Die vier Haimonskinder – ein französisches Volksmärchen
Mittwoch, Juni 3rd, 2009
Es heißt, im Ardennenwald wäre jedes Jahr zu Johannes bei Sonnenaufgang ein Wiehern, hell wie eine Fanfare, zu hören. Und auf den Lichtungen entdeckten Holzfäller die Hufspur eines Pferdes, obwohl gar keins vorbeigekommen war.
Hört die Geschichte dessen, der so im Wald umgeht! Renald, der älteste Sohn des Herzogs Haimon, eines Vasallen Karls des Großen, bekam von seinem Vetter Maugis ein sonderbares Geschenk: ein braunrotes Pferd, das, wenn man es ansprach, mit dem Kopf nickte und "ja!" antwortete. Es wurde Bayart genannt.
Dieser Maugis war vom Hofe Karls des Großen geflohen, nachdem sein Vater, Beuves von Aigremont, der Rebellion gegen den Kaiser bezichtigt und auf dessen Befehl hingerichtet worden war. Maugis hielt sich lange Zeit in Spanien auf, in Granada, wo er bei einem berühmten Zauberer Unterricht nahm, und von Granada aus hatte er seinem Vetter Renald auch den Bayart geschickt.
Dass Bayart kein gewöhnliches Pferd war, wurde bald offenbar, als nämlich die vier Haimonskinder ebenfalls fliehen mussten, weil sie sich dem Kaiser Karl widersetzt hatten. Ihr Vater, der durch seinen Vasallenschwur gebunden war, sah sie schmerzerfüllt losziehen, und ihre Mutter glaubte vor Gram sterben zu müssen.
Die drei Brüder Renalds, Guiscard, Alard und Richard, hatten wie er ein hübsches Gesicht, breite Schultern, schmale Hüften und einen ehrlichen Blick. In dem Walde, wo sie lange Zeit versteckt lebten, Wildschweine und Hasen jagten, Forellen und Hechte fingen, ernährte sich Bayart von Blättern und Wurzeln und gedieh dabei, während die Pferde der drei anderen abmagerten, weil sie ihren Hafer, ihre Kleie und das saftige Grün der Weiden entbehren mussten.
Als der Kaiser die Flucht der vier Brüder entdeckte und bei Nacht ein Heer ausschickte, um sie gefangenzunehmen, war es Bayart, der sie rechtzeitig weckte; er nahm nicht nur seinen Herrn Renald, sondern auch Guiscard, Alard und Richard auf seinen breiten Rücken, während er zwischen den Zähnen die Zügel der drei anderen erschöpften Reittiere hielt und sie ermunterte, ihm zu folgen.
In diesem Aufzug erschienen die Haimonskinder, die aus den Ardennen nach Süden flohen, am Hofe des Königs Yon von der Gascogne, wo sie Asyl fanden. Renald und seine Brüder kämpften mit ihm gegen die Sarazenen. Während Renald zu Fuß mit einem der feindlichen Anführer focht, kämpfte Bayart an seiner Seite mit dem Pferd dieses Anführers. In dem Augenblick, als Renald seinen Gegner zwang, sich zu ergeben, erschien Bayart und zog dessen Pferd an der Mähne hinter sich her.

Als Belohnung für ihre Hilfe gestattete Yon den Haimonskindern, sich in seinem Reich, am Zusammenfluß zweier Flüsse, eine Burg zu bauen. Da sie "Aubains" waren, das heißt Fremde in dieser Gegend, wurde das Schloss Berg zu den Aubains genannt, woraus sich der Name Montauban ableitete, den Renald von nun an trug.
Bald entstand um die Burg herum eine ganze Stadt; Weber, Fleischer, Fischer, Kaufleute kamen und ließen sich in ihren Mauern nieder.
Renald heiratete Clarissa, die Schwester des Königs Yon, und sie hatten zwei hübsche Kinder. Das Leben schien den vier Haimonskindern zuzulächeln, und alles wäre im Schloss Montauban eitel Freude gewesen, hätte sich Yon nicht von den Abgesandten Karls des Großen verleiten lassen. Diese schlugen ihm Frieden mit dem Kaiser vor, wenn er ihm als Pfand dafür die Haimonskinder auslieferte.
