In früheren Zeiten gab es keine Krankheiten. Die Menschen starben an Altersschwäche oder im Krieg oder aber durch irgendeinen Unfall, wenn zum Beispiel die Pferde durchgingen und der Wagen in eine tiefe Schlucht stürzte oder wenn der Dorfbulle jemand aufgespießt hatte.
Damals lebten in einer Stadt zwei alte Jungfern. Sie waren arm geworden, weil sie zum Arbeiten zu faul und zudem noch sehr naschhaft waren. Deshalb hatte sie auch keiner geheiratet. Als sie sahen, dass sie bald verhungern würden, wenn es so weiter ginge, sprach die eine zur anderen:
"Weißt du was, Schwester, wir wollen als Fieber unter die Leute gehen und sie schütteln, damit wir wieder süße und gute Sachen zu essen bekommen. Denn wenn einer sich nicht wohl fühlt, legt er sich zu Bett, und seine Verwandten bringen ihm das Beste zu essen und zu trinken – alles, wonach es ihn gelüstet."
"Gut." antwortete die andere, "Nur erkläre mir, was für Fieber wir sein sollen, denn ich weiß nicht, was das ist." "Wenn ein erhitzter Mensch kaltes Wasser trinkt oder wenn einer unreife Pflaumen oder anderes grünes Obst oder gar verdorbenes Fleisch isst, so werden wir in seinen Körper hineinschlüpfen und anfangen, ihn zu schütteln: In der größten Hitze werden wir ihn so kalt anhauchen, dass ihm die Zähne klappern, und beim größten Frost werden wir ihm so heiß machen, dass er schwitzt wie im Bad. Die Fieberkranken werden sich quälen, aber wir werden auf fremde Kosten in Hülle und Fülle leben. Rasch, komm mit! Sobald wir auf der Straße sind, wollen wir die ersten Leute, die uns begegnen, packen und schütteln."
Gesagt, getan! Sie setzten sich auf eine Bank beim Stadttor und warteten. Nach einer Weile kamen zwei Männer: Der eine war ein reicher Kaufmann, der andere ein armer Müller. Die beiden faulen Weiber schlüpften heimlich und still in die Körper der beiden Männer: die erste in das Herz des Kaufmanns, die andere in das Herz des Müllers. Und dann begannen sie sie zu beuteln und zu schütteln, dass ihnen die Zähne aufeinanderschlugen. Sie stöhnten und ächzten und konnten sich kaum nach Hause schleppen.
Die Frau und die Kinder des Kaufmanns liefen herbei, legten ihn auf ein weiches Bett mit frischen Bettlaken, schoben ihm ein Daunenkissen unter den Kopf und deckten ihn mit einer seidenen Steppdecke zu. Sie fragten, was sie ihm zu trinken bringen sollten, damit er sich erwärme. Auch die Verwandten und Freunde des Kaufmanns, die erfahren hatten, dass ihm etwas fehlte, kamen ihn besuchen. Der eine brachte ihm eine Flasche alten Branntwein, ein anderer Rotwein, der drei Jahre gelagert war, der dritte Schweinewurst, der vierte einen selbstgebackenen Käsekuchen, der fünfte Sirup, Äpfel, anderes Obst und noch viele gute Dinge.
Jeder brachte das Beste vom Besten, denn der Kaufmann hatte viele Verwandte und Freunde, die ihn wegen seines Reich- tums schätzten. Deshalb tat er allen, die sahen, wie es ihn schüttelte und er mit den Zähnen klapperte, sehr leid, denn sie hatten bisher noch nie gesehen, wie einen das Fieber schüttelt. Und da der Kaufmann lange Zeit liegen musste, hatten ihm die Leute so viele gute Sachen gebracht, dass man einen Laden damit hätte aufmachen können!
Das Fieber aber leckte sich die Lippen, wenn es alle diese schönen Dinge sah, und es begann, den Kranken noch stärker zu schütteln. Dann ließ es ihn wieder ein wenig in Ruhe, damit er sich etwas erholte. Aber sobald das Fieber nachgelassen hatte und es dem Kranken besser ging, bekam er einen solchen Appetit, dass sich alle wunderten, wo all das Essen und Trinken nur blieb. Es war aber in Wirklichkeit das Fieber, das die guten Sachen aß und trank. Und die Familie gab dem Kranken alles, was er wollte. Das verfluchte Fieber aß, trank und schlief und blähte den Bauch des Kaufmanns auf, so dass er zu träge wurde, um aufzustehen. Es wurde jetzt noch hundertmal verschlafener und fauler als vorher, denn von so gutem Essen und Trinken und von so weichen Matratzen hätte es früher nicht einmal zu träumen gewagt.
Aber die Frau des Kaufmanns rüttelte den Kranken immerzu auf: "Wach auf, Mann, steh endlich auf! Ich habe dir Wasser ge- bracht, damit du dir das Gesicht wäschst. Rühr dich, geh ein wenig in den Hof an die frische Luft, damit es dir etwas besser wird! Nun hast du schon drei Jahre gelegen, Mann! Du schläfst Tag und Nacht, isst mehr als wir alle zusammen, und es nützt dir gar nichts. Nur dein Bauch schwillt an – er sieht schon aus wie ein Fass!"
