ganze Kaiserreich von Trauer erfüllt. Prinz Wunderhold, gerüstet wie ein Recke, das Schwert in der Hand, saß auf dem Pferd, das er sich erwählt hatte, und nahm Abschied vom Kaiser, von der Kaiserin, von den großen und den kleinen Bojaren, von den Kriegern und von dem ganzen Hofgesinde. Alle baten ihn mit Tränen in den Augen, von seinem Vorhaben abzustehen, es könnte ihn ins Verderben führen.

Er aber gab dem Pferd die Sporen und flog wie der Wind zum Tor hinaus; es folgten ihm  die Wagen mit dem Mundvorrat und dem Gelde sowie an die zweihundert Krieger, die ihn auf Geheiß des Kaisers begleiteten.

Nachdem Prinz Wunderhold die Grenze des väterlichen Reiches überschritten hatte und in eine öde Gegend gekommen war, verteilte er alles, was er besaß, unter die Krieger, verabschiedete sich von ihnen und schickte sie heim; für sich behielt er nur so viel Mundvorrat, als das Pferd zu tragen vermochte. Er zog dann gen Osten, drei Tage und drei Nächte ritt er, schließlich gelangte er zu einer weiten Ebene, wo eine Menge Menschenknochen herumlagen.

pixelio.de - Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod

Als er anhielt, um zu rasten, sagte das Pferd: "Wisse, mein Gebieter, dass wir uns hier auf dem Besitztum einer sehr arglistigen Hexe befinden; jeder, der ihren Grund und Boden betritt, muss sterben. Jetzt ist sie bei ihren Kindern; doch morgen werden wir ihr im Walde, den du vor dir siehst, begegnen, sie wird kommen, um dich zu verderben. Riesengroß ist sie, erschrick aber nicht vor ihr. Halte nur den Bogen bereit, um auf sie zu schießen, und ebenso das Schwert und die Lanze, um dich im Notfall zu wehren."

Am nächsten Tag, als der Morgen graute, schickten sie sich an, den Wald zu durchqueren. Prinz Wunderhold zäumte das Pferd, sattelte es, zog den Sattelgurt fester an als gewöhnlich und brach auf. Plötzlich hörte er ein furchtbares Getöse. Da sagte ihm das Pferd: "Pass auf, mein Gebieter, dort kommt die Hexe!" Sie stürmte so wild heran, dass sie die Bäume auf ihrem Weg entwurzelte. Doch das Pferd schwang sich wie der Wind empor, bis es über ihr war, und Prinz Wunderhold schoss ihr mit einem Pfeil einen Fuß ab. Als er sich anschickte, einen zweiten Pfeil abzuschnellen, rief sie: "Halt ein, Prinz Wunderhold, ich tu dir nichts zuleide!"

pixelio.de - Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod

Und da sie merkte, dass er ihr nicht glaubte, schrieb sie es hin mit ihrem eigenen Blute. "Möge dir dein Pferd erhalten bleiben", sagte sie dann, "denn es ist ein Zauberpferd; wäre es nicht gewesen, hätte ich dir den Garaus gemacht; so aber hast du mich besiegt. Denn wisse! Bis auf den heutigen Tag hat es kein Sterblicher gewagt, meine Grenzen zu überschreiten und bis hierher vorzudringen. Einige tollkühne Narren sind kaum bis zur Ebene gekommen, wo du das viele Gebein gesehen hast."

Sie gingen in ihre Behausung, und die Hexe bewirtete den Prinzen Wunderhold aufs beste. Bei Tisch aber, wo sie den Speisen und den Getränken nach Herzenslust zusprachen, stöhnte die Hexe vor Schmerz. Da zog der Prinz ihren Fuß aus seinem Quersack und setzte ihn ihr wieder ein. Alsbald heilte die Wunde. Vor Freude bewirtete ihn die Hexe drei Tage lang und bat ihn, sich eine von ihren drei Töchtern, die schön waren wie Feen, zur Gemahlin zu wählen. Er aber wollte davon nichts wissen und sagte ihr offen, was er suchte.

Da erwiderte sie ihm: "Mit deinem Pferde und bei deiner Tapferkeit, glaube ich, wird dir alles gelingen." Nach drei Tagen brach Prinz Wunderhold auf. Er ritt und ritt, doch der Weg schien immer länger zu werden. Als er endlich das Gebiet der Hexe verlassen hatte, gelangte er auf eine schöne Wiese, deren eine Hälfte mit saftigem, deren andere Hälfte aber mit dürrem Grase bedeckt war.

Da fragte er das Pferd, warum das Gras verdorrt sei, und es antwortete ihm: "Hier sind wir auf dem Grund und Boden einer Unholdin, einer Schwester der Hexe; böse wie die beiden sind, vertragen sie sich nicht und können nicht zusammen hausen. Sie leben in einer furchtbaren, ja tödlichen Feindschaft. Die eine will der anderen ihren Boden rauben. Wenn die Unholdin sehr zornig ist, speit sie Pech und Feuer. Offenbar ist sie wieder mit ihrer Schwester in Streit geraten und hat, um diese von ihrem Besitztum zu vertreiben, das Gras versengt. Sie ist noch böser als ihre Schwester und hat drei Köpfe. Wir wollen ein wenig ruhen, mein Gebieter, und morgen in aller Frühe bereit sein!"

Am nächsten Tage rüsteten sie sich zum Kampfe wie vor der Begegnung mit der Hexe und brachen auf. Plötzlich vernahmen sie ein grässliches Geheul und Gebrause. "Halte dich bereit, mein Gebieter, schau, dort kommt das Scheusal, die Unholdin!" Die Unholdin stob, aus ihrem klaffenden Rachen Flammen speiend, rasch wie der Wind heran. Das Pferd jedoch schwang sich blitzschnell empor, bis es schräg über ihr war. Wunderhold schoss einen Pfeil ab und trennte einen ihrer Köpfe vom Rumpf. Als er sich anschickte, auch den zweiten abzuschießen, beschwor sie ihn mit Tränen in den Augen, ihr zu vergeben; sie wolle ihm nichts Böses antun. Damit er es glaube, schrieb sie es hin mit eigenem Blute.

pixelio.de - Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod

Die Unholdin bewirtete ihn noch reichlicher als die Hexe; er gab ihr den Kopf zurück, und dieser wuchs wieder an. Nach drei Tagen zog Prinz Wunderhold weiter.

Nachdem er auch das Gebiet der Unholdin verlassen hatte, ritt er und ritt und ritt, bis er schließlich zu einer Wiese gelangte, auf der viele, viele Blumen wuchsen und ewiger Frühling herrschte. Jede einzelne Blume war von besonderer Schönheit und duftete süß und betäubend. Ein lindes Lüftchen wehte wie ein Hauch über die Wiese.

pixelio.de - Jugend ohne Alter und Leben ohne TodHier machten sie Halt, um auszuruhen, das Pferd aber sprach: "Bis jetzt haben wir alle Fährnisse schlecht und recht überstanden; allein wir müssen noch ein Hindernis überwinden; es droht uns eine große Gefahr. Vor uns, nicht weit von hier, befindet sich der Palast wo Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod wohnt. Dieser Palast ist von einem hohen, dichten Wald umgeben, in  dem die wildesten Raubtiere der Welt hausen; Tag und Nacht hüten sie das Gebäude, ohne je zu schlafen, und es gibt ihrer unendlich viele. Mit ihnen zu kämpfen ist unmöglich; den Wald zu durchqueren, das übersteigt unsere Kräfte. Wir müssen versuchen, über ihn hinwegzuspringen, vielleicht gelingt es uns."

Nachdem sie etwa zwei Tage gerastet hatten, rüsteten sie sich wieder zum Aufbruch; da sagte das Pferd mit angehaltenem Atem: "Mein Gebieter, zieh den Sattelgurt so fest an wie du nur kannst, halt dich gut in den Steigbügeln und klammere dich an meine Mähne; deine Beine musst du eng an meinen Leib pressen, damit du mich beim Flug nicht behinderst."

Prinz Wunderhold schwang sich in den Sattel, um einen Versuch zu machen, und einen Augenblick später war er ganz dicht vor dem Wald. "Mein Gebieter", fügte das Pferd noch hinzu, "jetzt ist die zeit, da die Tiere des Waldes ihr Futter bekommen und sie alle im Hof versammelt sind. Drum lass uns jetzt den Wald überfliegen!"

"Wohlan", antwortete der Prinz. Sie stiegen auf, da erblickten sie auch schon den Palast, und schöner auf der Welt war nichts, auch nicht der Glanz des Sonnenlichts. Sie überflogen den Wald, und als sie vor der Treppe des Palastes zu Boden gleiten wollten, streifte das Pferd mit einem Bein ganz unmerklich den Wipfel eines Baumes. Da geriet der ganze Wald in Bewegung; die Tiere heulten, dass einen der kalte Graus packte. Prinz Wunderhold und sein Pferd ließen sich eilends herunter, und wäre die Herrin des Palastes nicht draußen gewesen, um die lieben Kleinen – so nannte sie die Raubtiere - zu füttern, hätten diese Ross und Reiter gewiss zerfleischt.

