Wie der Spatz Tschilp König werden wollte – ein Volksmärchen aus Großbritannien
Dienstag, April 28th, 2009
Es lebte einmal ein kleiner strubbliger Spatz. Er sah nicht anders aus als andere Spatzen. Im Frühling fing er Fliegen wie sie, im Sommer Schmetterlinge, im Winter schluckte er alles, was er den Tauben und den anderen Vögeln stibitzte. Hier war es ein Krümchen, da ein Körnchen. Man nannte ihn Tschilp, da er von frühmorgens bis abends tschilpte.
An einem Wintertag sagte sich Tschilp: "Ich will nicht mehr Kälte und Hunger erdulden. Ich werde dorthin fliegen, wo die Schwalben überwintern." Er flatterte unter einem Strauch hervor und flog in Richtung Süden. Nach einigen Tagen kam er tatsächlich im Sommerland an. Vom Himmel schien die Sonne, über den blühenden Wiesen flatterten Schmetterlinge, auf den Feldern reifte der Mohn.
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Tschilp landete glücklich im Gras und sah sich um. "Herrlich! Hier muss ich nicht hungern und nicht frieren!" Auf einem Baum in der Nähe sah er seltsame Vögel sitzen. Sie hatten gelbe, blaue, rote, grüne und auch noch ganz andere Federn. Ihre Schnäbel waren krumm wie Haken, an ihren Füßen wuchsen lange Krallen.
"Wer bist du, schöner Vogel?" sprach er einen von ihnen an. Der Vogel blickte verächtlich auf ihn herab und krächzte: "Komm nicht näher, bleib mir vom Leib, du Dreckspatz! Ich bin der Papagei Dolly." "Und was machst du auf dem Baum? Komm doch herunter zu mir!" "Bist du aber ein dummer Vogel. Ich bin ein Papagei und wir Papageien tun nichts. Deshalb will ich nicht zu dir herunterkommen. Ich habe einfach keine Lust."
"Macht ihr wirklich nichts?" "Nein, wirklich gar nichts. Wir sind nur unserer Schönheit wegen auf der Welt. Aber lass mich in Ruhe, ich habe schon genug geredet." "Und habt ihr zum Essen manchmal Lust? Was esst ihr?" "Was … na, was schon. Worauf wir eben Appetit haben! Bananen, Orangen, Schnecken, Samenkörner, Baumrinde …"
Der Spatz Tschilp wurde ganz blass vor Neid. Er blickte noch einmal zu den Papageien und dachte: ‘So wie sie möchte ich auch leben. – Einfach nur wegen der Schönheit auf der Welt sein und nichts tun zu müssen …’ Er bemalte seine Federn mit kunterbunten Farben, und als er wieder auf Papageien traf, gesellte er sich zu ihnen.
Gemeinsam flogen sie zum Königreich der Papageien. Dort landeten sie vor dem königlichen Palast und mussten gleich einer Kutsche Platz machen. In dieser Kutsche fuhr ein Papagei mit einer goldenen Krone auf dem Kopf. Neben ihm saß ein Papageienfräulein. Sicher war es seine Tochter, denn auch sie trug eine goldene Krone auf dem Köpfchen.
"Ist die aber schön! Sicher ist sie eine Prinzessin!" tschilpte der Spatz begeistert. Er hüpfte zu der Kutsche und verneigte sich tief. Der Papagei mit der goldenen Krone sah in an und krächzte: "Sei willkommen in meinem Königreich, unbekannter Vogel. Wer bist du, und woher bist du gekommen?"
"Mein Name ist Tschilp, Eure Majestät", verneigte sich der Spatz abermals. "Ich bin der Sohn des berühmten Königs Tschilp von Tschilpland." Und was führt dich zu uns?" "Ich suche nach einer Braut, die mit mir das Tschilpland regieren würde." "Du musst nicht weitersuchen. Setz dich zu uns in die Kutsche, wir fahren in meinen Palast. Ich gebe dir meine Tochter zur Frau." Die Prinzessin rückte ein wenig zur Seite. Tschilp setzte sich neben sie, und sie fuhren in den königlichen Palast, der in der Krone eines riesigen Baumes lag.

Von nun ab lebte der Spatz Tschilp wie ein Prinz. Er trank frischen Tau aus goldenen Bechern, pickte aus goldenen Schüsseln Speisen, von denen er nicht mal geträumt hatte. Wenn es zu heiß war, fächelten ihm die Vögel mit Pfauenfedern frischen Wind zu. Wollte er schlafen, sangen sie ihm die schönsten Schlaflieder. Dem Spatz gefiel das alles ausgezeichnet. Auch der alte König freute sich: "Er ist der richtige Bräutigam für meine Tochter. Er weiß sich in herrschaftlichem Hause zu bewegen."
Wenige Tage darauf sollte die herrliche Hochzeit sein. Der Herrscher über alle Vögel, der berühmte Kondor-Tondor selbst, würde die Trauung zelebrieren. Am Tag der Hochzeit kamen so viele Vögel ins Königreich geflogen, dass die Sonne am Himmel nicht mehr zu sehen war. Sie setzten sich, wo sie gerade Platz fanden und blickten zum Palast hinüber, um das Erscheinen des jungen Paares nicht zu verpassen.
Endlich war es soweit. Der Spatz Tschilp im prächtig bunten Federkleid hüpfte neben der schönen Prinzessin und war ganz außer sich vor Freude. "Ich werde König! Ich werde König!" tschilpte er ganz leise vor sich hin. In seiner Aufregung hüpfte er neben den Steg, der über den See führte. Er platschte ins Wasser.
Die Vögel kreischten erschreckt und flatterten. Wildenten und Wildgänse tauchten immer wieder ins Wasser und suchten nach dem Bräutigam. Alles war vergebens. Der Papageienkönig rang verzweifelt mit den Flügeln, denn er fürchtete, dass der Bräutigam ertrunken sei. Er versprach demjenigen alle Schätze der Welt, der ihn retten würde. Die Prinzessin aber weinte bitterlich.
Plötzlich schrie sie auf: "Pfui, welche Hässlichkeit kriecht dort aus dem Wasser?" Alle sahen in diese Richtung und riefen durcheinander: "Pfui, pfui, wer ist denn das! Was für ein hässlicher Vogel! Jagt ihn aus dem königlichen Garten!" Der Spatz Tschilp hatte zu tun, schnell zu verschwinden. Er wollte nicht mehr König werden, lieber kehrte er nach Hause zurück. Dort hüpft er noch immer und pickt, was ihm vor den Schnabel kommt. – Hier ein Körnchen, da ein Krümchen, dort eine Fliege. Jedesmal tschilpt er glücklich: "Tschilp, tschilp!"
Verwendete Bilder sind von:
© Uschi Dreiucker/PIXELIO (Bild 1)
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