Yon überredete also die Brüder, Karl entgegenzueilen, der von Norden herunterzog, und sich mit ihm auszusöhnen. Die vier ließen Clarissa und die Kinder im Schloss, hüllten sich in ihre scharlachroten Mäntel und machten sich auf den Weg. Alard, Guiscard und Richard sangen und tadelten Renald wegen seiner düsteren Miene.
"Er ist traurig, weil er seinen Bayart im Stall gelassen hat!" sagten sie und machten sich über ihn lustig. Renald antwortete nicht, er wusste selbst nicht, warum ihm das Herz so schwer war.
An einem einsamen Ort, einem Engpass zwischen hohen Felsen, wurden die Haimonskinder plötzlich von einem starken Trupp Reiter angegriffen, die Karl ausgeschickt hatte. Sie verteidigten sich tapfer, aber sie liefen Gefahr, der Überzahl zu erliegen.
Maugis jedoch, der auf Montauban weilte, hatte das Gefühl, als drohte seinen Vettern Gefahr. Er ging zu den Ställen hinunter und sah Bayart, der mit dem Huf aufstampfte und die Mähne schüttelte. "Dein Herr ist ohne dich losgezogen. Was hältst du davon?" fragte Maugis. "Nichts Gutes", antwortete Bayart.
"Eilen wir Renald und seinen Brüdern zu Hilfe!" sagte Maugis. "Also los!" antwortete Bayart. Maugis sattelte das Pferd, dann begab er sich zu allen Baronen der Gascogne, von denen er wusste, dass sie Renald verbunden waren, und zog mit ihnen auf dessen Spuren gen Norden.
Sie kamen noch rechtzeitig, um Renald, Alard und Guiscard Hilfe zu bringen, aber Richard war verwundet worden, und die Reiter Karls des Großen hatten ihn, als sie sich den Rückzug bahnten, mitgenommen.
Dank seiner Zauberkräfte drang Maugis unerkannt in Karls Lager ein und erfuhr, dass Richard nach Montfaucon gebracht werden sollte, um dort gehängt zu werden. Ohne erst abzusitzen, schlugen die drei Brüder, Maugis und die gascognischen Edelleute diese Richtung ein.
Die zwölf Pairs Karls des Großen jedoch waren gegen die Hinrichtung Richards und weigerten sich, daran teilzuhaben. Einer von ihnen aber, der wankelmütiger war als die anderen, ließ sich einschüchtern und legte den Strick um den Hals des jüngsten der Haimonskinder. In diesem Augenblick galoppierte der von Renald geführte Trupp auf den Richtplatz. Überrascht und beschämt, verteidigten sich die Pairs kaum, und Richard wurde befreit.
Die Barone aus der Gascogne waren froh, dass sie Renald hatten nützen können, und brachen wieder nach Süden auf, während die Haimonskinder und Maugis die Nacht über rasteten, um Richards Wunden zu verbinden und ihm etwas Zeit zur Erholung zu lassen.
Als die Brüder in ihren Zelten schliefen, suchte Maugis Bayart, flüsterte ihm etwas ins Ohr und ritt mit ihm fort.
Kurz danach erreichte er das Lager Karls des Großen und versetzte durch die Kraft seines Zaubers Menschen und Tiere in den tiefsten Schlaf. Wachposten, Bewaffnete, Ritter, der Kaiser selbst, alle schliefen. Maugis drang ohne Mühe bis zum Zelt Karls vor, packte ihn am Hals und an den Beinen und warf ihn wie einen Sack über Bayarts Sattel. Dann führte er ihn triumphierend an den Ort, wo die Haimonskinder die Nacht verbrachten.
"Hier, Vetter", sagte er zu Renald, "liefere ich Euch Euren Feind aus, macht mit ihm, was Ihr für richtig haltet. Ich für meinen Teil ziehe mich zurück."