Eher aus Freude darüber, dass sie gekommen waren, als um ihnen Gutes zu erweisen, rettete die Herrin des Palastes sie, denn sie hatte noch nie vorher einen Menschen gesehen. Sie beschwichtigte die Raubtiere, und schickte sie wieder in den Wald. Die Herrin war eine hohe, schlanke, liebliche, eine über alle Maßen schöne Fee. Als Prinz Wunderhold sie erblickte, blieb er starr vor Staunen stehen. Sie aber sah ihn mitleidig an und sagte: "Willkommen, Prinz Wunderhold! Was suchst du hier?" "Ich suche", sagte er, "Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod."

pixelio.de - Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod

"Wenn dem so ist, so bist du am rechten Orte." Da stieg er vom Pferde und trat in den Palast. Dort fand er noch zwei andere Frauen vor, die beide gleich jung zu sein schienen, es waren die älteren Schwestern der Fee. Dieser dankte er für seine Rettung. Die Frauen aber tischten vor Freude ein herrliches Mahl auf, und zwar in Gefäßen aus purem Gold. Das Pferd ließ der Prinz frei weiden, wo es ihm beliebte; dann schlossen die beiden Gäste mit den Raubtieren Bekanntschaft, so dass sie sorglos im Walde umherstreichen konnten.

Die Feen baten den Prinzen, fortan bei ihnen zu bleiben, sie hätten es satt, immer allein zu sein. Er ließ sich das nicht zweimal sagen und nahm dankbar an, denn gerade dies hatte er sich gewünscht.

Allmählich gewöhnten sie sich aneinander, und er erzählte den Feen seine Geschichte und was ihm alles widerfahren, ehe er zu ihnen gekommen war. Nach kurzer Zeit nahm er die jüngste Fee zur Gemahlin. Bei der Hochzeit erteilten ihm die Herrinnen die Erlaubnis, alle Orte der Umgebung nach Belieben aufzusuchen, nur ein bestimmtes Tal, das sie ihm zeigten, solle er meiden, sonst würde es ihm übel ergehen. Und sie sagten ihm auch, dass man es Tal der Tränen nenne.

So lebte er selbstvergessen lange Zeit dort, ohne darüber nachzudenken wie lange, da er immer so jung blieb wie bei seiner Ankunft. Er streifte furchtlos durch den Wald und weilte voller Lust in den Räumen des prunkvollen Palastes; er lebte in Frieden und Eintracht mit seiner Gattin und mit seinen Schwägerinnen; er freute sich an der Schönheit der Blumen und an der milden Frische der Luft, er war vollkommen glücklich. Sehr oft ging er auf die Jagd.

pixelio.de - Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod

Allein eines Tages, da er einen Hasen verfolgte, schoss er einen, schoss er zwei Pfeile ab, ohne ihn zu treffen; ärgerlich jagte er ihm nach und schoss auch den dritten Pfeil ab; dieser verfehlte sein Ziel nicht. Doch in seinem Eifer hatte der unglückselige Prinz Wunderhold nicht gemerkt, dass er bei der Verfolgung des Hasen ins Tal der Tränen geraten war.

pixelio.de - Jugend ohne Alter und Leben ohne TodEr hob den Hasen auf und kehrte heim; und da, ob ihr’s glaubt oder nicht, überkam ihn plötzlich die Sehnsucht nach seinem Vater und nach seiner Mutter. Er wagte es nicht, sich den Feen anzuvertrauen, aber sie sahen ihm seine Traurigkeit und Unruhe an. "Unseliger, du bist im Tale der Tränen gewesen!" sagten sie sehr erschrocken.

"So ist es, meine Lieben; ohne zu wollen, habe ich diese Torheit begangen, und jetzt vergehe ich vor Sehnsucht nach meinen Eltern. Allein ich kann es auch nicht übers Herz bringen, euch zu verlassen. Ich lebe nun schon so lange bei euch und habe keinen Grund zur Klage. So will ich denn nur fortreiten, um meine Eltern nochmal zu sehen, und dann kehre ich zurück und bleibe für immer bei euch."

"Verlass uns nicht, Geliebter; deine Eltern sind schon seit vielen hundert Jahren tot, und wir fürchten, dass auch du, wenn du fortgehst, nicht mehr zurückkehrst. Bleib bei uns! Das Herz sagt uns, dass du zugrunde gehen wirst."

Weder die Bitten der drei Feen noch die seines Pferdes vermochten ihn von seinem Vorhaben abzubringen, da ihn die Sehnsucht nach seinen Eltern verzehrte. Schließlich sprach das Pferd zu ihm: "Willst du nicht auf mich hören, mein Gebieter, so trage ich dich zurück. Sobald wir aber zum Palast deines Vaters kommen, setze ich dich ab und kehre um, selbst wenn du auch nur eine einzige Stunde verweilen willst."

"Ich bin’s zufrieden", antwortete Prinz Wunderhold. Sie rüsteten sich für den Weg, umarmten die Feen, und nachdem sie Abschied genommen hatten, brachen sie auf. Die Feen sahen ihnen seufzend und mit Tränen in den Augen nach. Sie kamen in die Gegend, wo einst das Gebiet der Unholdin gewesen war. Dort fanden sie Städte, die Wälder hatten sich in fruchtbare Felder verwandelt. Die beiden fragten nach der Unholdin und ihrer Behausung, doch die Leute antworteten, ihre Großväter hätten von deren Urahnen wohl solch dummes Zeug gehört.

"Wie ist das nur möglich?" rief Prinz Wunderhold, "vor kurzem erst bin ich hier vorbeigekommen." Und er erzählte ihnen alles, was er wusste. Die Bewohner des Landes lachten ihn aus wie einen, der irre redet oder im Wachen träumt, er aber war bestürzt und zog weiter, ohne zu merken, dass sein Bart und sein Haar weiß geworden waren.

Als er zum Besitztum der Hexe kam, stellte er die gleichen Fragen wie auf dem Gebiet, das der Unholdin gehört hatte, und bekam ähnliche Antworten. Er konnte nicht begreifen, wie diese Gegenden sich in wenigen Tagen so sehr verändert hatten, und verstört zog er weiter. Sein weißer Bart reichte ihm jetzt bis zum Gürtel, und er spürte ein Zittern in den Beinen. So gelangte er schließlich in das Reich seines Vaters. Hier fand er andere Menschen und andere Städte, alles hatte sich so verändert, dass er nichts mehr erkannte.

pixelio.de - Jugend ohne Alter und Leben ohne TodEndlich gelangte er zum Palast, wo er zur Welt gekommen war. Er stieg ab, und sogleich küsste das Pferd ihm die Hand und sagte: "Leb wohl, mein Gebieter, ich kehre dorthin zurück, woher wir gekommen sind. Willst du mit, so schwing dich augenblicklich in den Sattel und lass uns aufbrechen!"

"Zieh getrost deines Weges; auch ich hoffe bald zurückzukehren." Da schoss das Pferd wie ein Pfeil davon. Als der Prinz den verfallenen und von Unkraut überwucherten Palast sah, seufzte er schwer, und mit Tränen in den Augen suchte er sich in Erinnerung zu rufen, wie prächtig das Gebäude einst gewesen und wie er darin seine Kindheit verbracht hatte. Er ging mehrmals durch den Palast, durchsuchte jeden Raum, jedes Eckchen, das ihn an vergangen Zeiten erinnerte, auch den Marstall, wo er sein Pferd gefunden hatte; schließlich stieg er in den Keller hinab, dessen Eingang von Mauertrümmern fast verschüttet war.

Als er so suchte – sein weißer Bart hing ihm bis zu den Knien, die Augenlider wurden ihm schwer und seine Füße trugen ihn kaum noch – stieß er auf eine morsche Truhe. Er öffnete sie, aber sie war leer, da hob er den Deckel eines Innenfachs, und eine dünne, zittrige Stimme sagte: "Willkommen! Hättest du noch länger gesäumt, so wäre auch ich zugrundegegangen."

pixelio.de - Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod

Und sein Tod, der schon ganz zusammengeschrumpft und krumm wie ein Haken im Kästchen lag, versetzte ihm einen solchen Schlag, dass Prinz Wunderhold tot zu Boden fiel und zu Staub wurde.

(Petre Ispirescu, 1830 – 1887)

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Der Prinz mit den Eselsohren – ein spanisches Volksmärchen

Freitag, Oktober 16th, 2009

 

pixelio.de - Der Prinz mit den EselsohrenEs war einmal ein König, dessen größter Kummer war, dass er keine Kinder hatte. Als er sich schon vor lauter Trübsal nicht mehr zu helfen wusste, ging er zu drei guten Feen, die im tiefen Wald lebten, und bat sie um Rat. Den Feen tat der arme König leid, und so versprachen sie ihm, dass er übers Jahr einen Nachfolger bekommen würde.

Und was sie versprachen, das hielten sie auch. Übers Jahr wurde der Königin ein Söhnchen geboren. In der Nacht aber erschienen die drei guten Feen aus dem Wald an der Wiege und brachten dem kleinen Prinzen ihre Patengeschenke.

Die erste Fee sprach: "Ich lege dir Schönheit in die Wiege. Du wirst der schönste Prinz auf der Welt sein."