"Ach, Frau!" flüsterte der Mann kaum vernehmbar, "Welcher Blinde möchte nicht sehend werden? Auch ich möchte wieder aufstehen und herumgehen. Doch seit mir dieses Übel im Nacken sitzt, bin ich immer schläfrig. Und wenn ich aufwache, dann packt es mich wieder und schüttelt mich. Wenn es aufgehört hat, mich zu schütteln, so habe ich einen Hunger, als wäre in meinem Innern ein unersättlicher Drache. Und ich esse und esse, und je mehr ich esse, um so schwerer fühle ich mich, und dann übermannt mich wieder der Schlaf, dass ich nicht weiß, wer und wo ich bin. Deshalb, Frau, kann ich nicht vom Bett aufstehen."
"Was sollen wir tun, Mann, damit du wieder gesund wirst? Wir haben schon neunundneunzig Ärzte gerufen, und keiner konnte dir helfen. Erlaube mir, dass ich eine weise Frau hole, damit sie das Übel bespricht, vielleicht wirst du dann ge- sund." "Ruf sie, Frau! Ruf Wahrsagerinnen, Kräuterfrauen, Doktoren, Derwische, Popen! Wen du siehst und hörst, rufe, damit ich endlich wieder auf die Beine komme."
Da ging die Frau zu einem armen, alten Mütterchen, einer weithin bekannten Kräuterfrau. Sie erzählte ihr von dem schweren Leiden ihres Mannes und führte sie zu ihm. Die alte Frau fragte ihn, was ihm fehle, was er esse und trinke, und schließlich sagte sie: "Ich will dir helfen, wenn du alles tust, was ich dir rate und alles geduldig erträgst." "Ach, Mütterchen!" stöhnte der Kranke, "Ich will dir gehorchen und alles tun und ertragen, wenn du mich nur von diesem Übel befreist!"
"Mach dir keine Sorgen, Sohn! Wenn du gehorsam bist, wirst du in drei Tagen wieder auf den Beinen sein." sagte die Alte und ging. Zu Hause angekommen, pflückte sie am Zaun eine Handvoll Wermut, kochte ihn und brachte dem Kranken von dem Aufguss. Sie gab ihm ein Glas voll, das musste er auf nüchternen Magen trinken. Als er das bittere Zeug geschluckt hatte, wurde ihm furchtbar übel. "Ach Mütterchen," ächzte er, "was war das für ein Gift, das du mir eingegeben hast?"
"Sei unbesorgt, Sohn, und gedulde dich!" antwortete die Alte. "Das Fieber, das sich in deinem Körper eingenistet hat, wird dich nicht verlassen, wenn du nur süße und gute Sachen isst. Du musst Bitteres und Scharfes schlucken, damit du es ver- treibst. Und nun mach Schluss mit dem weichen Lager, leg dich auf eine bloße Strohmatte und nimm einen Stein als Kissen. Trinke noch zwei Tage nichts anderes als meinen Tee und du wirst sehen, wie sich dieses heimtückische Fieber davonmachen wird."

Der Kranke folgte ihrem Rat, aß nichts und trank nur das bittere Wermuttränklein. Am dritten Tag kam die Alte wieder. Sie fand den Kaufmann im Hof auf einer Strohmatte liegend. Sie nahm einen Eimer kaltes Wasser, näherte sich ihm leise und begoss ihn damit. Da sprang der Kaufmann erschrocken auf und war wieder so gesund wie vordem. "O, warum hast du mich mit dem kalten Wasser so erschreckt?" fragte er die Alte.
Das Fieber aber war zweimal so stark erschrocken, dass es aus ihm herausfuhr und in die Alte schlüpfte. ‘Warte nur, du böse alte Hexe!’ dachte es, ‘Dich werde ich schütteln, weil du mir meine Ruhe und mein Schlaraffenleben genommen hast. Das hat dich der Teufel gelehrt, mich drei Tage hungern zu lassen, mir dieses bittere Zeug zu trinken zu geben und mich zum Schluss noch mit kaltem Wasser zu übergießen.’
Der Kaufmann war aber von Stund an gesund und froh. "Mögest du noch lange Jahre leben!" sagte er zu der Alten und be- lohnte sie reich. Die Alte nahm das Geld und ging, doch unterwegs schüttelte sie das Fieber, dass sie sich kaum nach Hause schleppen konnte. Sie legte sich auf die nackte Erde am Ofen, wand sich, zitterte und klapperte mit ihren beiden einzigen Zähnen. Dann stand sie mühsam auf und trank ein großes Glas von dem Wermuttränklein; und nach einer Weile trank sie noch ein Glas.
