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Archive for the ‘Frankreich’ Category

Die vier Haimonskinder – ein französisches Volksmärchen

Mittwoch, Juni 3rd, 2009

 

Es heißt, im Ardennenwald wäre jedes Jahr zu Johannes bei Sonnenaufgang ein Wiehern, hell wie eine Fanfare, zu hören. Und auf den Lichtungen entdeckten Holzfäller die Hufspur eines Pferdes, obwohl gar keins vorbeigekommen war.

pixelio.de - Die vier HaimonskinderHört die Geschichte dessen, der so im Wald umgeht! Renald, der älteste Sohn des Herzogs Haimon, eines Vasallen Karls des Großen, bekam von seinem Vetter Maugis ein sonderbares Geschenk: ein braunrotes Pferd, das, wenn man es ansprach, mit dem Kopf nickte und "ja!" antwortete. Es wurde Bayart genannt.

Dieser Maugis war vom Hofe Karls des Großen geflohen, nachdem sein Vater, Beuves von Aigremont, der Rebellion gegen den Kaiser bezichtigt und auf dessen Befehl hingerichtet worden war. Maugis hielt sich lange Zeit in Spanien auf, in Granada, wo er bei einem berühmten Zauberer Unterricht nahm, und von Granada aus hatte er seinem Vetter Renald auch den Bayart geschickt.

Dass Bayart kein gewöhnliches Pferd war, wurde bald offenbar, als nämlich die vier Haimonskinder ebenfalls fliehen mussten, weil sie sich dem Kaiser Karl widersetzt hatten. Ihr Vater, der durch seinen Vasallenschwur gebunden war, sah sie schmerzerfüllt losziehen, und ihre Mutter glaubte vor Gram sterben zu müssen.

Die drei Brüder Renalds, Guiscard, Alard und Richard, hatten wie er ein hübsches Gesicht, breite Schultern, schmale Hüften und einen ehrlichen Blick. In dem Walde, wo sie lange Zeit versteckt lebten, Wildschweine und Hasen jagten, Forellen und Hechte fingen, ernährte sich Bayart von Blättern und Wurzeln und gedieh dabei, während die Pferde der drei anderen abmagerten, weil sie ihren Hafer, ihre Kleie und das saftige Grün der Weiden entbehren mussten.

Als der Kaiser die Flucht der vier Brüder entdeckte und bei Nacht ein Heer ausschickte, um sie gefangenzunehmen, war es Bayart, der sie rechtzeitig weckte; er nahm nicht nur seinen Herrn Renald, sondern auch Guiscard, Alard und Richard auf seinen breiten Rücken, während er zwischen den Zähnen die Zügel der drei anderen erschöpften Reittiere hielt und sie ermunterte, ihm zu folgen.

In diesem Aufzug erschienen die Haimonskinder, die aus den Ardennen nach Süden flohen, am Hofe des Königs Yon von der Gascogne, wo sie Asyl fanden. Renald und seine Brüder kämpften mit ihm gegen die Sarazenen. Während Renald zu Fuß mit einem der feindlichen Anführer focht, kämpfte Bayart an seiner Seite mit dem Pferd dieses Anführers. In dem Augenblick, als Renald seinen Gegner zwang, sich zu ergeben, erschien Bayart und zog dessen Pferd an der Mähne hinter sich her.

pixelio.de - Die vier Haimonskinder

Als Belohnung für ihre Hilfe gestattete Yon den Haimonskindern, sich in seinem Reich, am Zusammenfluß zweier Flüsse, eine Burg zu bauen. Da sie "Aubains" waren, das heißt Fremde in dieser Gegend, wurde das Schloss Berg zu den Aubains genannt, woraus sich der Name Montauban ableitete, den Renald von nun an trug.

Bald entstand um die Burg herum eine ganze Stadt; Weber, Fleischer, Fischer, Kaufleute kamen und ließen sich in ihren Mauern nieder.

Renald heiratete Clarissa, die Schwester des Königs Yon, und sie hatten zwei hübsche Kinder. Das Leben schien den vier Haimonskindern zuzulächeln, und alles wäre im Schloss Montauban eitel Freude gewesen, hätte sich Yon nicht von den Abgesandten Karls des Großen verleiten lassen. Diese schlugen ihm Frieden mit dem Kaiser vor, wenn er ihm als Pfand dafür die Haimonskinder auslieferte.

Yon überredete also die Brüder, Karl entgegenzueilen, der von Norden herunterzog, und sich mit ihm auszusöhnen. Die vier ließen Clarissa und die Kinder im Schloss, hüllten sich in ihre scharlachroten Mäntel und machten sich auf den Weg. Alard, Guiscard und Richard sangen und tadelten Renald wegen seiner düsteren Miene.

pixelio.de - Die vier Haimonskinder"Er ist traurig, weil er seinen Bayart im Stall gelassen hat!" sagten sie und machten sich über ihn lustig. Renald antwortete nicht, er wusste selbst nicht, warum ihm das Herz so schwer war.

An einem einsamen Ort, einem Engpass zwischen hohen Felsen, wurden die Haimonskinder plötzlich von einem starken Trupp Reiter angegriffen, die Karl ausgeschickt hatte. Sie verteidigten sich tapfer, aber sie liefen Gefahr, der Überzahl zu erliegen.

Maugis jedoch, der auf Montauban weilte, hatte das Gefühl, als drohte seinen Vettern Gefahr. Er ging zu den Ställen hinunter und sah Bayart, der mit dem Huf aufstampfte und die Mähne schüttelte. "Dein Herr ist ohne dich losgezogen. Was hältst du davon?" fragte Maugis. "Nichts Gutes", antwortete Bayart.

"Eilen wir Renald und seinen Brüdern zu Hilfe!" sagte Maugis. "Also los!" antwortete Bayart. Maugis sattelte das Pferd, dann begab er sich zu allen Baronen der Gascogne, von denen er wusste, dass sie Renald verbunden waren, und zog mit ihnen auf dessen Spuren gen Norden.

Sie kamen noch rechtzeitig, um Renald, Alard und Guiscard Hilfe zu bringen, aber Richard war verwundet worden, und die Reiter Karls des Großen hatten ihn, als sie sich den Rückzug bahnten, mitgenommen.

Dank seiner Zauberkräfte drang Maugis unerkannt in Karls Lager ein und erfuhr, dass Richard nach Montfaucon gebracht werden sollte, um dort gehängt zu werden. Ohne erst abzusitzen, schlugen die drei Brüder, Maugis und die gascognischen Edelleute diese Richtung ein.

Die zwölf Pairs Karls des Großen jedoch waren gegen die Hinrichtung Richards und weigerten sich, daran teilzuhaben. Einer von ihnen aber, der wankelmütiger war als die anderen, ließ sich einschüchtern und legte den Strick um den Hals des jüngsten der Haimonskinder. In diesem Augenblick galoppierte der von Renald geführte Trupp auf den Richtplatz. Überrascht und beschämt, verteidigten sich die Pairs kaum, und Richard wurde befreit.

Die Barone aus der Gascogne waren froh, dass sie Renald hatten nützen können, und brachen wieder nach Süden auf, während die Haimonskinder und Maugis die Nacht über rasteten, um Richards Wunden zu verbinden und ihm etwas Zeit zur Erholung zu lassen.

pixelio.de - Die vier HaimonskinderAls die Brüder in ihren Zelten schliefen, suchte Maugis Bayart, flüsterte ihm etwas ins Ohr und ritt mit ihm fort.

Kurz danach erreichte er das Lager Karls des Großen und versetzte durch die Kraft seines Zaubers Menschen und Tiere in den tiefsten Schlaf. Wachposten, Bewaffnete, Ritter, der Kaiser selbst, alle schliefen. Maugis drang ohne Mühe bis zum Zelt Karls vor, packte ihn am Hals und an den Beinen und warf ihn wie einen Sack über Bayarts Sattel. Dann führte er ihn triumphierend an den Ort, wo die Haimonskinder die Nacht verbrachten.

"Hier, Vetter", sagte er zu Renald, "liefere ich Euch Euren Feind aus, macht mit ihm, was Ihr für richtig haltet. Ich für meinen Teil ziehe mich zurück."

