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Archive for the ‘Deutschland’ Category

Na, willen wi noch ees? – ein deutsches Volksmärchen

Montag, September 21st, 2009

pixelio.de - Na, willen wi noch ees?

Ein Bauer, welcher nach Russland ritt, kam durch einen großen Wald, in welchem weit und breit keine einzige menschliche Ansiedlung zu sehen war. Als er mitten im Walde war, wurde er von einem Rudel Wölfe überfallen. Der Bauer stieg schnell ab, überließ den Wölfen sein Pferd und verkroch sich in einen hohlen Baum.

Da kam ihm ein Wolf zu nahe. Der Bauer packte ihn aber am Schwanz und fing an, den Schwanz herumzudrehen, und indem er drehte, sprach er jedesmal: "Na, willen wi noch ees?" Schließlich hatte er den Schwanz abgedreht, und der Wolf lief heulend von dannen.

Nachdem mehrere Wochen vergangen waren, kam der Bauer auf der Rückreise aus Russland in dieselbe Gegend und wurde dort wiederum von einem Rudel Wölfe überfallen. Der Bauer aber verlor seine Geistesgegenwart nicht, und bald bemerkte er unter der Schar einen Wolf ohne Schwanz. Da erinnerte er sich an das Abenteuer, welches er auf der Hinreise gehabt hatte, und rief laut: "Na, willen wir noch ees?"

Kaum hatte der schwanzlose Wolf diese Worte gehört, so lief er spornstreichs davon und hinter ihm her alle übrigen Wölfe, so dass der Bauer seine Reise ungehindert fortsetzen konnte.

Verwendetes Bild ist von:
© Kurt Bouda/www.pixelio.de

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Karl Nekel und Isan Jökel – ein deutsches Volksmärchen

Montag, September 21st, 2009

 

Es lebten einmal ein Mann und eine Frau, die hatten zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, Karl Nekel und Isan Jökel mit Namen. Die Frau starb, und bald darauf heiratete der Mann eine zweite, welche eine Hexe war.

Die Kinder hatten es bei ihrer Stiefmutter sehr schlecht, so dass sie eines Tages beschlossen, das Vaterhaus zu verlassen. Isan Jökel hatte ihre Stiefmutter oft heimlich bei ihren Zaubereien beobachtet und so mit der Zeit auch vieles gelernt. Hieraus hoffte sie Nutzen zu ziehen, falls ihr und ihrem Bruder unterwegs etwas zustoßen sollte.

Als die Alte merkte, dass die Kinder fort waren, schickte sie die Magd aus, um sie zu suchen. Diese kehrte nach einiger Zeit zurück und erklärte ihrer Herrin, dass sie die Kinder nicht gesehen habe. Auf die Frage, ob ihr sonst unterwegs nichts aufgefallen sei, erwiderte die Magd, dass sie einen Rosenstock mit einer wunderschönen Rose bemerkt habe, und sie wisse ganz genau, dass auf der Stelle, wo sie den Rosenstock gesehen, früher ein solcher nicht gestanden habe.

pixelio.de - Karl Nekel und Isan Jökel

Die Alte schöpfte Verdacht, dass der Rosenstock mit der Rose ihre Stiefkinder gewesen seien. Und in der Tat war es so, denn als die Kinder die Magd sich folgen sahen, hatte Isan Jökel ihren Bruder in einen Rosenstock und sich in eine Rose darauf verwandelt, um so den spähenden Augen der Magd zu entgehen.

