Das Aschenbrödel aus Makassar – ein Volksmärchen aus dem Malaiischen Archipel
Freitag, Juli 31st, 2009
Im Gebiete Makassar, auf der fernen Insel Celebes, lebten, so erzählt man sich, sieben Schwestern. Aber siehe da, eines Tages verloren diese sieben Mädchen Vater und Mutter. Die Älteste übernahm es, den Haushalt zu führen, und sie wies den andern sechs die Arbeit zu.
Die jüngste musste die niedrigsten Dienste tun: fegen, den Herd von Asche putzen und Brennholz für die Küche sammeln; die anderen kümmerten sich nicht mehr um sie, sahen sie von oben herab an und hielten sie für einfältig.
Eines Nachmittags, nachdem sie ihre gewohnte Arbeit gemacht hatte, ging sie zum Fluss, um zu baden; sie war vom Scheitel bis zur Sohle mit Staub und Asche bedeckt. Wie sie so dahinschwamm, glitt ihr ein Fischlein namens Dschulung-Dschulung in die Hand. Da kleine Lebewesen gefiel ihr so gut, dass sie’s nicht übers Herz brachte, es wieder loszulassen.
Da erinnerte sie sich an die Höhle Tscha-lindo-lindo, die in der Nähe des Meeres lag. Niemand kam hinein, und dort gab es ein Becken voll klaren Wassers. Wie glücklich war die Jüngste, als die das Fischlein zwischen den Steinen des Beckens umhertollen sah. "Aber was wirst du essen, du armer Kerl?" fragte das beherzte Mädchen.
Am nächsten Tag schlüpfte die Jüngste unbemerkt in die Höhle, brachte die Hälfte vom Reis, den die Älteste ihr zugemessen hatte, mit und sang, um den Fisch anzulocken:
"Dschulung-Dschulung, komm her, dass ich dich speis’
mit vielen Körnern, schmackhaft, groß und weiß,
ich bring dir in Milch gekochten Reis!"
Vom Lied herbeigelockt, zeigte sich das Fischlein an der Oberfläche und begann die Reiskörner zu verschlingen, die seine Wohltäterin aus vollen Händen ausgestreut hatte.
Als der kleine Fisch tags darauf den Gesang hörte, schwamm er bis zum Rand des Beckens und regte vor Freude die Flossen. Das Mädchen sah, wie er sich tummelte, und lächelte froh. So ging’s tagaus, tagein; Dschulung-Dschulung wuchs und wurde lang wie ein Kissen.
Doch nach einiger Zeit bemerkten die Schwestern, dass die Jüngste zusehends magerer wurde. Sie konnten nicht begreifen, woran das lag: schließlich bekam sie zu essen, und krank war sie auch nicht.
Sie wollten dem Rätsel auf die Spur kommen, und so beschlossen sie, der Jüngsten nachzugehen und zu ergründen, wo sie sich tagsüber herumtrieb. Gar bald hatten sie herausbekommen, dass ihre Schwester den Reis mit einem Fisch teilte. Nicht so sehr aus Liebe zu ihrem Schwesterlein, eher aus Begehrlichkeit lockten sie den feisten Fisch an den Rand des Beckens, fingen ihn und verspeisten ihn heimlich und voll Gier.
Am nächsten Tag ging die Jüngste wie gewöhnlich zur Höhle Tsch-lindo-lindo. Der Fisch aber zeigte sich nicht, er ließ sich auch nicht sehen, als sie das Lied zum zweitenmal sang. Sehr betrübt kehrte sie nach Hause zurück, hüllte sich in ihr geblümtes Tuch und schlief seufzend ein. In aller Früh wurde sie von ihrem Freund, dem Haushahn, geweckt. Er erzählte ihr, wie die Schwestern Dschulung-Dschulung angelockt und gefangen, und dass sie die Gräten in der Küche verborgen hätten.
Das Mädchen stöberte umher, bis es das Gerippe des Fisches fand, begrub es vor der Höhle Tscha-lindo-lindo und sang leise dazu:
"Dschulung-Dschulung, berührt vom Wellenschaum,
verwandle dich in einen Wunderbaum,
mit Blätterrn, die sich frei wie Vögel wiegen
und bis zum Könige von Java fliegen!"

Dort, wo das Mädchen die Gräten des Fisches vergraben hatte, wuchs wie durch Zauberkraft ein Baum empor; es war ein Baum mit eisernem Stamm, mit Nadeldornen, mit seidenen Blättern und mit demantenen Früchten. Ein Blatt löste sich vom Wipfel des hohen Baumes, flog bis nach Java, und da fand es der Sohn des Königs.
Dieser wurde nicht müde, die Gabe des mutwilligen Windes zu bestaunen; endlich beschloss er, sich auf den Weg zu machen und das Land zu suchen, in welchem der Wunderbaum wuchs.
Der Königssohn zog über viele Meere und kam auch nach Celebes. Er fuhr um die Insel herum und fand gar bald vor der Höhle Tscha-lindo-lindo, was er suchte. Vergeblich trachtete er herauszufinden, wie dieses Weltwunder hierhergeraten war. Er erfuhr bloß, dass sieben verwaiste Mädchen in der Nähe wohnten und dass sie vielleicht etwas über den Wunderbaum wussten.
Auf das Gebot des Prinzen erschienen, gar prächtig herausgeputzt, nur sechs Schwestern. Doch keine wusste etwas vom Baum zu sagen, der vor der Höhle wuchs. Der Königssohn aber gab sich mit ihren Antworten nicht zufrieden, er fragte, ob sie vielleicht noch ein Schwesterchen hätten.
"Gewiss, wir haben noch eine kleine Schwester", sagten die Mädchen, "sie ist die jüngste von uns allen. Jetzt macht sie sich in der Küche zu schaffen, ihr Verstand reicht gerade aus, um den Herd von Asche zu reinigen und um Brennholz zu sammeln." "Sie soll herkommen!" befahl der Königssohn.
Und Wunder über Wunder! Als die Jüngste erschien, neigte sich der Zauberbaum vor ihr bis zur Erde. Sie pflückte die herrlichsten goldenen Blüten, die strahlendsten demantenen Früchte von seinem Wipfel und schenkte sie dem Prinzen. Dieser konnte sich vor Erstaunen kaum fassen, er war von der Schönheit und Bescheidenheit der Jüngsten über alle Maßen entzückt, und da fragte er sie, ob sie nicht seine Frau werden wolle.
Errötend willigte sie ein, denn auch ihr gefiel der schmucke Königssohn, und sie zog mit ihm von dannen.
So kam es, dass die missachtete Jüngste Königin auf der Insel Java wurde. Nach der Hochzeit verzieh die junge Königin ihren hochmütigen Schwestern und gestattete ihnen, in ihrem Palast zu wohnen. Der Wunderbaum wurde in den königlichen Garten verpflanzt und in hohen Ehren gehalten.
Verwendete Bilder sind von:
© miasign/PIXELIO (Bild 1)
© Thomas Hölzl/PIXELIO (Bild 2)
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