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Archive for the ‘Polen’ Category

Der Mohriner See – eine Sage

Sonntag, Januar 31st, 2010

 

In dem großen rings von steilen Ufern umgebenen Mohriner See, sagt man, liegt ein großer Krebs, der ist mit einer Kette an den Grund angeschlossen; reißt er sich aber einmal los, so muss die ganze Stadt untergehen. Oft genug hat man deshalb schon in Angst geschwebt, denn wenn der See heult, wie die Leute sagen, so tobt da unten der Krebs und will sich lösen.

Im See muss auch alle Jahr einer ertrinken, und wenn das ja einmal in einem Jahr nicht zutrifft, so müssen sicherlich im nächsten Jahr zwei dafür büßen.

pixelio.de - Der Mohriner See

Man sieht auch oft einen Schimmel aus dem Wasser hervorkommen, besonders während der Nacht, der geht ruhig neben dem Wanderer her, der noch spät des Weges kommt und begleitet ihn ein Stück.

Am Marientag aber zeigt sich eine weiße Gestalt, die lockt die Leute auf allerlei Weise herabzukommen, und wer sie einmal erblickt hat, der muss hinunter, mag er wollen oder nicht.

(Franz Felix Adalbert Kuhn, 1812-1881)

Verwendetes Bild ist von:
© Isinor/www.pixelio.de

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Doktor Bartek – ein polnisches Märchen

Samstag, Oktober 25th, 2008

pixelio.de Doktor Bartek

Lang ist es her, an die fünfhundert Jahre und noch hundert dazu, da lebte in einem Dorf ein Bursche bei seiner alten Mutter. Man nannte ihn Bartek. Die Mutter arbeitete bei einem Grafen auf dem Feld, und der Sohn half ihr. Aber er tat es nicht gern.

"Davon wird man weder reicher noch klüger", sagte er zu ihr. "Ich muss fort, etwas anderes lernen, damit es Euch und mir auf der Welt besser geht." "Aber wie? Wo lernt man so etwas, mein Sohn?" fragte die Mutter bekümmert. "Wartet nur. Ich denke darüber nach."

Die Mutter bereitete ein bescheidenes Abendessen, denn Mittag war schon lange vorüber. Derweil trat Bartek vor die Hütte und blickte auf die Dorfstraße. Die Straße führte nach der Hauptstadt Krakau, und auf ihr herrschte Leben und Treiben. Indes Bartek gedankenverloren vor sich hin starrte, zog eine Schar junger Burschen vorbei.

"Wohin geht ihr?" fragte Bartek. "Nach Kraukau! Zur Krakauer Schule! Wir wollen lernen!" antworteten die Burschen. Bartek sah genauer hin und bemerkte, dass jeder von ihnen Bücher bei sich trug. Einer hatte sie mit einem Riemen verschnürt, ein anderer zwischen zwei Brettchen gelegt und zusammengebunden, ein dritter gar nur unter den Arm geklemmt.

pixelio.de Doktor Bartek"Und macht das Lernen viel Mühe?" fragte Bartek weiter. "Wenn du es zu etwas bringen willst – ja. Da muss man sich schon tüchtig anstrengen, und ein armer Student hat kein leichtes Leben." Bartek überlegte. Offen gesagt, er war nicht gerade fleißig, und seine Arbeit tat er mehr schlecht als recht. Die Burschen schritten davon und sangen ein Studentenlied. Staub wirbelte von ihren Füßen auf.

"Hm", brummte Bartek, "abrackern muss man sich hier wie dort. Aber in der Stadt kommt man bestimmt leichter zu Geld und Ansehen als hier auf dem Dorfe, wo alles dem Herrn gehört. Vielleicht gelingt es mir, ohne große Anstrengung etwas zu erreichen? Ich will mein Glück versuchen! He, Mutter", rief er, zur Hütte gewandt, "schnür mir ein Bündel mit Kleidern und gebt mir ein paar Groschen. Ich gehe nach Krakau. Da lerne ich Doktor, erfahre, welche Arznei man zum Schlucken nimmt und welche zum Einreiben. Kranke mach ich gesund, ich heile Euer Reißen und verdiene einen Batzen Geld. Gut werden wir’s haben!"

Die Mutter liebte ihren Bartek. So richtete sie ihm die Sachen für die Reise und dachte: Wer weiß? Vielleicht hat er Glück? Dumm ist er nicht. Vor der Arbeit drückt er sich, aber er hat ein gutes Herz und ist den Menschen wohlgesinnt. Wir haben’s schwer und leiden Not … Soll er gehen. Vielleicht ändert sich sein Los? Sie packte die ärmlichen Kleider ihres Sohnes zusammen, gab ihm ein Stück Brot und eine Scheibe Speck. Auf einmal brach sie in Tränen aus. "Du ziehst davon, Söhnchen? Lässt mich allein?"

War Bartek auch ein Bruder Leichtfuß, so liebte er seine Mutter doch sehr. Er umfing ihre von der Arbeit krumm gewordenen Schultern, drückte die alte Frau an seine breite Brust und küsste sie auf die faltigen Schläfen. "Liebe Mutter, seid unbesorgt. Ich kehrte zu Euch zurück, und es wird uns an nichts mehr fehlen." Dann lud er sich das Bündel auf die Schulter und machte sich pfeifend auf den Weg nach Krakau.

Er kam an Schülern vorüber, ebenso arm wie er, die im Gehen ein Lied vor sich hin summten. Auch reiche Studenten sah er, sie fuhren in Kutschen oder ritten hoch zu Ross. Wie waren sie prächtig gekleidet! Wenn ihre Samtmäntel sich im Wind öffneten, erblickte man darunter goldbesetzte Gürtel und klirrende kurze Schwerter. "Hohoh!" riefen sie und feuerten mit ihren silbernen Sporen die Pferde an, dass die nur so dahinjagten und die armen Studenten am Straßenrand in Staubwolken hüllten.

"Hoho!" entgegneten jene spöttisch. "Schaut sie nur an, die Adler mit ihren Krallen! Gegen wen wollen sie mit den Schwertern kämpfen? Gegen die Grammatik?" Sie zogen die Brauen hoch, und in ihren Augen blitzten Zornesfunken. Bartek blickte den jungen Edelleuten nach und dachte bei sich: Sie haben Pferde, Kutschen und Samtmäntel. Ihre Mütter spazieren in weiten, raschelnden Kleider über das Parkett von Schlössern und Palästen. Dich aber, Mutter, hat die schwere Arbeit gebeugt. Ich muss dir zu Reichtum verhelfen, koste es, was es wolle!

pixelio.de Doktor BartekAls er vor den Toren von Krakau stand, dunkelte es. Gerade blies der Türmer das abendliche Signal auf seiner Trompete. Plötzlich brach es ab, so als sei der letzte Ton gegen die Sterne geprallt und zersprungen. Das klang wie eine in den Raum geschleuderte Frage, die Furcht oder Erstaunen mitten im Wort hatten verstummen lassen.

Einen Augenblick war alles still, dann hörte man, wie die Studenten mit hurtigen Schritten in die Stadt einzogen. Die einen eilten zu den Häusern ihrer Verwandten, die anderen zu den Herbergen. Bartek ging mit den letzteren. Unterwegs erkundigte er sich, wo man am billigsten wohne, wieviel Groschen man fürs Studieren zurücklegen müsse und wieviel für Essen und Nachtlager.

Wie er so dahinschritt, vernahm er hinter der angelehnten Tür einer Bierstube Singen und Lautenspiel, und es duftete verführerisch nach Gebratenem. "He", rief einer der Studenten, "wollen wir hier einkehren und uns ein Warmbier genehmigen?" "Kehren wir ein!" erwiderte Bartek, dem nach der langen Wanderung der Magen knurrte. "Kehren wir ein!" stimmten auch die anderen zu. Sie stießen die Tür auf und traten in die Gaststube.

Mitten im Raum stand ein langer Tisch: eine Platte aus rohem Holz, die auf Böcken ruhte. Ringsherum saßen auf Bänken Studenten. Weiter hinten, über einem offenen Ziegelherd, brutzelte ein Stück Fleisch, von dem das Fett tropfte. Dicht neben dem Herd sah man einen Mann in einem weiten schwarzen Gewand, wie es Doktoren und Gelehrte zu jener Zeit trugen. Er saß auf einem breiten Schemel und schnarchte laut. Dabei schwankte er hin und her, und sein Haar, das ihm bis auf die Schultern reichte, wippte im Takt.

Die Studenten warfen ihre Bündel unter den Tisch und riefen nach dem Wirt. Sie bestellten Bier und etwas zu essen. Bald kam er mit Schüsseln und Krügen herein. Bartek aß für drei, spitzte die Ohren, wenn seine Gefährten vom Lernen und vom schweren Leben der Studenten erzählten, und lugte neugierig zu dem schlafenden Mann hin. "Wer schnarcht denn da bei Euch am Herd?" fragte er den Wirt. "Doktor Medikus", erwiderte der. "Hat ein bisschen zuviel Bier getrunken und schläft nun wie eine satte Hummel auf der Rosenblüte."

