
Lang ist es her, an die fünfhundert Jahre und noch hundert dazu, da lebte in einem Dorf ein Bursche bei seiner alten Mutter. Man nannte ihn Bartek. Die Mutter arbeitete bei einem Grafen auf dem Feld, und der Sohn half ihr. Aber er tat es nicht gern.
"Davon wird man weder reicher noch klüger", sagte er zu ihr. "Ich muss fort, etwas anderes lernen, damit es Euch und mir auf der Welt besser geht." "Aber wie? Wo lernt man so etwas, mein Sohn?" fragte die Mutter bekümmert. "Wartet nur. Ich denke darüber nach."
Die Mutter bereitete ein bescheidenes Abendessen, denn Mittag war schon lange vorüber. Derweil trat Bartek vor die Hütte und blickte auf die Dorfstraße. Die Straße führte nach der Hauptstadt Krakau, und auf ihr herrschte Leben und Treiben. Indes Bartek gedankenverloren vor sich hin starrte, zog eine Schar junger Burschen vorbei.
"Wohin geht ihr?" fragte Bartek. "Nach Kraukau! Zur Krakauer Schule! Wir wollen lernen!" antworteten die Burschen. Bartek sah genauer hin und bemerkte, dass jeder von ihnen Bücher bei sich trug. Einer hatte sie mit einem Riemen verschnürt, ein anderer zwischen zwei Brettchen gelegt und zusammengebunden, ein dritter gar nur unter den Arm geklemmt.
"Und macht das Lernen viel Mühe?" fragte Bartek weiter. "Wenn du es zu etwas bringen willst – ja. Da muss man sich schon tüchtig anstrengen, und ein armer Student hat kein leichtes Leben." Bartek überlegte. Offen gesagt, er war nicht gerade fleißig, und seine Arbeit tat er mehr schlecht als recht. Die Burschen schritten davon und sangen ein Studentenlied. Staub wirbelte von ihren Füßen auf.
"Hm", brummte Bartek, "abrackern muss man sich hier wie dort. Aber in der Stadt kommt man bestimmt leichter zu Geld und Ansehen als hier auf dem Dorfe, wo alles dem Herrn gehört. Vielleicht gelingt es mir, ohne große Anstrengung etwas zu erreichen? Ich will mein Glück versuchen! He, Mutter", rief er, zur Hütte gewandt, "schnür mir ein Bündel mit Kleidern und gebt mir ein paar Groschen. Ich gehe nach Krakau. Da lerne ich Doktor, erfahre, welche Arznei man zum Schlucken nimmt und welche zum Einreiben. Kranke mach ich gesund, ich heile Euer Reißen und verdiene einen Batzen Geld. Gut werden wir’s haben!"
Die Mutter liebte ihren Bartek. So richtete sie ihm die Sachen für die Reise und dachte: Wer weiß? Vielleicht hat er Glück? Dumm ist er nicht. Vor der Arbeit drückt er sich, aber er hat ein gutes Herz und ist den Menschen wohlgesinnt. Wir haben’s schwer und leiden Not … Soll er gehen. Vielleicht ändert sich sein Los? Sie packte die ärmlichen Kleider ihres Sohnes zusammen, gab ihm ein Stück Brot und eine Scheibe Speck. Auf einmal brach sie in Tränen aus. "Du ziehst davon, Söhnchen? Lässt mich allein?"
War Bartek auch ein Bruder Leichtfuß, so liebte er seine Mutter doch sehr. Er umfing ihre von der Arbeit krumm gewordenen Schultern, drückte die alte Frau an seine breite Brust und küsste sie auf die faltigen Schläfen. "Liebe Mutter, seid unbesorgt. Ich kehrte zu Euch zurück, und es wird uns an nichts mehr fehlen." Dann lud er sich das Bündel auf die Schulter und machte sich pfeifend auf den Weg nach Krakau.
Er kam an Schülern vorüber, ebenso arm wie er, die im Gehen ein Lied vor sich hin summten. Auch reiche Studenten sah er, sie fuhren in Kutschen oder ritten hoch zu Ross. Wie waren sie prächtig gekleidet! Wenn ihre Samtmäntel sich im Wind öffneten, erblickte man darunter goldbesetzte Gürtel und klirrende kurze Schwerter. "Hohoh!" riefen sie und feuerten mit ihren silbernen Sporen die Pferde an, dass die nur so dahinjagten und die armen Studenten am Straßenrand in Staubwolken hüllten.
