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Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod – ein rumänisches Volksmärchen

Sonntag, Oktober 25th, 2009

pixelio.de - Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod

Es war einmal ein mächtiger Kaiser, der hatte eine Gemahlin, und beide waren jung und schön. Da sie sich Kinder wünschten, baten sie Heilkundige und Weltweise, ihnen aus dem Lauf der Gestirne zu prophezeien, ob sie Kinder bekommen würden. Doch niemand konnte es ihnen sagen. Eines Tages hörte der Kaiser, dass in einem nahen Dorf ein weiser Alter lebte, und schickte Boten aus, um ihn zu holen; der aber antwortete: "Wer etwas von mir will, soll zu mir kommen."

So brachen denn der Kaiser und seine Gemahlin, begleitet von einigen angesehenen Bojaren, von Kriegern und Hofgesinde auf und begaben sich zum Hause des Alten. Als dieser sie von weitem erblickte, trat er vor die Tür, sie zu empfangen und sagte: "Seid alle willkommen; aber was willst du wissen, Kaiser? Wenn dein Wunsch in Erfüllung geht, wird dir daraus großer Kummer erwachsen."

"Nicht um das zu erfahren, bin ich hier", sagte der Kaiser, "sondern um dich zu fragen, ob du ein Mittel kennst, welches uns zu Kindern verhelfen könnte, und um es von dir zu erbitten." "Ich habe wohl solch ein Mittel, doch sollt ihr nur ein einziges Kind bekommen: den Prinzen Wunderhold, so stark und treu wie Gold, aber ihr werdet seiner nicht froh werden."

Der Kaiser und seine Gemahlin nahmen das Mittel in Empfang, kehrten guten Mutes in ihren Palast zurück, und nach einigen Tagen fühlte die Kaiserin, dass sie ein Kind unter dem Herzen trug. Das ganze Kaiserreich, der ganze Hof und das ganze Hofgesinde freuten sich, als sie davon erfuhren.

pixelio.de - Jugend ohne Alter und Leben ohne TodBevor noch die Stunde der Geburt herangekommen war, begann das Kind zu weinen, und kein Heilkundiger vermochte es zu beruhigen. Da versprach der Kaiser ihm alle Glücksgüter der Welt, aber auch dadurch konnte er es nicht zum Schweigen bringen. "Sei still, mein Liebling", sagte der Kaiser, "ich werde dir ein ganzes Kaiserreich schenken. Sei still, mein Sohn, ich werde dir eine schöne und reiche Prinzessin zur Gemahlin geben", und noch vieles andere dieser Art. Da aber das Kind immer noch weinte, sagte er schließlich zu ihm: "Sei still, mein Junge, ich werde dir Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod geben."

Da beruhigte sich das Kind und kam zur Welt; da rührten die Musikanten alsogleich die Trommel und stießen ins Horn, und im ganzen Kaiserreich wurde das freudige Ereignis eine Woche lang gefeiert.

Der Knabe wuchs heran und wurde immer klüger und kühner. Die Eltern ließen ihn alle Schulen besuchen und gaben ihm die größten Weisen zu Lehrer, und was andere Kinder in einem Jahre lernten, das erlernte er in einem Monat, so dass der Kaiser sich vor Freude nicht zu fassen wusste. Das ganze Reich war stolz darauf, dass es einen Herrscher haben werde, so weise und reich wie König Salomo.

Es kam aber eine Zeit, da sich das Gemüt des Prinzen verdüsterte, er wurde schwermütig und nachdenklich. Als er das fünfzehnte Lebensjahr vollendet hatte und der Kaiser, umgeben von allen Bojaren und vom Hofgesinde, tafelte, erhob sich Prinz Wunderhold und sagte: "Vater, es ist an der Zeit, mir das zu geben, was du mir bei meiner Geburt versprochen hast."

Bei diesen Worten wurde der Kaiser sehr traurig und antwortete ihm: "Alles was recht ist, mein Sohn, aber wie kann ich dir eine so unerhörte Gabe beschaffen? Wenn ich sie dir damals versprach, so geschah es nur, um dich zu beruhigen." "Wenn du mir dies nicht geben kannst, Vater, so muss ich die ganze Welt durchwandern, bis ich finde, was mir verheißen wurde."

Da fielen alle Bojaren und der Kaiser auf die Knie und baten ihn, das Reich nicht zu verlassen, "denn", sagten die Bojaren, "dein Vater ist schon alt, wir werden dich auf den Thron erheben und dir die allerschönste Prinzessin von der Welt zur Gemahlin geben." Allein es war nicht möglich, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, fest wie ein Fels beharrte er auf seinem Entschluss. Als sein Vater dies sah, ließ er ihm den Willen und gab Auftrag, Mundvorrat und alles sonst Nötige für den Weg vorzubereiten.

pixelio.de - Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod

Darauf ging der Prinz Wunderhold in die kaiserlichen Marställe, wo sich die schönsten Hengste des ganzen Reiches befanden, um sich einen auszuwählen; sobald er aber das eine oder das andere Tier nur anfasste und am Schweif zog, fiel es um, und so stürzten schließlich alle Pferde zu Boden. Zu guter Letzt ließ er seine Blicke noch einmal durch den Stall wandern. Da gewahrte er in einer Ecke ein rotzkrankes, mit Geschwüren bedecktes, mageres Pferd und packte es am Schweif.