"Doktor Medikus?" wiederholte Bartek interessiert. Sogleich kam ihm der Gedanke, in des Doktors Dienste zu treten. Bei ihm würde er bestimmt schneller selbst Doktor werden, und er brauchte sich nicht so zu plagen wie in der Krakauer Schule. Er betrachtete den Schlafenden. Der Mann hatte ein rundes, rotbäckiges und gutmütiges Gesicht. Er schlummerte friedlich. Unter seinem schwarzen Gewand sahen seine Schuhe hervor, mit Spitzen, so lang wie Eidechsenschwänze.

pixelio.de Doktor Bartek"Tja, Doktor Medikus schnarcht", fuhr der Wirt fort und machte ein besorgtes Gesicht, "dabei muss ich jetzt schließen. Bald kommen die Nachtwächter, pochen mit ihren Hellebarden an die Tür und rufen: Schlafenszeit." "Wisst Ihr was, Herr Wirt?" sprach Bartek. "Jemand muss den Doktor nach Hause bringen, denn nach dem Zechen gehorchen einem die Beine nicht recht, und das Pflaster in Krakau ist holprig. Falls sich kein anderer findet – ich tu es gern."

Die Studenten hoben schon ihre Bündel auf und strebten der Tür zu, um den schlafenden Doktor jedoch kümmerte sich niemand. "Aber ja, begleite ihn, mein Junge!" sagte der Wirt erfreut. "Mir erweist du einen Gefallen und dem Doktor einen Dienst." "Wohin soll ich ihn denn  bringen?" "Nicht weit von hier, rechts um die Ecke, ist sein Haus. Hoho, gut lebt der Doktor!" "Nun, so weckt ihn. Ich führe ihn hin."

Bartek und der Wirt traten zu dem Schlafenden und rüttelten ihn sanft an den Schultern. "Steht auf, Doktor! Steht auf!" "Brrr!" Der Doktor fuhr zusammen und schlug die Augen auf. "Was gibt’s? Brennt es in Krakau?" "Nein, das nicht. Aber es ist Zeit, nach Hause zu gehen." Der Doktor erhob sich. Er schwankte. Bartek fasste ihn unter. "Was für ein braver Bursche hilft mir denn da?" fragte der Doktor. "Ich bin’s, Bartek. Stützt Euch auf mich, ich bring Euch heim."

Sie machten sich auf den Weg. Vorsichtig führte Bartek den Doktor die Straße entlang und wich den Löchern im Pflaster aus. "Danke, danke, junger Freund." "Keine Ursache, Doktor. Schaut lieber vor Eure Füße, damit Ihr nicht stolpert. Vorsicht, ein Pflasterstein! Ho-opp!" "Hab Dank für die Begleitung. Wie kann ich’s dir lohnen?" "Nun, wenn Ihr unbedingt etwas für mich tun wollt, Doktor, so nehmt mich in Eure Dienste. Ich werde Euch ein treuer Helfer sein. Denn nichts auf der Welt lockt mich so wie das Kurieren."

"Du willst in meine Dienste treten? Einverstanden. Ich lebe mutterseelenallein. Du wirst mir bei meinen Verrichtungen zur Hand gehen und mich manchmal aus der Bierstube holen. So wie heute." Bartek war sich also mit dem Doktor einig geworden, und als er ihn ins Haus gebracht hatte, blieb er bei ihm.

pixelio.de Doktor Bartek

Der Wohlstand in des Doktors Haus gefiel Bartek sehr, und ihm gefiel auch, dass die Kranken silberne Taler mitbrachten. Er passte auf, was der Doktor bei diesem oder jenem Gebrechen verordnete, wie er die Besucher salbte und abklopfte. Als er sich einiges abgeschaut hatte und auch wusste, wie der Doktor zu sprechen pflegte, meinte er, ohne viel Mühe die Heilkunst erlernt zu haben.

Es versteht sich, dass alles, wovon hier berichtet wird, schon lange her ist – an die fünfhundert Jahre und noch hundert dazu. Damals aber heilte man die Menschen auf seltsame und absonderliche Weise. Ein Wunder, dass die Kranken davon nicht starben! Sie müssen sehr kräftig gewesen sein, da sie alles ertrugen: Aderlass, Pulver aus getrockneten Fröschen, Rauch von schwelenden Kräutern und viele andere Scheußlichkeiten.

Bartek sah zu, wie der Doktor die Leute kurierte, half ihm Kräuter verbrennen, Pulver reiben und Blut abnehmen. Er brachte ihn auch in die Bierstube und führte ihn wieder nach Hause. Der Doktor konnte ihn nicht genug loben.

Nach zwei Jahren begab es sich, dass man den Doktor zu einem reichen Edelmann rief, der ein Stück von Krakau entfernt lebte. Bartek führte die Stute aus dem Stall, sattelte sie, der Doktor legte sein bestes Gewand an, verstaute Arnzneien in seinem Reisesack, suchte ein Glas mit Blutegeln heraus und ein Fässchen Rizinusöl. Dann sagte er: "Höre, Bartek. Ich reite zu einem Nimmersatt, der sich an kaltem Gänsebraten überfressen hat und kaum noch atmen kann. Du aber bleib hier. Was ein Doktor wissen muss, hast du von mir gehört. Kommt also ein Kranker, dann kuriere ihn!"

Bartek verbeugte sich ehrerbietig vor dem Doktor und fragte: "Und die Taler fürs Kurieren, wem sollen die gehören? Mir oder Euch?" "Dir!" versetzte der Doktor. Er hob sein Gewand an, sprang auf die Stute und ritt so schnell davon, dass das Fässchen mit Rizinusöl und der Sack mit den Arzneien an den Flanken des Pferdes auf und nieder hüpften.

"Nimmersatt liegt krank im Bett
Aß zuviel vom Gänsefett
Weshalb Doktor Medikus
Jetzt schnell zu ihm reiten muss
Pulver bringt er ihm herbei
Und manch andre Arzenei"

pixelio.de Doktor BartekAls der Doktor in der Ferne verschwunden war, fegte Bartek die Stube seines Herrn aus, hüllte sich in ein weites Gewand, stellte sich ans Fenster und hielt Ausschau nach Kranken. Bald erschien ein Ratsherr, den es im Ohr stach, denn er hatte Zug bekommen. Bartek blickte dem Ratsherrn ins Ohr, hauchte es an und murmelte: "Blasenus wirus malus insus Ohrus!"

"Was? Wie?" fragte der Ratsherr. "Das ist lateinisch", versetzte Bartek mit wichtiger Miene. Er nahm einen kleinen Balg, blies dem Ratsherrn ins Ohr, bis dem Ärmsten tausend Funken vor den Augen tanzten, legte Kräuter auf, umwickelte den Kopf des Kranken mit einem Tuch und fuhr fort: "Vor dem Neumond sollt Ihr Euch hüten, auf der linken Seite schlafen und die Kräuter, die ich Euch jetzt gebe, aufs Ohr tun." "Und hilft es?" erkundigte sich der Ratsherr. "Es hilft", erwiderte Bartek stolz. "Schönen Dank, Doktor. Was schulde ich Euch?" "Für die Behandlung - einen Taler. Und für die Kräuter auch einen Taler." Der Ratsherr zahlte zwei Taler und ging stöhnend davon.

pixelio.de Doktor BartekAls nächste kam die Tante des Bürgermeisters. Sie klagte über Kummer, Ärger und Herzklopfen. "Meidet Leute, die Euch widersprechen, liebe Frau!" sagte Bartek und kniff ein Auge ein. Er wusste nämlich, dass sich die Tante des Bürgermeisters ständig mit allen Verwandten in den Haaren lag. Die alte Jungfer klatschte in die Hände. Der Rat gefiel ihr. "Da müsste ich aus der Stadt wegfahren." "Fahrt nur weg, je schneller, desto besser. In ein Dorf. Geht morgens und abends im Walde spazieren. Erfreut Euch an Blumen und Vogelgezwitscher. Und hier geb ich Euch Kräuter. Flores für humores."

"Flores …?" "Für humores. Von allererster Güte." Bartek trat an des Doktors Apotheke, nahm je eine Handvoll Nieswurz und Senfkraut heraus, tat auch eine tüchtige Prise Pfeffer hinzu. So, das reicht, dachte er. Wenn sie sich ausgeniest hat, ist ihr die Streitlust bestimmt vergangen. Und er packte alles fein säuberlich ein. "Soll ich das aufbrühen und trinken?" fragte die Tante des Bürgermeisters. "Ihr braucht nur daran zu riechen, liebe Frau. Dann hilft es schon." Die Jungfer dankte Bartek, der ihr freundlich zulächelte, und gab ihm einen goldenen Taler.

