Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod – ein rumänisches Volksmärchen
Sonntag, Oktober 25th, 2009
Es war einmal ein mächtiger Kaiser, der hatte eine Gemahlin, und beide waren jung und schön. Da sie sich Kinder wünschten, baten sie Heilkundige und Weltweise, ihnen aus dem Lauf der Gestirne zu prophezeien, ob sie Kinder bekommen würden. Doch niemand konnte es ihnen sagen. Eines Tages hörte der Kaiser, dass in einem nahen Dorf ein weiser Alter lebte, und schickte Boten aus, um ihn zu holen; der aber antwortete: "Wer etwas von mir will, soll zu mir kommen."
So brachen denn der Kaiser und seine Gemahlin, begleitet von einigen angesehenen Bojaren, von Kriegern und Hofgesinde auf und begaben sich zum Hause des Alten. Als dieser sie von weitem erblickte, trat er vor die Tür, sie zu empfangen und sagte: "Seid alle willkommen; aber was willst du wissen, Kaiser? Wenn dein Wunsch in Erfüllung geht, wird dir daraus großer Kummer erwachsen."
"Nicht um das zu erfahren, bin ich hier", sagte der Kaiser, "sondern um dich zu fragen, ob du ein Mittel kennst, welches uns zu Kindern verhelfen könnte, und um es von dir zu erbitten." "Ich habe wohl solch ein Mittel, doch sollt ihr nur ein einziges Kind bekommen: den Prinzen Wunderhold, so stark und treu wie Gold, aber ihr werdet seiner nicht froh werden."
Der Kaiser und seine Gemahlin nahmen das Mittel in Empfang, kehrten guten Mutes in ihren Palast zurück, und nach einigen Tagen fühlte die Kaiserin, dass sie ein Kind unter dem Herzen trug. Das ganze Kaiserreich, der ganze Hof und das ganze Hofgesinde freuten sich, als sie davon erfuhren.
Bevor noch die Stunde der Geburt herangekommen war, begann das Kind zu weinen, und kein Heilkundiger vermochte es zu beruhigen. Da versprach der Kaiser ihm alle Glücksgüter der Welt, aber auch dadurch konnte er es nicht zum Schweigen bringen. "Sei still, mein Liebling", sagte der Kaiser, "ich werde dir ein ganzes Kaiserreich schenken. Sei still, mein Sohn, ich werde dir eine schöne und reiche Prinzessin zur Gemahlin geben", und noch vieles andere dieser Art. Da aber das Kind immer noch weinte, sagte er schließlich zu ihm: "Sei still, mein Junge, ich werde dir Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod geben."
Da beruhigte sich das Kind und kam zur Welt; da rührten die Musikanten alsogleich die Trommel und stießen ins Horn, und im ganzen Kaiserreich wurde das freudige Ereignis eine Woche lang gefeiert.
Der Knabe wuchs heran und wurde immer klüger und kühner. Die Eltern ließen ihn alle Schulen besuchen und gaben ihm die größten Weisen zu Lehrer, und was andere Kinder in einem Jahre lernten, das erlernte er in einem Monat, so dass der Kaiser sich vor Freude nicht zu fassen wusste. Das ganze Reich war stolz darauf, dass es einen Herrscher haben werde, so weise und reich wie König Salomo.
Es kam aber eine Zeit, da sich das Gemüt des Prinzen verdüsterte, er wurde schwermütig und nachdenklich. Als er das fünfzehnte Lebensjahr vollendet hatte und der Kaiser, umgeben von allen Bojaren und vom Hofgesinde, tafelte, erhob sich Prinz Wunderhold und sagte: "Vater, es ist an der Zeit, mir das zu geben, was du mir bei meiner Geburt versprochen hast."
Bei diesen Worten wurde der Kaiser sehr traurig und antwortete ihm: "Alles was recht ist, mein Sohn, aber wie kann ich dir eine so unerhörte Gabe beschaffen? Wenn ich sie dir damals versprach, so geschah es nur, um dich zu beruhigen." "Wenn du mir dies nicht geben kannst, Vater, so muss ich die ganze Welt durchwandern, bis ich finde, was mir verheißen wurde."
Da fielen alle Bojaren und der Kaiser auf die Knie und baten ihn, das Reich nicht zu verlassen, "denn", sagten die Bojaren, "dein Vater ist schon alt, wir werden dich auf den Thron erheben und dir die allerschönste Prinzessin von der Welt zur Gemahlin geben." Allein es war nicht möglich, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, fest wie ein Fels beharrte er auf seinem Entschluss. Als sein Vater dies sah, ließ er ihm den Willen und gab Auftrag, Mundvorrat und alles sonst Nötige für den Weg vorzubereiten.