"Hoho!" entgegneten jene spöttisch. "Schaut sie nur an, die Adler mit ihren Krallen! Gegen wen wollen sie mit den Schwertern kämpfen? Gegen die Grammatik?" Sie zogen die Brauen hoch, und in ihren Augen blitzten Zornesfunken. Bartek blickte den jungen Edelleuten nach und dachte bei sich: Sie haben Pferde, Kutschen und Samtmäntel. Ihre Mütter spazieren in weiten, raschelnden Kleider über das Parkett von Schlössern und Palästen. Dich aber, Mutter, hat die schwere Arbeit gebeugt. Ich muss dir zu Reichtum verhelfen, koste es, was es wolle!
Als er vor den Toren von Krakau stand, dunkelte es. Gerade blies der Türmer das abendliche Signal auf seiner Trompete. Plötzlich brach es ab, so als sei der letzte Ton gegen die Sterne geprallt und zersprungen. Das klang wie eine in den Raum geschleuderte Frage, die Furcht oder Erstaunen mitten im Wort hatten verstummen lassen.
Einen Augenblick war alles still, dann hörte man, wie die Studenten mit hurtigen Schritten in die Stadt einzogen. Die einen eilten zu den Häusern ihrer Verwandten, die anderen zu den Herbergen. Bartek ging mit den letzteren. Unterwegs erkundigte er sich, wo man am billigsten wohne, wieviel Groschen man fürs Studieren zurücklegen müsse und wieviel für Essen und Nachtlager.
Wie er so dahinschritt, vernahm er hinter der angelehnten Tür einer Bierstube Singen und Lautenspiel, und es duftete verführerisch nach Gebratenem. "He", rief einer der Studenten, "wollen wir hier einkehren und uns ein Warmbier genehmigen?" "Kehren wir ein!" erwiderte Bartek, dem nach der langen Wanderung der Magen knurrte. "Kehren wir ein!" stimmten auch die anderen zu. Sie stießen die Tür auf und traten in die Gaststube.
Mitten im Raum stand ein langer Tisch: eine Platte aus rohem Holz, die auf Böcken ruhte. Ringsherum saßen auf Bänken Studenten. Weiter hinten, über einem offenen Ziegelherd, brutzelte ein Stück Fleisch, von dem das Fett tropfte. Dicht neben dem Herd sah man einen Mann in einem weiten schwarzen Gewand, wie es Doktoren und Gelehrte zu jener Zeit trugen. Er saß auf einem breiten Schemel und schnarchte laut. Dabei schwankte er hin und her, und sein Haar, das ihm bis auf die Schultern reichte, wippte im Takt.
Die Studenten warfen ihre Bündel unter den Tisch und riefen nach dem Wirt. Sie bestellten Bier und etwas zu essen. Bald kam er mit Schüsseln und Krügen herein. Bartek aß für drei, spitzte die Ohren, wenn seine Gefährten vom Lernen und vom schweren Leben der Studenten erzählten, und lugte neugierig zu dem schlafenden Mann hin. "Wer schnarcht denn da bei Euch am Herd?" fragte er den Wirt. "Doktor Medikus", erwiderte der. "Hat ein bisschen zuviel Bier getrunken und schläft nun wie eine satte Hummel auf der Rosenblüte."
"Doktor Medikus?" wiederholte Bartek interessiert. Sogleich kam ihm der Gedanke, in des Doktors Dienste zu treten. Bei ihm würde er bestimmt schneller selbst Doktor werden, und er brauchte sich nicht so zu plagen wie in der Krakauer Schule. Er betrachtete den Schlafenden. Der Mann hatte ein rundes, rotbäckiges und gutmütiges Gesicht. Er schlummerte friedlich. Unter seinem schwarzen Gewand sahen seine Schuhe hervor, mit Spitzen, so lang wie Eidechsenschwänze.
"Tja, Doktor Medikus schnarcht", fuhr der Wirt fort und machte ein besorgtes Gesicht, "dabei muss ich jetzt schließen. Bald kommen die Nachtwächter, pochen mit ihren Hellebarden an die Tür und rufen: Schlafenszeit." "Wisst Ihr was, Herr Wirt?" sprach Bartek. "Jemand muss den Doktor nach Hause bringen, denn nach dem Zechen gehorchen einem die Beine nicht recht, und das Pflaster in Krakau ist holprig. Falls sich kein anderer findet – ich tu es gern."
Die Studenten hoben schon ihre Bündel auf und strebten der Tür zu, um den schlafenden Doktor jedoch kümmerte sich niemand. "Aber ja, begleite ihn, mein Junge!" sagte der Wirt erfreut. "Mir erweist du einen Gefallen und dem Doktor einen Dienst." "Wohin soll ich ihn denn bringen?" "Nicht weit von hier, rechts um die Ecke, ist sein Haus. Hoho, gut lebt der Doktor!" "Nun, so weckt ihn. Ich führe ihn hin."