Und die zweite Fee sagte: "Mein Patengeschenk sind Verstand und Aufrichtigkeit. Du wirst klug und ehrlich sein."

Als die dritte Fee hörte, mit welchen Gaben die beiden den kleinen Prinzen bedacht hatten, überlegte sie ein Weilchen und sprach dann: "Von mir bekommst du Eselsohren, damit du nicht stolz und übermütig wirst!"

Und leise, wie sie gekommen, verschwanden die Feen wieder.

Die Wünsche der Feen gingen in Erfüllung. Der kleine Prinz wuchs heran und wurde immer hübscher und verständiger. Aber je hübscher und verständiger er wurde, umso längere Ohren wuchsen ihm. Es waren wirklich schon bald die reinsten Eselsohren.

Der König und die Königin waren darüber ganz verzweifelt. Wer hatte das je gesehen – ein Prinz mit Eselsohren! Wie sollte er einmal König werden, wie sollten seine Untertanen Ehrfurcht vor ihm empfinden, wenn sie das erfuhren? Und so musste der kleine Prinz ständig eine Mütze tragen, damit niemand seine Ohren zu sehen bekam. So konnte das Gebrechen vor dem ganzen Hof geheimgehalten werden, und niemand ahnte auch nur das geringste. Alle waren sich darüber einig, dass ihr Prinz der schönste und klügste König auf der Welt sein würde und keiner ihm je gleichkäme.

pixelio.de - Der Prinz mit den Eselsohren

Mit der Zeit wuchs der Prinz zu einem stattlichen Jüngling heran, und nun begannen die Schwierigkeiten. Solange er klein war, konnte er das Haar lang tragen wie ein Mädchen und brauchte keinen Barbier. Doch nun, da er erwachsen war und sich zudem der erste Bartwuchs zeigte, da war schon ein Barbier vonnöten. Auch der König musste das einsehen und schlief nächtelang nicht vor Sorgen. Er überlegte, wie er es anstellen sollte, dass dem Prinzen das Haar geschnitten und der Bart geschoren wurde, ohne dass das schreckliche Geheimnis an den Tag kam.

Eines Morgens ließ er den Ältesten der Barbierzunft rufen und sprach: "Meister Barbier, es wird dir große Ehre zuteil. Ich habe beschlossen, dich zum Hofbarbier meines königlichen Sohnes und Nachfolgers zu machen. Deine einzige Pflicht ist, jede Woche einmal den Prinzen zu rasieren und ihm das Haar zu schneiden. Du siehst, es ist ein leichter Dienst, der dich, wenn du ihn treu erfüllst, zu einem reichen Mann macht. Doch merke dir gut, was ich dir jetzt sage: Wenn du auch nur mit einem Wort verrätst, was du bei deiner Arbeit gesehen hast, lasse ich dir ohne Erbarmen den Kopf abschlagen!"

Der ehrwürdige Barbier wusste nicht, ob er wachte oder träumte. Mit Freuden gelobte er, zu schweigen wie das tiefste Grab. Und wo wurde er noch am gleichen Tag zum Hofbarbier des jungen Prinzen ernannt. Er wohnte im Königsschloss, aß von der königlichen Tafel, besuchte den königlichen Rat und hatte alles, was er sich nur wünschen konnte, kurz und gut, glücklicher und zufriedener konnte gar niemand sein.

Doch das währte nicht lange. nach einem Monat war unser lieber Barbier bleich und blass, nach weiteren zwei Monaten wurde er immer magerer, und bald sah er aus, als wolle er jeden Augenblick dem Tod über die Klinge springen. So quälte ihn, was er wusste, so peinigte ihn, dass er das, was er gesehen, niemandem weitererzählen durfte.

Als der arme Barbier vor lauter Schwäche kaum noch den Kamm und die Schere halten konnte, suchte er einen alten Einsiedler im tiefen Wald auf und klagte ihm sein Leid. "Was soll ich tun, weiser Mann?" fragte er den Einsiedler. "Mich drückt ein Geheimnis, das ich nicht verraten darf, das mir schier das Herz abdrückt. Wenn ich es für mich behalte, so sterbe ich an der Last, die ich tragen muss, und wenn ich es jemandem sage, so kostet es mich den Kopf."

Der Einsiedler dachte eine Weile nach und sagte dann: "Wenn das Geheimnis dermaßen auf deiner Seele lastet, so sage es jemandem, der es nicht weitersagen kann. Suche eine einsame Stelle in den Feldern auf, grabe dort eine Grube, und in die sprich das Geheimnis hinein. So wirst du deine Sorgen los, und die Erde, die sagt es niemandem weiter."

"Du sprichst wahr, weiser Mann", freute sich der Barbier. "Habe Dank für deinen Rat, ich werde ihn bestimmt befolgen." Und er eilte hinaus aus dem Wald und in die weiten Felder. Dort fand er ein einsames, verlassenes Tal, grub eine Grube, und in die Grub flüsterte er, was er wusste. Kaum hatte er das getan, da war all die Schwere und all die Last von ihm gewichen. Es war ihm wieder leicht ums Herz, und er war fröhlich wie schon lange nicht mehr. Mit einem Lied auf den Lippen schaufelte er die Grube wieder zu, mit einem Lied auf den Lippen lief er nach Hause, mit einem Lied auf den Lippen setzte er sich an den gedeckten Tisch. Schon lange hatte es ihm nicht mehr so geschmeckt wie diesmal.

Doch nicht einmal in der Erde ist ein Geheimnis gut aufgehoben. An der Stelle, wo der Barbier die Grube gegraben hatte, wuchs nach kurzem hohes Rohr. Und gerade zu jener Zeit kamen Hirten mit ihren Herden vorbei. Als sie das herrliche Rohr sahen, eilten sie hin, um sich daraus Rohrpfeifen zu schneiden. Doch kaum legten sie die Pfeifen an die Lippen, kaum bliesen sie hinein, da ertönte aus den Rohrpfeifen ein gar seltsames Lied:

"Unser Prinz hat Eselsohren,
Eselsohren hat unser Prinz."

pixelio.de - Der Prinz mit den Eselsohren

Und war das Lied erst einmal auf der Welt, da  ließ es sich nicht mehr aufhalten. Es flog durch das ganze Land, und am dritten Tag hatte es auch der Hof gehört.

Der König und die Königin waren entsetzt. Der König ließ die Hirten kommen und befahl ihnen, etwas auf ihren Rohrpfeifen zu spielen. Die armen Hirten taten ihr bestes, doch sie mochten sich noch so sehr mühen, ein lustiges Liedchen zu blasen, die Pfeifen gaben nichts anderes von sich als:

"Unser Prinz hat Eselsohren,
Eselsohren hat unser Prinz."

Auch dem König erging es nicht besser. Kaum legte er eine der Rohrpfeifen an die Lippen, da erklang auch schon das Spottliedchen:

"Unser Prinz hat Eselsohren,
Eselsohren hat unser Prinz."

Der Zorn des Königs war schrecklich. Wer anders konnte das Geheimnis ausgeplaudert haben als der Barbier des Prinzen? "Her mit ihm! Und lasst auch den Henker rufen, der soll ihm den Kopf abschlagen!" befahl der König. Schon schleppten durch die eine Tür die Wachen den armen Barbier herein, und durch die andere trat der Henker mit seinem Schwert.

pixelio.de - Der Prinz mit den EselsohrenAber noch ehe der Henker sein grausames Werk beginnen konnte, erhob sich der Prinz von seinem Platz, riss sich die Mütze vom Kopf und sagte mit klarer Stimme: "Halte ein, Henker! Warum willst du dem Barbier den Kopf abschlagen, hat er doch nichts anderes gesagt als die reine Wahrheit. Ich will nicht länger das Geheimnis verbergen, mögen es ruhig alle wissen. Ich werde auch mit Eselsohren ein guter König!"

Der Barbier war gerettet. Im gleichen Augenblick aber waren auch die Eselsohren verschwunden. Die dritte Fee hatte sich überzeugt, dass des Prinzen Herz nicht stolz und hochmütig geworden war, und so nahm sie ihr Geschenk wieder zurück.

Ihr könnt euch ja vorstellen, wie sich jedermann freute, dass alles so gut ausgegangen war. Das Volk freute sich, der König und die Königin freuten sich, der Prinz freute sich, am meisten aber freute sich der Barbier. Hätte es ihm doch beinahe den Kopf gekostet!

Und die Hirten und ihre Rohrpfeifen? Nun, die Hirten zogen wieder weiter mit ihren Herden, und die Rohrpfeifen, die sangen nie mehr von den Eselsohren des Königs. Auch nicht, wenn es die Kinder hin und wieder heimlich versuchten.

Verwendete Bilder sind von:
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Der Arzt und der Tod – ein spanisches Volksmärchen

Mittwoch, Oktober 7th, 2009

In einem Dorf lebte einst eine arme Witwe mit ihrem einzigen Sohn. Als der Knabe herangewachsen war, sagte er sich, dass er nun groß genug sei, die Mutter zu ernähren, und er wollte in die Welt ziehen und einen Herren suchen, bei dem er in Dienst treten konnte. 