Darauf ging der Prinz Wunderhold in die kaiserlichen Marställe, wo sich die schönsten Hengste des ganzen Reiches befanden, um sich einen auszuwählen; sobald er aber das eine oder das andere Tier nur anfasste und am Schweif zog, fiel es um, und so stürzten schließlich alle Pferde zu Boden. Zu guter Letzt ließ er seine Blicke noch einmal durch den Stall wandern. Da gewahrte er in einer Ecke ein rotzkrankes, mit Geschwüren bedecktes, mageres Pferd und packte es am Schweif.
Augenblicklich wandte es den Kopf und fragte: "Was befiehlst du, Gebieter?" Es stemmte seine Hufe fest auf die Erde und stand kerzengerade da. Nun erklärte ihm Prinz Wunderhold, was er vorhabe, und das Pferd sagte: "Um auszuführen, was du im Sinne hast, musst du von deinem Vater das Schwert, den Speer, den Bogen, den Köcher mit den Pfeilen und die Gewänder verlangen, die er als Jüngling getragen hat; mich aber musst du sechs Wochen lang mit eigener Hand betreuen und mich mit in Milch gekochter Gerste füttern."
Als der Prinz, wie das Pferd es ihm geraten, von seinem Vater diese Dinge verlangte, ließ der Kaiser den Schatzmeister kommen und befahl ihm, alle Truhen zu öffnen, damit sein Sohn sich auswählen könne, was ihm gefiel. Nachdem Prinz Wunderhold drei Tage und drei Nächte lang in diesen Truhen gewühlt hatte, fand er schließlich auf dem Boden einer alten Kiste das Gewand seines Vaters, das er in seinen Jünglingsjahren getragen, sowie auch die Waffen; doch diese waren verrostet. Er machte sich daran, sie eigenhändig zu säubern, und nach sechs Wochen waren sie schließlich spiegelblank.
Derweilen betreute er auch das Ross nach dessen Wunsch. Als Prinz Wunderhold dem Pferde sagte, dass Gewand und Waffen blitzsauber bereitlagen, schüttelte es sich einmal, und seine Krankheit, alle Schwären fielen von ihm ab: es stand gesund da, genauso, wie seine Mutter es geboren, ein kräftiges, wohlgestaltetes Ross mit vier Flügeln; Prinz Wunderhold aber sagte zu ihm: "In drei Tagen brechen wir auf." "Recht so, mein Gebieter! Ich bin bereit", antwortete das Pferd.
Am dritten Tage, frühmorgens, war der ganze Kaiserhof und das ganze Kaiserreich von Trauer erfüllt. Prinz Wunderhold, gerüstet wie ein Recke, das Schwert in der Hand, saß auf dem Pferd, das er sich erwählt hatte, und nahm Abschied vom Kaiser, von der Kaiserin, von den großen und den kleinen Bojaren, von den Kriegern und von dem ganzen Hofgesinde. Alle baten ihn mit Tränen in den Augen, von seinem Vorhaben abzustehen, es könnte ihn ins Verderben führen.
Er aber gab dem Pferd die Sporen und flog wie der Wind zum Tor hinaus; es folgten ihm die Wagen mit dem Mundvorrat und dem Gelde sowie an die zweihundert Krieger, die ihn auf Geheiß des Kaisers begleiteten.
Nachdem Prinz Wunderhold die Grenze des väterlichen Reiches überschritten hatte und in eine öde Gegend gekommen war, verteilte er alles, was er besaß, unter die Krieger, verabschiedete sich von ihnen und schickte sie heim; für sich behielt er nur so viel Mundvorrat, als das Pferd zu tragen vermochte. Er zog dann gen Osten, drei Tage und drei Nächte ritt er, schließlich gelangte er zu einer weiten Ebene, wo eine Menge Menschenknochen herumlagen.

Als er anhielt, um zu rasten, sagte das Pferd: "Wisse, mein Gebieter, dass wir uns hier auf dem Besitztum einer sehr arglistigen Hexe befinden; jeder, der ihren Grund und Boden betritt, muss sterben. Jetzt ist sie bei ihren Kindern; doch morgen werden wir ihr im Walde, den du vor dir siehst, begegnen, sie wird kommen, um dich zu verderben. Riesengroß ist sie, erschrick aber nicht vor ihr. Halte nur den Bogen bereit, um auf sie zu schießen, und ebenso das Schwert und die Lanze, um dich im Notfall zu wehren."