Als Karl erwachte und sich in Renalds Gewalt sah, war sein Zorn groß. Renald jedoch, weit entfernt, ihn zu bedrohen, bat ihn höflich, Frieden zu schließen, trotz der Warnungen seiner Brüder, die dem Kaiser nicht trauten. Richard war am erbittertsten. "Wie", rief er, "Ihr wollt dem die Freiheit zurückgeben, der mich hängen lassen wollte!" Und er konnte seinen Groll nicht besänftigen.

Karl überlegte. Er setzte eine lächelnde Miene auf und schlug den Brüdern vor: "Nun denn, vergessen wir das Vergangene. Ihr sollt Frieden haben. Nehmt Eure Stelle an meinem Hofe wieder ein und seht Euren Vater wieder, der unter der Trennung leidet. Aber als Gegenleistung und zum Unterpfand Eurer Aufrichtigkeit liefert Ihr mir Maugis aus, den Bösen, den Zauberer; er soll getötet, verbrannt und seine Asche in alle Winde gestreut werden."

"Maugis ausliefern?" sagte Renald. "Niemals! Auch um meinen drei Brüdern zu helfen, würde ich Maugis niemals verraten." "Dann also wird immer Krieg zwischen und sein!" zürnte Karl. "Ihr habt es so gewollt", entgegnete Renald und ließ den Kaiser in sein Lager zurückgeleiten, obwohl Richard ihm abriet und schwor, dies wäre ein großer Fehler.

Als die Haimonskinder nach Maugis suchten, fanden sie ihn nicht mehr, aber an seinem Platz im Zelt lag ein Brief, in dem geschrieben stand: "Meine Vettern, Ihr seid außer Gefahr. Für mich ist es Zeit, an das Heil meiner Seele zu denken. Ich werde den Pilgerstab nehmen, und man wird mich nicht mehr wiedersehen. Wisst, dass ich Euch mein Lehen Trémoigne jenseits des Rheins gebe, für den Fall, dass ein widriges Schicksal Euch zwingen sollte, vom Süden in den Norden zu fliehen."

Und er war unterzeichnet mit: Maugis.

Die Brüder kehrten nach Montauban zurück. Zu ihrer Überraschung fanden sie dort Yon als Gefangenen vor. Clarisse, die durch die gascognischen Barone vom Verrat ihres Bruders wusste, hatte ihn mit deren Unterstützung durch die Schlosswache gefangennehmen und in den Turm einschließen lassen. Der großmütige Renald lehnte es ab, sich an Yon zu rächen. Er zöge es vor, sagte er, sich an den Empfang zu erinnern, den der gascognische König den armen Verfolgten bereitet hatte, statt seine Arglist im Gedächtnis zu behalten.

Unterdessen wurde bekannt, dass Karl der Große an der Spitze eines mächtigen Heeres auf Montauban zumarschierte. Mit ihm zog Herzog Haimon, das Herz von dem Gedanken zerrissen, gegen seine eigenen Söhne kämpfen zu müssen. Die Belagerung begann. Tag und Nacht hagelte es Steine auf die Stadt; die Dächer waren zerlöchert, Wände stürzten ein, aber die Wälle und der Festungsturm hielten stand. Nur konnte niemand aus den Mauern heraus, und bald fehlte es an Lebensmitteln.

Haimon versuchte den Belagerten zu helfen, indem er statt Steinen Schinken mit Katapulten in die Stadt hineinschoss. Aber irgend jemand, Gott sei’s geklagt, verriet ihn. Karl drohte ihm die fürchterlichsten Strafen an und verbannte ihn.

Die Einwohnerzahl von Montauban nahm von Tag zu Tag ab. Der Hunger tötete Männer, Frauen und Kinder. Sämtliche Pferde waren aufgegessen worden, außer Bayart, den schlachten zu lassen Renald sich weigerte. Eines Tages waren dann nur noch die vier Brüder, Clarissa und die beiden Kinder am Leben, aber auch sie waren dem Tode nahe, und Renald verzweifelte.

pixelio.de - Die vier HaimonskinderDa begann Bayart plötzlich zu sprechen. "Ich kenne Eure Qual, Sir Renald", sagte er. "Eure Kinder müssen etwas zu essen bekommen. Seht hier diesen Eimer – haltet ihn an meinen Hals."

Bayart öffnete sich mit einem Biss eine Ader am Hals, und das Blut schoss in den Eimer; als dieser voll war, schloss das Pferd die Wunde wieder, indem es mit der Zunge darüberfuhr. Dank des Blutes von Bayart wurde das Leben der Eingeschlossenen verlängert. Jeden Tag öffnete sich das treue Pferd von neuem die Ader, jeden Tag wurde es schwächer, und Renald fühlte wohl, dass alle umkommen würden.

Eines Tages, als er in den Pferdestall hinunterging, wobei er sich an die Wand stützte, um nicht zu fallen, sah er, dass sich Bayart nicht an seinem üblichen Platze befand. Das Pferd schleppte sich mit ganz kleinen Schritten durch eine Halle unter dem Festungsturm. Er spitzte die Ohren, blähte die Nüstern, neigte den Kopf, als lauschte es. Plötzlich stampfte es mit dem Huf auf die Erde.

"Sir Renald", rief es, "lasst Eure Brüder herkommen und grabt den Boden auf!" Alard, Guiscard, Richard und Renald begannen mit großer Mühe, denn sie waren völlig entkräftet, an jener Stelle zu graben, und siehe da, sie entdeckten die Stufen zu einem unterirdischen Gang. Von Bayart angeführt, stiegen sie alle hinunter. Weit von der Feste entfernt kamen sie auf freiem Feld wieder aus der Erde hervor. Da wieherte Bayart, und sofort eilten Pferde aus Karls Heer, die auf den Wiesen weideten, herbei, und die Flüchtenden konnten sich jeder eins aussuchen.

Sie flohen gen Norden, denn sie wollten das Gebiet von Trémoigne jenseits des Rheins erreichen, das ihnen Maugis vermacht hatte. Als Karl der Große endlich in die Stadt und in die Feste Montauban eindrang, aus der man kein Lebenszeichen mehr vernahm, war er überrascht und beunruhigt, dass er unter den Toten die Haimonskinder nicht fand. Doch da seine Leute den unterirdischen Gang entdeckten, begriff er, dass ihm seine Gegner wieder einmal entwischt waren, und er brach ebenfalls in Richtung Norden auf.

Den ganzen Weg über baten seine zwölf Pairs und all die anderen Edelleute den Kaiser inständig, Frieden mit den Haimonskindern zu schließen. Karl konnte nicht umhin, deren Tapferkeit und Standhaftigkeit zu bewundern, und er sagte nicht nein.

"Aber unter einer Bedingung", fügte er hinzu. "Renald muss mir Bayart ausliefern, das Unglückspferd, Geschenk eines Zauberers!" Als man Renald um diesen Preis Frieden vorschlug, lehnte er rundweg ab. "Nehmt an", sagte da Bayart zu ihm, der bei der Unterredung zugegen war, "es ist an der Zeit, Sire, dass Ihr Euch mit dem Kaiser versöhnt und Euer Vater und Eure Mutter ihre Söhne wiedersehen."

Bayart bestand auf seinem Willen, so dass Renald am Ende annahm, aber dicke Tränen rollten ihm aus den Augen, wie er die Abgesandten Karls mit seinem Pferd davonziehen sah.

Karl der Große ließ Bayart einen dicken Mühlstein um den Hals binden und befahl, ihn in die Maas zu werfen, die dort, wo der Kaiser Hof hielt, breit und tief war und schnell dahinfloss.

Kaum berührte das Pferd das Wasser, da zerschmetterte es mit einem Hufschlag den Mühlstein, der es in die  Tiefe zog. Es schwamm durch den Fluss und setzte mit einem Wiehern, das wie der Klang eines Jagdhorns hallte, den Fuß auf das andere Ufer. Darauf verschwand es in fliegendem Galopp.