Bartek und der Wirt traten zu dem Schlafenden und rüttelten ihn sanft an den Schultern. "Steht auf, Doktor! Steht auf!" "Brrr!" Der Doktor fuhr zusammen und schlug die Augen auf. "Was gibt’s? Brennt es in Krakau?" "Nein, das nicht. Aber es ist Zeit, nach Hause zu gehen." Der Doktor erhob sich. Er schwankte. Bartek fasste ihn unter. "Was für ein braver Bursche hilft mir denn da?" fragte der Doktor. "Ich bin’s, Bartek. Stützt Euch auf mich, ich bring Euch heim."
Sie machten sich auf den Weg. Vorsichtig führte Bartek den Doktor die Straße entlang und wich den Löchern im Pflaster aus. "Danke, danke, junger Freund." "Keine Ursache, Doktor. Schaut lieber vor Eure Füße, damit Ihr nicht stolpert. Vorsicht, ein Pflasterstein! Ho-opp!" "Hab Dank für die Begleitung. Wie kann ich’s dir lohnen?" "Nun, wenn Ihr unbedingt etwas für mich tun wollt, Doktor, so nehmt mich in Eure Dienste. Ich werde Euch ein treuer Helfer sein. Denn nichts auf der Welt lockt mich so wie das Kurieren."
"Du willst in meine Dienste treten? Einverstanden. Ich lebe mutterseelenallein. Du wirst mir bei meinen Verrichtungen zur Hand gehen und mich manchmal aus der Bierstube holen. So wie heute." Bartek war sich also mit dem Doktor einig geworden, und als er ihn ins Haus gebracht hatte, blieb er bei ihm.

Der Wohlstand in des Doktors Haus gefiel Bartek sehr, und ihm gefiel auch, dass die Kranken silberne Taler mitbrachten. Er passte auf, was der Doktor bei diesem oder jenem Gebrechen verordnete, wie er die Besucher salbte und abklopfte. Als er sich einiges abgeschaut hatte und auch wusste, wie der Doktor zu sprechen pflegte, meinte er, ohne viel Mühe die Heilkunst erlernt zu haben.
Es versteht sich, dass alles, wovon hier berichtet wird, schon lange her ist – an die fünfhundert Jahre und noch hundert dazu. Damals aber heilte man die Menschen auf seltsame und absonderliche Weise. Ein Wunder, dass die Kranken davon nicht starben! Sie müssen sehr kräftig gewesen sein, da sie alles ertrugen: Aderlass, Pulver aus getrockneten Fröschen, Rauch von schwelenden Kräutern und viele andere Scheußlichkeiten.
Bartek sah zu, wie der Doktor die Leute kurierte, half ihm Kräuter verbrennen, Pulver reiben und Blut abnehmen. Er brachte ihn auch in die Bierstube und führte ihn wieder nach Hause. Der Doktor konnte ihn nicht genug loben.
Nach zwei Jahren begab es sich, dass man den Doktor zu einem reichen Edelmann rief, der ein Stück von Krakau entfernt lebte. Bartek führte die Stute aus dem Stall, sattelte sie, der Doktor legte sein bestes Gewand an, verstaute Arnzneien in seinem Reisesack, suchte ein Glas mit Blutegeln heraus und ein Fässchen Rizinusöl. Dann sagte er: "Höre, Bartek. Ich reite zu einem Nimmersatt, der sich an kaltem Gänsebraten überfressen hat und kaum noch atmen kann. Du aber bleib hier. Was ein Doktor wissen muss, hast du von mir gehört. Kommt also ein Kranker, dann kuriere ihn!"
Bartek verbeugte sich ehrerbietig vor dem Doktor und fragte: "Und die Taler fürs Kurieren, wem sollen die gehören? Mir oder Euch?" "Dir!" versetzte der Doktor. Er hob sein Gewand an, sprang auf die Stute und ritt so schnell davon, dass das Fässchen mit Rizinusöl und der Sack mit den Arzneien an den Flanken des Pferdes auf und nieder hüpften.
"Nimmersatt liegt krank im Bett
Aß zuviel vom Gänsefett
Weshalb Doktor Medikus
Jetzt schnell zu ihm reiten muss
Pulver bringt er ihm herbei
Und manch andre Arzenei"
Als der Doktor in der Ferne verschwunden war, fegte Bartek die Stube seines Herrn aus, hüllte sich in ein weites Gewand, stellte sich ans Fenster und hielt Ausschau nach Kranken. Bald erschien ein Ratsherr, den es im Ohr stach, denn er hatte Zug bekommen. Bartek blickte dem Ratsherrn ins Ohr, hauchte es an und murmelte: "Blasenus wirus malus insus Ohrus!"