Am nächsten Tag, als der Morgen graute, schickten sie sich an, den Wald zu durchqueren. Prinz Wunderhold zäumte das Pferd, sattelte es, zog den Sattelgurt fester an als gewöhnlich und brach auf. Plötzlich hörte er ein furchtbares Getöse. Da sagte ihm das Pferd: "Pass auf, mein Gebieter, dort kommt die Hexe!" Sie stürmte so wild heran, dass sie die Bäume auf ihrem Weg entwurzelte. Doch das Pferd schwang sich wie der Wind empor, bis es über ihr war, und Prinz Wunderhold schoss ihr mit einem Pfeil einen Fuß ab. Als er sich anschickte, einen zweiten Pfeil abzuschnellen, rief sie: "Halt ein, Prinz Wunderhold, ich tu dir nichts zuleide!"

Und da sie merkte, dass er ihr nicht glaubte, schrieb sie es hin mit ihrem eigenen Blute. "Möge dir dein Pferd erhalten bleiben", sagte sie dann, "denn es ist ein Zauberpferd; wäre es nicht gewesen, hätte ich dir den Garaus gemacht; so aber hast du mich besiegt. Denn wisse! Bis auf den heutigen Tag hat es kein Sterblicher gewagt, meine Grenzen zu überschreiten und bis hierher vorzudringen. Einige tollkühne Narren sind kaum bis zur Ebene gekommen, wo du das viele Gebein gesehen hast."
Sie gingen in ihre Behausung, und die Hexe bewirtete den Prinzen Wunderhold aufs beste. Bei Tisch aber, wo sie den Speisen und den Getränken nach Herzenslust zusprachen, stöhnte die Hexe vor Schmerz. Da zog der Prinz ihren Fuß aus seinem Quersack und setzte ihn ihr wieder ein. Alsbald heilte die Wunde. Vor Freude bewirtete ihn die Hexe drei Tage lang und bat ihn, sich eine von ihren drei Töchtern, die schön waren wie Feen, zur Gemahlin zu wählen. Er aber wollte davon nichts wissen und sagte ihr offen, was er suchte.
Da erwiderte sie ihm: "Mit deinem Pferde und bei deiner Tapferkeit, glaube ich, wird dir alles gelingen." Nach drei Tagen brach Prinz Wunderhold auf. Er ritt und ritt, doch der Weg schien immer länger zu werden. Als er endlich das Gebiet der Hexe verlassen hatte, gelangte er auf eine schöne Wiese, deren eine Hälfte mit saftigem, deren andere Hälfte aber mit dürrem Grase bedeckt war.
Da fragte er das Pferd, warum das Gras verdorrt sei, und es antwortete ihm: "Hier sind wir auf dem Grund und Boden einer Unholdin, einer Schwester der Hexe; böse wie die beiden sind, vertragen sie sich nicht und können nicht zusammen hausen. Sie leben in einer furchtbaren, ja tödlichen Feindschaft. Die eine will der anderen ihren Boden rauben. Wenn die Unholdin sehr zornig ist, speit sie Pech und Feuer. Offenbar ist sie wieder mit ihrer Schwester in Streit geraten und hat, um diese von ihrem Besitztum zu vertreiben, das Gras versengt. Sie ist noch böser als ihre Schwester und hat drei Köpfe. Wir wollen ein wenig ruhen, mein Gebieter, und morgen in aller Frühe bereit sein!"
Am nächsten Tage rüsteten sie sich zum Kampfe wie vor der Begegnung mit der Hexe und brachen auf. Plötzlich vernahmen sie ein grässliches Geheul und Gebrause. "Halte dich bereit, mein Gebieter, schau, dort kommt das Scheusal, die Unholdin!" Die Unholdin stob, aus ihrem klaffenden Rachen Flammen speiend, rasch wie der Wind heran. Das Pferd jedoch schwang sich blitzschnell empor, bis es schräg über ihr war. Wunderhold schoss einen Pfeil ab und trennte einen ihrer Köpfe vom Rumpf. Als er sich anschickte, auch den zweiten abzuschießen, beschwor sie ihn mit Tränen in den Augen, ihr zu vergeben; sie wolle ihm nichts Böses antun. Damit er es glaube, schrieb sie es hin mit eigenem Blute.