So kommt es, dass jedes Jahr zu Johannis im Ardennenwald das triumphierende Wiehern des guten Pferdes Bayart zu hören ist.

pixelio.de - Die vier Haimonskinder

Verwendete Bilder sind von:
© Maik Grabosch/PIXELIO (Bild 1)
© Jessica Konrad/PIXELIO (Bild 2)
© Ingo Neumann/PIXELIO (Bild 3)
© Petra S./PIXELIO (Bild 4)
© Verena N./PIXELIO (Bild 5)
© Lorenzo Salvatori/PIXELIO (Bild 6)
www.pixelio.de

 

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Ropiquet – ein französisches Volksmärchen

Dienstag, Juni 2nd, 2009

 

Es war einmal eine Frau, die wollte Garn zum Weber bringen, um daraus Linnen anfertigen zu lassen. Der Teufel kam zu ihr herein und bot ihr an, das ganze Garn umsonst für sie zu weben, wenn sie seinen Namen erriete.

"Gern", sagte die Frau. "Heißt Ihr vielleicht Jean?" "Nein." "Vielleicht Claude?" "Schon gar nicht." "So heißt Ihr also Francois?" "Nein, gute Frau, Ihr kommt nicht drauf!"

Sie ging alle Namen durch, die ihr in den Sinn kamen, ohne den richtigen zu finden. Da nahm der Teufel das Garn mit und sagte: "Die Arbeit wird in zwei Stunden fertig sein, aber wenn Ihr meinen Namen bis dahin nicht gefunden habt, behalte ich das Linnen!"

Voll Sorgen ging die Frau in den Wald, um ein Bündel Reisig zu sammeln. Sie kam bis unter eine große Eiche. Auf dem Baum saß der Teufel und webte und webte, und viele kleine Teufel halfen ihm. Er sang halblaut vor sich hin:

"Webe, webe, noch und noch,
Ropiquet nenn ich mich.
Doch die Alte weiß es nicht!"

Die Frau beeilte sich, den Namen mit dem Finger in den Staub zu schreiben, der ihren Schuh bedeckte, und kehrte flugs heim. Der Sicherheit halber murmelte sie ständig vor sich hin: "Ropiquet, Ropiquet!"

Kaum saß sie in der Ecke am Herd, als der Teufel auch schon erschien, mit herrlichem Linnen beladen. "Da ist es. Wisst Ihr nun meinen Namen?" "Heißt Ihr Jean-Pierre?" "O nein!" "Vielleicht Jacques?" "Nein, gute Frau!"

"Oder heißt Ihr am Ende gar Ropiquet?"

pixelio.de - Ropiquet

Der Teufel ließ das Linnen fallen, flüchtete heulend und riss alles um, was ihm in den Weg kam, während die Frau, sehr zufrieden, ihr Linnen in den Schrank räumte.

Verwendetes Bild ist von:
© geralt (Gerd Altmann)/PIXELIO
www.pixelio.de

 

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Die Feenvögel – ein französisches Volksmärchen

Dienstag, Juni 2nd, 2009

pixelio.de - Die Feenvögel 

Der junge Schäfer Menou hatte seine Schafe zum ersten Mal an einen tiefen See getrieben, in dessen Wasser sich der Himmel spiegelte.

pixelio.de - Die FeenvögelDa hörte er über sich ein Flügelschlagen und blickte hoch. Drei Vögel glitten zum Ufer herab, drei große schneeweiße Vögel. Einer nach dem anderen ließen sie sich nieder. Menou sah zu seiner Verwunderung, wie sich ihr glänzendes Gefieder teilte und drei schöne junge Mädchen freigab. Die Mädchen sprangen ins Wasser, schwammen durch den See, fanden ihre Freude daran, sich zu haschen und lachend zu bespritzen.

Menou sah ihren Spielen, hinter einem Busch versteckt, wie verzaubert zu. Die Sonne stand schon am Horizont, da kehrten die Badenden ans Ufer zurück, zogen ihre Federkleider wieder an, erhoben sich mit mächtigem Flügelrauschen in die Lüfte und entschwanden.

Als Menou zur Großmutter heimgekehrt war, bei der er lebte, erzählte er ihr von seinem Abenteuer. Die alte Frau, die in der Ofenecke saß und spann, schien nicht erstaunt. Sie erklärte ihm: "Das sind die Feenvögel, die Vogelfrauen, die du da gesehen hast. Ihr Vater ist ein Zauberfürst, er wohnt in einem Schloss, das an vier goldenen Ketten zwischen Himmel und Erde hängt. Man sagt", fügte die Großmutter hinzu, "wer dieses Schloss sehen möchte, brauche nur eines der Federkleider zu entwenden und es zu behalten, bis die Prinzessin einwilligt, ihn mitzunehmen."

Von Stund an träumte Menou nur noch von den Feenvögeln. Das Wetter war schlecht geworden, lange Zeit sah er sie nicht wieder. Doch eines schönen Morgens hörte er über seinem Kopf abermals das Flügelschlagen. Schnell versteckte er sich im Gebüsch. Wie damals teilte sich das Gefieder, die Schönen kamen hervor und sprangen ins Wasser.

Menou näherte sich dem Ufer, ergriff eines der Federkleider und verbarg es. Als die Sonne den Horizont berührte, kamen die Mädchen, um sich anzukleiden. Zwei von ihnen hatten schon wieder Vogelgestalt angenommen, nur die Jüngste und Hübscheste lief betrübt am Ufer entlang und suchte ihr Gefieder.

"Ich habe es genommen", sagte der Schäfer beherzt und trat hervor. "Gib mir mein Kleid wieder!" rief das junge Mädchen. "Gib ihr das Kleid zurück!" fielen die beiden anderen drohend ein. Menou zitterte wohl ein bisschen, aber er bemühte sich, es nicht merken zu lassen. "Ihr bekommt es, wenn ihr mir versprecht, mich mitzunehmen, damit ich das Schloss eures Vaters kennenlerne!"

"Nein!" riefen die drei Schwestern gleichzeitig. "Er würde uns schlagen, und dich auch, ja, er würde dich töten. Gib uns das Kleid!" "Nur wenn ihr mich mitnehmt." Es war nichts zu machen. Menou bleib standhaft, und die Schwestern mussten einwilligen. Die Jüngste zog ihr glänzendes Federkleid an und nahm Menou auf den Rücken. Er hatte große Angst, als er sich so zwischen Himmel und Erde sah, aber bald tauchte das Schloss des Zauberers auf, an goldenen Ketten in den Wolken hängend.

pixelio.de - Die FeenvögelDie Vogelfrauen wagten nicht, Menou zu ihrem Vater zu bringen, und versteckten ihn im Garten. Der Zauberer schalt sie, weil sie so spät gekommen waren, und schloss sie in ihr Zimmer ganz oben in einem Turm ein. Die ganze Nacht sprachen die jungen Mädchen nur über Menou. Weit davon entfernt, zornig auf ihn zu sein, waren sie von seiner Liebenswürdigkeit und seinem Mut entzückt. In der Turmspitze wie auch unten im Garten dachte man nur daran, einander wiederzusehen.

Am Morgen ließ eine alte Dienerin wie üblich einen Korb an einem Strick hinunter, damit ihn der Gärtner mit Obst fülle, das in der Frische des Sonnenaufgangs gepflückt worden war. Menou machte sich diesen Umstand zunutze und versteckte sich unter den violettfarbenen Pflaumen und den saftigen Feigen.

"Wie schwer das ist!" sagte die alte Frau, während sie den Korb emporzog. Die Jüngste der Prinzessinnen eilte der Dienerin zu Hilfe. Kaum war diese gegangen, kullerten die Pflaumen und Feigen auf die Erde, und Menou kam lächelnd zu Vorschein.

Die drei Mädchen und der junge Mann plauderten fröhlich miteinander den ganzen Tag. Am Abend kehrte Menou in den Garten zurück. Den Morgen darauf gelangte er auf die gleiche Weise in den Turm. Aber bald bemerkten die beiden älteren Schwestern, dass der. Schäfer der Jüngsten den Vorrang gab, die seine Zuneigung auch zu erwidern schien. Aus Eifersucht drohten die Prinzessinnen, ihrem Vater alles zu enthüllen.