Als Karl erwachte und sich in Renalds Gewalt sah, war sein Zorn groß. Renald jedoch, weit entfernt, ihn zu bedrohen, bat ihn höflich, Frieden zu schließen, trotz der Warnungen seiner Brüder, die dem Kaiser nicht trauten. Richard war am erbittertsten. "Wie", rief er, "Ihr wollt dem die Freiheit zurückgeben, der mich hängen lassen wollte!" Und er konnte seinen Groll nicht besänftigen.
Karl überlegte. Er setzte eine lächelnde Miene auf und schlug den Brüdern vor: "Nun denn, vergessen wir das Vergangene. Ihr sollt Frieden haben. Nehmt Eure Stelle an meinem Hofe wieder ein und seht Euren Vater wieder, der unter der Trennung leidet. Aber als Gegenleistung und zum Unterpfand Eurer Aufrichtigkeit liefert Ihr mir Maugis aus, den Bösen, den Zauberer; er soll getötet, verbrannt und seine Asche in alle Winde gestreut werden."
"Maugis ausliefern?" sagte Renald. "Niemals! Auch um meinen drei Brüdern zu helfen, würde ich Maugis niemals verraten." "Dann also wird immer Krieg zwischen und sein!" zürnte Karl. "Ihr habt es so gewollt", entgegnete Renald und ließ den Kaiser in sein Lager zurückgeleiten, obwohl Richard ihm abriet und schwor, dies wäre ein großer Fehler.
Als die Haimonskinder nach Maugis suchten, fanden sie ihn nicht mehr, aber an seinem Platz im Zelt lag ein Brief, in dem geschrieben stand: "Meine Vettern, Ihr seid außer Gefahr. Für mich ist es Zeit, an das Heil meiner Seele zu denken. Ich werde den Pilgerstab nehmen, und man wird mich nicht mehr wiedersehen. Wisst, dass ich Euch mein Lehen Trémoigne jenseits des Rheins gebe, für den Fall, dass ein widriges Schicksal Euch zwingen sollte, vom Süden in den Norden zu fliehen."
Und er war unterzeichnet mit: Maugis.
Die Brüder kehrten nach Montauban zurück. Zu ihrer Überraschung fanden sie dort Yon als Gefangenen vor. Clarisse, die durch die gascognischen Barone vom Verrat ihres Bruders wusste, hatte ihn mit deren Unterstützung durch die Schlosswache gefangennehmen und in den Turm einschließen lassen. Der großmütige Renald lehnte es ab, sich an Yon zu rächen. Er zöge es vor, sagte er, sich an den Empfang zu erinnern, den der gascognische König den armen Verfolgten bereitet hatte, statt seine Arglist im Gedächtnis zu behalten.
Unterdessen wurde bekannt, dass Karl der Große an der Spitze eines mächtigen Heeres auf Montauban zumarschierte. Mit ihm zog Herzog Haimon, das Herz von dem Gedanken zerrissen, gegen seine eigenen Söhne kämpfen zu müssen. Die Belagerung begann. Tag und Nacht hagelte es Steine auf die Stadt; die Dächer waren zerlöchert, Wände stürzten ein, aber die Wälle und der Festungsturm hielten stand. Nur konnte niemand aus den Mauern heraus, und bald fehlte es an Lebensmitteln.
Haimon versuchte den Belagerten zu helfen, indem er statt Steinen Schinken mit Katapulten in die Stadt hineinschoss. Aber irgend jemand, Gott sei’s geklagt, verriet ihn. Karl drohte ihm die fürchterlichsten Strafen an und verbannte ihn.
Die Einwohnerzahl von Montauban nahm von Tag zu Tag ab. Der Hunger tötete Männer, Frauen und Kinder. Sämtliche Pferde waren aufgegessen worden, außer Bayart, den schlachten zu lassen Renald sich weigerte. Eines Tages waren dann nur noch die vier Brüder, Clarissa und die beiden Kinder am Leben, aber auch sie waren dem Tode nahe, und Renald verzweifelte.
Da begann Bayart plötzlich zu sprechen. "Ich kenne Eure Qual, Sir Renald", sagte er. "Eure Kinder müssen etwas zu essen bekommen. Seht hier diesen Eimer – haltet ihn an meinen Hals."