Das Fieber begriff, dass die Alte ein Glas nach dem anderen von diesem bitteren Zeug trinken und sich nicht weich betten würde. Da wurde es böse, verließ die Alte und machte sich auf die Suche nach einem reichen Mann, um sich bei ihm ein- zunisten. Aber nun rief man sogleich die alte Kräuterfrau herbei, wenn jemand das Fieber hatte. Ihr Ruhm hatte sich schon in der ganzen Stadt verbreitet. Sie gab den Kranken ein Wermutsäftlein und vertrieb damit die Krankheit. Das Fieber konnte nicht mehr wie im Schlaraffenland leben, wie es das drei Jahre lang bei dem kranken Kaufmann getan hatte. Als es be- griffen hatte, dass ihm die alte Kräuterfrau keine Ruhe gönnen würde, beschloss es, anderswo hinzugehen, wo die Leute nicht wussten, wie sie es vertreiben konnten. Und das Fieber wanderte aus.
Vor dem Stadttor traf es seine Schwester, das andere Fieber, das auch beschlossen hatte fortzugehen. Sie umarmten sich und fragten einander aus, wie es ihnen in den Jahren, die sie getrennt waren, ergangen war. Die erste erzählte, wie gut es ihr bei dem reichen Kaufmann gegangen war und wie übel ihr die alte Kräuterfrau mitgespielt hatte und fragte dann, was das andere Fieber inzwischen erlebt hatte.
"Ach, frag nicht, Schwester!" klagte das zweite Fieber. "Der Anfang war gar nicht gut. Als ich den Müller zu schütteln begann, ging er in seine Mühle, nahm Zwiebeln, zerstampfte sie, begoss sie mit Essig und trank diese saure Brühe in einem Zug aus. Er hätte mich beinahe vergiftet, der Teufel soll ihn holen! Aber nicht genug damit, als ich ihm Hitze schickte, da zog er sich nackt aus und sprang in den kalten Mühlteich. Ich bin fast erstarrt vor Kälte und wäre ertrunken, wenn ich nicht fortge- laufen wäre. Nachdem ich ihn verlassen hatte, ging ich zu einer reichen Frau. Drei Jahre schüttelte ich sie und aß gute Sachen im Überfluss. Schön und gut, aber in dieser Stadt kann man nicht leben. Wo ist nur diese Kräuterfrau herge- kommen, sie war mir immer auf den Fersen. Hatte ich mich bei jemand eingeschlichen, schon rief man sie. Statt süßer Sachen gaben sie mir bitteres Gift zu trinken, so dass ich keinen guten Tag mehr hatte. Es war nicht mehr auszuhalten, und so beschloss ich, aus dieser Stadt auszuwandern."
"Auch ich laufe vor dieser leidigen Alten davon. Ich will irgendwo hingehen, wo es keine solchen Hexen und Kräuterfrauen gibt." "Weißt du was, Schwester? Wir wollen von nun an zusammenbleiben. Wenn wir uns bei jemandem niederlassen, so wollen wir ihn beide der Reihe nach schütteln. Aber wir müssen uns dazu reichere Leute aussuchen, damit es uns gut geht, bis wir selbst genug davon haben." "Du hast recht." sagte die erste, "Bei armen Leuten lässt sich’s nicht leben. Ich lasse einen Mann vor Kälte zittern, und was tut er? Er nimmt eine Axt und hackt Holz, bis er ganz in Schweiß gebadet ist, und ich schwitze noch zweimal mehr als er!"
"Oder," unterbrach sie die zweite, "ich versetze einen in Glut, und er – er springt ins kalte Wasser, wie mein Müller, so dass ich vor Kälte ganz steif werde." "Aber, Schwester, ich will dir noch etwas sagen." "Sag, was sich dein kluges Köpfchen aus- gedacht hat!" "Wir wollen es noch eine gewisse Zeit so machen, und dann wollen wir uns einen Mann nehmen. Wir werden Kinder zur Welt bringen und sie unser Handwerk lehren, damit sie die Leute plagen und es sich dabei gut gehen lassen." "Das hast du dir gut ausgedacht, Schwester! Sollst ein langes und frohes Leben haben! Nur bitte Gott, dass er uns vor dem Wermuttränklein und vor kaltem Wasser behütet."
Mit diesen schlechten Gedanken machten sich die beiden bösen Frauen in die nächste Stadt auf. Bis die Leute gelernt hatten, wie sie das Fieber vertreiben konnten, führten die beiden ein herrliches Leben. Dann fanden sie zwei Dummköpfe, die sie heirateten. Sie brachten viele Söhne und Töchter zur Welt, und so verbreiteten sich die Krankheiten auf der Erde. Es waren ganz verschiedene Krankheiten, wie auch die Menschen verschieden sind: zum Beispiel Schüttelfrost, Fieber, Gelb- sucht, Husten, Rheumatismus oder Scharlach.
Und sie gingen unter die Leute und plagen sie bis zum heutigen Tage.
Verwendete Bilder sind von: © SueSchi/PIXELIO (Bild 1)
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