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Der törichte Dorfschulze – ein indisches Märchen

Montag, August 24th, 2009

 

Einstmals ritt ein Mohammedaner über Land. Sein kleines Pferd war elend und schwach. Während er so langsam die Straße dahinritt, brach plötzlich ein heftiges Unwetter über ihn herein, so dass er gezwungen war, in einem kleinen Kuwidorf einzukehren. Er band sein Pferd an den Querbaum einer Ölmühle fest, und er selbst erhielt die Erlaubnis, sich auf der gegenüberliegenden Veranda einzurichten und auch die Nacht dort zuzubringen.

Während der Nacht aber warf sein altes Pferd ein Füllen.

pixelio.de - Der törichte Dorfschulze

Als am nächsten Morgen der Ölmüller aus seiner Mühle trat, erblickte er das Füllen. Er rief schnell seine Frau und erzählte ihr freudig, dass der Querbalken ein Füllen geworfen hätte. Nun erhob sich auch der Mohammedaner, trat hinzu und freute sich über sein junges Füllen. Der Ölmüller indessen wollte nicht zugeben, dass der Fremde das Füllen behielte, und er ließ es sich nicht ausreden, dass der Querbaum das Füllen geworfen hätte und es füglich ihm gehöre.

Da sie sich nicht einigen konnten, gingen sie beide vor den Hauta, den Dorfschulzen, bei dem noch zwölf andere Leute zugegen waren. Als der Ölmüller seine Geschichte vorgetragen hatte, versanken alle in geheimnisvolles Nachdenken, und die Geschichte kam ihnen wie ein Wunder vor. Je länger sie nachdachten und überlegten, um so schwieriger kam ihnen die Lösung vor. Nun geschah es, dass ein Fuchs gerade des Wegs vorüberging, und da sie in ihrer Verlegenheit nicht aus noch ein wussten, und da sie den Fuchs für einen besonders schlauen Kopf hielten, riefen sie ihn herbei und legten ihm ihren Streit zur Entscheidung vor.

Der Fuchs stellte sich an den großen Stein, um den die Richter saßen, und rieb sich mit seiner Pfote die Augen, nickte schläfrig, gähnte tief, als könne er sich kaum des Schlafes erwehren. - "Was fehlt dir denn?" fragte der Hauta, "es ist doch heller Tag, wie kannst du da so schläfrig sein?"

"Ihr habt gut reden", sagte der Fuchs, "sitzt ruhig hier, schlaft die ganze Nacht ebenso ruhig und wisst gar nicht, welche gewaltige Arbeit ich letzte Nacht bewältigen musste. Der große See war in Brand geraten, und ich musste die ganze Nacht hin- und herrennen, um Stroh zum Löschen zu holen."

pixelio.de - Der törichte DorfschulzeDurch diese merkwürdigen Worte noch mehr verwirrt, schüttelten die weisen Räte ihre ehrwürdigen Häupter und fragten schließlich den Fuchs, wie es denn überhaupt möglich sei, dass Wasser brenne und dass, wenn es brenne, es mit Stroh gelöscht werden könne, das sei doch gegen alle herkömmlichen Gesetze der Natur und er müsse wohl verrückt sein.

Der Fuchs erwiderte: "Wenn das, was ich euch erzählte, gegen alle Gesetze der Natur ist, so ist es eure Geschichte nicht minder, und ihr seid alle verrückt!" sprach’s und lief davon. Der Hauta und seine Räte waren durch diese Rede aufs äußerste beschämt, und nachdem sie sich eine Weile lang stumm angeschaut hatten, entschieden sie, dass der Mohammedaner im Recht sei und das Füllen behalten könne, der Ölhändler dagegen wurde zu einer Geldstrafe von zehn Rupien verurteilt.

Für das Geld aber ließ man sogleich ein herrliches Mahl bereiten, das alle Beteiligten ihren Kummer schnell vergessen machte.

Verwendete Bilder sind von:
© Jens Bredehorn/PIXELIO (Bild 1)
© Dieter Schütz/PIXELIO (Bild 2)
www.pixelio.de

 

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