 

pixelio.de - Der Arzt und der TodKaum hatte er das Heimatdorf hinter sich gelassen, da begegnete er der Sonne. „Wohin des Wegs, junger Mann?“ fragte die Sonne. „In die Welt hinaus, einen Herrn suchen, damit ich meine alte Mutter unterstützen kann.“ „Da können wir ja ein Stück zusammen gehen“, schlug die Sonne vor, doch der Bursche wollte lieber allein weiterziehen. 

 

Nach einer Weile begegnete er dem Mond. „Wohin des Wegs, junger Mann?“ wollte auch der Mond wissen. „In die Welt hinaus, einen Herrn suchen, damit ich meine alte Mutter unterstützen kann.“ „Da können wir ja ein Stück zusammen gehen“, schlug der Mond vor, doch der Bursche wollte lieber allein weiterziehen. 

 

Nach einer Weile begegnete er einem dritten Wanderer. „Wohin des Wegs, junger Mann?“ fragte der Wanderer. „In die Welt hinaus, einen Herrn suchen, damit ich meine alte Mutter unterstützen kann.“ „Da können wir ja ein Stück zusammen gehen“, schlug der Fremde vor. „Und wer bist du?“ „Ich bin der Tod.“ „Nun, mit dir muss jeder einmal mitkommen“, meinte der junge Bursche. „Gehen wir also zusammen.“ 

 

So wanderten sie zu zweit weiter. Als sie ein ganzes Stück Wegs hinter sich gebracht hatten, sagte der Tod plötzlich: „Weißt du was, ich mache einen Arzt aus dir. Wenn man dich zu einem Kranken ruft, so musst du nur aufpassen, wohin ich mich stelle. Stehe ich am Kopf des Kranken, so muss er sterben und du kannst ihm nicht helfen. Stehe ich aber zu seinen Füßen, so wird er wieder gesund und du kannst ihm jede beliebige Medizin verschreiben.“ 

 

pixelio.de - Der Arzt und der TodUnd so wurde der Sohn der armen Witwe Arzt. Gerade zu jener Zeit erkrankte die Tochter des Königs so schwer, dass niemand ihr helfen konnte. Der Tod schickte den jungen Arzt zu ihr. Der Arzt trat in das Zimmer der Prinzessin und sah den Tod zu Füßen der Kranken stehen. 

 

„Die Prinzessin wird bald gesund“, erklärte der junge Arzt und verschrieb der Königstochter irgendwelche Kräuter. Und wirklich, nach zwei Tagen war die Prinzessin genesen, und der König, ihr Vater, war darob so froh, dass er den Arzt, der das Wunder vollbracht hatte, mit Gold und Edelsteinen beschenkte. 

 

Der junge Arzt kehrte mit seinem Reichtum in sein Heimatdorf zu seiner Mutter zurück. Dort aber wollte niemand glauben, dass er ein berühmter Doktor geworden war. „Was, dieser arme Kerl will die Prinzessin geheilt haben“, sagten die Neider, wenn sie unter sich waren, und sie beschlossen, ihm ein Schnippchen zu schlagen und ihn dem Gespött des ganzen Dorfes preiszugeben. 

 

Einer von ihnen, ein kräftiger, gesunder Bursche, legte sich ins Bett, als sei er todkrank, und ließ den berühmten Arzt rufen. Als der Sohn der Witwe ins Krankenzimmer trat, schaute er sich um und sah den Tod am Kopfende des Bettes stehen. 

 

„Dem ist nicht mehr zu helfen“, erklärte er und ging nach Hause. Ach, wie lachten sie da alle, als sie erfuhren, was der Arzt gesagt hatte. Doch das Lachen sollte ihnen gar bald vergehen, denn schon ein paar Stunden später war der Bursche, der sich krank gestellt hatte, tot. 

 

Seit der Zeit lebte der Arzt in Ruhe und Frieden und von allen geachtet bis zu jener Stunde, da der Tod auch zu ihm kam und sich ans Kopfende seines Bettes stellte.

 

Verwendete Bilder sind von:
© Bernd Wachtmeister/PIXELIO (Bild 1)
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Das wertvollste Ding der Welt – ein spanisches Volksmärchen

Mittwoch, Oktober 7th, 2009

 pixelio.de - Das wertvollste Ding der Welt

Es war einmal ein König, der war Witwer und hatte drei stattliche Söhne. Im Nachbarreich aber lebte eine Königin, die war Witwe und hatte eine einzige Tochter, schön wie eine Blume. Und so war es kein Wunder, dass der verwitwete König die verwitwete Königin heiratete. Von da an lebte die Königin mit ihrer Tochter im Schloss des Königs. Und da die Prinzessin wirklich sehr schön war, waren bald alle drei Prinzen bis über die Ohren in sie verliebt.

Eines Tages traten sie vor den Vater und sagten: "Lieber Vater, wir lieben alle drei unser Stiefschwesterchen, die schöne Prinzessin aus dem Nachbarreich. Aber da wir sie ja nicht alle drei heiraten können, so entscheide du, wer von uns um ihre Hand anhalten soll."

Als das der König hörte, sagte er: "Meine lieben Söhne, das ist eine gar schwere Entscheidung. Da ich keinen von euch bevorzugen will, so zieht in die Welt hinaus und wer von euch mir das wertvollste Ding unter der Sonne bringt, der bekommt zum Lohn die Prinzessin zur Frau."

pixelio.de - Das wertvollste Ding der WeltAlso zogen die Prinzen aus, das wertvollste Ding unter der Sonne zu suchen. Am ersten Kreuzweg trennten sie sich, und jeder wanderte allein weiter.

Der älteste Prinz kam bald darauf in eine große Stadt. Er streifte über alle Marktplätze, durch alle Läden und sah sich alles an, was es in der Stadt Wertvolles zu kaufen gab. Schon wollte er weiterziehen, da bot ihm ein alter Kaufmann einen Zauberteppich an. Wenn man sich auf den herrlich gewebten Teppich setzte und auf eine Geheimfeder drückte, so flog der Teppich wohin man wollte.

Gleich fragte der Prinz: "Und was verlangst du für den Teppich?" "Tausend Taler", antwortete der Kaufmann, und der Prinz zählte tausend Taler auf den Tisch, setzte sich auf den Teppich und flog davon.

Der zweitälteste Prinz war inzwischen in ein Dorf gekommen und traf dort einen Burschen, der ein Zauberglas hatte. Wenn man in das Glas schaute, sah man im Augenblick den, an den man gerade dachte, und wäre er noch so fern. Der Prinz hielt sich das Glas ans Auge und dachte an seinen ältesten Bruder. Da sah er auch schon im Glas, wie der auf seinem fliegenden Teppich langsam dahinflog.

"Was verlangst du für das Glas?" fragte er den Burschen. "Nun, mit tausend Talern bin ich zufrieden." Der Prinz zählte ihm tausend Taler auf die Hand und ritt, das Zauberglas in der Tasche, der Heimat zu.

Auch der dritte Bruder hatte es nicht schlecht getroffen. Er kam in eine Stadt, und dort stand auf dem Markt ein Mütterchen und hielt Äpfel feil: "Kauft Äpfel, Zauberäpfel!" "Was ist denn so Zauberhaftes an deinen Äpfeln, Mütterchen?" fragte der Prinz neugierig. "Sie heilen jeden, und sei er noch so krank, wenn er nur an ihnen riecht", antwortete die Alte.

pixelio.de - Das wertvollste Ding der Welt

"Nun, das sind wirklich wertvolle Äpfel", meinte der Prinz. "Was verlangst du für einen?" "Tausend Taler", antwortete das Mütterchen. Der Prinz bezahlte die tausend Taler und ritt dann, den Apfel in der Tasche, der Heimat zu.

Inzwischen wollte der zweitälteste Prinz sein Zauberglas ausprobieren und nachsehen, was seine Brüder machten. Zuerst fand er den ältesten Bruder, der nicht weit von ihm langsam auf seinem Teppich dahinflog. Er gab seinem Pferd die Sporen und hatte ihn bald eingeholt.

"Hallo, Bruder, weißt du nicht, wo unser jüngster Bruder ist?" rief er hinauf. "Nein, das weiß ich nicht", antwortete der älteste Prinz und flog mit dem Teppich zu dem Bruder hinab. "So schau in mein Zauberglas", sagte der und reichte ihm das Glas. Der Älteste schaute hinein und sah, wie der Gesuchte ganz allein dahinritt. Da nahm er den mittleren Bruder auf seinen Teppich, und im Nu hatten sie den Jüngsten eingeholt. Dann flogen sie alle drei auf dem fliegenden Teppich weiter.

Nachdem sie eine Weile geflogen waren, nahm der Jüngste des Bruders Zauberglas zur Hand und schaute hinein. Da schrie er erschrocken auf: "Ach, was für ein Unglück!" "Was ist denn los?" fragte der Älteste und nahm dem Bruder das Zauberglas aus der Hand. Aber kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, da wurde auch er kreidebleich und brachte kein Wort heraus.

"Was habt ihr denn, ihr beiden?" fragte der mittlere Bruder und schaute selbst ins Glas. Und was er sah, das ließ auch ihm das Blut in den Adern erstarren: Ihre geliebte Prinzessin lag todkrank darnieder, und niemand konnte ihr helfen.