Als Menou und die Jüngste einen Augenblick allein waren, verständigten sie sich deshalb über die Möglichkeit, der Gefahr zu entrinnen. Bei Einbruch der Nacht begab sich Menou wieder in den Garten. Zwei Stunden später, da alles in dem Schloss zwischen Himmel und Erde schlief, streifte die Jüngste ihr Federkleid über und schwang sich aus dem Fenster. Sie nahm Menou auf den Rücken und erreichte mit ihm die Erde. Als ihre Flucht entdeckt wurde, war es zu spät, es konnte keine Rede mehr davon sein, sie einzuholen.

Menou und die Prinzessin heirateten und lebten glücklich bei der alten Großmutter. Es wird nur erzählt, dass ihre Kinder, wenn sie Vogelschwärme vorüberziehen hörten und ihre Rufe vernahmen, zu träumen anfingen und dass es Tage dauerte, sie ihrer Schwermut zu entreißen.

pixelio.de - Die Feenvögel

Verwendete Bilder sind von:
© www.JenaFoto24.de/Pixelio (Bild 1)
© Klaus Steves/PIXELIO (Bild 2)
© P-v-K/PIXELIO (Bild 3)
© Anne Bermüller/PIXELIO (Bild 4)
www.pixelio.de

 

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Melusine – ein französisches Volksmärchen

Montag, Juni 1st, 2009

 

pixelio.de - MelusineAls Raymondin, Graf von Poitiers, auf der Jagd war, verirrte er sich eines Abends im Walde und kam auf eine Lichtung, die er nicht kannte. Inmitten der Lichtung sprudelte eine Fontäne in einem Steinbecken. Auf dem Brunnenrand saß eine festlich gekleidete Dame und kämte sich mit einem goldenen Kamm ihr langes blondes Haar. Um sie herum mehrere Fräulein, die ihre Zofen zu sein schienen, die eine hielt einen Spiegel, eine andere ein Schmuckkästchen, eine dritte ein Spitzentaschentuch.

Raymondin stieg ab und trat zu ihr heran. Sie begannen ein Gespräch. Die Dame war ebenso geistreich wie schön, und der Graf verliebte sich ganz schrecklich in sie. Er kehrte mehrere Male in den Wald zurück und fragte sie schließlich, ob sie ihn heiraten wolle. Melusine - so hieß sie – versprach, seine Frau zu werden, unter der Bedingung, dass sie sich jeden Sonnabend in ihr Gemach einschließen könne, ohne eine lebende Seele zu Gesicht zu bekommen, von der Morgendämmerung an bis Mitternacht.

Die Hochzeit wurde mit großer Pracht gefeiert, trotz der düsteren Mienen und des Murrens der Eltern und Freunde des Grafen, die fragten, woher die Unbekannte denn käme.

Es schien, als sei Melusine unermesslich reich. Als Hochzeitsgeschenk ließ sie für ihren Gemahl die Burg Lusignan erbauen, ein wahrhaft königliches Schloss, und sie lebte dort glücklich mit Raymondin. Sie bekamen Kinder, alle munter und gesund, aber alle wiesen sie irgendeine Besonderheit auf. So wurde das erste mit einem großen Zahn genau in der Mitte des Kiefers geboren. Das Jahr danach kam ein zweiter Sohn zur Welt, und bald bemerkte man, dass sein eines Auge schwarz wie die Nacht und das andere blau wie der Himmel war. Ein dritter Junge folgte, dessen eines Ohr um die Hälfte größer war als das andere.

Eines Tages nahm Raymondins Bruder den Grafen beiseite und sagte zu ihm: "Ich mache mir Sorgen. Wie kommt es, dass jedes Kind, das Melusine zur Welt bringt, etwas Ungewöhnliches an sich hat? Es wird erzählt, dass sich Eure Gemahlin jeden Sonnabend in ihr Zimmer einschließt und dass niemand, nicht einmal Ihr, sie sehen darf. Könnte sie nicht mit bösen Geistern im Bund stehen? Wäre es nicht möglich, dass sie sich irgendwelchen Teufelskünsten hingibt? Könntet Ihr nicht eine Hexe geheiratet haben?"

Raymondin wurde vor Zorn ganz rot, aber als sein Bruder erneut in ihn drang, gab er zu, dass ihn zwar die kleinen Geburtsfehler seiner Kinder kaum beunruhigten, dass ihn hingegen die ständige Abwesenheit Melusines an den Sonnabenden immer gequält habe.

pixelio.de - Melusine

Eines Sonnabends nun begaben sich die Brüder gegen Abend auf leisen Sohlen in den Gang, der zu den Gemächern der Gräfin führte. Raymondin bückte sich und presste sein Auge ans Schlüsselloch. Bleich wie der Tod fuhr er zurück. Sein Bruder schaute ebenfalls hindurch, und was sah er? Die schöne Melusine badete sich, kämmte ihr langes Haar und sang dabei eine schwermütige Melodie. Was ihn ebenso wie Raymondin entsetzte, war die Tatsache, dass der Körper der jungen Frau von der Taille abwärts einer Schlange glich.

Blinde Wut erfasste Raymondin. Er nahm Anlauf, warf sich gegen die Tür und drückte sie mit einem Schulterstoß ein. Als Melusine ihn erblickte, stieß sie einen furchtbaren Schrei aus. Wie von unsichtbaren Flügeln emporgehoben, hatte sie im Nu die Brüstung des offenen Fensters erreicht, und während sie noch einmal lang und verzweifelt schrie, stürzte sie sich ins Leere, in die Nacht.

Als der Graf wieder zu sich gekommen war, suchte er sie überall. Im Garten, unter dem Fenster, fand er lediglich einen goldenen Kamm. Nichts deutete darauf hin, dass sich die Gräfin bei dem Sturz verletzt oder sich fortgeschleppt hatte, um woanders zu sterben.

Gelehrte meinten, Melusine müsste eine Fee sein, die wegen irgendeines Fehlers dazu verdammt wäre, sich jeden Sonnabend von der Taille abwärts in eine Schlange zu verwandeln. Es müsste ihr untersagt sein, ihr Geheimnis einem menschlichen Wesen zu enthüllen, und wäre es selbst ihr Gemahl.

"Es ist wahrscheinlich", fügten die gelehrten Männer hinzu, "dass die Unglückliche nun bis ans Ende der Zeiten die Gestalt eines Ungeheuers behalten wird."

pixelio.de - MelusineNiemals kam Melusine wieder ins Schloss zurück. Aber manchmal des Nachts, wenn die Ammen, die bei den Kindern wachten, eingenickt waren, schien es ihnen, als hörten sie leises Weinen, das sich bald darauf beruhigte. Am Morgen fanden die bestürzten Ammen um die Betten herum feuchte Spuren. Und man raunte sich zu, Melusine käme manchmal des Nachts, um ihre Söhne zu wiegen und zu besänftigen, wenn sie einen bösen Traum hätten…

Graf Raymondin konnte es nicht überwinden, dass er auf seinen Bruder gehört hatte, und er legte sich viele Nächte im Zimmer der Kinder auf die Lauer, aber immer dann schliefen sie friedlich, und es erschien weder Frau noch Schlange.

Dies ist die Geschichte von Melusine, der Begründerin des Geschlechts der Lusignans. Es wird erzählt, dass immer, wenn Gefahr drohte, von der Turmspitze ein lauter Schrei zu hören gewesen sei. So soll die Fee Melusine die Ihren vor der kommenden Gefahr gewarnt haben…

Verwendete Bilder sind von:
© Lea M./PIXELIO (Bild 1)
© geralt (Gerd Altmann)/PIXELIO (Bild 2)
© Rike/PIXELIO (Bild 3)
www.pixelio.de

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Der Fischotter-Schmied – ein französisches Volksmärchen

Donnerstag, Januar 22nd, 2009

pixelio.de Der Fischotter-SchmiedEs lebte einmal ein Schmied, der war groß wie ein Riese und stark wie ein Paar Ochsen. Er sah schwärzer aus als ein Herd, mit seinem langen Bart, seinen struppigen Haaren und seinen Augen, rot wie Kohlenglut. Wie kein zweiter bearbeitete er das Eisen, aber auch Gold und Silber.