"Was? Wie?" fragte der Ratsherr. "Das ist lateinisch", versetzte Bartek mit wichtiger Miene. Er nahm einen kleinen Balg, blies dem Ratsherrn ins Ohr, bis dem Ärmsten tausend Funken vor den Augen tanzten, legte Kräuter auf, umwickelte den Kopf des Kranken mit einem Tuch und fuhr fort: "Vor dem Neumond sollt Ihr Euch hüten, auf der linken Seite schlafen und die Kräuter, die ich Euch jetzt gebe, aufs Ohr tun." "Und hilft es?" erkundigte sich der Ratsherr. "Es hilft", erwiderte Bartek stolz. "Schönen Dank, Doktor. Was schulde ich Euch?" "Für die Behandlung - einen Taler. Und für die Kräuter auch einen Taler." Der Ratsherr zahlte zwei Taler und ging stöhnend davon.
Als nächste kam die Tante des Bürgermeisters. Sie klagte über Kummer, Ärger und Herzklopfen. "Meidet Leute, die Euch widersprechen, liebe Frau!" sagte Bartek und kniff ein Auge ein. Er wusste nämlich, dass sich die Tante des Bürgermeisters ständig mit allen Verwandten in den Haaren lag. Die alte Jungfer klatschte in die Hände. Der Rat gefiel ihr. "Da müsste ich aus der Stadt wegfahren." "Fahrt nur weg, je schneller, desto besser. In ein Dorf. Geht morgens und abends im Walde spazieren. Erfreut Euch an Blumen und Vogelgezwitscher. Und hier geb ich Euch Kräuter. Flores für humores."
"Flores …?" "Für humores. Von allererster Güte." Bartek trat an des Doktors Apotheke, nahm je eine Handvoll Nieswurz und Senfkraut heraus, tat auch eine tüchtige Prise Pfeffer hinzu. So, das reicht, dachte er. Wenn sie sich ausgeniest hat, ist ihr die Streitlust bestimmt vergangen. Und er packte alles fein säuberlich ein. "Soll ich das aufbrühen und trinken?" fragte die Tante des Bürgermeisters. "Ihr braucht nur daran zu riechen, liebe Frau. Dann hilft es schon." Die Jungfer dankte Bartek, der ihr freundlich zulächelte, und gab ihm einen goldenen Taler.
Es kam auch eine Bauersfrau. Sie war zum Markttag nach Krakau gefahren und hatte Fieber bekommen. Bartek verschrieb ihr Kräuter zum Schwitzen. Die Frau wollte bezahlen, doch Bartek sah sie an und schüttelte den Kopf. Sie schien ihm so arm, gut und alt wie seine Mutter. Aber sie wollte nichts für umsonst und gab ihm eine Gans. Was sollte er tun? Er nahm die Gans, briet sie und aß sie zu Mittag.
So kurierte Bartek die Leute, benutzte des Doktors Wissen und würzte es mit seinem eigenen Witz. Eine Unmenge Kranker besuchte ihn. Sie stöhnten, husteten, oder ihre Glieder waren krumm und geschwollen. Bartek füllte ein Kästchen mit Talern und ließ sich die Hühner, Enten und Würste schmecken, die ihm die Kranken aus den Dörfern mitgebracht hatten.
Nach zwei Wochen kehrte der Doktor zurück. Den Appetit auf kalten Gänsebraten hatte er dem reichen Edelmann ausgetrieben. "Nun, wie ist es dir ergangen, Bartek?" fragte er. "Anscheinend gut, denn du hast ordentlich Fett angesetzt." Bartek zeigte ihm das Kästchen und erzählte, wie er die Kranken geheilt hatte. "Wenn es so ist, müssen wir uns trennen", sprach Medikus, als er ihn angehört hatte. "Für zwei Doktoren ist hier kein Platz."
"Tja, was soll sonst werden?" stimmte Bartek zu. "Kurieren kann ich schon sehr gut. Jetzt zieh ich heimwärts, will zu Hause die Leute heilen. Die vom Dorf und aus der Stadt, vielleicht auch die vom Schloss. Denn nicht weit von uns wohnt ein Burgherr in einem Schloss mit sechs Türmen. So lebt denn wohl, Doktor, ich wünsch Euch viele Kranke, auf dass es Euch gut gehe." "Ich dir auch, Bartek! Leb wohl."
Bartek verstaute die Taler in seinem Beutel, packte Brot, Würste und Speck als Wegzehrung ein und zog von dannen. Als er das Stadttor hinter sich gelassen hatte, wandte er sich um. Die Sonne stand über Krakau und ließ die Türme und Dächer erstrahlen. Golden funkelte die Krone auf einer Turmspitze. Da vernahm er wieder das Signal des Türmers, und als es plötzlich mitten im Ton abbrach, krampfte sich Barteks Herz schmerzhaft zusammen.