Es kam auch eine Bauersfrau. Sie war zum Markttag nach Krakau gefahren und hatte Fieber bekommen. Bartek verschrieb ihr Kräuter zum Schwitzen. Die Frau wollte bezahlen, doch Bartek sah sie an und schüttelte den Kopf. Sie schien ihm so arm, gut und alt wie seine Mutter. Aber sie wollte nichts für umsonst und gab ihm eine Gans. Was sollte er tun? Er nahm die Gans, briet sie und aß sie zu Mittag.

So kurierte Bartek die Leute, benutzte des Doktors Wissen und würzte es mit seinem eigenen Witz. Eine Unmenge Kranker besuchte ihn. Sie stöhnten, husteten, oder ihre Glieder waren krumm und geschwollen. Bartek füllte ein Kästchen mit Talern und ließ sich die Hühner, Enten und Würste schmecken, die ihm die Kranken aus den Dörfern mitgebracht hatten.

Nach zwei Wochen kehrte der Doktor zurück. Den Appetit auf kalten Gänsebraten hatte er dem reichen Edelmann ausgetrieben. "Nun, wie ist es dir ergangen, Bartek?" fragte er. "Anscheinend gut, denn du hast ordentlich Fett angesetzt." Bartek zeigte ihm das Kästchen und erzählte, wie er die Kranken geheilt hatte. "Wenn es so ist, müssen wir uns trennen", sprach Medikus, als er ihn angehört hatte. "Für zwei Doktoren ist hier kein Platz."

"Tja, was soll sonst werden?" stimmte Bartek zu. "Kurieren kann ich schon sehr gut. Jetzt zieh ich heimwärts, will zu Hause die Leute heilen. Die vom Dorf und aus der Stadt, vielleicht auch die vom Schloss. Denn nicht weit von uns wohnt ein Burgherr in einem Schloss mit sechs Türmen. So lebt denn wohl, Doktor, ich wünsch Euch viele Kranke, auf dass es Euch gut gehe." "Ich dir auch, Bartek! Leb wohl."

Bartek verstaute die Taler in seinem Beutel, packte Brot, Würste und Speck als Wegzehrung ein und zog von dannen. Als er das Stadttor hinter sich gelassen hatte, wandte er sich um. Die Sonne stand über Krakau und ließ die Türme und Dächer erstrahlen. Golden funkelte die Krone auf einer Turmspitze. Da vernahm er wieder das Signal des Türmers, und als es plötzlich mitten im Ton abbrach, krampfte sich Barteks Herz schmerzhaft zusammen.

pixelio.de Doktor Bartek

Noch einmal blickte er zurück auf die Stadt und seufzte. Dann eilte er davon, seiner Heimat entgegen. Er wanderte den ganzen Tag. Als es Abend wurde, erreichte er ein breites Moor und schritt vorsichtig weiter, denn obgleich er die Gegend kannte, war es doch gefährlich, in der Dämmerung hier entlangzugehen. Dunkler Nebel wallte über dem Sumpf, hinter dem Schilf stieg langsam der rote Mond empor.

Bartek folgte dem roten Lichtstreifen, der vor ihm aufglänzte. Plötzlich hielt er inne. Hinter einer Baumgruppe schimmerte etwas weiß, eine Gestalt, es schien ein alter Mann zu sein. Zugleich erscholl von dorther ein Klageruf: "O trüge mich doch jemand über den Sumpf!" Bartek lauschte. Sein Herz schlug heftig. Er dachte: Ich will den Alten über den Sumpf bringen, einerlei, ob er’s mir dankt oder nicht. Er trat auf den Mann zu, der unter einer Weide kauerte, und sprach: "Vater, ich trage Euch hinüber."

Behutsam beugte er sich hinab und nahm den Alten auf die Schulter. Der war so leicht und dürr, dass es Bartek beim Tragen erschien, als höre er die Knochen des Fremden klappern. "Schönen Dank", erwiderte der Alte nach einer Weile. "Schönen Dank, mein Junge. Wie heißt du?" "Bartek." "Also: Schönen Dank, Bartek, dass ich mit trockenen Füßen über das Moor komme. Hehe … Weil ich mich freue, sing ich dir was vor."

Er setzte sich bequem zurecht und begann mit schriller Stimme:

"Jeder, der mir einst begegnet
Hat das Zeitliche gesegnet:
Kaiser, König, Kastellan,
Bürger, Bauer, Bettelmann
Drum erkennet meine Macht
Nehmet euch vor mir in acht!"

"So mächtig bist du, Alter?" wunderte sich Bartek und lachte. "So mächtig", brummte der Fremde, machte sich’s auf Barteks Schultern noch bequemer und sang von neuem mit seiner schrillen Stimme:

"Drum erkennet meine Macht,
Nehmet euch vor mir in acht!"

Dosenmoor2008/Dana/  Doktor BartekDas Echo trug den Gesang über das Moor. Alle anderen Geräusche waren verstummt: das Rauschen der Blätter, das Plätschern des Wassers, das Rascheln des Schilfs, das sich im Winde wiegte. Der Mond war höher gewandert, sein Licht schien Bartek jetzt leblos wie der Glanz einer Stahlklinge. Eiseskälte durchfuhr den Burschen, er erschauderte. "Zittre nicht, hab keine Angst, mein Junge", sprach der Alte. "Du hast mir einen Dienst erwiesen, und ich vermag dankbar zu sein. Du weißt doch, wen du über den Sumpf trägst?"

"Nein", murmelte Bartek, obwohl ihm gerade in diesem Augenblick eine seltsame Antwort auf die Frage einfiel. "Nun, Junge, was soll ich drumherum reden: Ich bin der Tod. Und wer bist du?" "Ein Doktor." "Oh! Das trifft sich gut. Höre! Deinen Dienst kann ich dir leicht belohnen. Immer, wenn du zu einem Schwerkranken kommst, erblickst du mich. Steh ich am Fußende seines Lagers, so kuriere ihn auf deine Art. Was du auch tust – er wird genesen. Steh ich ihm aber zu Häupten, so wage nicht, ihn zu heilen, denn geschehe, was wolle – ich nehme ihn mit. Das verabreden wir. Einverstanden?"

"Einverstanden", erwiderte Bartek. "Falls du aber den Vertrag nicht einhältst und Kranke zu heilen versuchst, die mir gehören, so bezahlst du’s mit deinem Leben, selbst wenn du mir einen Kranken entreißen solltest. Einverstanden?" "Einverstanden", sprach Bartek wieder. "Warum auch nicht?" Plötzlich jedoch überlief ihn von neuem ein Schauder. "Weshalb zitterst du wie Espenlaub, Junge?" fragte der Tod. "Bin ich dir zu schwer? Ah, der Sumpf ist zu Ende. Leb wohl!" Ehe Bartek es sich versah, sprang ihm der Tod von den Schultern, klapperte mit den Knochen und verschwand.

Bartek stand da wie versteinert. Weil er aber sonst nicht ängstlich war, fasste er sich bald wieder, zog weiter und dachte: Na und? Ist mir was Schlimmes widerfahren? Ach, woher! Auf der ganzen Welt ist kein zweiter Doktor mit dem Tod im Bunde. Jetzt werden die Taler erst rollen! Jetzt wird’s uns gut gehen, mir und meiner alten Mutter!

Und wahrlich: Kaum war Bartek in sein Dorf zurückgekehrt, als aus der ganzen Umgegend schon Kranke zu ihm kamen. Andere schickten Bauernwagen und Kutschen nach ihm. Er war ein Doktor, wie man noch keinen gesehen hatte. Gleich, wenn er in die Stube trat, verkündete er, ob der Kranke sterben würde oder nicht, und irrte sich niemals. Und jeden, von dem er gesagt hatte, er würde genesen, vermochte er wirklich zu heilen.

pixelio.de Doktor Bartek

Kein Wunder, dass sich des Doktors Schatulle rasch mit Silbertalern füllte. So lebten sie in großem Reichtum, er und seine Mutter. Sie bauten sich ein stattliches Haus aus Lärchenholz, mit Schindeln gedeckt. Drumherum legten sie einen schönen, schattigen Garten an, in dem Obst und Gemüse gediehen. Auch Ställe für Pferde, für Kühe und Schweine wuchsen empor und eine Scheune. Alles, was man sich denken kann, besaßen sie im Überfluss.

Die alte Mutter freilich mahnte ihren Bartek manchmal: "Söhnchen, was machst du bloß mit den Kranken? So kuriert doch nur ein Dummer! Bei Erfrierungen und Fieber, immer gibst du ihnen das gleiche Kraut. Ach, Bartek, manchmal will mir fast scheinen, du hast das Heilen gar nicht richtig gelernt und hilfst dir nur mit List. Aber lang kann das nicht währen. Bald sind die guten Zeiten vorbei!"