Sein einziger Gehilfe war ein großer Wolf, der in einem Käfig saß und den Blasebalg betätigte, um das Schmiedefeuer anzufachen. Schon waren sieben junge Leute bei dem Schmied vorstellig geworden, um das Handwerk zu erlernen, aber die Prüfungen, die er ihnen auferlegte, waren so hart, dass sie binnen drei Tagen tot umfielen.

Einmal kam zu ihm ein vierzehnjähriger Junge, der seine Mutter, eine Witwe, unterstützen wollte. "Zeig mir, dass du stark bist!" sagte der Schmied. Der Junge ergriff einen Amboss von sieben Zentner Gewicht und warf ihn über hundert Klafter weit. "Zeig mir, dass du geschickt bist!" Der Junge nahm ein Spinnennetz, haspelte es auseinander und wickelte es zu einem Knäuel zusammen, ohne den Faden auch nur ein einziges Mal zu zerreißen. "Zeig mir, dass du kühn bist!" Der Junge öffnete die Tür zu dem Käfig, in dem der Wolf saß, blickte ihm in die Augen und zähmte ihn. Daraufhin nahm ihn der Schmied als Lehrling an.

Bald verstand der Junge sein Handwerk ausgezeichnet. Aber er misstraute seinem Meister, der niemals ein gutes Wort für ihn hatte. Eines Abends blieb er, statt schlafen zu gehen, wach und legte sich auf die Lauer.

Als die Sterne die elfte Stunde anzeigten, ging der Schmied zum Flussufer hinunter, der Lehrling immer hinter ihm her. Der Schmied zog sich aus und legte seine Sachen unter einen großen Stein. Dann streifte er seine Menschenhaut ab und nahm die Gestalt eines Fischotters an.

"Ich will die Haut sorgsam verstecken", sprach er vor sich hin, "denn verlöre ich sie, bliebe ich für immer ein Fischotter." Und er verbarg die Haut in einer hohlen Weide. Dann sprang er in den Fluss. Nach einer Weile sah ihn der Lehrling wieder auftauchen, einen Karpfen zwischen den Zähnen, den er im Mondenschein verspeiste. Danach kehrte er ins Wasser zurück.

pixelio.de Der Fischotter-Schmied

Der Lehrling nahm die Haut und ging, sie im Schmiedefeuer zu verbrennen. Als der Schmied kurz vor Sonnenaufgang ans Ufer zurückkam, fand er sie nicht mehr. Er stieß einen lauten Schrei aus, stürzte sich in die Fluten und ward nie mehr gesehen. Im gleichen Augenblick verschwand auch der große Wolf aus dem Käfig.

Der Lehrling betrieb nun die Schmiede genauso geschickt wie sein ehemaliger Meister. Er nahm seine Mutter zu sich, und beide lebten in Frieden. Allen, die kamen, um das Schmiedehandwerk zu erlernen, gab er nur solche Prüfungen, die ihren Kräften angemessen waren.

Verwendete Bilder sind von:
© Jurec/PIXELIO (Bild 1)
© c.lettau/PIXELIO (Bild 2)
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Der Drachen Tarasque – ein französisches Volksmärchen

Montag, Januar 12th, 2009

 

pixelio.de Der Drachen Tarasque

pixelio.de Der Drachen TarasqueAlte Leute erzählten, dass einst am Flussufer der Rhone, zwischen den Städten Arles und Avignon, ein schreckliches Ungeheuer auftauchte, das im Wasser wie auch auf dem festen Land leben konnte. Wenn es sich im Fluss befand, hielt es die Strömung an und brachte die Schiffe zum Kentern. Stieg es die Ufer hinauf, so verwüstete es mit einem einzigen Schlag seines mächtigen Schwanzes Bauernhöfe und verschlang Menschen wie Tiere. Das Ungeheuer war der Schrecken der Gegend; man nannte es Tarasque.

Die einen sagen, ein junges Mädchen, die heilige Marthe, hätte den Drachen gebändigt, indem sie ihn mit ihrem Gürtel fesselte. Andere berichten über sein Ende folgendes:

pixelio.de Der Drachen TarasqueEines Tages beschlossen sechzehn Ritter, sich dem Ungeheuer im Kampf zu stellen. Sie setzten ihre Helme auf und legten ihre Harnische an, nahmen ihre besten Schwerter in die rechte Hand, und über den linken Arm hängten sie ihre Schilde. Dann zogen sie zur Rhone. Um sich vor den Zauberkünsten der Bestie zu schützen, trugen alle ein bestimmtes Samenkorn bei sich, das "Korn des Mutes".

Als der Drachen das Geklirr der Schwerter und Schilde hörte, stieg er brüllend aus dem Fluss. Er war wirklich abscheulich anzusehen: ein platter Kopf ohne Ohren, kein Hals, ein eiförmiger Körper, bedeckt mit gelben Schuppen, zwischen denen Stacheln, hart wie Eisen, hervorkamen. Seine Pfoten waren kurz, und sein gewaltiger Schwanz peitschte wütend durch die Luft.

Es war ein erbitterter Kampf. Acht der Ritter kamen dabei ums Leben. In der Erregung, die ihnen der Anblick des Ungeheuers verursachte, hatten sie das Korn des Mutes fallen lassen. Die acht anderen konnten ihr Entsetzen überwinden. Sie schlossen die Finger ganz fest um den Talismann und griffen den Drachen so hartnäckig und gewandt an, dass sie ihn schließlich trotz seines Schuppenpanzers mit ihren Schwertern durchbohrten. So wurde das Gebiet zwischen den Städten Arles und Avignon von einer großen Plage befreit. Die acht siegreichen Ritter gründeten an der Stelle, wo der Kampf stattgefunden hatte, eine Stadt, die den Namen Tarascon erhielt.

Seither wird dort jedes Jahr der Sieg über den Drachen gefeiert. Man trägt ein Ungeheuer aus Pappe durch die Straßen, mit plattem Kopf, ohne Ohren, ohne Hals, mit einem eiförmigen Körper, bedeckt von gelben Schuppen, zwischen denen eisenharte Stacheln hervorkommen, mit kurzen Pfoten und einem mächtigen Schwanz.

Acht Einwohner von Tarascon geben dem Ungeheuer beim Klang der Trommeln und Querpfeifen das Geleit. Sie stellen die acht siegreichen Ritter dar und haben ein Festkostüm an: falbenfarbene Schuhe mit karmesinroten Bändern, weiße Seidenstrümpfe, karmesinrote Kniehosen mit Fransen, einen dreifarbigen Gürtel. In der Hand tragen sie einen Spieß und auf dem Kopf einen Federhut.

Acht andere Männer stehen für die Ritter, die das Untier verschlungen hat; sie sind unter dem Rückenschild des Drachen verborgen und bewegen seinen mächtigen Schwanz von links nach rechts, so dass er die Leute am Straßenrand umzuwerfen droht. Die springen zur Seite, um ihm auszuweichen, zur großen Freude der Menge, die um den Zug die Farandole tanzt.

pixelio.de Der Drachen Tarasque

Verwendete Bilder sind von:
© Helmut Krückel/PIXELIO (Bild 1)
© Bredehorn.J/PIXELIO (Bild 2)
© Thomas Max Müller/PIXELIO (Bild 3)
© Paul-Georg Meister/PIXELIO (Bild 4)
www.pixelio.de

 

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Der dumme Jean geht auf den Markt – ein französisches Volksmärchen

Donnerstag, November 13th, 2008

pixelio.de Der dumme Jean geht auf den MarktDie Mutter des dummen Jean war eine geschickte Spinnerin und Weberin. Eines Tages sprach sie zu ihrem Sohn: "Junge, geh in die Stadt und verkaufe mein Linnen. Aber pass gut auf, überlass es nicht einer von diesen Schwätzerinnen, so einer Klatschbase, die dir statt Geld nur schöne Worte anbietet." "Sorg dich nicht, Mutter, ich weiß schon Bescheid."