Unter den heftigsten Vorwürden, dass sie die Rose nicht abgebrochen, weil dann die Kinder tot gewesen wären, schickte die Alte die Magd zum zweiten Male aus, um die Rose zu brechen. Aber der Rosenstock war nicht mehr zu finden; die Kinder waren inzwischen weitergewandert. Sobald sie die Magd wieder sahen, verwandelte das Mädchen ihren Bruder schnell in eine kleine Kapelle und sich in einen Schlüssel, welcher in der Tür steckte. Die Magd fand die Kapelle und den Schlüssel, ahnte aber nicht, dass es die verwandelten Kinder seien. Nach vielem Suchen kehrte sie um und konnte ihrer Herrin von weiter nichts als der Kapelle und dem Schlüssel erzählen.

pixelio.de - Karl Nekel und Isan Jökel

Entrüstet darüber, dass die Magd den Schlüssel nicht ausgezogen hatte, machte sich die Alte nun selbst auf den Weg, und zwar, um sich den Kindern möglichst wenig bemerkbar zu machen, in Gestalt einer schwarzen Wolke. Die Kinder aber, welche inzwischen ihren Weg fortgesetzt hatten, sahen die schwarze Wolke, und Isan Jökel merkte sogleich, dass es die Stiefmutter war. Da verwandelte sie ihren Bruder in einen Teich und sich in eine Ente darauf.

pixelio.de - Karl Nekel und Isan Jökel

Die Alte hatte dies beobachtet und verwandelte sich zurück. Sie trat an den Teich, versuchte die Ente an sich zu locken, um sie dann zu töten, und rief: "Lit lit!" Die Ente aber erwiderte jedesmal: "Schit schit!" Schließlich jedoch schwamm sie der Alten näher, und als diese den Arm ausstreckte, um sie zu packen, schnappte die Ente nach ihrem Hexenring und zog ihr denselben vom Finger.

Nun war es mit den Zauberkünsten der Alten vorbei. Um aber wenigstens etwas zu erreichen, legte sie sich nieder, um den Teich auszutrinken. Doch nach kurzer Zeit hatte sie sich den Leib so mit Wasser angefüllt, dass sie platzte.

Schnell verwandelte Isan Jökel sich und ihren Bruder zurück, und voll Freude darüber, dass nun die böse Stiefmutter tot war, setzten sie ruhig und unbesorgt ihren Weg fort. Sie kamen bald an einen Königshof und gelangten dort zu Ansehen und Würde.

(G. Gaude)

Verwendete Bilder sind von:
© Maren Beßler/PIXELIO (Bild 1)
© Eda/PIXELIO (Bild 2)
© Dieter/PIXELIO (Bild 3)
www.pixelio.de

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Das Patenkind des Todes – ein deutsches Volksmärchen

Sonntag, September 20th, 2009

 

pixelio.de - Das Patenkind des TodesEs war einmal ein armer Bauer, der hatte vierundzwanzig Kinder, und eines Tages wurde ihm sogar das fünfundzwanzigste geboren. Die anderen Bauern waren schon zwei- und dreimal bei ihm zu Gevatter geladen und sahen ihn schief an, als sie von dem Kinde hörten. Darum machte er sich auf über Land, um einen Paten zu suchen.

Da begegnete ihm der lieber Gott und bot sich ihm an zum Gevatter. "Nein", sprach der Mann, "dich nehme ich nicht, du hältst es zu sehr mit den Reichen und lässt die Armen leer ausgehen."

Als der liebe Gott fortgegangen war, stellte sich der Wind ein und sprach: "Lass mich Gevatter stehen!" "Dich mag ich erst recht nicht", entgegnete der Bauer, "du bist noch ungerechter. Du reisst bald diesem, bald jenem Haus und Scheune um, verfolgst aber vorzugsweise uns Arme."

Endlich stellte sich ein Mann ein, der sagte, er wäre der Tod, und erbot sich gleichfalls, die Gevatterschaft auf sich zu nehmen. Diesem sagte der Bauer freudig zu, denn er sei gerecht. Er schone weder reich noch arm, weder alt noch jung; wer heran müsse, müsse heran.

Der Tod stand also Gevatter und gab auch ein treffliches Patengeschenk; denn er sprach zu dem Bauern: "Lass deinen Sohn einen Doktor werden, so soll es ihm nicht an großem Ruhm und Kundschaft fehlen. Ich habe ihm die Gabe gegeben, dass er mich an den Krankenbetten erkennen kann. Stehe ich da zu Häupten des Bettes, so muss der Kranke sterben; stehe ich zu Füßen desselben, so bleibt er am Leben. Doch nur so lange werde ich ihm gewogen sein, als er so gerecht und unbestechlich ist, wie ich selbst bin."