Die Unholdin bewirtete ihn noch reichlicher als die Hexe; er gab ihr den Kopf zurück, und dieser wuchs wieder an. Nach drei Tagen zog Prinz Wunderhold weiter.
Nachdem er auch das Gebiet der Unholdin verlassen hatte, ritt er und ritt und ritt, bis er schließlich zu einer Wiese gelangte, auf der viele, viele Blumen wuchsen und ewiger Frühling herrschte. Jede einzelne Blume war von besonderer Schönheit und duftete süß und betäubend. Ein lindes Lüftchen wehte wie ein Hauch über die Wiese.
Hier machten sie Halt, um auszuruhen, das Pferd aber sprach: "Bis jetzt haben wir alle Fährnisse schlecht und recht überstanden; allein wir müssen noch ein Hindernis überwinden; es droht uns eine große Gefahr. Vor uns, nicht weit von hier, befindet sich der Palast wo Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod wohnt. Dieser Palast ist von einem hohen, dichten Wald umgeben, in dem die wildesten Raubtiere der Welt hausen; Tag und Nacht hüten sie das Gebäude, ohne je zu schlafen, und es gibt ihrer unendlich viele. Mit ihnen zu kämpfen ist unmöglich; den Wald zu durchqueren, das übersteigt unsere Kräfte. Wir müssen versuchen, über ihn hinwegzuspringen, vielleicht gelingt es uns."
Nachdem sie etwa zwei Tage gerastet hatten, rüsteten sie sich wieder zum Aufbruch; da sagte das Pferd mit angehaltenem Atem: "Mein Gebieter, zieh den Sattelgurt so fest an wie du nur kannst, halt dich gut in den Steigbügeln und klammere dich an meine Mähne; deine Beine musst du eng an meinen Leib pressen, damit du mich beim Flug nicht behinderst."
Prinz Wunderhold schwang sich in den Sattel, um einen Versuch zu machen, und einen Augenblick später war er ganz dicht vor dem Wald. "Mein Gebieter", fügte das Pferd noch hinzu, "jetzt ist die zeit, da die Tiere des Waldes ihr Futter bekommen und sie alle im Hof versammelt sind. Drum lass uns jetzt den Wald überfliegen!"
"Wohlan", antwortete der Prinz. Sie stiegen auf, da erblickten sie auch schon den Palast, und schöner auf der Welt war nichts, auch nicht der Glanz des Sonnenlichts. Sie überflogen den Wald, und als sie vor der Treppe des Palastes zu Boden gleiten wollten, streifte das Pferd mit einem Bein ganz unmerklich den Wipfel eines Baumes. Da geriet der ganze Wald in Bewegung; die Tiere heulten, dass einen der kalte Graus packte. Prinz Wunderhold und sein Pferd ließen sich eilends herunter, und wäre die Herrin des Palastes nicht draußen gewesen, um die lieben Kleinen – so nannte sie die Raubtiere - zu füttern, hätten diese Ross und Reiter gewiss zerfleischt.
Eher aus Freude darüber, dass sie gekommen waren, als um ihnen Gutes zu erweisen, rettete die Herrin des Palastes sie, denn sie hatte noch nie vorher einen Menschen gesehen. Sie beschwichtigte die Raubtiere, und schickte sie wieder in den Wald. Die Herrin war eine hohe, schlanke, liebliche, eine über alle Maßen schöne Fee. Als Prinz Wunderhold sie erblickte, blieb er starr vor Staunen stehen. Sie aber sah ihn mitleidig an und sagte: "Willkommen, Prinz Wunderhold! Was suchst du hier?" "Ich suche", sagte er, "Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod."

"Wenn dem so ist, so bist du am rechten Orte." Da stieg er vom Pferde und trat in den Palast. Dort fand er noch zwei andere Frauen vor, die beide gleich jung zu sein schienen, es waren die älteren Schwestern der Fee. Dieser dankte er für seine Rettung. Die Frauen aber tischten vor Freude ein herrliches Mahl auf, und zwar in Gefäßen aus purem Gold. Das Pferd ließ der Prinz frei weiden, wo es ihm beliebte; dann schlossen die beiden Gäste mit den Raubtieren Bekanntschaft, so dass sie sorglos im Walde umherstreichen konnten.
Die Feen baten den Prinzen, fortan bei ihnen zu bleiben, sie hätten es satt, immer allein zu sein. Er ließ sich das nicht zweimal sagen und nahm dankbar an, denn gerade dies hatte er sich gewünscht.