Der dumme Jean nimmt das Linnen und macht sich auf den Weg in die Stadt. Auf dem Marktplatz angekommen, setzt er sich hin und breitet das schöne Linnen vor sich aus. "He, Händler", sagt eine Frau zu ihm, "wieviel kostet das Linnen?" "Ihr werdet es nicht kriegen, Ihr seid zu geschwätzig!"

Eine andere fragt: "Dein Linnen ist fein, wieviel willst du für die Elle haben?" "Es ist nicht für Klatschbasen wie Euch!" Auf diese Weise antwortete er allen Kunden, so dass er, als der Markt geschlossen wurde, noch kein Stück verkauft hatte und nicht begriff, warum.

Verdrossen kehrte er nach Hause zurück, weil er fürchtete, die Mutter werde ihn ausschimpfen. Da sah er auf der Brücke die Statue der heiligen Liberette, die er für eine Bäuerin hielt. Selbst wenn sie schwatzhaft sein sollte, muss ich diesmal versuchen, ihr das Linnen zu verkaufen, dachte er und sagte laut: "Gute Frau, wollt Ihr mein Linnen kaufen?" Keine Antwort. "Nun, entschließt Euch! Lasst hören, wieviel wollt Ihr mir für die Elle geben?" Die Statue antwortete noch immer nicht.

Hoho, sagte sich der dumme Jean, die hier ist genau die richtige Käuferin, sie ist nicht ein bisschen schwatzhaft! Er warf ihr das Linnen an den Kopf und rief: "So, jetzt müsst Ihr bezahlen! Ihr werdet das Linnen doch nicht umsonst haben wollen!"

pixelio.de Der dumme Jean geht auf den MarktUnd weil sich die Statue nicht rührte, versetzte ihr der dumme Jean einen tüchtigen Schlag mit dem Stock. Das Standbild schwankte und zerbrach. Kupfer- und Silbermünzen rollten zur Erde. Der Sockel der Statue war ein hohler Baumstumpf, in den die Vorübergehenden Spenden warfen.

Jean war sehr zufrieden, sammelte die Münzen auf und sagte sich: Sie hat sich zwar bitten lassen, aber am Ende hat sie doch bezahlt.

Als er zu Hause war, gab er seiner Mutter das Geld und erzählte ihr die Geschichte. "Herrje!" rief die arme Frau, "aber das war doch das Standbild auf der Brücke, die Statue der heiligen Liberette. Du hast die Heilige entzweigeschlagen! Die Gendarmen werden uns ins Gefängnis werfen!"

Die Gendarmen kamen auch wirklich. "Guten Tag, Frau. Habt Ihr nicht einen Sohn, der der dumme Jean genannt wird?" "Ja, so ist es." "Er hat die heilige Liberette zerschlagen. Wenn die Statue morgen nicht wieder in alter Schönheit an ihrem Platz steht, stecken wir ihn ins Gefängnis!" "Das werdet Ihr nicht tun! Er ist ein guter Junge, wusste nicht … Wartet, wir kennen einen Händler, der Heiligenfiguren feilbietet, bei ihm kaufen wir eine neue."

Die Gendarmen zogen sich zurück, und die Mutter drängte ihren Sohn, in die Stadt zu gehen und ein neues Standbild zu erwerben. Der dumme Jean macht sich also auf und trifft unterwegs den Händler. "Guten Tag, Heiligenhändler." "Guten Tag, guten Tag, Jean, wohin des Wegs?" "Ich wollte gerade zu Euch, um eine heilige Liberette zu kaufen." "Ah, davon haben wir eine große Auswahl. Komm mit, ich kehre um."

Zu Hause klopfte der Mann an seine Tür. Drinnen fühlte sich seine Frau ertappt. Sie hatte geglaubt, der Händler würde den ganzen Tag wegbleiben, und eine Gevatterin aus der Nachbarschaft zum Essen eingeladen. Ihr Mann hatte ihr aber verboten, mit dieser Frau zu verkehren, weil sie eine böse Zunge hatte und die Leute gegeneinander aufbrachte.

Flugs trug die Frau ihrer Nachbarin auf, sich auf den Boden zwischen die Heiligenfiguren zu stellen. "Da wird Euch mein Mann zwischen der Menge nicht bemerken, auf jeden Fall aber setzt eine fromme Miene auf."

pixelio.de Der dumme Jean geht auf den Markt

Dann öffnete sie die Tür. Der Händler führte Jean auf den Boden. "Sieh dir an, was ich an Heiligen habe. Such dir was aus."

Der dumme Jean schaute sich unter den Statuen um und blieb schließlich vor der Gevatterin stehen, die den Atem anhielt. "Die hier gefällt mir. Sie ist schöner und größer als die Heilige von der Brücke. Ja, diese nehme ich." Und er klopfte der Gevatterin auf die Schulter. Die falsche Statue aber war mit einem Satz die Treppe hinunter und lief vor den verdutzten Augen der beiden davon.

"Nanu!" schrie da die Frau des Händlers, "Mann, dein Kunde muss ja ein schlimmer Bösewicht sein, wenn es die Heilige so mit der Angst bekommt! Vielleicht sollte man die Gendarmen holen!" Voller Entsetzen versicherte der Junge, er werde die entlaufene Statue ebenso bezahlen wie die, die er mitnähme. Man verkaufte ihm die teuerste von allen, und Jean bezahlte beide, ohne zu feilschen.

Zwar begann der Händler etwas zu ahnen, aber entzückt über das gute Geschäft, war er bereit, seiner Frau zu vergeben.

So nahm die heilige Liberette ihren Platz auf der Brücke wieder ein. Nur wird erzählt, dass der dumme Jean seitdem einen Umweg macht, um nicht an ihr vorüber zu müssen.

pixelio.de Der dumme Jean geht auf den Mark

Verwendete Bilder sind von:
© Mariocopa/PIXELIO (Bild 1)
© designritter/PIXELIO (Bild 2)
©  Peter Kretschmer/PIXELIO (Bild 3)
© Erich Kasten/PIXELIO (Bild 4)
www.pixelio.de

 

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Die Reise zum Mond – ein französisches Volksmärchen

Samstag, November 8th, 2008

Die Bewohner eines kleinen Dorfes namens Balzat standen in dem Ruf, von einfältigem Gemüt und, um es genau zu sagen, ziemlich dumm zu sein.

© berwis /pixelio.de Die Reise zum MondAls einmal ein dichter Brombeerstrauch, der von Jahr zu Jahr mehr Platz einnahm, den Eingang zu ihrer Kirche zu versperren drohte, beschlossen sie, die Kirche woandershin zu stellen. Ihre Frauen mussten einen langen Wollstrick anfertigen, den sie dreimal um den Kirchturm schlangen.

Dann begannen alle Einwohner gemeinsam an der dem Brombeerstrauch entgegengesetzten Seite zu ziehen: hau ruck, hau ruck!

Der Wollstrick dehnte sich allmählich, die Leute aus Balzat wichen bei jedem "Hau ruck!" ein paar Zentimeter zurück und riefen höchst zufrieden: "Die Kirche bewegt sich! Es geht, es geht!"

Nachdem der Strick gerissen und sie alle zu Boden gestürzt waren, staunten sie sehr, dass sich die Kirche nicht einen Fußbreit von der Stelle bewegt hatte und der Brombeerstrauch immer noch den Vorhof überwucherte.

pixelio.de Die Reise zum Mond

Ein anderes Mal bemerkten die Bürger von Balzat am Horizont einen blassen orangenfarbenen Lichtschein. "Feuer!" schrien sie. "Läutet die Sturmglocke, bringt Leitern und Eimer her!" Es herrschte ein allgemeines Durcheinander. Als alles bereit war, die Feuersbrunst zu löschen, fragten sie sich, wo denn nun anzufangen wäre. "Dort, dort", sagte der Bürgermeister, "nur vorwärts!" Mit Eimern und Leitern zogen sie aus dem Dorf, spornten sich gegenseitig durch Zurufe an und beglückwünschten sich zu der Schnelligkeit, mit der sie auf die Ankündigung des Unglücks reagiert hatten. Plötzlich sahen sie, wie sich aus den Wäldern am Horizont der Mond erhob, ein schöner runder orangenfarbener Mond, der einen Lichtschein über Balzat warf, der ganz gewiss nicht von einer Feuersbrunst herrührte.