Doch Bartek lachte nur und erwiderte: "Sorgt Euch nicht, Mutter! Schnell bin ich Doktor geworden und schnell zur Reichtum gelangt. Ihr solltet Euch darüber freuen." "Das ist es ja gerade, es ging alles zu schnell. Du bist zu ungeduldig, Söhnchen. Und der Arbeit gehst du lieber aus dem Wege, anstatt dich anzustrengen. Deswegen bange ich um dich." "Keine Bange, Mutter. Ich bin reich und berühmt."

Freilich, es stimmte, Bartek war in der ganzen Gegend hochgeehrt. Darum wunderte er sich auch nicht, als an einem Maiabend eine schöne Kutsche vor dem Haus hielt. Ihr entstieg ein Bote und bat den Doktor aufs Schloss. Die Tochter des Schlossherrn lag nämlich krank darnieder. "Das Fräulein, dem keine Spinnerin, keine Schneiderin je etwas recht machen konnte?" fragte Barteks Mutter, als sie sah, wie ihr Sohn sich zur Abfahrt rüstete. "Mag sie so sein oder anders, ich muss fahren, wenn der Schlossherr mich ruft."

pixelio.de Doktor BartekBartek nahm Abschied von der Mutter und sprang in die Kutsche. Hufschlag dröhnte, die Rosse galoppierten davon. Es war schon Abend. In den Flieder- und Hagedornbüschen schlugen die Nachtigallen. Hurtig sprengten die Rosse dahin und hielten bald auf dem Schlosshof. Diener kamen herausgelaufen und brachten Bartek zu der Kranken.

Doktor Bartek trat in ein prunkvolles Gemach. In einem geschnitzten Bett lag mühsam atmend ein bleiches Mädchen. Kaum wollte man glauben, dass ihr blasser Mund noch vor kurzem den alten Spinnerinnen kränkende Worte zugeschrien, dass die kleinen, kraftlosen Hände sich zornig zu Fäusten geballt hatten! Bartek fühlte Mitleid mit dem bleichen Mädchen, er näherte sich ihr – und erbebte. Am Kopfende des geschnitzten Bettes stand der Tod.

Derweil waren der Burgherr, seine Gemahlin und einige Verwandte herbeigekommen, um zu hören, wie es um das Fräulein stünde. "Lasst mich mit der Kranken allein!" sagte Bartek. "Ich will gleich mit Kurieren beginnen." Die Eltern gingen auf Zehenspitzen hinaus. Die Verwandten folgten zögernd, schauten sich aber alle Augenblicke neugierig nach dem berühmten Doktor um. Als alle draußen waren, wandte sich Bartek an den Tod und bat ihn erregt: "Knochenmann, hab Erbarmen! Ich will nicht, dass dieses Mädchen stirbt!"

Der Tod zuckte mit den Schultern. "Du bist nicht bei Trost, Junge! Wie redest du mit mir! Hast du unseren Vertrag vergessen? Gilt er, ja oder nein?" "Knochenmann, Lieber, Guter! Lass ein einziges Mal Gnade walten!" "Ach, Bartek, Bartek! Ich denke nicht daran. Warum soll ich auf das Mädchen verzichten? Was findest du an ihr? Hat sie dich behext?" "Ich weiß nicht! Sie ist so klein und blass. Überlasst sie mir, Knochenmann! Stellt Euch ans Fußende! Ich will sie kurieren."

"Haha, kurieren! Das kannst du ebensowenig wie Verträge einhalten. Flink bist du, aber durch deinen Kopf pfeift der Wind." "Stellt Euch ans Fußende!" "Nein." "Bitte!" "Hast du ganz den Verstand verloren? Täte ich’s, dann wäre das Mädchen gerettet, du aber würdest mir gehören." "Lasst uns beide am Leben, Knochenmann!" ‘"Du willst dich herauswinden. Aber daraus wird nichts." "Knochenmann, bitte!" "Nein." "Nun", schrie Bartek wütend, "wenn Ihr nicht freiwillig weicht, muss ich Euch zwingen!"

Mit seinen starken Armen packte er das geschnitzte Bett und drehte es – eins, zwei! – herum. Ehe der Tod sich’s versah, stand er am Fußende. "So, so", sagte er und nickte. "Du Hitzkopf, was hast du angerichtet! Mit mir ist nicht zu spaßen. Was wir verabredet haben, geschieht. Bald sehen wir uns wieder, und zwar auf ewig. Bis dahin gehab dich wohl, du Heißsporn!" Damit breitete der Tod seine dürren Arme aus und flog durchs Fenster des Schlosses davon.

Bartek schaute auf das Mädchen. Ihr zierliches Gesicht hatte sich gerötet, ihren Mund umspielte ein mutwilliges Lächeln. Sie öffnete die dunklen Augen – sie waren scharf und flink wie bei einer Elster -, setzte sich im Bett auf, klatschte in die Hände und kreischte: "Mir geht’s besser! He, Bogusia, Kasia, Marysia! Her mit dem Abendbrot! Aber die Semmel muss frisch sein und die Milch nicht zu kalt und nicht zu heiß. Bogusia! Marysia! Kasia! Schneller, sonst zieh ich euch die Ohren lang!"

Plötzlich fiel ihr Blick auf Bartek. "Wer seid Ihr?" "Der Doktor." "Ich brauch keinen Doktor. Ich bin wieder gesund. Trollt Euch! Mein Vater wird bezahlen, was Euch zukommt!" Und sie wandte ihr anmutiges Köpfchen von Bartek ab. Dem krampfte sich das Herz zusammen, er wusste selbst nicht, wovon: War es Ärger, war es Trauer oder Entzücken? Ihm schien es, als höre er das kräftige Stimmchen noch immer Worte hinausschleudern, scharf wie die Hiebe einer Vogtspeitsche.

Er blickte das Fräulein ein letztes Mal an und ging hinaus. In der Tür stieß er auf die erschrockenen Zofen. Sie waren Hals über Kopf herbeigeeilt, denn schon ertönte das scharfe Stimmchen von neuem: "Kasia! Bogusia! Schneller, sonst setzt es was!" Hinter den Mädchen rannte atemlos der Burgherr. Als er bei Bartek angelangt war, packte er ihn bei den Schultern und stieß freudig hervor: "Sie ist gesund, meine allerliebste Tochter! Da plappert sie ja schon wieder, die Schelmin! Habt Dank, Doktor!"

Von  seinem Gürtel löste er eine Geldbörse, in der die Goldmünzen nur so klimperten, und reichte sie Bartek. Aber all das Gold erschien Bartek heute nur wie glänzendes Blech. Er schob die Geldbörse beiseite. "Seid bedankt, Euer Gnaden", erwiderte er, "doch die Gesundheit Eurer Tochter wird etwas anderes kosten." "Und wieviel? Wieviel?" fragte hastig der Burgherr. "Morgen rechnen wir ab. Jetzt will ich schnell nach Hause." "Nun, dann bis morgen. Auf Wiedersehen, Doktor." "Lebt wohl, Herr."

Der Burgherr legte die Hände wie einen Trichter an den Mund und rief, dass es durchs ganze Schloss schallte: "He, Diener! Doktor Barteks Kutsche soll vorfahren!" Als Bartek auf den Schlosshof trat, wieherten dort schon die Rosse und stampften ungeduldig mit den Hufen. Vor eine Kutsche aus purem Gold waren zwölf Grauschimmel von auserlesener Schönheit gespannt.

pixelio.de Doktor Bartek

Groß ist nun des Schlossherrn Dank
Weil die Tochter nicht mehr krank
Dieses Wunders eingedenk
Macht er Bartek zum Geschenk
Eine goldene Karosse
Und zwölf stolze, edle Rosse

Doch den Doktor schien das prächtige Geschenk nicht zu erfreuen. Stumm ließ er sich in das weiche Wagenpolster fallen und winkte dem Kutscher, ihn nach Hause zu fahren. Die Karosse rollte einen Feldweg entlang, Bartek aber dachte über sein Leben nach. Darüber, dass er es nur mit List und Schlauheit zu etwas gebracht hatte. Doch das war eine brüchige Stütze. Und nun war sie geborsten. Das Mädchen musste wohl durchtriebener sein als er, wenn sie ihn trotz ihrer Todesschwäche bezwungen hatte.

"Sie ist gesund, die Schelmin", wiederholte Bartek und lächelte bitter. "Niemals bin ich Herr über mich selbst gewesen", fügte er seufzend hinzu und blickte angestrengt in die dunkle Ferne. Die Kutsche jagte dahin, vorüber an Bäumen und Sträuchern, die der Mai mit Blüten übersät hatte. Im Gebüsch ertönte das Schlagen einer Nachtigall, es glich dem Krakauer Trompetensignal und verstummte ebenso plötzlich wie dieses, so wie eine stockende Frage.