Bayart öffnete sich mit einem Biss eine Ader am Hals, und das Blut schoss in den Eimer; als dieser voll war, schloss das Pferd die Wunde wieder, indem es mit der Zunge darüberfuhr. Dank des Blutes von Bayart wurde das Leben der Eingeschlossenen verlängert. Jeden Tag öffnete sich das treue Pferd von neuem die Ader, jeden Tag wurde es schwächer, und Renald fühlte wohl, dass alle umkommen würden.
Eines Tages, als er in den Pferdestall hinunterging, wobei er sich an die Wand stützte, um nicht zu fallen, sah er, dass sich Bayart nicht an seinem üblichen Platze befand. Das Pferd schleppte sich mit ganz kleinen Schritten durch eine Halle unter dem Festungsturm. Er spitzte die Ohren, blähte die Nüstern, neigte den Kopf, als lauschte es. Plötzlich stampfte es mit dem Huf auf die Erde.
"Sir Renald", rief es, "lasst Eure Brüder herkommen und grabt den Boden auf!" Alard, Guiscard, Richard und Renald begannen mit großer Mühe, denn sie waren völlig entkräftet, an jener Stelle zu graben, und siehe da, sie entdeckten die Stufen zu einem unterirdischen Gang. Von Bayart angeführt, stiegen sie alle hinunter. Weit von der Feste entfernt kamen sie auf freiem Feld wieder aus der Erde hervor. Da wieherte Bayart, und sofort eilten Pferde aus Karls Heer, die auf den Wiesen weideten, herbei, und die Flüchtenden konnten sich jeder eins aussuchen.
Sie flohen gen Norden, denn sie wollten das Gebiet von Trémoigne jenseits des Rheins erreichen, das ihnen Maugis vermacht hatte. Als Karl der Große endlich in die Stadt und in die Feste Montauban eindrang, aus der man kein Lebenszeichen mehr vernahm, war er überrascht und beunruhigt, dass er unter den Toten die Haimonskinder nicht fand. Doch da seine Leute den unterirdischen Gang entdeckten, begriff er, dass ihm seine Gegner wieder einmal entwischt waren, und er brach ebenfalls in Richtung Norden auf.
Den ganzen Weg über baten seine zwölf Pairs und all die anderen Edelleute den Kaiser inständig, Frieden mit den Haimonskindern zu schließen. Karl konnte nicht umhin, deren Tapferkeit und Standhaftigkeit zu bewundern, und er sagte nicht nein.
"Aber unter einer Bedingung", fügte er hinzu. "Renald muss mir Bayart ausliefern, das Unglückspferd, Geschenk eines Zauberers!" Als man Renald um diesen Preis Frieden vorschlug, lehnte er rundweg ab. "Nehmt an", sagte da Bayart zu ihm, der bei der Unterredung zugegen war, "es ist an der Zeit, Sire, dass Ihr Euch mit dem Kaiser versöhnt und Euer Vater und Eure Mutter ihre Söhne wiedersehen."
Bayart bestand auf seinem Willen, so dass Renald am Ende annahm, aber dicke Tränen rollten ihm aus den Augen, wie er die Abgesandten Karls mit seinem Pferd davonziehen sah.
Karl der Große ließ Bayart einen dicken Mühlstein um den Hals binden und befahl, ihn in die Maas zu werfen, die dort, wo der Kaiser Hof hielt, breit und tief war und schnell dahinfloss.
Kaum berührte das Pferd das Wasser, da zerschmetterte es mit einem Hufschlag den Mühlstein, der es in die Tiefe zog. Es schwamm durch den Fluss und setzte mit einem Wiehern, das wie der Klang eines Jagdhorns hallte, den Fuß auf das andere Ufer. Darauf verschwand es in fliegendem Galopp.
So kommt es, dass jedes Jahr zu Johannis im Ardennenwald das triumphierende Wiehern des guten Pferdes Bayart zu hören ist.

Verwendete Bilder sind von:
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