Nachdem der Tod dies gesprochen, ging er seines Weges.

Wie er vorhergesagt, so geschah es auch. Der Knabe wuchs heran und hatte die wunderbare Gabe, das Ende eines jeden Kranken vorherzusagen, weil er den Tod am Bette sehen konnte. Dadurch ward er bald ein weltberühmter Arzt, und alles Volk strömte ihm zu. Stand der Tod zu den Füßen des Kranken, so machte er ihn gesund, so verzweifelt der Fall auch scheinen mochte; stand der Tod aber zu Häupten, so ließ er sich erst gar nicht auf große Kuren ein, sondern gab den Kranken sofort auf.

Nun wurde ein reicher Graf, der in seiner Nähe wohnte, todkrank, so dass kein Arzt ihm mehr helfen konnte. Da schickte er in seiner Not zu dem Wunderdoktor und bat ihn, er möge doch kommen. Mache er ihn gesund, so sollten hunderttausend Goldgulden seine Belohnung sein.

Der Doktor kam auch, sah aber sogleich, als er in das Krankenzimmer trat, dass keine Rettung mehr möglich sei; denn der Tod stand zu den Häupten des Grafen. Er sprach darum: "Bestellt Euer Haus! Rettung ist nicht mehr möglich! Ihr müsst sterben!" Als der Graf  vernahm, dass auch der Wunderdoktor ihn aufgebe, da begann er zu weinen und zu wehklagen und bat ihn vom Himmel zur Hölle, ihm doch mit seiner Kunst zu helfen; auch schwur er ihm zu, dass er die hunderttausend Goldgulden wirklich bekommen solle.

pixelio.de - Das Patenkind des Todes

Da begann sich die Habsucht in dem Patenkind des Todes zu regen, und er beschloss, seinem Gevatter einen Streich zu spielen. "Ja", sagte er, "wenn es so steht, will ich noch einmal helfen. Vier Diener her und dreht die Bettstelle um!" Die Bedienten taten, wie er befohlen, und der Graf war nicht wenig erstaunt, als ihm der Wunderdoktor erklärte, er würde jetzt wieder so gesund werden, wie je zuvor.

Erst hielt er ihn für einen Betrüger, doch er hatte recht. Von Stund an nahmen die Kräfte des Grafen zu, und nach wenigen Tagen war er völlig wieder hergestellt. Der Wunderdoktor aber erhielt die hunderttausend Gulden bei Heller und Pfennig ausgezahlt.

Wie er sich nun eines Tages so recht über seine schlaue List und den schnell erworbenen Reichtum freute, öffnete sich die Türe und der Tod trat herein. "Du bist ungerecht gewesen", hub er an, "darum werde ich dich jetzt holen. Mach dich nur fertig!" Der Doktor suchte vergeblich die feinsten Ausreden hervor, der Tod blieb unerbittlich. Da sprach er ganz traurig: "So lass mich wenigstens noch ein letztes Vaterunser beten, damit ich nicht in meinen Sünden von hinnen fahre."

"Das soll geschehen", sprach der Tod, und sein Patenkind begann: "Vater unser, der du bist im Himmel", dann war es stille. "Bete doch weiter", drängte der Tod. "Ach nein, das hat Zeit", antwortete der Doktor, "den Schluss gedenke ich noch nicht so bald zu beten." Da sah der Tod ein, dass er von seinem Patenkind  zum zweiten Male betrogen war, und ärgerlich ging er von dannen.

In der Erntezeit musste der Doktor einst über Feld und sah im Landgraben einen halb verhungerten, sterbenden Bettler liegen. "O bete für mich, bete", schrie der Unglückliche, "damit meine Seele im Himmel angenommen werde! O bete doch nur ein Vaterunser!" Den Doktor jammerte des armen Mannes von ganzem Herzen, und um ihn zu trösten, betete er das Vaterunser in aller Andacht her.