Allmählich gewöhnten sie sich aneinander, und er erzählte den Feen seine Geschichte und was ihm alles widerfahren, ehe er zu ihnen gekommen war. Nach kurzer Zeit nahm er die jüngste Fee zur Gemahlin. Bei der Hochzeit erteilten ihm die Herrinnen die Erlaubnis, alle Orte der Umgebung nach Belieben aufzusuchen, nur ein bestimmtes Tal, das sie ihm zeigten, solle er meiden, sonst würde es ihm übel ergehen. Und sie sagten ihm auch, dass man es Tal der Tränen nenne.
So lebte er selbstvergessen lange Zeit dort, ohne darüber nachzudenken wie lange, da er immer so jung blieb wie bei seiner Ankunft. Er streifte furchtlos durch den Wald und weilte voller Lust in den Räumen des prunkvollen Palastes; er lebte in Frieden und Eintracht mit seiner Gattin und mit seinen Schwägerinnen; er freute sich an der Schönheit der Blumen und an der milden Frische der Luft, er war vollkommen glücklich. Sehr oft ging er auf die Jagd.

Allein eines Tages, da er einen Hasen verfolgte, schoss er einen, schoss er zwei Pfeile ab, ohne ihn zu treffen; ärgerlich jagte er ihm nach und schoss auch den dritten Pfeil ab; dieser verfehlte sein Ziel nicht. Doch in seinem Eifer hatte der unglückselige Prinz Wunderhold nicht gemerkt, dass er bei der Verfolgung des Hasen ins Tal der Tränen geraten war.
Er hob den Hasen auf und kehrte heim; und da, ob ihr’s glaubt oder nicht, überkam ihn plötzlich die Sehnsucht nach seinem Vater und nach seiner Mutter. Er wagte es nicht, sich den Feen anzuvertrauen, aber sie sahen ihm seine Traurigkeit und Unruhe an. "Unseliger, du bist im Tale der Tränen gewesen!" sagten sie sehr erschrocken.
"So ist es, meine Lieben; ohne zu wollen, habe ich diese Torheit begangen, und jetzt vergehe ich vor Sehnsucht nach meinen Eltern. Allein ich kann es auch nicht übers Herz bringen, euch zu verlassen. Ich lebe nun schon so lange bei euch und habe keinen Grund zur Klage. So will ich denn nur fortreiten, um meine Eltern nochmal zu sehen, und dann kehre ich zurück und bleibe für immer bei euch."
"Verlass uns nicht, Geliebter; deine Eltern sind schon seit vielen hundert Jahren tot, und wir fürchten, dass auch du, wenn du fortgehst, nicht mehr zurückkehrst. Bleib bei uns! Das Herz sagt uns, dass du zugrunde gehen wirst."
Weder die Bitten der drei Feen noch die seines Pferdes vermochten ihn von seinem Vorhaben abzubringen, da ihn die Sehnsucht nach seinen Eltern verzehrte. Schließlich sprach das Pferd zu ihm: "Willst du nicht auf mich hören, mein Gebieter, so trage ich dich zurück. Sobald wir aber zum Palast deines Vaters kommen, setze ich dich ab und kehre um, selbst wenn du auch nur eine einzige Stunde verweilen willst."
"Ich bin’s zufrieden", antwortete Prinz Wunderhold. Sie rüsteten sich für den Weg, umarmten die Feen, und nachdem sie Abschied genommen hatten, brachen sie auf. Die Feen sahen ihnen seufzend und mit Tränen in den Augen nach. Sie kamen in die Gegend, wo einst das Gebiet der Unholdin gewesen war. Dort fanden sie Städte, die Wälder hatten sich in fruchtbare Felder verwandelt. Die beiden fragten nach der Unholdin und ihrer Behausung, doch die Leute antworteten, ihre Großväter hätten von deren Urahnen wohl solch dummes Zeug gehört.
"Wie ist das nur möglich?" rief Prinz Wunderhold, "vor kurzem erst bin ich hier vorbeigekommen." Und er erzählte ihnen alles, was er wusste. Die Bewohner des Landes lachten ihn aus wie einen, der irre redet oder im Wachen träumt, er aber war bestürzt und zog weiter, ohne zu merken, dass sein Bart und sein Haar weiß geworden waren.