Noch einmal blickte er zurück auf die Stadt und seufzte. Dann eilte er davon, seiner Heimat entgegen. Er wanderte den ganzen Tag. Als es Abend wurde, erreichte er ein breites Moor und schritt vorsichtig weiter, denn obgleich er die Gegend kannte, war es doch gefährlich, in der Dämmerung hier entlangzugehen. Dunkler Nebel wallte über dem Sumpf, hinter dem Schilf stieg langsam der rote Mond empor.
Bartek folgte dem roten Lichtstreifen, der vor ihm aufglänzte. Plötzlich hielt er inne. Hinter einer Baumgruppe schimmerte etwas weiß, eine Gestalt, es schien ein alter Mann zu sein. Zugleich erscholl von dorther ein Klageruf: "O trüge mich doch jemand über den Sumpf!" Bartek lauschte. Sein Herz schlug heftig. Er dachte: Ich will den Alten über den Sumpf bringen, einerlei, ob er’s mir dankt oder nicht. Er trat auf den Mann zu, der unter einer Weide kauerte, und sprach: "Vater, ich trage Euch hinüber."
Behutsam beugte er sich hinab und nahm den Alten auf die Schulter. Der war so leicht und dürr, dass es Bartek beim Tragen erschien, als höre er die Knochen des Fremden klappern. "Schönen Dank", erwiderte der Alte nach einer Weile. "Schönen Dank, mein Junge. Wie heißt du?" "Bartek." "Also: Schönen Dank, Bartek, dass ich mit trockenen Füßen über das Moor komme. Hehe … Weil ich mich freue, sing ich dir was vor."
Er setzte sich bequem zurecht und begann mit schriller Stimme:
"Jeder, der mir einst begegnet
Hat das Zeitliche gesegnet:
Kaiser, König, Kastellan,
Bürger, Bauer, Bettelmann
Drum erkennet meine Macht
Nehmet euch vor mir in acht!"
"So mächtig bist du, Alter?" wunderte sich Bartek und lachte. "So mächtig", brummte der Fremde, machte sich’s auf Barteks Schultern noch bequemer und sang von neuem mit seiner schrillen Stimme:
"Drum erkennet meine Macht,
Nehmet euch vor mir in acht!"
Das Echo trug den Gesang über das Moor. Alle anderen Geräusche waren verstummt: das Rauschen der Blätter, das Plätschern des Wassers, das Rascheln des Schilfs, das sich im Winde wiegte. Der Mond war höher gewandert, sein Licht schien Bartek jetzt leblos wie der Glanz einer Stahlklinge. Eiseskälte durchfuhr den Burschen, er erschauderte. "Zittre nicht, hab keine Angst, mein Junge", sprach der Alte. "Du hast mir einen Dienst erwiesen, und ich vermag dankbar zu sein. Du weißt doch, wen du über den Sumpf trägst?"
"Nein", murmelte Bartek, obwohl ihm gerade in diesem Augenblick eine seltsame Antwort auf die Frage einfiel. "Nun, Junge, was soll ich drumherum reden: Ich bin der Tod. Und wer bist du?" "Ein Doktor." "Oh! Das trifft sich gut. Höre! Deinen Dienst kann ich dir leicht belohnen. Immer, wenn du zu einem Schwerkranken kommst, erblickst du mich. Steh ich am Fußende seines Lagers, so kuriere ihn auf deine Art. Was du auch tust – er wird genesen. Steh ich ihm aber zu Häupten, so wage nicht, ihn zu heilen, denn geschehe, was wolle – ich nehme ihn mit. Das verabreden wir. Einverstanden?"
"Einverstanden", erwiderte Bartek. "Falls du aber den Vertrag nicht einhältst und Kranke zu heilen versuchst, die mir gehören, so bezahlst du’s mit deinem Leben, selbst wenn du mir einen Kranken entreißen solltest. Einverstanden?" "Einverstanden", sprach Bartek wieder. "Warum auch nicht?" Plötzlich jedoch überlief ihn von neuem ein Schauder. "Weshalb zitterst du wie Espenlaub, Junge?" fragte der Tod. "Bin ich dir zu schwer? Ah, der Sumpf ist zu Ende. Leb wohl!" Ehe Bartek es sich versah, sprang ihm der Tod von den Schultern, klapperte mit den Knochen und verschwand.
Bartek stand da wie versteinert. Weil er aber sonst nicht ängstlich war, fasste er sich bald wieder, zog weiter und dachte: Na und? Ist mir was Schlimmes widerfahren? Ach, woher! Auf der ganzen Welt ist kein zweiter Doktor mit dem Tod im Bunde. Jetzt werden die Taler erst rollen! Jetzt wird’s uns gut gehen, mir und meiner alten Mutter!