Ich hätte anders leben sollen, dachte Bartek. Nicht so. Ich habe mich verrannt. Aber was soll das jetzt. Einmal muss jeder sterben! Hurtig liefen die zwölf Grauschimmel dahin. Der Weg fiel etwas ab und führte an einer überschwemmten Niederung vorbei. Sie glitzerte silbern – der Mond stand am Himmel. Nebelschwaden hingen über dem feuchten Gras, in  den Sümpfen quakten die Frösche.

Plötzlich erklang hinter den Weiden ein Lied, fein und durchdringend wie ein Mückengesumm:

"Warum hat es gestern nacht
Fern im dunklen Wald gekracht?
Eine Mücke, ganz im Traum
Fiel herab vom hohen Baum
Brach sich dabei das Genick
Schlimm ist so ein Missgeschick
Alle Mücken weinten sehr
Bis die Augen tränenleer"

pixelio.de Doktor Bartek"I-i-i-i", sirrten die Mücken über dem Moor wie zur Begleitung. "Irgendwo hier in der Nähe ist der Knochenmann", murmelte Bartek. Kaum hatte er ausgesprochen, blieben die zwölf Rosse wie angewurzelt stehen. Sie bohrten die Hufe in den Morast, stellten die Ohren auf und wieherten.

"Wart auf mich", sprach Bartek zum Kutscher. Er stieg aus und blickte über das düstere Moor. Hinter dem Weidengebüsch zeichnete sich undeutlich eine Gestalt ab. Er ist’s! dachte Bartek. Ich muss ihm entgegengehen! Und er trat auf die feuchte Wiese. Über ihm tanzte ein Mückenschwarm und sirrte: "Wi-i-r-rst du hi-ingehn? Wi-i-r-rst du hi-ingehn?" Bartek stieß mit der Faust nach dem tanzenden Schwarm. "Ich gehe. Mir bleibt keine andere Wahl. Komm ich nicht zum Knochenmann, kommt er zu mir."

Schon war er bei den Weiden angelangt. Der Tod trat hinter dem Gebüsch hervor und sprach: "Fein, dass du dich an den Vertrag hältst, dich nicht aus dem Staube machst. Folge mir." Lange schritten sie durch das Moor und hielten endlich vor einer großen Grube an, über der ein Irrlicht tanzte. "Komm mit in die Grube, Bartek", sprach der Tod. "Sie ist meine Hütte." Sie stiegen hinunter. Bartek schaute sich um. Auf breiten, spinnwebüberzogenen Wandborden flackerten unzählige Flämmchen.

Die einen brannten gleichmäßig, hell und steil, andere neigten sich zischend zur Seite, und manche waren schon am Verlöschen. "Was sind das für Flämmchen?" fragte Bartek. "Das sind die Lebenslichter der Menschen", antwortete der Tod. "Diese hier, die hellen, werden noch lange brennen. Jene aber verlöschen schon." "Und welches ist das Licht der Tochter des Burgherrn?" fragte Bartek weiter. "Dieses." Der Tod wies auf eine helle, übermütig knisternde Flamme. "Und meins?" "Tja, die Kraft deines Lichtes ist in das der jungen Herrin übergegangen. Schau her." Der Tod zeigte auf ein Flämmchen, das nur noch kaum wahrnehmbar glomm.

"Siehst du, ich habe mein Wort gehalten und bin zu dir gekommen!" rief Bartek aus und fiel dem Knochenmann zu Füßen. "Pfiffig war der Bursche, aber zum Denken und Arbeiten zu faul", sagte der Tod seufzend. "So hat denn mein Bund mit Doktor Bartek ein Ende."

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Der Pechteufel – ein polnisches Volksmärchen

Samstag, Oktober 4th, 2008

Einst lebte ein König, der hatte sehr merkwürdige Einfälle. Auf zwei nebeneinanderliegenden Bergen ließ er feste Burgen bauen, schickte aber in jede nur eine kleine Besatzung. Als kriegskundige Männer ihm eröffneten, mit so wenig Leuten könne man die Burgen nicht verteidigen, dachte der König ein paar Stunden lang nach und beschloss endlich, beide Berge durch eine Brücke zu verbinden, damit die Krieger, falls es nötig sei, einander zu Hilfe eilen könnten.

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Allerdings fiel es dem König leichter, auf diese einfache, aber kluge Idee zu kommen, als jemanden zu finden, der die Brücke errichtete. Denn alle Architekten und Baumeister, einheimische wie ausländische, erklärten einmütig, zwischen so hohen und steilen Bergen brächten sie keine Brücke zustande. Doch der König gab seinen Plan nicht auf. In allen Ländern ließ er verkünden, derjenige, der ihm die Brücke baue, werde soviel Gold bekommen, wie er selbst wiege.

Da meldete sich beim König ein junger, noch unerfahrener Baumeister und erbot sich, die Brücke zu errichten, wenn man ihm einen kleinen Vorschuss zahle, um Baustoffe zu kaufen und Arbeiter zu dingen. Die Not und eine schwere Krankheit seiner geliebten Mutter trieben ihn zum dem Entschluss.

pixelio.de Der PechteufelGibt mir der König den Vorschuss, so rufe ich Ärzte und lasse die Mutter heilen, dachte er. Danach werden wir weitersehen! Wie groß war seine Freude, als der König die Bedingung annahm und befahl, ihm sogleich hundert Dukaten im voraus zu zahlen! Nicht einmal des Königs Warnung, der Jüngling werde seinen Kopf verlieren, falls er die Aufgabe nicht löse, verrmochte dessen Zuversicht zu trüben. Er gab die Mutter in die Hände der berühmtesten Ärzte, kaufte sodann eine beträchtliche Menge Holz und Eisen, dingte Arbeiter und machte sich ans Werk.

Eine Woche, eine zweite und dritte mühte er sich gemeinsam mit den Arbeitern, der Bau aber kam keinen Schritt voran. Das betrübte ihn, doch noch verlor er nicht die Hoffnung. Der Mut sank ihm erst, als die Arbeiter eines Tages um ihre Entlassung baten. Sie sagten, sie hätten sich überzeugt, dass sie nur Zeit für eine Sache vergeudeten, die selbst der Teufel nicht zu Ende brächte. So sehr er sie auch anflehte, ihn nicht im Stich zu lassen – sie hörten nicht darauf.

Als die Arbeiter gegangen waren, setzte sich der Ärmste auf einen Stapel Bretter und klagte lauf: "O weh, der König lässt mir den Kopf abschlagen, wenn ich die Brücke nicht vollende. Und dass ich sie nicht vollende, ist gewiss. Wirklich, die Arbeiter haben recht, dass selbst der Teufel das nicht vermag."

Während er so jammerte, hörte er hinter sich Schritte. Er wandte sich um und erblickte einen elegant gekleideten Fremden, der alsbald zu ihm sprach: "Ich habe dein Klagen gehört und weiß, was dich erwartet. Es tut mit leid um deinen jungen Kopf, ich will dir helfen!" "Hab Dank für dein Wohlwollen, lieber Mann", erwiderte der Baumeister verzagt, "doch erlaube mir die Frage: Wie willst du meinen Kopf retten?"

"Sehr einfach: Ich baue die Brücke für dich, wenn du mich darum bittest." versetzte lächelnd der Ankömmling. "Nun, dann baue sie, mein Wohltäter, baue sie!" rief der Jüngling erfreut. Aber als er ein Weilchen überlegt hatte, fuhr er fort: "Doch sag mir, was verlangst du für diesen Dienst?" "Fast nichts. Für meine Mühe nehme ich mir einzig jenes Geschöpf, das als erstes die Brücke überquert."

"Und wer bist du? Doch nicht etwa der Teufel?" fragte der Baumeister ängstlich. "Erraten, mein Freund", entgegnete der Ankömmling. "Ich muss dir jedoch sagen, dass ihr euch geirrt habt, du und deine Arbeiter, als ihr meintet, so eine Brücke könne nicht einmal der Teufel bauen. Nun, ich gebe dir mein Ehrenwort, dass ich es vollbringe, vorausgesetzt natürlich, du willigst in meine bescheidenen Bedingungen." "Was bleibt mir übrig? Ich bin einverstanden, ja, ja", sagte der Baumeister und reichte dem Teufel die Hand.

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Nachdem der Teufel den Vertrag mit dem Baumeister geschlossen hatte, schickte er ihn nach Hause, er selbst aber machte sich an die Arbeit. Drei Tage und drei Nächte schaffte er, ohne auch nur einen Augenblick auszuruhen. So war die Brücke am Morgen des vierten Tages schon fertig. Da rief er den Jüngling herbei, zeigte ihm sein Werk und sprach vergnügt: "Du siehst, ich habe Wort gehalten. Lauf zum König und bitte ihn, er möge herkommen und deine Arbeit bewundern."