Als er zum Besitztum der Hexe kam, stellte er die gleichen Fragen wie auf dem Gebiet, das der Unholdin gehört hatte, und bekam ähnliche Antworten. Er konnte nicht begreifen, wie diese Gegenden sich in wenigen Tagen so sehr verändert hatten, und verstört zog er weiter. Sein weißer Bart reichte ihm jetzt bis zum Gürtel, und er spürte ein Zittern in den Beinen. So gelangte er schließlich in das Reich seines Vaters. Hier fand er andere Menschen und andere Städte, alles hatte sich so verändert, dass er nichts mehr erkannte.
Endlich gelangte er zum Palast, wo er zur Welt gekommen war. Er stieg ab, und sogleich küsste das Pferd ihm die Hand und sagte: "Leb wohl, mein Gebieter, ich kehre dorthin zurück, woher wir gekommen sind. Willst du mit, so schwing dich augenblicklich in den Sattel und lass uns aufbrechen!"
"Zieh getrost deines Weges; auch ich hoffe bald zurückzukehren." Da schoss das Pferd wie ein Pfeil davon. Als der Prinz den verfallenen und von Unkraut überwucherten Palast sah, seufzte er schwer, und mit Tränen in den Augen suchte er sich in Erinnerung zu rufen, wie prächtig das Gebäude einst gewesen und wie er darin seine Kindheit verbracht hatte. Er ging mehrmals durch den Palast, durchsuchte jeden Raum, jedes Eckchen, das ihn an vergangen Zeiten erinnerte, auch den Marstall, wo er sein Pferd gefunden hatte; schließlich stieg er in den Keller hinab, dessen Eingang von Mauertrümmern fast verschüttet war.
Als er so suchte – sein weißer Bart hing ihm bis zu den Knien, die Augenlider wurden ihm schwer und seine Füße trugen ihn kaum noch – stieß er auf eine morsche Truhe. Er öffnete sie, aber sie war leer, da hob er den Deckel eines Innenfachs, und eine dünne, zittrige Stimme sagte: "Willkommen! Hättest du noch länger gesäumt, so wäre auch ich zugrundegegangen."

Und sein Tod, der schon ganz zusammengeschrumpft und krumm wie ein Haken im Kästchen lag, versetzte ihm einen solchen Schlag, dass Prinz Wunderhold tot zu Boden fiel und zu Staub wurde.
(Petre Ispirescu, 1830 – 1887)
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Doch siehe da, im Alter erbarmte sich das Schicksal und schenkte ihm ein wohlgeratenes Kind; wer diesen Knaben je erblickt hatte, der konnte ihn nimmermehr vergessen. Der Kaiser gab ihm den Namen Aleodor. Zur Taufe lud er Gäste von Süd und Nord, von Ost und West, alle sollten an seiner Freude teilhaben. Drei Tage und Nächte dauerte das Fest, man aß und trank und vergnügte sich aufs beste; wer mit dabei war, der vergaß es sein Lebtag nicht.

Wer vermag zu sagen, wie viele Tage er ging? Schließlich gelangte er doch zu Kaiser Grünbarts Palast. Aleodor stellte sich an die Pforte und wartete; irgendwer würde sich schon zeigen und ihn nach seinem Begehr fragen. Er stand einen Tag, stand zwei Tage da, nach seinen Wünschen fragte ihn niemand.
Als die Prinzessin am nächsten Morgen aufstand, griff sie nach ihrem Fernrohr und spähte in alle Richtungen. Sie sah den Burschen nirgends. Während sich die anderen Freier im Keller, hinter Häusern und Strohmieten oder in einer verlassenen Höhle versteckt hatten, verbarg Aleodor sich so gut, dass Grünbarts Tochter an ihrem Sieg zu zweifeln begann. Endlich schaute sie durch das Fernglas ins Meer und entdeckte den Freier, von anderen kleinen Karpfen umringt, auf dem Grunde des Meeres. Sie besaß eben ein Wunderfernrohr.
Im Handumdrehen war sie da. Sie ließ sich erzählen, worum es ging, dann sprach sie:
Dann zogen sie zu zweit weiter. Nachdem sie Rast gehalten und vom Mundvorrat gegessen hatten, legte Aleodor seinen Kopf in den Schoß der Prinzessin und schlief ein. Sie konnte sich gar nicht an ihm sattsehen, so sehr gefiel ihr der schöne und stattliche Bursche. Und da folgte sie eben ihrem Herzen und küsste ihn. Aleodor aber erwachte und gab ihr eine so schallende Ohrfeige, dass man es bis ins nächste Dorf hörte.