Und wahrlich: Kaum war Bartek in sein Dorf zurückgekehrt, als aus der ganzen Umgegend schon Kranke zu ihm kamen. Andere schickten Bauernwagen und Kutschen nach ihm. Er war ein Doktor, wie man noch keinen gesehen hatte. Gleich, wenn er in die Stube trat, verkündete er, ob der Kranke sterben würde oder nicht, und irrte sich niemals. Und jeden, von dem er gesagt hatte, er würde genesen, vermochte er wirklich zu heilen.

Kein Wunder, dass sich des Doktors Schatulle rasch mit Silbertalern füllte. So lebten sie in großem Reichtum, er und seine Mutter. Sie bauten sich ein stattliches Haus aus Lärchenholz, mit Schindeln gedeckt. Drumherum legten sie einen schönen, schattigen Garten an, in dem Obst und Gemüse gediehen. Auch Ställe für Pferde, für Kühe und Schweine wuchsen empor und eine Scheune. Alles, was man sich denken kann, besaßen sie im Überfluss.
Die alte Mutter freilich mahnte ihren Bartek manchmal: "Söhnchen, was machst du bloß mit den Kranken? So kuriert doch nur ein Dummer! Bei Erfrierungen und Fieber, immer gibst du ihnen das gleiche Kraut. Ach, Bartek, manchmal will mir fast scheinen, du hast das Heilen gar nicht richtig gelernt und hilfst dir nur mit List. Aber lang kann das nicht währen. Bald sind die guten Zeiten vorbei!"
Doch Bartek lachte nur und erwiderte: "Sorgt Euch nicht, Mutter! Schnell bin ich Doktor geworden und schnell zur Reichtum gelangt. Ihr solltet Euch darüber freuen." "Das ist es ja gerade, es ging alles zu schnell. Du bist zu ungeduldig, Söhnchen. Und der Arbeit gehst du lieber aus dem Wege, anstatt dich anzustrengen. Deswegen bange ich um dich." "Keine Bange, Mutter. Ich bin reich und berühmt."
Freilich, es stimmte, Bartek war in der ganzen Gegend hochgeehrt. Darum wunderte er sich auch nicht, als an einem Maiabend eine schöne Kutsche vor dem Haus hielt. Ihr entstieg ein Bote und bat den Doktor aufs Schloss. Die Tochter des Schlossherrn lag nämlich krank darnieder. "Das Fräulein, dem keine Spinnerin, keine Schneiderin je etwas recht machen konnte?" fragte Barteks Mutter, als sie sah, wie ihr Sohn sich zur Abfahrt rüstete. "Mag sie so sein oder anders, ich muss fahren, wenn der Schlossherr mich ruft."
Bartek nahm Abschied von der Mutter und sprang in die Kutsche. Hufschlag dröhnte, die Rosse galoppierten davon. Es war schon Abend. In den Flieder- und Hagedornbüschen schlugen die Nachtigallen. Hurtig sprengten die Rosse dahin und hielten bald auf dem Schlosshof. Diener kamen herausgelaufen und brachten Bartek zu der Kranken.
Doktor Bartek trat in ein prunkvolles Gemach. In einem geschnitzten Bett lag mühsam atmend ein bleiches Mädchen. Kaum wollte man glauben, dass ihr blasser Mund noch vor kurzem den alten Spinnerinnen kränkende Worte zugeschrien, dass die kleinen, kraftlosen Hände sich zornig zu Fäusten geballt hatten! Bartek fühlte Mitleid mit dem bleichen Mädchen, er näherte sich ihr – und erbebte. Am Kopfende des geschnitzten Bettes stand der Tod.
Derweil waren der Burgherr, seine Gemahlin und einige Verwandte herbeigekommen, um zu hören, wie es um das Fräulein stünde. "Lasst mich mit der Kranken allein!" sagte Bartek. "Ich will gleich mit Kurieren beginnen." Die Eltern gingen auf Zehenspitzen hinaus. Die Verwandten folgten zögernd, schauten sich aber alle Augenblicke neugierig nach dem berühmten Doktor um. Als alle draußen waren, wandte sich Bartek an den Tod und bat ihn erregt: "Knochenmann, hab Erbarmen! Ich will nicht, dass dieses Mädchen stirbt!"
Der Tod zuckte mit den Schultern. "Du bist nicht bei Trost, Junge! Wie redest du mit mir! Hast du unseren Vertrag vergessen? Gilt er, ja oder nein?" "Knochenmann, Lieber, Guter! Lass ein einziges Mal Gnade walten!" "Ach, Bartek, Bartek! Ich denke nicht daran. Warum soll ich auf das Mädchen verzichten? Was findest du an ihr? Hat sie dich behext?" "Ich weiß nicht! Sie ist so klein und blass. Überlasst sie mir, Knochenmann! Stellt Euch ans Fußende! Ich will sie kurieren."