Kaum hatte er aber "Amen" gesagt, so erhub sich der Bettler, lachte und rief: "Jetzt bist du mein und musst mir folgen." War der Bettler der Tod gewesen, welcher seinem schlauen Patenkind ebenfalls mit List zu Leibe gegangen war.

pixelio.de - Das Patenkind des TodesDie beiden gingen nun zusammen weiter und weiter, bis sie an einen hohen, unermesslich großen Berg kamen. "Hier werde ich dir eine Herrlichkeit zeigen, die über alle Herrlichkeiten ist", sagte der Tod und führte sein Patenkind durch ein Tor in den Berg hinein. Drinnen brannten tausend und abertausend Lichter, dass das Auge geblendet wurde von all dem Glanz.

"Wo sind wir hier?" fragte der Wunderdoktor. "Wir sind in dem Saale, wo die Lebenslichter aller Menschen brennen. Hier ist das deinige!" versetzte der Tod. Da schaute der Doktor hin und erblickte auf seinem Leuchter ein ganz kleines Licht-Stümpfchen, dessen Docht beinahe verglimmt war. "Hab’ ich denn kein längeres Licht?" rief er erschrocken. "Du hattest ein langes, schieres Licht", antwortete der Tod, "aber das hast du dem reichen Grafen geschenkt, als du mich betrogst."

Da griff das Patenkind des Todes in seiner Angst zu einem hell brennenden Kinderlicht, um das auf seinen Leuchter zu stellen; aber es war zu spät. Ehe er so weit gekommen war, verlöschte sein Licht, und er fiel tot zu Boden. Das hatte er davon, dass er den Tod betrog.

(Dr. Ulrich Jahn, 1861-1900)

Verwendete Bilder sind von:
© Jurec/PIXELIO (Bild 1)
© Peter Reinäcker/PIXELIO (Bild 2)
© Hans Snoek – www.hs-buch.de  /PIXELIO (Bild 3)
www.pixelio.de


 

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Der Teufel und der Drescher – ein deutsches Volksmärchen

Samstag, September 19th, 2009

pixelio.de - Der Teufel und der DrescherEs war einmal ein Edelmann, der war geizig und drückte seine Leute, wo er konnte, tat aber immer, als habe er nur ihr Bestes im Auge und handle nicht anders, als wie er könne.

Dieser Edelmann hatte nun unter seinen Leuten einen Knecht, der ihm viele Jahre treu und ehrlich gedient hatte. Mit der Zeit war er aber alt und schwach geworden, dass er zwar noch beim Pflügen und Eggen die Ochsen antreiben konnte, jedoch beim Dreschen nichts Rechtes mehr vor sich zu bringen vermochte. In der Dreschzeit brach liegen, heißt aber bei einem armen Tagelöhner so viel, als den ganzen Winter Hunger leiden. Darum bat er rechtzeitig den Herrn, als er mit den andern Knechten die Wintersaat untereggte, er möge ihn doch von dem Dreschen um seines Alters willen nicht ausschließen.

"Ich will dir nicht im Wege sein!" antwortete der Edelmann katzenfreundlich. "Wenn die übrigen Knechte dich als Macher (Macker) haben wollen, so magst du dreschen, soviel und solange du willst."

Die anderen Leute waren aber allesamt verheiratet, hatten für Frau und Kinder zu sorgen und mussten den Dreier dreimal umdrehen, ehe sie ihn aus der Hand gaben. Sie sahen darum bei den Worten des Herrn einander verlegen an, und als der Edelmann sie einzeln fragte: "Willst du des alten Vaters Macher beim Dreschen sein?", überlegten sie, dass sie dann nicht genug ausdreschen könnten, und der Reihe nach sprachen sie: "Nein, ich will nicht!"

"Da hast du’s", rief der Herr, "ich bin’s nicht, der dich ins Elend jagt. Deine eigenen Kameraden lassen dich im Stich." Der alte Mann kratzte sich betrübt hinter den Ohren. Endlich fasste er sich Mut und sprach: "Wenn ich nun einen Macher finde, darf ich ihn dann auf den Hof bringen und mit ihm an die Arbeit gehen?"