Wenn die beiden Mädchen abends im Dorf in die Spinnstube gingen, spann die Tochter des alten Mannes nicht lange, sondern spann ein ganzes Sieb voll Spindeln, die Tochter der Alten aber brachte es mit schwerer Mühe bis zu einer Spindel. Kamen aber beide Mädchen spät nachts nach Hause, so hüpfte die Tochter der Alten schnell über den Zauntritt und erbot sich, der Tochter des alten Mannes das Sieb mit den Spindeln zu halten, bis auch sie hinübergesprungen sei. Dann nahm die Tochter der Alten hinterhältig, wie sie war, das Sieb und den Rocken, lief ins Haus zur Alten und zum Alten und behauptete, sie habe diese Spindeln gesponnen.
Der Alte war ein Tölpel oder wie ihr ihn eben nennen wollt, er gehorchte ihr und was sie sagte, galt ihm für heilig. Wäre es nach seinem Herzen gegangen, so hätte der arme Greis vielleicht manchmal etwas gesagt, aber jetzt krähte in seinem Haus die Henne, und der Hahn hatte nichts mehr zu sagen. Und hätte er es gar gewagt, sich etwas zu viel herauszunehmen, so hätten ihn die Alte und ihre Tochter mit Verwünschungen überschüttet.
Sie war nicht eben weit gegangen, siehe, da erblickte sie einen schönen Birnbaum in voller Blüte, der aber ganz von Raupen bedeckt war. Als der Birnbaum das Mädchen sah, rief er:
Dennoch verzagte sie nicht, sondern ging immer geradeaus, bis sie eines frühen Morgens, als sie durch einen dunklen Wald zog, auf eine wunderschöne Lichtung stieß, und auf dieser Lichtung erblickte sie ein Haus, das von grauen Weiden mit lang herabhängenden Zweigen beschattet war. Als sie sich diesem Haus näherte, siehe, da empfing sie voll Sanftmut eine alte Frau und sprach:
Als sie ihres Weges dahinschritt, fand sie den Backofen, den sie ausgebessert hatte, voll schön aufgegangener und braungebackener Pfannkuchen. Das Mädchen aß davon, und aß sich satt, dann nahm sie einige als Wegzehrung mit und machte sich wieder auf den Weg. Ein Wegstück weiter fand sie den Brunnen, den sie gereinigt hatte, bis an den Rand voll tränenklaren, süßen und eiskalten Wassers. Auf dem Brunnenkranz standen zwei silberne Becher, aus denen sie trank, bis sie sich erfrischt hatte. Dann nahm sie die Becher zu sich und setzte den Weg fort.
Auch sie begegnete dem abgemagerten, kranken Hündchen. Auch sie gelangte zum Birnbaum voller Raupen, zum verschlammten, ausgetrockneten, verlassenen Brunnen und zum unbeworfenen Backofen, der fast zusammenstürzte. Doch als das Hündchen, der Birnbaum, der Brunnen und der Backofen sie baten sich ihrer anzunehmen, antwortete sie verärgert und höhnisch: 
Als sie vor dem Birnbaum anlangte, hingen an ihm die Birnen so dicht, als hätte man sie mit der Schaufel aufgehäuft, aber glaubt ihr, dass es dem Mädchen vergönnt war, auch nur eine zu kosten? Nein, denn der Birnbaum streckte sich tausendmal höher als er vorher gewesen, so dass seine Zweige in die Wolken reichten, und so blieb denn der Tochter der Alten nichts anderes übrig, als sich den Mund zu wischen.

Als er schon ziemlich alt war, schenkte Gott ihm einen Sohn. Ihr könnt euch das Glück des Kaisers, der endlich einen Thronerben sein eigen nannte, kaum vorstellen. Alle Nachbarkaiser schickten ihm Geschenke, sie freuten sich, dass er, der ihnen so oft mit Rat und Tat geholfen, endlich einen Sohn hatte.

Sie pflegte die Hühner und das andere Geflügel auf das beste, die Steigen hielt sie so sauber, dass bald alle Welt davon sprach. Fast täglich erzählte die Kaiserin ihrem Gemahl von der Tüchtigkeit dieses jungen, aber armen Mädchens. sie dachte auch daran, auf irgendeine Weise das Glück der Hühnermagd begründen zu helfen. Da der Prinz immer wieder so viel Gutes von der Geflügelhüterin hörte, wollte er wissen, wie sie ausschaute, und als die Kaiserin einmal in den Geflügelhof ging, um nach dem Rechten zu sehen, begleitete er sie.