Man machte sich folglich über die Leute aus Balzat höchst lustig, und das verletzte sie. Der Bürgermeister versammelte seine Ratgeber um sich – es waren ihrer zwölf – und sagte zu ihnen: "Es ist an der Zeit, den guten Ruf von Balzat in der öffentlichen Meinung wiederherzustellen. Als ich neulich sah, wie der Mond am Himmel emporstieg, kam mir eine Idee. Ich schlage vor, dass wir ihn erforschen. Wir werden als erste Menschen den Fuß darauf setzen. Welcher Ruhm für uns!"

pixelio.de Die Reise zum Mond

Alle Ratgeber klatschten Beifall. "Aber", sagte einer von ihnen, "wie können wir zum Mond gelangen?" "Ganz einfach", entgegnete der Bürgermeister. "Wir sind dreizehn Mann. Jeder nimmt sich einen Nachbarn als Helfer. Dann sind wir sechsundzwanzig, und jeder von uns wird ein Fass auf die Anhöhe bei der alten Mühle rollen. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn diese sechsundzwanzig Fässer, eins auf das andere gestellt, uns nicht so nahe an den Mond brächten, dass wir hineinspringen können."

Gesagt, getan. In der nächsten Vollmondnacht wurden die sechsundzwanzig Fässer mit viel Mühe auf die Anhöhe gerollt. Der Bürgermeister erklomm das erste, versehen mit einem Strick und einem Widerhaken. Den steckte man in das Zapfloch eines zweiten Fasses, das so auf das erste hinaufgezogen wurde. Dann kletterte der Bürgermeister auf das zweite Fass und zog ein drittes zu sich herauf. Von der Höhe des dritten zog er ein viertes nach und so fort.

Als er hoch oben auf dem sechsundzwanzigsten Fass an der Spitze dieses merkwürdigen Turmes stand, schrie der Bürgermeister: "Ich bin ganz nah daran, ganz nah! Ein winziges Stück noch; und ich kann den Mond berühren. Gebt mir noch ein Fass herauf!" "Herr Bürgermeister, im ganzen Dorf ist kein einziges Fass mehr aufzutreiben. Wir müssten es in der Nachbargemeinde versuchen."

pixelio.de Die Reise zum Mond

"Dass ihr immer so schwer von Verstand seid", schrie der Bürgermeister. "Nehmt doch das unterste, das ihr genau vor der Nase habt!" Die Leute aus Balzat zogen das erste Fass, das den Turm trug, hervor, und rumbumbumbum! stürzte der ganze Bau zusammen, mitsamt dem Herrn Bürgermeister, der sich einen Arm brach und keine heile Stelle am Körper behielt. Den Dorfbewohnern fuhr der Schreck in die Glieder, sie standen stumm da, mit offenen Mündern.

Nie haben sie begriffen, warum die so glücklich begonnene Reise zum Mond ein so schlimmes Ende nahm.

Verwendete Bilder sind von: © berwis/PIXELIO (Bild 1); 
© Aira/PIXELIO (Bild 2); 
© Alexander Hauk/bayern-nachrichten.de/PIXELIO (Bild 3); 
© www.kreuzfahrt-seeurlaub.de /PIXELIO (Bild 4)
www.pixelio.de

 

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Ich werde kein Wort mehr sagen – ein französisches Volksmärchen

Sonntag, November 2nd, 2008

pixelio.de Ich werde kein Wort mehr sagenDie Frau eines Schusters sagte eines Tages zu ihrem Mann: "Es ist nicht recht, dass ich allein das ganze Haus besorgen muss: Ich kehre aus, scheuere die Kupferkessel, wasche die Wäsche, koche die Suppe, ziehe die Kinder an – du aber sitzt ruhig an deiner Werkbank und pfeifst vor dich hin."

Sie hielt ihm das so oft vor, dass der gereizte Schuster endlich nachgab und versprach, jeden zweiten Tag den Haushalt zu versehen. Der Unglückliche! Kaum hatte er den Besen in der Hand, rief seine Frau auch schon: "Vergiss nicht, auch unter dem Bett zu fegen!" Wenn er mit dem Abwasch fertig war, zeigte sie ihm jede Schüssel, die nicht wie ein Spiegel glänzte; wenn er die Suppe zubereitete, beschuldigte sie ihn, zuviel oder nicht genug Salz hineingetan zu haben. Was die Kinder anbelangte, sei es ein Wunder, sagte sie, dass sie sich nicht den Tod holten, weil ihr Vater sie bei heftigem Wind im Hemd gehen ließ oder ihnen Schals umwickelte, wenn die Sonne brannte.

Sie stritten sich so heftig, dass der Schuster genug bekam und erklärte, er werde von nun an kein einziges Wort mehr sagen. "Ich auch nicht", entgegnete seine Frau. "Sehr gut", nahm der Ehemann das Gespräch wieder auf, "ich mache dir einen Vorschlag: Der erste, der ein Wort sagt, hat verloren und wird sich von nun an und für immer um den Haushalt kümmern." Seine Frau nickte, und das war alles.

pixelio.de Ich werde kein Wort mehr sagen

Zwei Tage vergingen; keiner fegte aus, keiner kochte die Suppe, die hungrigen Kinder nagten an Brotkanten und weinten vor sich hin. Der Schuster pfiff sich eins hinter seiner Werkbank, seine Frau spann mit zusammengekniffenen Lippen.

Plötzlich stieß ein Kunde die Tür auf. Er wollte ein paar Stiefel bestellen. Er brauchte sie so und so, aus dem und dem Leder, in der und derr Größe … "Haben Sie solches Leder? Können Sie diese Form zuschneiden?" fragte er. Der Schuster fuhr fort zu pfeifen und antwortete nicht. Der Kunde wiederholte sein Anliegen. Noch immer kam keine Antwort. Darauf wandte sich der Kunde an die Frau. "Ist ihr Mann etwa taub?"

Sie spann weiter, die Lippen aufeinandergepresst. Am Ende hob der Kunde, überzeugt, man mache sich über ihn lustig, seinen Stock und ließ ihn auf die Schultern des Schusters niedersausen. Dieser wich geschickt hinter seine Werkbank aus, tat aber noch immer nicht den Mund auf.

Da ließ der Kunde seine Wut an der Frau aus. Sie sprang von ihrem Stuhl hoch und stieß dabei das Spinnrad um. Der Kunde folgte ihr, sie entwischte in den Hof, erreichte die Straße, der andere mit hocherhobenem Stock immer hinter ihr her. Bis die Frau, ganz außer Atem, nach ihrem Manne schrie: "Elender, du siehst doch, wie dieser Verrückte mich angreift, warum verteidigst du mich nicht?"

"Frau", sagte der Schuster, "du hast als erste gesprochen, somit hast du verloren. Von nun an wirst du den Haushalt besorgen. Und Sie, mein Herr, legen bitte Ihren Stock beiseite und kommen zum Maßnehmen …"

pixelio.de Ich werde kein Wort mehr sagen
Verwendete Bilder sind von:
© Henry Keßler/PIXELIO (Bild 1)
© Marco Barnebeck/PIXELIO (Bild 2)
© "Nobby" Norbert Höller/PIXELIO (Bild 3)

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Der verzauberte Zauberer – ein französisches Volksmärchen

Mittwoch, Oktober 29th, 2008

pixelio.de Der verzauberte Zauberer

Am Hofe des Königs Arthur  von Cornwall lebte der Zauberer Merlin. Er besaß die Gabe, die Zukunft vorauszusehen, und er konnte sich ganz nach Belieben in einen Baum, eine Blume, ein Tier verwandeln oder die Gestalt eines Kindes, einer alten Frau, eines Kriegers annehmen. Er beriet den König und half ihm, seine Feinde zu besiegen.