Inzwischen hatte sich aber schon der jüngste Prinz gefasst und rief: "Schnell zu ihr, ich kann sie gesund machen, wenn wir nur zur rechten Zeit kommen!" Da ließ der Älteste den Teppich dahinsausen, dass sie im Augenblick alle drei im Schlosshof standen. Der Jüngste lief in das Zimmer der Prinzessin und ließ die Kranke an dem Zauberapfel riechen. Da war die Prinzessin wieder gesund.

pixelio.de - Das wertvollste Ding der WeltDann traten die drei Brüder vor den Vater und zeigten ihm, was sie Wertvolles mitgebracht hatten. "Die Prinzessin aber bekomme ich, weil mein Apfel ihr das Leben gerettet hat", sagte schließlich der jüngste Prinz. "Nein, ich bekomme sie, denn ohne mein Zauberglas hätten wir gar nicht gewusst, dass sie krank ist", warf der mittlere ein. "Und ohne meinen Teppich wären wir alle drei zu spät gekommen", widersprach der älteste.

Der König überlegte ein Weilchen und entschied dann: "Meine lieben Söhne, ich glaube, das größte Verdienst gehört dem Zauberglas, und so soll der zweitälteste Prinz die Prinzessin bekommen."

Doch er hatte die Rechnung ohne die Prinzessin gemacht. Als er ihr seinen Entschluss mitteilte, da widersprach sie: "Ich glaube, das größte Verdienst gebührt dem, der den Apfel gebracht hat. Und außerdem habe ich ihn schon lange von allen dreien am liebsten."

Und so heiratete die Prinzessin den jüngsten Prinz. Aber sagt selbst, konnte die Prinzessin nicht gleich sagen, wen sie am liebsten hatte? Da hätten die Prinzen doch gar nicht erst in die Welt hinauszuziehen brauchen. Aber dann gäbe es ja auch dieses Märchen nicht, und das wäre doch sehr schade.

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Gold und Glück – ein spanisches Volksmärchen

Dienstag, Oktober 6th, 2009

pixelio.de - Gold und Glück

Vor langen, langen Zeiten waren Herr Gold und Frau Glück die besten Freunde. Herr Gold war ein lustiges, rundliches Männchen, dessen Wangen ständig strahlten wie die liebe Sonne. Wohin immer er kam, war eitel Freude und Überfluss. Und das war ja auch kein Wunder, wo er doch auf Schritt und Tritt Goldstücke ausstreute, rund und strahlend wie er selbst.

pixelio.de - Gold und GlückFrau Glück war weniger lustig. Sie war eine schöne Frau, aber unbeständig und launenhaft wie der Frühjahrswind; nirgends hielt sie es länger aus, überall wollte sie das Wort führen, und wehe dem, der ihr nicht gleich gehorchte oder sie gar beleidigte, dem zeigte sie den Rücken, und dem Armen erging’s schlecht.

Herr Gold und Frau Glück zogen gemeinsam durch die Welt, und da sie aneinander Gefallen gefunden hatten, beschlossen sie, zu heiraten und wie Eheleute zu leben.

Gesagt, getan. Eine Zeitlang kamen sie gut miteinander aus, aber schon bald begannen die ersten Zwistigkeiten. Und natürlich war Frau Glück schuld. Weil sie gewohnt war, überall zu befehlen, wollte sie auch zu Hause die erste Geige spielen, und das ließ sich Herr Gold nicht gefallen.

"Ich lasse mich nicht dauernd bevormunden", rief er eines Tages. "Schließlich gelte ich in der Welt mehr als du!" "Das ist nicht wahr", antwortete Frau Glück. "Mich schätzen die Menschen mehr!" Ein Wort gab das andere, und bald war der schönste Streit im Gange. Schließlich beschlossen die beiden, einander ihre Macht vorzuführen.

"Siehst du den armen Häusler dort?" fragte Frau Glück. "Wir wollen sehen, wer ihm besser helfen kann. Versuche du es zuerst." "Einverstanden", antwortete Herr Gold und ging zu dem Mann, der im Schatten eines Olivenbaumes von seiner schweren Arbeit ausruhte.

"Gott mit dir, guter Mann", sagte er freundlich. Der Arme zog den Hut und grüßte untertänig: "Gott mit Euch, hoher Herr, was begehrt Ihr?" Herr Gold wunderte sich: "Ja, kennst du mich denn nicht, guter Mann?" "Nein, hoher Herr." "Ja hast du denn noch nie ein Goldstück gesehen?" wunderte sich Herr Gold noch mehr.

pixelio.de - Gold und Glück

Der Arme schüttelte den Kopf: "Mein Leben lang nicht, hoher Herr. Die Goldstücke gehen einem so armen Schlucker wie mir hübsch aus dem Wege. Meine Hütte hat noch nie ein Goldstück beherbergt, nur eine große Kinderschar und Hunger und Not."

Da zog Herr Gold ein Goldstück aus der Tasche und reiche es dem Armen: "Nun, so sollst du wenigstens jetzt eines sehen. Nimm es nur, das Goldstück ist dein. Geh, kaufe etwas dafür, damit deine Kinder nicht zu hungern brauchen."

Der Häusler bedankte sich vielmals, steckte das Goldstück in seine Tasche und lief, so schnell er konnte, in die Stadt, Mehl und Brot für seine hungrige Kinderschar zu kaufen. Aber als er vor dem Laden des Bäckers in die Tasche griff, da war das Goldstück verschwunden. Es war durch ein Loch in der Hosentasche gerollt. Der arme Mann lief traurig zurück und suchte den ganzen Weg ab, aber das Goldstück fand er nicht wieder.

 Frau Glück hatte alles von weitem mit angesehen und lachte nur. Herr Gold aber war zornig. Er hielt den Häusler auf und fragte: "Nanu, was jammerst du so?" "Ach Herr, wenn ein armer Schlucker kein Glück hat, so nützt ihm nicht einmal ein Goldstück was. Ich wollte Brot und Mehl kaufen, aber unterwegs ist mir das Goldstück aus der Tasche gerollt, und so müssen wir weiter hungern."

Herr Gold zog einen Batzen Gold aus der Tasche und reicht ihn dem Armen: "So höre schon auf zu jammern und nimm diesen Batzen Gold. Aber trage ihn lieber in der Hand, damit du ihn nicht auch noch verlierst." Der Häusler bedankte sich vielmals und lief dann, so schnell ihn die Beine tragen wollten, in die Stadt, um den Batzen beim Goldschmied für Geld einzutauschen.

pixelio.de - Gold und Glück

Der Goldschmied aber wollte gar nicht glauben, dass der zerlumpte Mann vor ihm so viel Gold besäße. Er nahm den Batzen in die Hand und begann gleich, ohne richtig hinzusehen, zu schreien: "Haltet den Lumpen! Falsches Gold will er für echt verkaufen!" Der Arme erschrak und rannte davon, denn er wollte sich nicht einsperren lassen.

Frau Glück hatte alles von weitem mit angesehen und lachte noch mehr. Herr Gold aber war zornig. Noch einmal sprach er den Armen an: "Wohin so schnell, guter Mann?" "Ach Herr, ich habe eben kein Glück! Ich wollte das Gold gegen Geld eintauschen, um Brot und Mehl kaufen zu können. Aber der Goldschmied hat geschrien, es sei falsch, und hätte mich beinahe einsperren lassen."

Herr Gold holte einen Beutel voll Edelsteine aus seiner Tasche und reichte sie dem Armen: "Na, hier, versuche es damit. Aber gehe nicht wieder zum Goldschmied, sondern zum Juwelier!" Der Häusler bedankte sich vielmals und lief in die Stadt zurück. Aber auf halbem Wege überfielen ihn Räuber und nahmen ihm nicht nur den Beutel weg, sondern auch Hut und Hemd, und der arme Häusler konnte noch froh sein, wenigstens die alte, geflickte Hose und das Leben gerettet zu haben.

Frau Glück hatte alles von weitem mit angesehen, und als sie zur Genüge gelacht hatte, sagte sie zu Herrn Gold: "Dreimal hast du gezeigt, was du kannst, nun will ich es auch dreimal versuchen. Schau gut zu!"

pixelio.de - Gold und GlückUnd dann hob sie die Hand und blies stark. Im selben Augenblick glitzerte etwas zu Füßen des armen Häuslers, und als er sich bückte, da war es das Goldstück, das er verloren hatte. Freudig hob er es auf und lief zum Bäcker, Brot und Mehl zu kaufen. Sein Weg führte ihn beim Goldschmied vorbei. Als der den Häusler erblickte, kam er aus seinem Laden gelaufen und rief laut: "Entschuldige, guter Mann, dass ich dich fälschlich verdächtigt habe. Dein Batzen Gold ist echt, hier hast du einen Beutel Dukaten dafür!"

Voller Freude nahm der Arme den Beutel entgegen und lief weiter. Aber noch ehe er bei dem Bäcker angelangt war, begegnete er Husaren, die führten in ihrer Mitte die bösen Räuber in Ketten. Vor dem Armen machten die Husaren halt, und ihr Hauptmann rief: "Warte, guter Mann! Diese Räuber haben dir einen Beutel Edelsteine geraubt. Hier hast du alles zurück!"