Der Kaiser kehrte mit den Seinen nach Hause zurück. Seit diesem Tage aber siechte der Sohn zusehends dahin, und niemand wusste, warum. Man munkelte wohl, dass er in eine Fee verliebt sei, doch er stritt es ab, wollte es nicht wahrhaben. Heilkünstler und Sterndeuter versammelten sich um ihn, und keiner wusste Rat. Einige glaubten, er sei behext worden.
Doch sie habe sich als Hühnermagd verdingt, sie wollte ihm nahe sein, und alles sei aus Liebe geschehen.
Da begab sich auch der Jüngste auf die Wanderschaft. Er zog durch die ganze Welt, endlich gelangte er zu dem großen Walde, über dem der Pfeil niedergegangen war. Der Prinz tastete sich mit Müh und Not durch das Dickicht, er fand schließlich den Baum, in dem der Pfeil steckte. Es war ein hoher, dicker und sehr alter Baum, er stand wohl seit Erschaffung der Welt hier.
Was aber gewahrte er am nächsten Morgen? Eine so wunderschöne Fee lag neben ihm im Bett, dass es ihm die Rede verschlug und er seinen Augen nicht traute; vor dem Bett aber saßen sechs Sklavinnen, eine schöner als die andere. In einem Winkel der Kammer entdeckte er sieben übereinandergeworfene Eulenhäute.
Den jüngsten Prinzen ritt der Teufel. Er verließ die Tafel, ging in seine Kammer, nahm die Eulenhäute und warf sie ins Feuer, dann kehrte er zurück und setzte sich wieder zu Tisch. Plötzlich wurden die Hochzeitsgäste unruhig, denn eine der Sklavinnen hatte ausgerufen: 
Die Teufel begannen sogleich zu laufen, was das Zeug hält, jeder rannte auf einen anderen Berg zu. Währenddessen hatte der Prinz Zeit genug, in die Bundschuhe zu schlüpfen, die Lammfellmütze aufzusetzen und die Peitsche in die Hand zu nehmen. Als die drei Teufel die Gipfel der Berge erklommen hatten und auf das Zeichen warteten, ließ unser Held vor jedem dreimal die Peitsche knallen, und sie erstarrten sogleich zu Stein.
Es dämmerte schon, und er hätte sich gern zu erkennen gegeben. Als die Fee zu Tisch gebeten wurde, ging er ihr nach und nahm zwischen ihr und dem Kind Platz. Speisen wurden aufgetragen. Er aß wie ein hungriger Wolf, hatte er doch wer weiß wie lange nichts Gesottenes mehr vorgesetzt bekommen. Die Fee wunderte sich, dass die Gerichte augenblicklich verschwanden, sie ließ nochmals davon auftragen, und wieder leerten sich die Schüsseln im Handumdrehn.
"Wir waren verwunschen, es war uns bestimmt zu leiden", 
"Mein Kind, wie liebst du mich?" 

Nichts nahm sie aus dem Vaterhaus mit als ein altes abgetragenes Kleid, darin zog sie von Dorf zu Dorf, bis sie schließlich zum Hof eines anderen Kaisers gelangte. Dort stellte sie sich an das Tor. Die Beschließerin hieß sie nähertreten und fragte sie, was sie denn hier suche. Da antwortete die Prinzessin, sie sei ein armes Waisenkind und wolle sich, wenn es irgend möglich sei, verdingen.

Viele Gäste kamen zur Trauung. Dann begannen Spiel und Tanz, den ganzen Tag ging es hoch her, man vergnügte sich aufs beste, wie eben bei einem Hochzeitsfest am Kaiserhof. Abends wurde eine wahrhaft fürstliche Tafel gedeckt, es gab die verschiedenartigsten Speisen und Getränke, so herrliche Pasteten kamen auf den Tisch, dass einem das Wasser im Mund zusammenlief.
Der Gastgeber wurde rot vor Zorn und schickte nach den Köchen. Sie sollten sehen, was sie da angerichtet hatten, und die Schuldigen würde es den Kopf kosten. Wisst ihr schon, wer schuld war? Die Braut hatte für ihren Vater alle Speisen selber gekocht und statt Salz Honig und Zucker hineingetan. Selbst im Salzfass, das vor ihm stand, war gestoßener Zucker. Vergeblich versuchte er, die Gerichte nachzusalzen, doch sooft er sich mit der Messerspitze aus dem Salzfass bediente, wurden sie nur süßer und widerlicher.