Dagegen konnte der Edelmann nichts einwenden, und der Knecht wankte vom Hofe, einen Macher zu suchen.

Als er im Walde war, begegnete ihm ein steinaltes Männchen, das fragte ihn: "Woher und wohin?" "Ich komme vom Edelmannshof und suche einen Macher zum Dreschen", erhielt es zur Antwort. "Da bist du an den Rechten gekommen", versetzte das Graumännlein, "ich bin ebenfalls auf der Suche nach einem Macher."

"All richtig", sagte der Knecht, "dann gehören wir zusammen. Viel wird’s freilich nicht werden, denn du bist ja noch stakriger wie ich. Aber besser etwas wie gar nichts." "Worauf drescht ihr denn?" fragte der Graumann weiter. "Bei Roggen und Weizen auf den dreizehnten", erwiderte der Knecht, "beim Hafer dagegen bekommen wir den vierzehnten Scheffel."

"Darauf geh’ ich nicht ein!" meinte der Graumann. "Wenn ich die Woche gedroschen habe, will ich nicht mehr und nicht weniger haben, als was ich am Samstag abend mit einem Male auf meinem Buckel zum Tore hinausschaffen kann." "Das wäre ein schlechtes Geschäft!" meinte der Knecht. Da aber der Graumann auf seinem Willen bestand, fürchtete er, am Ende seinen Macher wieder zu verlieren und gar nichts zu bekommen. Er gab also knurrend klein bei und schritt mit dem Graumännlein dem Gutshof zu.

pixelio.de - Der Teufel und der Drescher

Als der Edelmann das gebrechliche Paar sah, lachte er, dass ihm der Leib wackelte. "Herr", hub der Knecht an, "hier ist mein Macher!" "Könnt ihr denn auch die Dreschflegel heben, oder soll ich euch einen Jungen geben, der sie euch in die Höhe bringt?" fragte der Edelmann. "Ach, es wird wohl auch noch ohne den Jungen gehen", meinte das Graumännchen und tat dabei so krank und gebrechlich, als stehe Jan Kräuger aus Philippsgrün (der Tod) ihm schon zur Seite, um ihn mit sich zu nehmen.

"Und was soll euer Lohn sein?" fragte der Edelmann. "Was mein Macher am Samstag abend auf seinem Rücken mit einem Male zum Tore hinaustragen kann", antwortete der Knecht. "Abgemacht", rief der Herr, "und kommenden Montag macht ihr euch an die Arbeit! Ihr mögt immerhin eine Woche früher anfangen als die übrigen Knechte, eine Mandel Garben werdet ihr inzwischen wohl ausgedroschen kriegen."

pixelio.de - Der Teufel und der DrescherAm Montag morgen gingen die beiden in aller Frühe in die Scheune, die zur Rechten und Linken mit reifen Garben bis an das Dach gefüllt war und in der Mitte einen großen Längsflur offen ließ. "Womit wollen wir beginnen?" fragte das Graumännchen. "Ich dächte, mit dem Roggen." gab der Knecht zurück. "Meinetwegen, dann steig du ins Fach und wirf mir die Garben herunter!" sprach das Männlein.

Und der Knecht warf Garben über Garben auf die Scheunenflur hinab, bis er glaubte, jetzt sei es für die ganze Woche genug. "Warum hältst du denn an?" schalt da aber das Graumännchen. Und als der Knecht verwundert hinabsah, hatte das Männlein schon alle Garben ausgedroschen, und Stroh, Korn und Spreu lagen, fein säuberlich geschieden, wie’s sich gehört, ein jedes an seinem Ort.

Der Knecht erschrak, dass er am ganzen Leib zitterte, denn er erkannte, dass er den Teufel zum Macher erkoren. Doch Jenner ließ ihm zum langen Besinnen nicht Zeit, der Alte musste immerfort neue Garben herabwerfen, und ehe die Sonne zur Rüste gegangen war, hatte der Roggen im Fach sein Ende genommen und Jenner die letzte Garbe gedroschen.