Der Arme griff freudig nach den Edelsteinen und lief mit seinem Reichtum nach Hause. Von diesem Tag an brauchte er und seine Familie nie mehr Not zu leiden.

Herr Gold hatte das alles von weitem mit angesehen und musste wohl oder übel zugeben, dass Frau Glück mehr Macht hatte als er. Und so ist es bis heute geblieben: Gold allein zählt nichts, wenn man nicht wenigstens ein bisschen Glück dazu hat.

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Verwendete Bilder sind von:
© Stephanie Hofschlaeger/PIXELIO (Bilder 1; 3; 4; 6)
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Vom Licht der Welt – ein spanisches Volksmärchen

Montag, Oktober 5th, 2009

 

Es war einmal eine Witwe, die hatte auf der ganzen Welt nichts als sieben Söhne. Sie waren arm, und Hunger und Not waren ihre steten Begleiter. Sie zogen von Dorf zu Dorf und baten um Arbeit, und wenn sie keine fanden, so hungerten sie und schliefen unter freiem Himmel. Eines Abends kamen sie in ein Dorf und baten überall vergebens um ein Stück Brot und ein Nachtlager. Alle schickten sie weg, sie sollten es ein Haus weiter versuchen oder am besten im Gutshaus hinterm Dorf übernachten, dort sei Platz genug.

pixelio.de - Vom Licht der Welt

"Also gehen wir dorthin", entschied schließlich der älteste der Söhne, und sie machten sich auf den Weg. Das Gut lag etwas abseits vom Dorf und sah von weitem wie ein Schloss aus. Aber es war ein trauriges Schloss. In den Fenstern zeigte sich kein einziges Gesicht, auf dem Hof bellte kein einziger Hund, im Garten sang kein einziger Vogel. Das Haus lag leer und verlassen da wie nach der Pest. Und das war kein Wunder, denn seit vielen Jahren spukte es dort. Jeder machte einen großen Bogen um das Gut, und wer es dennoch wagte und über Nacht dort einkehrte, der lief am Morgen entsetzt davon und ließ sich nie wieder sehen.

Die arme Witwe hatte auch schon davon gehört, aber was sollte sie tun, wenn man sie überall abwies und bereits die Nacht hereinbrach? "Was soll uns schon passieren", sagte der älteste Sohn. "Noch schlimmer, als es uns jetzt geht, kann es uns gar nicht gehen." "Da hast du recht, mein Sohn", antwortete die Witwe und klopfte an die Tür. Niemand antwortete, nur die Tür knarrte in den Angeln, als sie sich von ganz allein öffnete.

pixelio.de - Vom Licht der WeltDer Älteste trat mutig ein, und die anderen folgten ihm. Sie kamen in einen großen Saal, und obwohl das Haus seit Jahren verlassen war, sah es dennoch aus, als würden sie erwartet. Mitten im Saal stand ein großer Tisch mit acht Stühlen, acht Tellern und acht Gläsern. Auf dem Wandbrett lag ein Laib Brot und daneben stand eine Flasche Wein, und vor dem Kamin in der Ecke lag schon Holz aufgestapelt.

Die Jungen waren nicht faul, sie machten Feuer, schnitten sich jeder eine Scheibe Brot ab, schenkten sich Wein ein und setzten sich mit der Mutter an den Tisch. Kaum aber hatten sie in das Brot gebissen, da ertönte aus der Tiefe des Hauses eine Stimme, so klagend und so schrecklich, dass ihnen das Blut in den Adern gerann. Die Stimme rief: "Licht! Licht!"

Zunächst saßen die Jungen wie versteinert da, dann aber fasste sich der Älteste. Er sprang auf, nahm einen Kienspan, zündete ihn im Kamin an und sagte: "Ich gehe nachsehen, wer da so jammert." "Und wir gehen mit dir", meinten die Brüder, die ihn nicht im Stich lassen wollten. Sie durchschritten einen Saal nach dem anderen, aber alle waren leer, nirgends war eine Menschenseele zu sehen. Nur die Stimme kam immer näher und bat: "Licht! Licht!"

So waren die Jungen durch das ganze Haus gegangen und kamen schließlich in den letzten Raum. In der Tür blieben sie furchtsam stehen: In einer Ecke des Saales saß in einem Sessel ein uralter Greis, gelb wie ein Wachskerze. Über die Schulter hatte er einen grünen Umhang geworfen, und der weiße Bart hing bis zur Erde herab. Auf der Wand hinter dem Alten waren magische Zeichen gemalt und Katzen mit funkelnden Augen und Teufel mit feurigen Mäulern. Und auf den Knien hielt der Alte ein offenes Buch, als wolle er lesen.

Der Greis jammerte: "Licht! Licht!" Natürlich waren die Jungen erschrocken. Am liebsten hätten sie sich umgedreht und wären davongelaufen. Doch ihr Mitleid war größer als ihre Furcht. Der älteste Bruder trat näher und hielt seinen Kienspan über das Buch. "Hier ist Licht!" Der Greis hob den Kopf, schaute den Jungen an und begann wortlos zu lesen. Er las so schnell, dass er kaum die Seiten umblättern konnte, als hätte er Angst, der Span könne abbrennen, ehe er zu Ende gelesen habe.

pixelio.de - Vom Licht der Welt

Als er die letzte Seite umgeschlagen hatte, seufzte er tief auf und sagte: "Ich danke euch, ihr habt mich erlöst. Zu Lebzeiten hatte ich mit niemandem Erbarmen, und so wurde ich nach dem Tode verdammt, nicht eher Ruhe zu finden, bis jemand mit mir Erbarmen hat und mir leuchtet. Erst wenn das Buch ausgelesen war, sollte meine Seele Ruhe finden. Ihr habt mir Licht gebracht, und ich kann nun ruhig schlafen bis zum Jüngsten Tag. Dafür sollt ihr belohnt werden. Ich vermache euch dieses Haus und dazu noch sieben Krüge voller Goldstücke, die im Keller vergraben sind. Nutzt sie zum Guten und lebet wohl!"

Bei den letzten Worten erlosch der Span, und der Alte mit dem Buch löste sich in Nichts auf wie ein Traum. Aber es war kein Traum gewesen. Als die Brüder am Morgen im Keller gruben, fanden sie tatsächlich unter dem Fußboden sieben Krüge mit Goldstücken. Seit der Zeit brauchten die Witwe und ihre Söhne nie mehr Not zu leiden. Bis zu ihrem Tode lebten sie zufrieden und in Wohlstand in dem großen Haus. Und bis zu ihrem Tode gedachten sie voll Dankbarkeit des Greises, der ihnen das alles geschenkt hatte für ein wenig Licht, für ein wenig menschliches Mitgefühl.

Verwendete Bilder sind von:
© Rainer Sturm/PIXELIO (Bild 1)
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Die goldene Kutsche – ein spanisches Volksmärchen

Samstag, Oktober 3rd, 2009

 pixelio.de - Die goldene Kutsche

Es war einmal ein König, der wünschte sich nichts so sehnlich wie eine Kutsche aus purem Gold. Er rief seinen Kammerdiener und sprach zu ihm: "Lieber Kammerdiener, ich möchte gern eine Kutsche aus purem Gold haben. Geh und lasse im ganzen Land ausrufen, dass ich demjenigen, der mir rät, wie ich zu so einer Kutsche komme, meine Tochter zur Frau gebe. Wer mich aber schlecht berät, dem lasse ich den Kopf abschlagen."

Der Kammerdiener verneigte sich tief und antwortete: "Noch heute soll dein Wille geschehen, König!" Dann ließ er den Herold kommen und sprach zu ihm: "Lieber Herold, unser König wünscht sich eine Kutsche aus Gold. Geh und rufe im ganzen Land aus, dass er demjenigen, der ihm rät, wie er zu so einer Kutsche kommt, seine Tochter zur Frau gibt. Wer ihn aber schlecht berät, dem lässt er den Kopf abschlagen."

Die goldene KutscheDer Herold verneigte sich vor dem Kammerdiener und antwortete: "Noch heute soll dein Wille geschehen!" Und dann nahm er seine Trommel, ging auf den Marktplatz der Stadt und schlug laut die Trommel: "Bummtarabumm!"

Bald darauf hatte sich die ganze Stadt um ihn versammelt. Da rief er laut: "Unser König möchte eine Kutsche aus Gold haben. Wer ihm rät, wie er zu so einer Kutsche kommt, dem gibt er seine Tochter zur Frau, wer ihn aber schlecht berät, dem lässt er den Kopf abschlagen!"

Die Leute hörten sich an, was der Herold ausrief, und schüttelten dann die Köpfe. Die Prinzessin hätte wohl mancher gern zur Frau gehabt, aber eine Kutsche aus purem Gold konnte keiner bauen, und keiner wusste, wie man zu so einer Kutsche kommen konnte. Und so zog der Herold umsonst durch das ganze Land, in keiner Stadt und in keinem Dorf fand sich jemand, der dem König hätte raten können.

Eines Tages aber klopfte doch ein hübscher, junger Bursche ans Tor des Königsschlosses und verlangte Einlass. "Wenn du schlechte Nachricht bringst, so bleibe lieber draußen, bringst du aber etwas Gutes, so tritt ein", rief die Wache. "Ich bringe etwas Gutes", antwortete der Bursche. "Ich will dem König sagen, wie er zu seiner goldenen Kutsche kommt."