"Haha, kurieren! Das kannst du ebensowenig wie Verträge einhalten. Flink bist du, aber durch deinen Kopf pfeift der Wind." "Stellt Euch ans Fußende!" "Nein." "Bitte!" "Hast du ganz den Verstand verloren? Täte ich’s, dann wäre das Mädchen gerettet, du aber würdest mir gehören." "Lasst uns beide am Leben, Knochenmann!" ‘"Du willst dich herauswinden. Aber daraus wird nichts." "Knochenmann, bitte!" "Nein." "Nun", schrie Bartek wütend, "wenn Ihr nicht freiwillig weicht, muss ich Euch zwingen!"
Mit seinen starken Armen packte er das geschnitzte Bett und drehte es – eins, zwei! – herum. Ehe der Tod sich’s versah, stand er am Fußende. "So, so", sagte er und nickte. "Du Hitzkopf, was hast du angerichtet! Mit mir ist nicht zu spaßen. Was wir verabredet haben, geschieht. Bald sehen wir uns wieder, und zwar auf ewig. Bis dahin gehab dich wohl, du Heißsporn!" Damit breitete der Tod seine dürren Arme aus und flog durchs Fenster des Schlosses davon.
Bartek schaute auf das Mädchen. Ihr zierliches Gesicht hatte sich gerötet, ihren Mund umspielte ein mutwilliges Lächeln. Sie öffnete die dunklen Augen – sie waren scharf und flink wie bei einer Elster -, setzte sich im Bett auf, klatschte in die Hände und kreischte: "Mir geht’s besser! He, Bogusia, Kasia, Marysia! Her mit dem Abendbrot! Aber die Semmel muss frisch sein und die Milch nicht zu kalt und nicht zu heiß. Bogusia! Marysia! Kasia! Schneller, sonst zieh ich euch die Ohren lang!"
Plötzlich fiel ihr Blick auf Bartek. "Wer seid Ihr?" "Der Doktor." "Ich brauch keinen Doktor. Ich bin wieder gesund. Trollt Euch! Mein Vater wird bezahlen, was Euch zukommt!" Und sie wandte ihr anmutiges Köpfchen von Bartek ab. Dem krampfte sich das Herz zusammen, er wusste selbst nicht, wovon: War es Ärger, war es Trauer oder Entzücken? Ihm schien es, als höre er das kräftige Stimmchen noch immer Worte hinausschleudern, scharf wie die Hiebe einer Vogtspeitsche.
Er blickte das Fräulein ein letztes Mal an und ging hinaus. In der Tür stieß er auf die erschrockenen Zofen. Sie waren Hals über Kopf herbeigeeilt, denn schon ertönte das scharfe Stimmchen von neuem: "Kasia! Bogusia! Schneller, sonst setzt es was!" Hinter den Mädchen rannte atemlos der Burgherr. Als er bei Bartek angelangt war, packte er ihn bei den Schultern und stieß freudig hervor: "Sie ist gesund, meine allerliebste Tochter! Da plappert sie ja schon wieder, die Schelmin! Habt Dank, Doktor!"
Von seinem Gürtel löste er eine Geldbörse, in der die Goldmünzen nur so klimperten, und reichte sie Bartek. Aber all das Gold erschien Bartek heute nur wie glänzendes Blech. Er schob die Geldbörse beiseite. "Seid bedankt, Euer Gnaden", erwiderte er, "doch die Gesundheit Eurer Tochter wird etwas anderes kosten." "Und wieviel? Wieviel?" fragte hastig der Burgherr. "Morgen rechnen wir ab. Jetzt will ich schnell nach Hause." "Nun, dann bis morgen. Auf Wiedersehen, Doktor." "Lebt wohl, Herr."
Der Burgherr legte die Hände wie einen Trichter an den Mund und rief, dass es durchs ganze Schloss schallte: "He, Diener! Doktor Barteks Kutsche soll vorfahren!" Als Bartek auf den Schlosshof trat, wieherten dort schon die Rosse und stampften ungeduldig mit den Hufen. Vor eine Kutsche aus purem Gold waren zwölf Grauschimmel von auserlesener Schönheit gespannt.