Der Baumeister eilte zum König, meldete ihm, die Brücke sei vollendet, und fragte ihn, wann er sie ansehen wolle. "Morgen bei Sonnenaufgang treffe ich ein, und falls ich zufrieden bin, bekommst du noch am selbigen Tag das restliche Gold", antwortete der König. Dann befahl er dem Baumeister, sich nicht aus dem Schloss zu entfernen, denn er sollte ihm unterwegs und beim Besichtigen der Brücke Gesellschaft leisten.

Am nächsten Morgen, noch bevor die Sonne aufging, stand der König mit seinem Gefolge auf der Spitze des einen Berges und schaute voller Bewunderung auf die Brücke, die sich zu dem anderen Berg hinüberspannte. Er lobte den Baumeister für die gute Arbeit und wies den Schatzmeister an, einen Sack Dukaten bereitzustellen.

Derweil hatte sich der Teufel in einen Höfling verwandelt. Nicht weit vom König spazierte er einher und sagte plötzlich: "Das Bauwerk ist sehr schön, meine Herren, das bestreite ich nicht, doch wer bürgt für seine Festigkeit? Von keinem Pfeiler gestützt, hängt die Brücke in der Luft. Wer weiß, ob sie nicht unter der Last eines Menschen zusammenstürzt, wäre er selbst so schmal und leicht wie der junge Mann, der sie errichtet hat!"

Als der König das hörte, versank er in tiefes Nachdenken. Schließlich entschied er feierlich: "Wir halten es für richtig und nützlich, dass der Baumeister als erster die Brücke überquert, um ihre Festigkeit zu erproben." Er wandte sich an den Jüngling. "Ich befehle dir, langsam, aber festen Schrittes hinüberzugehen." Der Baumeister vernahm den Befehl und erstarrte. Er begriff, dass er verloren war. Statt sich an Ruhm und Reichtümern zu erfreuen, würde er lebendigen Leibes dem Teufel verfallen. Ja, er durfte nicht einmal gestehen, wer sein Geselle war, denn der Bund mit der Hölle wurde mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen bestraft.

Der König mahnte zur Eile. Da kam dem Jüngling ein Gedanke. Um wenigstens noch ein paar Stunden auf dieser Welt zu bleiben, bat der den König, die Probe auf den nächsten Tag zu verschieben. "Majestät, der Anstrich ist noch nicht trocken", sprach er. "Wenn ich jetzt hinübergehe, hinterlasse ich Fußspuren, die man übermalen muss. Aber Farbe dafür habe ich nicht mehr." Das sah der König ein, und er verlegte die Probe auf den Mittag des folgenden Tages.

Der Teufel war nicht sehr erfreut, doch was sollte er machen? So ließ er sich neben der Brücke nieder, um die Wartezeit zu verschlafen. Der Baumeister hingegen wanderte nach Hause, um Abschied von der Mutter und den Freunden zu nehmen. Aber keinem von ihnen sagte er, was seiner harrte. Er ließ sie nur wissen, der König schicke ihn auf eine weite und gefährliche Reise. Erst am nächsten Morgen gestand er seiner Mutter, wohin er ging und warum. Da weinte die arme Frau bitterlich, und auch der Baumeister, als er aus der Hütte trat, weinte.

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Das sah eine alte Bettlerin, die gerade vorbeikam. Sie fragte ihn, warum er so traurig sei, da er doch nun reich und berühmt wäre. "Ach, der Teufel hat mir diesen Reichtum gegeben!" murmelte der Baumeister und wandte sich zum Gehen. Die Bettlerin aber bat ihn nochmals, ihr den Grund für seine Trauer zu offenbaren. "Ich bin schon alt und habe manches auf der Welt gesehen. Vielleicht weiß ich ein Mittel gegen dein Unglück?"

Ich habe nichts mehr zu verlieren, also will ich ihr sagen, was mich quält, dachte der Baumeister. Mag sein, sie kann mir helfen, den Teufelskrallen zu entfliehen? Und er erzählte ihr alles. "Sei nicht traurig, mein Guter", sprach die Bettlerin, als sie ihn angehört hatte. "Einen Teufel überlisten ist für mich eine Kleinigkeit. Schwerer ist es, einen Engel reinzulegen, aber falls es sein müsste, ich brächte auch das fertig."

"Nun, dann rate mir, was ich tun soll, nur schnell, denn schon bald muss ich an der Brücke sein", bat der Baumeister. "So höre, wenn der König dir befiehlt, die Brücke zu betreten, dann geh eifrig und flink los, den Rest überlass mir. Nachdem alles erledigt ist, gibst du mir ein paar Dukaten und ein Paar neue Schuhe." Und gemeinsam mit dem Baumeister eilte sie davon.

Bei der Brücke gewahrten sie viele Leute, denn außer den Dienern und Gefolgsleuten des Königs waren auch die Burgbesatzungen gekommen. Die Bettlerin mischte sich unter die Menge, der Baumeister aber stellte sich ein Dutzend Schritte vor der Brücke auf. Bald erschien der König. Er fragte, ob die Farbe trocken sei, und befahl dem Jüngling, über die Brücke zu gehen. Schon wollte jener aufbrechen, als die Bettlerin plötzlich ausrief: "Majestät, halt ein und lass dir einen Rat geben!"

Die Höflinge empörten sich ob ihrer Künheit, es fehlte nicht viel, und sie hätten sie verprügelt. Der König jedoch, um seine Huld zu beweisen, gab ihnen ein Zeichen, von ihr abzulassen. Dann fragte er spöttisch: "Was für einen Rat willst du mir denn geben, meine Wohltäterin?" Unerschrocken fuhr die Bettlerin fort: "Erlauchtester Herr! Als ich mir das magere Bürschchen besah, das die Brücke überqueren soll, rechnete ich aus, dass es nicht einmal soviel wiegt wie eine ordentliche Ziege. Unter ihm bricht die Brücke nicht zusammen, das ist mehr als gewiss. Deshalb meine ich: Um die Stärke der Brücke zu erproben, muss man einen hinüberschicken, der dicker und schwerer ist als dieser hier."

"Ich sehe, Großmutter, du hast dir Klugheit und einen klaren Verstand bewahrt", lobte der König und warf der Alten einen Dukaten zu. Dann wandte er sich an die Höflinge und Beamten und rief: "Meine Herren, einer von euch muss die Brücke überqueren. Einer, der dick und schwer ist!" Des Königs Worte erfreuten nur den Teufel, der sich schon ausmalte, wie er anstelle des dünnen Baumeisters einen wohlbeleibten Edelmann mit in die Hölle nähme. Die erschrockenen Höflinge und Beamten hingegen begannen zu streiten, wer wohl mehr wiege und wem die Ehre gebühre, den königlichen Befehl auszuführen. Denn keiner war sicher, dass die Brücke ihn tragen würde.

Während sie so zankten und sich gegenseitig zur Brücke schubsten, verfluchten sie im stillen die Bettlerin für ihren Einfall und schworen ihr Rache. Bald jedoch beruhigten sie sich wieder, denn sie hörten, wie die schlaue Alte sprach: "Herr König! Lohnt es sich, das Leben eines der Männer aufs Spiel zu setzen, die dir so ergeben sind? Was, wenn die Brücke unter seiner Last in die Tiefe stürzt?" "Ach, möge dir die Zunge verdorren!" versetzte der König ergrimmt. "Von deiner Rede ist mir so wirr im Kopf, dass ich nicht weiß, was ich beginnen soll!"

pixelio.de Der Pechteufel"Du erregst dich ohne Grund, Majestät", sprach die Bettlerin. "Lass ein fettes Mastschwein aus dem Stall des Schlosses holen und auf die Brücke treiben. Gelangt es ohne Schaden hinüber, dann hat ein Mensch erst recht nichts zu befürchten." "Wahr spricht die Alte, sehr wahr!" riefen die Hofleute erleichtert. Sie rannten zum Stall, suchten das größte und dickste Schwein heraus und brachten es zum König. Der gab das Zeichen, es auf die Brücke zu jagen. Das Schwein musste wohl fühlen, wer drüben wartete; es sträubte sich nach Kräften und wich vor der Brücke zurück.

Die Höflinge schämten sich, dass sie sich wie Schweinehirten abplagen mussten, und waren der Bettlerin dankbar, als sie ihnen aus der Verlegenheit half. Sie erbot sich, das Tier über die Brücke zu treiben, natürlich nicht, um den Herren einen Gefallen zu tun, sondern um zu sehen, was für ein Gesicht der Teufel zog, wenn er statt des erwarteten Menschen etwas anderes bekam.

Und wirklich, es tat ihr nicht leid um die Mühe; der Teufel winselte und verdrehte die Augen. Um ihn noch mehr zu demütigen, sagte sie schmeichelnd zu ihm: "Ärgere dich nicht, Gehörnter, dies Schweinchen ist doch die passende Frau für dich!" Da heulte der Teufel laut auf und wälzte sich vor Wut auf der Brücke. Als er sich ein wenig beruhigt hatte, drohte er der Bettlerin, in der Hölle werde er mit ihr abrechnen.

pixelio.de Der Pechteufel"Da kannst du lange warten!" entgegnete sie. "Mich bekommst du in der Hölle nicht zu Gesicht, was soll ich da? Wie kann ich mit den Zähnen klappern, wenn ich keinen einzigen mehr habe?" Und sie grinste breit, damit er sich ihren zahnlosen Mund genau besehen konnte.