Da öffnete sich das Tor weit. "Auf dich warten wir schon lange", sagte die Wache und führte ihn zum König. Der König, der schon ungeduldig war, empfing ihn freundlich und forderte ihn gleich auf: "Schnell, sage mir, wie ich zu einer Kutsche aus Gold komme. Wenn dein Rat etwas taugt, so bekommst du meine Tochter zur Frau."

"Das ist ganz einfach, König. Es genügt, wenn im Frühjahr keine drei Fröste kommen und im Sommer drei Regen fallen, dann hast du im Herbst deine Kutsche aus Gold!" Der König fragte verwundert: "Das verstehe ich nicht, sage, wie meinst du das?"

"Wie ich das meine, lieber König? Aber das ist doch ganz einfach: Wenn im Frühjahr keine Fröste einsetzen, so steht dein ganzes Land in Blüte, und wenn dann im Sommer ausreichend Regen auf deine Felder und Gärten fällt, so steht dein ganzes Land in voller Reife und verwandelt sich im Herbst in eine goldene Kutsche – nicht nur für dich, König, auch für deine Untertanen."

Da verstand der König, was der hübsche Bursche gemeint hatte. Und da er sah, dass der Bursche nicht nur hübsch und jung, sondern auch gescheit war, gab er ihm mit Freuden seine Tochter zur Frau.

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Die Prinzessin und Juan Schafftfürzwei – ein spanisches Volksmärchen

Mittwoch, September 30th, 2009

 

pixelio.de - Die Prinzessin und Juan SchafftfürzweiEs war einmal ein Soldat, der hieß Juan, aber alle, die ihn kannten, riefen ihn nie anders als Juan Schafftfürzwei - das deshalb, weil er wirklich für zwei schaffte. Er arbeitete für zwei, er war stark und mutig für zwei, und er aß auch für zwei. Aber glaubt nur nicht, dass ihm das viel half, auch wenn er von allem die doppelte Portion vertrug, so war er doch ständig hungrig, und das schien sogar seinen Grund zu haben, denn als ihn sein Korporal einmal fragte: "Sag mal, Juan, wie kommt es eigentlich, dass du so viel isst und doch nie satt bist?", antwortete Juan Schafftfürzwei: "Daran ist meine Mutter schuld. Einst kochte sie für mich Brei, und ich aß den ganzen Topf leer und wollte noch mehr haben. Da schlug die Mutter die Hände zusammen und rief: ‘Ach, Juan, du wirst nie genug bekommen!’ Und wirklich, seit der Zeit kann ich noch soviel essen, ich habe doch nie genug."

Nun war aber Juan Schafftfürzwei nicht nur ein starker Esser, sondern auch ein mutiger Bursche, der sich nicht einmal vor dem Teufel fürchtete. Deshalb hatte sogar die Prinzessin, die Tochter des Königs von Spanien, an ihm Gefallen gefunden. Das war doch mal ein ganz anderer Kerl als all die herausgeputzten Prinzen, die schon um sie gefreit hatten. Von solchen Freiern wollte die Prinzessin nichts hören, und eines Tages erklärte sie: "Da heirate ich lieber Juan Schafftfürzwei!"

"Wer ist denn das, dieser Juan Schafftfürzwei?" wollte der König wissen. "Der tapferste Soldat im ganzen Reich!" Da sagte der König zornig: "Nun gut, wenn du einen einfachen Soldaten zum Mann haben willst, so sollst du ihn bekommen. Aber erst wollen wir sehen, ob er wirklich so tapfer ist."

Und er ließ Juan Schafftfürzwei kommen und besah ihn sich gründlich. "So also sieht der tapferste Soldat unseres Reiches aus", sagte er dann. "Nun, damit du es weißt, die Prinzessin will dich zum Mann und ich habe nichts dagegen. Aber erst musst du mir beweisen, dass du wirklich so tapfer bist. Wie ich gehört habe, steht im fernen Armenien auf einem hohen Felsen eine Burg, in der soll der Beelzebub wohnen. Geh und bringe ihn her. Wir möchten ihn uns gern anschauen."

pixelio.de - Die Prinzessin und Juan SchafftfürzweiJuan salutierte und antwortete: "Das ist eine Kleinigkeit, König von Spanien, das ist ein Kinderspiel für mich, schöne Prinzessin. Gleich morgen breche ich auf."

Und am nächsten Morgen machte sich Juan Schafftfürzwei auf ins ferne Armenien. Er marschierte wohlgemut immer der Nase nach und pfiff ein lustiges Soldatenlied. Im Tornister trug er vorsorglich einen großen Laib Brot. Gegen Mittag meldete sich der Hunger. Juan setzte sich auf einen Meilenstein am Straßenrand, zog das Brot aus dem Tornister und biss herzhaft hinein.

Aber kaum hatte er den ersten Bissen getan, da stand, wie aus der Erde gewachsen, ein altes, weißhaariges Mütterchen vor ihm."Guten Appetit, Soldat", wünschte die Alte. "Danke schön, Mütterchen", antwortete Juan Schafftfürzwei. Und weil er nicht nur Hunger für zwei hatte, sondern obendrein auch ein gutes Herz für zwei, schnitt er einen großen Kanten von dem Brot ab und reichte ihn der Alten: "Nimm nur, Mütterchen, sicher bist du hungrig."

"Da hast du recht geraten", sagte das Mütterchen, bedankte sich und aß heißhungrig den Kanten auf. "Und wohin geht es denn, Soldat, wenn man fragen darf?" "Ach, nach Armenien", antwortete Juan. "Nun, da hast du ja einen weiten Weg vor dir. Ein ganzes Jahr wird dafür nicht ausreichen. Aber weil du mich so lieb bewirtet hast, so will ich dir helfen. Reich mir deine Hand!"

Juan streckte der Alten die Hand hin, und das Mütterchen steckte ihm einen Ring an den kleinen Finger und sagte dazu: "Es ist ein Zauberring. Wenn du ihn am Finger drehst, so erfüllt er dir augenblicklich jeden Wunsch, den du aussprichst." Juan Schafftfürzwei lachte: "Habe vielen Dank für dein Geschenk, Mütterchen. Das ist gerade das, was ich brauche!"

Und gleich drehte er den Ring am Finger und befahl: "Ich will sofort vor der nächsten Schmiede sein!" Kaum hatte er das gesagt, da flog er, wie von unsichtbaren Kräften getragen, durch die Luft bis zur nächsten Schmiede.

pixelio.de - Die Prinzessin und Juan Schafftfürzwei

Juan Schafftfürzwei trat in die Schmiede und sagte: "Guten Tag, Schmied! Kann ich bei dir eine vier Zentner schwere Zange schmieden?" "Eine vier Zentner schwere Zange?" fragte der Schmied ungläubig. "Die kannst du doch gar nicht heben. Aber wenn du meinst, so versuch’s nur."

"Ihr werdet ja sehen", antwortete Juan Schafftfürzwei. "Hoffentlich habt ihr genug Eisen." Eisen hatte der Schmied genug, und schon bald schlug Juan Schafftfürzwei mit solcher Kraft auf den großen Amboss ein, dass die Funken stoben. Im Nu war die Zange fertig. Der Schmied konnte nicht genug staunen. "Einen solchen Gesellen könnte ich gebrauchen", sagte er bewundernd. "Willst du nicht bei mir bleiben?" "Vielen Dank für das Angebot, Schmied, aber ich muss nach Armenien, den Höllenfürsten fangen. Dafür bekomme ich die spanische Prinzessin."

Und Juan trat mit der Zange aus der Schmiede, drehte den Ring am Finger und befahl: "Ich will sofort in Armenien vor Beelzebubs Schloss sein!" Kaum hatte er das gesagt, da flog er mitsamt der Zange durch die Lüfte, als sei er ein leichtes Vöglein – nur viel schneller. Und nicht lange darauf stand er im fernen Armenien auf einem hohen Felsen vor dem riesigen Schloss des Teufels aller Teufel.

Juan Schafftfürzwei trat ans Tor und schlug mit der Zange dagegen: "Bum! Bum! Bum!" Aus dem Schloss ertönte eine Donnerstimme: "Wer wagt es, so laut zu klopfen? Wer wagt es, so zu lärmen?" Na, so leicht ließ sich Juan Schafftfürzwei nicht ins Bockshorn jagen. "Das bin ich, Juan Schafftfürzwei. Mach auf, oder du wirst was erleben!" Da rief die Donnerstimme: "Was erlaubst du dir, du Erdenwurm! Du weißt wohl nicht, wer ich bin?"

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Und schon sprang das Tor auf, und auf der Schwelle stand Beelzebub höchstpersönlich. Aber darauf hatte unser Juan Schafftfürzwei ja nur gewartet. Er packte den Teufel mit der Zange und ließ ihn nicht mehr los. Ehe Beelzebub überhaupt wusste, wie ihm geschah, ehe er schreien und alle Teufel zur Hilfe rufen konnte, flogen sie schon zurück nach Spanien, direkt in den Thronsaal des Königs.