Groß ist nun des Schlossherrn Dank
Weil die Tochter nicht mehr krank
Dieses Wunders eingedenk
Macht er Bartek zum Geschenk
Eine goldene Karosse
Und zwölf stolze, edle Rosse
Doch den Doktor schien das prächtige Geschenk nicht zu erfreuen. Stumm ließ er sich in das weiche Wagenpolster fallen und winkte dem Kutscher, ihn nach Hause zu fahren. Die Karosse rollte einen Feldweg entlang, Bartek aber dachte über sein Leben nach. Darüber, dass er es nur mit List und Schlauheit zu etwas gebracht hatte. Doch das war eine brüchige Stütze. Und nun war sie geborsten. Das Mädchen musste wohl durchtriebener sein als er, wenn sie ihn trotz ihrer Todesschwäche bezwungen hatte.
"Sie ist gesund, die Schelmin", wiederholte Bartek und lächelte bitter. "Niemals bin ich Herr über mich selbst gewesen", fügte er seufzend hinzu und blickte angestrengt in die dunkle Ferne. Die Kutsche jagte dahin, vorüber an Bäumen und Sträuchern, die der Mai mit Blüten übersät hatte. Im Gebüsch ertönte das Schlagen einer Nachtigall, es glich dem Krakauer Trompetensignal und verstummte ebenso plötzlich wie dieses, so wie eine stockende Frage.
Ich hätte anders leben sollen, dachte Bartek. Nicht so. Ich habe mich verrannt. Aber was soll das jetzt. Einmal muss jeder sterben! Hurtig liefen die zwölf Grauschimmel dahin. Der Weg fiel etwas ab und führte an einer überschwemmten Niederung vorbei. Sie glitzerte silbern – der Mond stand am Himmel. Nebelschwaden hingen über dem feuchten Gras, in den Sümpfen quakten die Frösche.
Plötzlich erklang hinter den Weiden ein Lied, fein und durchdringend wie ein Mückengesumm:
"Warum hat es gestern nacht
Fern im dunklen Wald gekracht?
Eine Mücke, ganz im Traum
Fiel herab vom hohen Baum
Brach sich dabei das Genick
Schlimm ist so ein Missgeschick
Alle Mücken weinten sehr
Bis die Augen tränenleer"
"I-i-i-i", sirrten die Mücken über dem Moor wie zur Begleitung. "Irgendwo hier in der Nähe ist der Knochenmann", murmelte Bartek. Kaum hatte er ausgesprochen, blieben die zwölf Rosse wie angewurzelt stehen. Sie bohrten die Hufe in den Morast, stellten die Ohren auf und wieherten.
"Wart auf mich", sprach Bartek zum Kutscher. Er stieg aus und blickte über das düstere Moor. Hinter dem Weidengebüsch zeichnete sich undeutlich eine Gestalt ab. Er ist’s! dachte Bartek. Ich muss ihm entgegengehen! Und er trat auf die feuchte Wiese. Über ihm tanzte ein Mückenschwarm und sirrte: "Wi-i-r-rst du hi-ingehn? Wi-i-r-rst du hi-ingehn?" Bartek stieß mit der Faust nach dem tanzenden Schwarm. "Ich gehe. Mir bleibt keine andere Wahl. Komm ich nicht zum Knochenmann, kommt er zu mir."
Schon war er bei den Weiden angelangt. Der Tod trat hinter dem Gebüsch hervor und sprach: "Fein, dass du dich an den Vertrag hältst, dich nicht aus dem Staube machst. Folge mir." Lange schritten sie durch das Moor und hielten endlich vor einer großen Grube an, über der ein Irrlicht tanzte. "Komm mit in die Grube, Bartek", sprach der Tod. "Sie ist meine Hütte." Sie stiegen hinunter. Bartek schaute sich um. Auf breiten, spinnwebüberzogenen Wandborden flackerten unzählige Flämmchen.
Die einen brannten gleichmäßig, hell und steil, andere neigten sich zischend zur Seite, und manche waren schon am Verlöschen. "Was sind das für Flämmchen?" fragte Bartek. "Das sind die Lebenslichter der Menschen", antwortete der Tod. "Diese hier, die hellen, werden noch lange brennen. Jene aber verlöschen schon." "Und welches ist das Licht der Tochter des Burgherrn?" fragte Bartek weiter. "Dieses." Der Tod wies auf eine helle, übermütig knisternde Flamme. "Und meins?" "Tja, die Kraft deines Lichtes ist in das der jungen Herrin übergegangen. Schau her." Der Tod zeigte auf ein Flämmchen, das nur noch kaum wahrnehmbar glomm.
"Siehst du, ich habe mein Wort gehalten und bin zu dir gekommen!" rief Bartek aus und fiel dem Knochenmann zu Füßen. "Pfiffig war der Bursche, aber zum Denken und Arbeiten zu faul", sagte der Tod seufzend. "So hat denn mein Bund mit Doktor Bartek ein Ende."

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