Eines Tages wollte Merlin seine Heimat, die Bretagne, wiedersehen, und dank seiner magischen Kraft versetzte er sich dorthin. Es war Anfang Mai, die Vögel sangen, an den Bäumen entfalteten sich die jungen Blätter, die Blumen dufteten, die Bäche murmelten. Um es dem Frühling gleichzutun, hatte Merlin Aussehen und Gewand eines jungen Mannes angenommen, der Ferien macht. In der Hand hielt er seinen Zauberstab.

So kam er in den Wald von Brocéliande, und gleich ahnte er, dass er hier einer Zauberkraft begegnen würde, die größer war als die seinige. "Ich werde", sagte er, "mit Ketten gebunden sein, die weder aus Eisen noch aus Stahl, weder aus Gold noch aus Silber, weder aus Zinn noch aus Blei, weder aus Holz noch aus irgendeinem Stoff bestehen, den es auf Erden, in der Luft und im Wasser gibt, die mich aber so festhalten, dass ich mich nicht mehr rühren kann!"

Dennoch setzte er seinen Weg durch den Wald fort. Bald kam er an eine Quelle und erblickte dort ein Fräulein von großer Schönheit, das auf ihn zu warten schien. Merlin grüßte sie und wurde wiedergegrüßt. Er setzte sich zu ihr, und sie plauderten miteinander. So erfuhr er, das Fräulein heiße Viviane und ihr Vater sei Herr auf Burg Brocéliande. Was sie ihm nicht sagte, war, dass sie eine Fee zur Mutter hatte und dass ihr bei ihrer Geburt dreierlei vorausgesagt worden: Sie würde von dem klügsten Mann der Welt geliebt werden; sie würde von ihm alle Geheimnisse erfahren, nach denen es sie gelüste; sie würde ihn dazu bewegen, alle ihre Wünsche zu erfüllen.

"Ich bin zwar noch Schüler", sagte Merlin zu ihr, "aber ich weiß schon mancherlei." "Was zum Beispiel vermögt Ihr?" fragte Viviane. "Ich könnte hier auf der Stelle ein Schloss entstehen lassen, von vielen Damen und Rittern bewohnt und umgeben von einem köstlichen Garten." "Wenn Ihr das für mich tut", sagte Viviane, "schenke ich Euch dafür meine Freundschaft."

Merlin zeichnete mit seinem Stab einen Kreis in das Heidekraut. Sogleich erschien am Waldesrand ein wundervolles Schloss, mit einem Garten, dessen Bäume ebenso viele Blüten wie Blätter trugen und ebenso viele Früchte wie Blüten. Hofdamen und Edelleute kamen aus dem Schloss, begleitet von Musikanten, die Flöte spielten und die Trommel schlugen, und alle begannen zu tanzen.

pixelio.de Der verzauberte Zauberer

Das Fest dauerte den ganzen Tag. Bei Einbruch der Nacht verschwanden die Hofdamen, die Edelleute und die Musiker, und das Schloss versank. Viviane bat Merlin, ihr den Garten zu lassen, und sie nannte ihn den Garten der Freude.

Merlin spürte, dass er Viviane schon liebte, aber er wollte dieser Liebe widerstehen, und da er König Arthur versprochen hatte, zu dessen Hochzeit nach Cornwall zu kommen, entschloss er sich, aufzubrechen. Viviane ließ ihn schwören, übers Jahr an denselben Ort zurückzukehren.

Das Jahr verging, und Merlin kam aufs neue in den Wald von Brocéliande, wo ihn Viviane erwartete, schöner noch als bei ihrer ersten Begegnung. Als sie der Zuneigung des Zauberers gewiss war, bat sie ihn, er möge ihr einige Geheimnisse seiner Kunst anvertrauen. So lehrte er sie, einen Fluss fließen zu lassen, wo niemals Wasser geflossen war, auf diesem Wasser zu laufen, ohne unterzugehen noch sich die Füße nass zu machen, auch brachte er ihr bei, so kunstvoll auf der Harfe zu spielen, dass goldene Früchte von den Bäumen fielen …

Eines Tages fragte sie ihn, wie sie jemanden einschläfern könnte, so dass er nicht eher aufwachte, als sie es wollte. "Warum verlangt Ihr das von mir?" fragte Merlin. "Ich will meinen Vater und meine Mutter in Schlaf versetzen, damit sie sich nicht beunruhigen, wenn ich so lange bei Euch bin." Der Zauberer zögerte ein wenig, doch sie bat ihn mit so süßer Stimme, dass er ihr am Ende die drei Worte sagte, mit deren Hilfe sie ihr Ziel erreichen konnte.

Im Traum sah Merlin, dass König Arthur ihn brauchte, um die Feinde zu verjagen, die in sein Königreich eingefallen waren. Dieses Mal hatte er noch die Kraft, Viviane zu verlassen. Aber er versprach zurückzukehren.

pixelio.de Der verzauberte ZaubererEr hielt Wort, und als er wieder in dem Garten erschien, bereitete ihm Viviane einen fröhlichen Empfang, während ihr Merlin mehr Liebe als je zuvor bezeigte. Sie hatte jedoch zu große Angst ausgestanden, ihn zu verlieren, deshalb beschloss sie, von ihrer Macht Gebrauch zu machen; denn sie wollte, dass er von nun an für immer bei ihr blieb.

"Es gibt noch ein Geheimnis, das ich erfahren möchte", sagte sie. "Wie kann man jemanden ohne Verwendung von Stein, Holz oder Eisen gefangenhalten?" Merlin seufzte. "Liebreiche Dame", antwortete er, "ich weiß wohl, woran Ihr denkt, aber ich bin in eurer Gegenwart  so schwach, dass ich Eurem Wunsch entsprechen muss." Und er lehrte sie auch noch dieses Geheimnis, das aus neun Verzauberungen bestand.

Als sie eines Tages in ihrem Garten spazierengingen, sahen sie einen großen blühenden Weißdornstrauch und setzten sich in seinem Schatten ins Gras. Merlin legte den Kopf auf die Knie seiner Liebsten und schloss die Augen. Während Viviane mit den Fingern durch die blonden Haare des Zauberers strich, sprach sie ganz leise die drei Worte, die ihn einschläferten. Als Merlin in tiefem Schlafe lag, rollte sie seine Schärpe neunmal um den blühenden Strauch und beschwor dabei die neun Zauber, die er sie gelehrt hatte.

Merlin erwachte nicht eher, als Viviane es wollte. Er konnte sich nicht mehr bewegen, er war mit Ketten gefesselt, die weder aus Eisen noch aus Stahl, weder aus Gold noch aus Silber, weder aus Zinn noch aus Blei, weder aus Holz waren noch aus irgendeinem Stoff, den es auf Erden, in der Luft und im Wasser gibt.

"Ach, Viviane", rief er, "ich bin Euer Gefangener! Wenn Ihr mich jetzt verlasst, was soll dann auch mir werden?" "Liebster Freund", antwortete sie, "wie könnt Ihr glauben, ich würde Euch verlassen! Ist es nicht recht so, dass Ihr mein seid, da ich doch auch Euer bin? Wo wäre meine Freude, wo mein Glück ohne Euch? Ich habe gewollt, dass Ihr mir zu Willen seid, darum will ich jetzt auch Euch zu Willen sein. Was wünscht Ihr?"

"Was Ihr Euch selber wünscht", antwortete Merlin.

"Nun", sagte Viviane, "so wünsche ich mir, dass durch Eure und meine Macht dieser Garten der Freude niemals zerstört werde, dass wir stets darinnen leben, ohne alt zu werden, ohne aufzuhören, uns zu lieben und glücklich zu sein."

Und es wird erzählt, dass es so geschah und dass sie noch heute im Wald von Brocéliande, im Herzen der Bretagne, zusammen leben, Viviane und Merlin, die Märchenfee und der verzauberte Zauberer.

pixelio.de Der verzauberte Zauberer

Verwendete Bilder sind von:
© Anne Bermüller/PIXELIO (Bild 1)
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© Klaus Salwender/PIXELIO (Bild 4)
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