"Hier habt Ihr Euren Beelzebub, König von Spanien, hier habt Ihr den schlimmen Burschen, schöne Prinzessin. Ihr könnt ihn Euch nach Herzenslust beschauen." "Ich sehe, dass du wirklich tapfer bist, Juan", sagte der König. "Den Höllenfürsten aber lasse schnell wieder frei. Man bekommt ja das Grauen, wenn man ihn nur ansieht." Der König selbst war nämlich durchaus nicht so tapfer wie der Soldat.

"Wie Ihr wünscht, König", lachte Juan Schafftfürzwei und lockerte die Zange. Da flog der Teufel wie aus der Pistole geschossen davon und verschwand mit Donnergetöse. Juan Schafftfürzwei aber stand weiter vor dem König und wollte wissen, wann er denn nun die Prinzessin bekäme. "Gleich, gleich", versprach der König. "Aber erst musst du mir noch beweisen, dass du auch so geschickt wie tapfer bist. Hinter der Stadt habe ich ein Landgut und auf dem Gut einen Taubenschlag mit tausend Tauben. Bringe sie mir alle her, wir wollen sie zählen!"

Juan Schafftfürzwei salutierte und antwortete: "Das ist eine Kleinigkeit, König von Spanien, das ist ein Kinderspiel für mich, schöne Prinzessin. Morgen sollt Ihr alle Tauben zählen können." Am nächsten Morgen marschierte Juan Schafftfürzwei zum Stadttor hinaus, schnurstracks zum Gut des Königs. Dort angekommen, drehte er den Ring am Finger und befahl: "Alle Tauben zu mir!"

pixelio.de - Die Prinzessin und Juan SchafftfürzweiDa kamen alle Tauben zu ihm geflogen, setzten sich ihm auf die Arme und Schultern, umschwirrten ihn wie ein Bienenschwarm und folgten ihm ins Schloss. Dort trat Juan Schafftfürzwei mit den Tauben vor den König und die Prinzessin. "Hier habt Ihr Eure Tauben, König von Spanien, hier sind sie, schöne Prinzessin. Zählt sie nur, solange es Euch gefällt!"

"Wie ich sehe, bist du nicht nur mutig, sondern auch geschickt und klug, Juan", sagte der König. "Die Tauben aber lass schnell wieder fliegen, sonst picken sie mir noch den Thron kaputt." "Wie Ihr wünscht, König", lachte Juan Schafftfürzwei und öffnete das Fenster. Wie aus der Pistole geschossen flogen die Tauben in Richtung ihres Taubenschlages davon und waren bald verschwunden. Nur Juan Schafftfürzwei stand noch immer vor dem König und wollte wissen, wann denn nun Hochzeit sei.

"Gleich, gleich", versprach der König. "Nur möchte ich mich vorher noch schnell überzeugen, ob du auch so stark wie tapfer und geschickt bist." Da musste unser Soldat laut lachen und rief prahlerisch: "Ach, König, dazu bedarf es gar keiner Prüfung. Ich bin so stark, dass es niemanden gibt, der es mit mir aufnehmen könnte. Nicht umsonst nennt man mich ja Juan Schafftfürzwei!"

Nicht einmal der Prinzessin gefiel dieses Eigenlob.

‘Na warte nur, du Prahlhans, sagte sie sich. ‘Wir werden schon sehen, wer es mit wem aufnehmen kann!’ Laut aber meinte sie: "Nun, umso eher wirst du ja diese letzte Prüfung bestehen, Juan Schafftfürzwei. Komme morgen früh zum Fluss, dort wird dich jemand erwarten. Ich bin gespannt, ob du ihn überwindest."

Juan Schafftfürzwei salutierte und antwortete: "Das ist eine Kleinigkeit, schöne Prinzessin, das ist ein Kinderspiel für mich, König von Spanien. Morgen früh bin ich am Fluss." Am nächsten Morgen marschierte Juan Schafftfürzwei zum Fluss. Der König und die Prinzessin erwarteten ihn schon am Ufer.

pixelio.de - Die Prinzessin und Juan SchafftfürzweiUnd unten am Wasser stand ein großer Kerl, schwarz wie ein Mohr. Aber es war kein Mohr, sondern eine Puppe aus Schusterpech, die die Prinzessin hatte über Nacht anfertigen lassen.

Das wusste Juan Schafftfürzwei natürlich nicht, und er merkte auch nichts. Kaum erblickte er den Gegner, trat er näher und sagte: "He, du da, komm her und zeige, was du kannst!" Der Schwarze zuckte mit keiner Wimper und sagte auch kein Wort. Da schrie Juan Schafftfürzwei ihn an: "Hast du nicht gehört? Komm sofort her, oder ich hau dir eine runter, dass du umfällst!" Doch wieder zuckte der Mohr mit keiner Wimper und sprach auch kein Wort, ganz so, als ob der Soldat für ihn Luft sei.

Da wurde Juan wütend, er sprang zu dem Mohr hin und versetzte ihm einen gewaltigen Fausthieb. Als hätte er den Schlag gar nicht gespürt, gab der schwarze Kerl noch immer keinen Laut von sich. Dafür aber schrie Juan Schafftfürzwei auf. Seine Faust hatte sich in das Pech gebohrt und ließ sich nicht mehr herausziehen.

Wütend brüllte er: "Du, lass mich los, oder ich versetze dir noch eine!" Doch der schwarze Kerl ließ ihn nicht los, und als ihn Juan Schafftfürzwei mit der anderen Faust schlagen wollte, da hielt er auch die fest. Und alle Versuche loszukommen, endeten nur damit, dass Juan bald ganz an dem Mohren festklebte und schließlich beide in den Fluss rollten. Zwar war das Wasser hier nur knietief, aber auch das genügte. Juan Schafftfürzwei schluckte Wasser. Jetzt konnte ihm nicht einmal mehr der Ring helfen, denn wie wollte er ihn drehen?

pixelio.de - Die Prinzessin und Juan Schafftfürzwei

In letzter Not rief er: "Hifle! Hilfe! Ich ertrinke!" Da musste die schöne Prinzessin laut lachen, und mit ihr lachte auch der König von Spanien und sagte: "Siehst du, Juan, nun hat sich doch jemand gefunden, der es mit dir aufnehmen kann!" Und er befahl, den Soldaten aus dem Wasser zu ziehen und aus der Umarmung seines schwarzen Gegners zu befreien. Der Prahlhans musste wohl oder übel zugeben, dass er gegen die Prinzessin nicht ankam.

"Nun habe ich die letzte und leichteste Prüfung nicht bestanden", sagte er bekümmert. "Nur deshalb, weil du so geprahlt hast", lachte die Prinzessin. "Aber sicher wird dir es eine Lehre sein, und du wirst das Prahlen ein für allemal bleibenlassen." Und so war doch Hochzeit.

Der Soldat Juan Schafftfürzwei bekam die Prinzessin, denn die schöne Prinzessin wollte doch lieber Juan Schafftfürzwei heiraten als einen der herausgeputzten Freier von königlichem Geblüt. Aber den Ring, den nahm sie Juan gleich nach der Hochzeit weg und trug ihn bis zu ihrem Tode selbst am Finger.

Verwendete Bilder sind von:
© Stefane/PIXELIO (Bild 1)
© Harald Wanetschka/PIXELIO (Bild 2)
© Dieter Schütz/PIXELIO (Bild 3)
© Klaus Rupp/PIXELIO (Bild 4)
© Ingo Döring/PIXELIO (Bild 5)
© Karl-Heinz Laube/PIXELIO (Bild 6)
© Rainer Sturm/PIXELIO (Bild 7)
www.pixelio.de

 

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Na, willen wi noch ees? – ein deutsches Volksmärchen

Montag, September 21st, 2009

pixelio.de - Na, willen wi noch ees?

Ein Bauer, welcher nach Russland ritt, kam durch einen großen Wald, in welchem weit und breit keine einzige menschliche Ansiedlung zu sehen war. Als er mitten im Walde war, wurde er von einem Rudel Wölfe überfallen. Der Bauer stieg schnell ab, überließ den Wölfen sein Pferd und verkroch sich in einen hohlen Baum.

Da kam ihm ein Wolf zu nahe. Der Bauer packte ihn aber am Schwanz und fing an, den Schwanz herumzudrehen, und indem er drehte, sprach er jedesmal: "Na, willen wi noch ees?" Schließlich hatte er den Schwanz abgedreht, und der Wolf lief heulend von dannen.

Nachdem mehrere Wochen vergangen waren, kam der Bauer auf der Rückreise aus Russland in dieselbe Gegend und wurde dort wiederum von einem Rudel Wölfe überfallen. Der Bauer aber verlor seine Geistesgegenwart nicht, und bald bemerkte er unter der Schar einen Wolf ohne Schwanz. Da erinnerte er sich an das Abenteuer, welches er auf der Hinreise gehabt hatte, und rief laut: "Na, willen wir noch ees?"

Kaum hatte der schwanzlose Wolf diese Worte gehört, so lief er spornstreichs davon und hinter ihm her alle übrigen Wölfe, so dass der Bauer seine Reise ungehindert fortsetzen konnte.

Verwendetes Bild ist von:
© Kurt Bouda/www.pixelio.de

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