Am andern Tage kam der Weizen an die Reihe, am Mittwoch die Gerste, den Donnerstag und Freitag droschen sie Hafer und Buchweizen und am Sonnabend vormittag Kleewer, Wicken und Rübsen. Und damit war alles abgedroschen, was in der großen Scheune vorhanden war.

pixelio.de - Der Teufel und der Drescher

Zu guter Letzt musste der Knecht alle Säcke herbeischaffen, die auf dem Gutshofe aufzutreiben waren, und der Teufel schüttete Roggen, Weizen, Gerste, Hafer, Buchweizen, Kleewer, Wicken und Rübsen so schnell hinein, dass die Säcke in demselben Augenblick, da sie ihm von dem Knecht gereicht wurden, auch schon gefüllt waren.

Um sechs Uhr, als Feierabend gemacht wurde, trat der Edelmann in die Scheune, um nach dem gebrechlichen Paar zu schauen. Aber wie erstaunte er, als er die Arbeit, daran ein Dutzend starker Leute ein Vierteljahr genug zu schaffen gehabt hätten, fix und fertig zu Ende geführt sah. Er freute sich und lachte, lobte die beiden und sprach: "Ihr habt wacker gearbeitet, liebe Leute, nun wollen wir gleich die andern Knechte zusammenrufen und das Korn auf den Boden schaffen."

"Nein, so war es nicht abgemacht", rief das Graumännchen mit starker Stimme. "Zuvor nehme ich erst auf meinen Rücken, was ich mit einem Gange zum Tore hinausschaffen kann!" Damit ergriff er einen Sack nach dem andern und warf ihn auf seinen Buckel; und als er den letzten hinaufgeworfen hatte, ragten die Säcke wie ein Kirchturm in die Luft, und es war ein Himphamp von dem Männlein gefertigt, wie noch keiner gesehen ist, seit die Welt steht.

pixelio.de - Der Teufel und der DrescherDem Edelmann wurde schwarz vor den Augen bei dem Anblick, seine Knie bebten ihm und schlackerten, und seine Stimme zitterte vor Wut, als er den Knechten zurief: "Löst den Bullen von der Kette!" – Der Bulle war nämlich weit und breit als ein stößiges Tier bekannt und hatte schon manchen armen Schlucker auf seine Hörner genommen. Jetzt sollte er dem Graumännchen zu Leibe gehen oder doch wenigstens gegen den Himphamp rennen, damit die lange Reihe der Säcke durchstoßen würde und das Getreide dem Gutsherrn verbliebe.

Kaum hatte sich aber das böse Tier mit seinem Gehörn dem Männlein genähert, so lachte dasselbe hell auf: "Der Edelmann hat recht, zu dem vielen Korn müssen wir auch Fleisch haben!" Dann ergriff es den Bullen bei den Hörnern und warf ihn in die Höhe, dass er auf den letzten Sack zu liegen kam und alle Viere in die Luft streckte.

Jetzt stieg dem Herrn der weiße Schaum vor den Mund, und er rief die gotteslästerlichen Worte: "Hat mir der Teufel Hab und Gut genommen, so mag er auch mit Leib und Seele zur Hölle fahren!"

Darauf hatte Jenner nur gewartet, denn jetzt hatte er Anteil an dem habgierigen Leuteschinder. Schnell ließ er den Himphamp fallen, drehte dem Edelmann das Genick um und flog mit ihm auf und davon, der Hölle zu.

Der arme, alte Knecht aber bekam die ganze Ernte und den Bullen obendrein und ward ein wohlhabender Mann; und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er heute noch.

(Dr. Ulrich Jahn, 1861-1900)

Verwendete Bilder sind von:
© Rainer Sturm/PIXELIO (Bild 1)
© Templermeister/PIXELIO (Bild 2)
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© Schwemmi/PIXELIO (Bild 4)
© rio/PIXELIO (Bild 5)
www.pixelio.de

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