So rettete die schlaue Bettlerin den Baumeister vor dem Verderben. Er gab ihr die versprochenen Dukaten und die Schuhe, und zufrieden mit sich und der Welt wanderte sie zur Kirmes ins Nachbardorf. Der Baumeister aber kehrte mit dem Sack voller Dukaten nach Hause zurück und erzählte seiner Mutter fröhlich, wie die Alte den Teufel hinters Licht geführt hatte.

Bevor der Pechteufel zur Hölle aufbrach, irrte er tagelang durch einsame Gegenden und überlegte, womit er seine Niederlage vor Beelzebub, dem Höllenfürsten, rechtfertigen sollte. Um seinen Herrn milder zu stimmen, beschloss er, einen armen Töpfer zur Sünde zu verleiten, den er bemerkt hatte, als er an einem Dorf vorbeikam.

Der Töpfer wollte gerade zum Jahrmarkt und hatte seine zerbrechliche Ware in einer riesigen Kiepe verstaut. Er verabschiedete sich von Frau und Kindern und bog auf die Landstraße ein, die zur Stadt führte. Der Teufel eilte ihm ein Stück Weg voraus, verwandelte sich in einen Baumstumpf und kauerte sich einen Schritt weit von der Straße nieder. So wartete er auf den Töpfer und meinte, der werde, ermüdet vom schweren Tragen, auf ihm ausruhen wollen.

Des Teufels Erwartungen erfüllten sich, allerdings nur zum Teil. Als der Töpfer den hohen und breiten Baumstumpf erblickte, freute er sich. "Ich will meine Kiepe daraufstellen, und wenn ich ein wenig verschnauft habe, gehe ich weiter", sprach er vor sich hin. Gleich wirst du unbändig schimpfen! frohlockte der Teufel, als der Mann die Kiepe mit den Waren auf ihm absetzte. Einen Augenblick später zerfiel der Stumpf in kleine Stücke, und die Kiepe stürzte auf die Erde. Der arme Töpfer begann zu weinen, als er die zerbrochenen Schüsseln, Krüge, Becher und Teller sah, hatte er doch geglaubt, er könnte sie verkaufen und für das Geld seinen Kindern ein wenig Grütze und Mehl mitbringen. Nun aber musste er mit leeren Händen nach Hause gehen.

Ein anderer an seiner Stelle hätte bestimmt kräftig geflucht. Der Töpfer aber gehörte zu jenen seltenen Menschen, die niemals derbe Worte gebrauchen. Immer, wenn er sich ärgerte oder aufregte, sagte er, wie es seine Gewohnheit war: "Helf Gott!" So wiederholte er auch bei dieser Gelegenheit ein paarmal seine ständige Redensart und zog mit der leeren Kiepe von dannen. Schade, dass er nicht sah, was für eine Miene der Teufel zog, als er die Worte vernahm. Zwar hätte ihm das den Verlust nicht ersetzt, aber wenigstens hätte er sich daran ergötzen können, wie der Schwarze voller Wut mit dem Schwanz auf die eigene Stirn lospeitschte.

pixelio.de Der PechteufelNoch ehe der Töpfer in seine Hütte zurückgekehrt war, stand der Pechteufel vor dem Eingang zur Hölle. Er wollte unbemerkt hineinhuschen und Beelzebubs ersten Zorn in einem abgelegenen Winkel abwarten. Doch seine Gefährten vertrieben ihn vom Höllentor und schalten: "Verschwinde, du Dummkopf, und lass dich nicht wieder blicken, bevor du nicht die Flecke von deiner Ehre getilgt hast. Vor allem aber merk dir eines: Jenem Töpfer musst du den Schaden hundertfach entgelten."

Jammernd schleppte sich der Teufel in das Dorf, wo der Töpfer wohnte. Er klopfte an dessen Hütte und bat ihn um ein Nachtlager. Der Töpfer gab ihm ein Bund Stroh und entschuldigte sich, weil er ihm nichts zu essen anbieten konnte. "Ich selbst hab seit früh nichts im Magen, auch meine Frau und meine Kinder sind hungrig", rechtfertigte er sich. "Auf dem Wege zum Jahrmarkt sind mir alle Gefäße zerbrochen, die ich feilbieten wollte, und ich brachte keinen einzigen Pfennig heim."

Der Teufel legte sich ins Stroh und sann nach, wie er den Schaden ersetzen könnte. Geld hatte er genügend bei sich, aber weil er geizig war, beschloss er, lieber bei dem Töpfer zu arbeiten, bis er mit ihm quitt sei. Als sich der Töpfer bei Tagesanbruch daranmachte, neue Gefäße zu formen, verkündete ihm der Teufel, er kenne sich in derlei Handwerk aus, und bot sich als Gehilfe an. "Du bezahlst mich erst, wenn du die Waren verkauft hast", redete er ihm zu.

"Nun, dann zeig, was du kannst, und helf Gott", erwiderte der Töpfer fröhlich. Den Teufel überlief ein Schauder, als er die verhassten Worte wiederum vernahm, aber er biss sich nur auf die Lippen und machte sich ans Werk. So schnell und geschickt arbeitete er, dass er bis zum Abend den ganzen Tonvorrat verbrauchte, den der Töpfer auf seinem Hof hatte. "Bursche, du hast ja goldene Hände!" sprach der Meister entzückt. "Wenn du mir Ton bringst, schaffe ich morgen noch mehr", versicherte der Teufel.

pixelio.de Der Pechteufel

"Nun, dann müssen wir so viel Ton graben und herbeitragen, dass es für eine Woche reicht, denn früher lass ich dich Teufelskerl nicht weg." versetzte der Töpfer erfreut. Am nächsten Tag bat er den Teufel, ihm beim Graben zu helfen, auf den Hof tragen werde er den Ton dann mit Frau und Kindern. Aber nicht einmal gemeinsam mit den zur Hilfe gerufenen Nachbarn vermochten der Töpfer und seine Familie all den Ton bis zum Abend wegzuschaffen, den der Teufel in wenigen Stunden zutage gefördert hatte. "Ich glaube, nun reichts’s für ein ganzes Jahr!" sagte lachend der Töpfer.

pixelio.de Der PechteufelAuch der Teufel wurde ein bisschen fröhlicher. Dort, wo die Tongrube war, stürzte nämlich der Abhang ein und riss die Dorfschenke mit sich, die oben auf dem Hügel gestanden hatte. Der Wirt kam mit heiler Haut davon, fluchte aber so fürchterlich, dass alle ehrbaren Leute sich die Ohren zuhielten. Der Teufel schrieb sich diese Flüche gut, sah er doch außerdem voraus, dass der Wirt Holz aus dem Wald stehlen würde, um die Schenke wiederaufzubauen.

Da er den Schankwirt zum Fluchen angestiftet hatte und dem Töpfer nichts mehr schuldete, machte er sich zur Hölle auf und meinte, dort gut empfangen zu werden. Unterwegs jedoch begegnete ihm ein anderer Teufel, der gerade zur Arbeit ging. Von ihm erfuhr der Pechteufel, Beelzebub wolle ihm mit eigener Hand das Fell gerben, weil er die Schenke zerstört und damit eine neue Dummheit begangen habe.

"Warum denn?" fragte der Pechteufel verwundert. "Der Wirt hat doch so geflucht, dass zehn Männer es ihm nicht gleichtäten. Außerdem wird er Holz stehlen." "Du Einfaltspinsel!" fuhr in sein Gefährte an. "Ob ein Schankwirt flucht oder nicht, stiehlt oder nicht, schimpft oder nicht, ist ganz egal! Er gehört uns sowieso, weil er Menschen betrunken macht. Wie viele von ihnen aber werden jetzt keinen Branntwein trinken und weniger sündigen, weil die Schenke zerstört ist!"

"Wie soll ich unseren Herrn nur besänftigen?" jammerte der Pechteufel. "Du musst etwas für uns überaus Nützliches tun, aber was, das überleg dir selbst", entgegnete sein Gefährte und eilte davon.

Da verbarg sich der Pechteufel in einem Sumpf, wo niemand ihn finden konnte. Drei Tage und drei Nächte grübelte er, was er vollbringen sollte, um seine Fehler auszulöschen und wieder Ansehen zu gewinnen. Sosehr er sich aber auch anstrengte, es fiel ihm nichts Gescheites ein. Darum beschloss er, alles dem Zufall zu überlassen. Er ging unter die Menschen und hielt eifrig Ausschau nach einem, den er für seine Ziele benutzen könnte.

Einmal, als er länger in einem Dorf verweilte, bemerkte er einen armen Burschen, der, da er keine andere Arbeit fand, das Vieh der Gemeinde hütete. Er war von ungewöhnlicher Anmut, hatte aber ein trauriges Gesicht, was übrigens nicht verwunderte, denn er war eine Waise und besaß kein Stückchen Land, nicht die kleinste Hütte, ja nicht einmal brauchbare Kleidung. Hatte er Arbeit, so schlug er sich kümmerlich durchs Leben, hatte er keine, dann litt er Hunger, und niemanden rührte das.

Der Teufel beobachtete ihn ein Weilchen, und schließlich meinte er, wer so arm sei und soviel Unrecht erfahren habe, den könne man bestimmt zum Bösen verleiten. Einmal flüsterte er ihm ein, er solle das Haus eines Bauern anzünden, der ihn um die Hälfte des Lohnes betrogen hatte, ein andermal, er solle die Knechte erschlagen, die ihn beim Tanz nicht zusehen ließen und ihn vom Fenster vertrieben. Aber all seine Mühe war vergeblich. Der Bursche hörte nicht auf das Geflüster, weil er auf eine seltsame Weise Trost und Ruhe fand: Er spielte auf einer selbstgebauten Geige.

Es war ein armseliges Instrument, doch in der Hand des Burschen brachte es so herrliche Töne hervor, dass man wie trunken davon ward. Selten vernahm jemand den Klang der Geige, der Bursche spielte nur für sich allein, auf freiem Feld. Wer aber die Musik doch einmal hörte, hatte wenig Freude daran, denn der Hirt spielte so traurig, wie sein Leben traurig war.

Nun geschah es , dass der Bursche eines Tages soviel Schmerz, Bitterkeit und Qual erdulden musste wie in seinem ganzen Leben noch nicht. Er hatte sich in die Tochter eines reichen Bauern verliebt. Auch das Mädchen mochte ihn, weil er schön und klug war. Sie konnten sich nur selten und heimlich treffen, er aber träumte Tag und Nacht vom Zusammensein mit ihr, denn er liebte sie von ganzem Herzen.

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Am Morgen jenes Tages war er zum Vater des Mädchens gegangen und hatte um ihre Hand angehalten. Was der Reiche ihm erwiderte, kann man sich leicht denken. Er nannte ihn einen Bettler und Lumpenkerl und warf ihn hinaus. "Nicht für dich ist sie bestimmt, elender Habenichts! Wehe dir, wenn du an meine Tochter auch nur zu denken wagst! Ich gebe sie dem Sohn des alten Blazej. Der Junge ist zwar dumm, aber Geld hat er scheffelweise."

Und als der arme Bursche schon aus dem Tor war, schrie ihm der Bauer noch höhnisch hinterdrein: "Hungerleider, du, ich gäbe sie dir mit Kusshand, wenn du mir ein Maß Dukaten brächtest!" An diesem Tag trieb der Bursche die Viehherde weit hinaus hinters Dorf. Dort überließ er die Tiere sich selbst, setzte sich am Wiesenrain unter einer Weide nieder und weinte. Nach einer Weile zog er die Geige aus der Hirtentasche und begann darauf zu spielen.

pixelio.de Der PechteufelWeil er aber alles spielte, was er erlebt und durchlitten hatte, klang die Geige so traurig, dass der Weidenbaum mitleidig die Zweige zur Erde senkte, während von seinen Blättern Tränen tropften. Selbst der Teufel, der dem Burschen nachgeschlichen war und das Spiel hörte, begann zu schluchzen. Als die Musik verstummt war, wischte sich der Teufel mit dem Schwanz über die Augen. Da kam ihm ein vortrefflicher Gedanke: Er könnte dem Burschen die Geige abkaufen!

Sie klingt so, dass sogar mir, einem Teufel, die Tränen kommen, dachte er. Wie erst werden die Sünder in der Hölle weinen, wenn ich ihnen aufspiele! Schließlich kann ich keine bessere Tat vollbringen, als ihre täglichen Qualen durch diese überaus traurige Musik noch zu vermehren!

Flink verwandelte er sich in einen reichen Edelmann, trat zu dem Burschen und sprach: "Ich habe deine Musik gehört, und sie hat mir gefallen. Wenn du willst, verkauf mir die Geige." "Ich gebe sie nicht her, denn sie ist mein einziger Trost", antwortete der arme Bursche. "Du redest Unsinn", entrüstete sich der Teufel. "Ich zahle dir dafür ein ganzes Maß Dukaten."

Potztausend, ein Maß Dukaten! Gerade soviel fordert doch der Vater meiner Liebsten für ihre Hand! dachte der Bursche erfreut. Aber nachdem er sich den unverhofften Käufer näher besehen hatte, fragte er misstrauisch: "Edler Herr, macht Ihr Euch auch nicht lustig über mich?" "Vertrödle die Zeit nicht mit unnötigem Geschwätz, nimm schnell das Geld und gib mir die Geige, bevor ich’s mir anders überlege", drängte der Teufel und reichte ihm einen prallen Geldbeutel.

Der Bursche griff danach und schüttete die Dukaten heraus. Klimpernd fielen sie in die Hirtentasche, und er vernahm deutlich eine laute Stimme: "Deine Not hat ein Ende! Freue dich, armer Schelm! Du bekommst deine Liebste, sie wird deine Frau!" Er war so glücklich, dass er selbst jene ans Herz gedrückt hätte, die ihm Böses getan. Der Tag war grau und trübe, dem Hirten jedoch schien es, als erblicke er am Himmel gleich mehrere Sonnen.

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Als der Teufel nach der Geige langte, schob er dessen Hand beiseite und sagte, er wolle von ihr erst Abschied nehmen. "Sei’s drum, aber mach rasch", sprach großmütig der Teufel. Der Bursche umfing die Geige, drückte sie ein ums andere Mal an sein vor Freude hüpfendes Herz, küsste sie und flüsterte: "Du hast mich in Kummer und Not getröstet und mir so viel Glück geschenkt, dass ich es mit Worten nicht ausdrücken kann. Singe überall in der Welt von meinem Glück!"

Die Worte des Burschen klangen wie ein heißer Wunsch für alle, die traurig sind und leiden. Was Wunder also, dass sie in die Geige eindrangen und sich fest mit ihr verbanden. Der Teufel nahm das Instrument und eilte, so schnell er konnte, zur Hölle. Ungesehen schlüpfte er in jenen Teil der Unterwelt, wo die Sünder auf besonders ausgesuchte Art gepeinigt wurden.

Gleich will ich euch so zwiebeln, dass ihr vor Schmerzen brüllt und euch windet! dachte er, während er frohgestimmt auf die abgezehrten und vergrämten Sünder blickte. Er zog die Geige unter dem Wams hervor, doch ehe er zu spielen begann, verstopfte er sich die Ohren mit Pech, damit ihn die traurige Musik nicht zum Weinen brächte. Dann spuckte er in die Hände und fuhr mit dem Bogen über die Saiten.

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Er spielte und spielte. Dabei starrte er unentwegt auf die Sünder, um herauszubekommen, wie die Musik auf sie wirkte. Was sie schrien, hörte er nicht, er sah sie nur springen, mit den Armen fuchteln und die Münder bewegen. Oho, meine Musik zwackt sie schon! Sie kreischen und zucken vor Schmerz! dachte der Teufel, während er immer heftiger den Bogen schwang. Und er träumte von der Belohnung, die Beelzebub ihm für seine Findigkeit geben würde.

Auf einmal aber zerplatzten all seine Träume. Er bekam einen gewaltigen Schlag gegen den Kopf, das Pech glitt ihm aus den Ohren. Da merkte er, dass die Sünder gar nicht vor Kummer oder Schmerz hüpften, schrien und mit den Füßen stampften, sondern vor lauter Vergnügen. Das war auch kein Wunder, spielte doch die Geige des Hirten jetzt überaus lustig und froh. Als der Teufel verblüfft den Bogen fallen ließ, umringten ihn die Sünder und flehten: "Spiel weiter, Wohltäter, spiel uns auf! Bis ans Ende der Welt wollen wir dir für die Freude danken, die du uns mit deiner Musik bereitet hast!"

Der Teufel antwortete nicht. Augen und Mund weit aufgerissen, stand er vor dem Höllenfürsten. Der nämlich hatte ihm die Ohrfeige verpasst und überlegte nun wutschnaufend, was er mit dem Pechteufel machen sollte. Eine kurze Weile verging, dann sagte Beelzebub: "Hier ist kein Platz mehr für dich. Geh hinaus in die Welt, den Menschen zum Gespött, und wage dich nie mehr zu uns zurück!" Er brach ihm die Hörner von der Stirn, riss ihm den Schwanz ab und befahl, ihn aus der Hölle zu werfen.

Der Pechteufel schlich davon. Bis heute streift er ruhelos durch die Länder jenseits des großen Ozeans und verbirgt sich vor den Menschen.

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