Augenblicklich wandte es den Kopf und fragte: "Was befiehlst du, Gebieter?" Es stemmte seine Hufe fest auf die Erde und stand kerzengerade da. Nun erklärte ihm Prinz Wunderhold, was er vorhabe, und das Pferd sagte: "Um auszuführen, was du im Sinne hast, musst du von deinem Vater das Schwert, den Speer, den Bogen, den Köcher mit den Pfeilen und die Gewänder verlangen, die er als Jüngling getragen hat; mich aber musst du sechs Wochen lang mit eigener Hand betreuen und mich mit in Milch gekochter Gerste füttern."

pixelio.de - Jugend ohne Alter und Leben ohne TodAls der Prinz, wie das Pferd es ihm geraten, von seinem Vater diese Dinge verlangte, ließ der Kaiser den Schatzmeister kommen und befahl ihm, alle Truhen zu öffnen, damit sein Sohn sich auswählen könne, was ihm gefiel. Nachdem Prinz Wunderhold drei Tage und drei Nächte lang in diesen Truhen gewühlt hatte, fand er schließlich auf dem Boden einer alten Kiste das Gewand seines Vaters, das er in seinen Jünglingsjahren getragen, sowie auch die Waffen; doch diese waren verrostet. Er machte sich daran, sie eigenhändig zu säubern, und nach sechs Wochen waren sie schließlich spiegelblank.

Derweilen betreute er auch das Ross nach dessen Wunsch. Als Prinz Wunderhold dem Pferde sagte, dass Gewand und Waffen blitzsauber bereitlagen, schüttelte es sich einmal, und seine Krankheit, alle Schwären fielen von ihm ab: es stand gesund da, genauso, wie seine Mutter es geboren, ein kräftiges, wohlgestaltetes Ross mit vier Flügeln; Prinz Wunderhold aber sagte zu ihm: "In drei Tagen brechen wir auf." "Recht so, mein Gebieter! Ich bin bereit", antwortete das Pferd.

Am dritten Tage, frühmorgens, war der ganze Kaiserhof und das ganze Kaiserreich von Trauer erfüllt. Prinz Wunderhold, gerüstet wie ein Recke, das Schwert in der Hand, saß auf dem Pferd, das er sich erwählt hatte, und nahm Abschied vom Kaiser, von der Kaiserin, von den großen und den kleinen Bojaren, von den Kriegern und von dem ganzen Hofgesinde. Alle baten ihn mit Tränen in den Augen, von seinem Vorhaben abzustehen, es könnte ihn ins Verderben führen.

Er aber gab dem Pferd die Sporen und flog wie der Wind zum Tor hinaus; es folgten ihm  die Wagen mit dem Mundvorrat und dem Gelde sowie an die zweihundert Krieger, die ihn auf Geheiß des Kaisers begleiteten.

Nachdem Prinz Wunderhold die Grenze des väterlichen Reiches überschritten hatte und in eine öde Gegend gekommen war, verteilte er alles, was er besaß, unter die Krieger, verabschiedete sich von ihnen und schickte sie heim; für sich behielt er nur so viel Mundvorrat, als das Pferd zu tragen vermochte. Er zog dann gen Osten, drei Tage und drei Nächte ritt er, schließlich gelangte er zu einer weiten Ebene, wo eine Menge Menschenknochen herumlagen.

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Als er anhielt, um zu rasten, sagte das Pferd: "Wisse, mein Gebieter, dass wir uns hier auf dem Besitztum einer sehr arglistigen Hexe befinden; jeder, der ihren Grund und Boden betritt, muss sterben. Jetzt ist sie bei ihren Kindern; doch morgen werden wir ihr im Walde, den du vor dir siehst, begegnen, sie wird kommen, um dich zu verderben. Riesengroß ist sie, erschrick aber nicht vor ihr. Halte nur den Bogen bereit, um auf sie zu schießen, und ebenso das Schwert und die Lanze, um dich im Notfall zu wehren."

Am nächsten Tag, als der Morgen graute, schickten sie sich an, den Wald zu durchqueren. Prinz Wunderhold zäumte das Pferd, sattelte es, zog den Sattelgurt fester an als gewöhnlich und brach auf. Plötzlich hörte er ein furchtbares Getöse. Da sagte ihm das Pferd: "Pass auf, mein Gebieter, dort kommt die Hexe!" Sie stürmte so wild heran, dass sie die Bäume auf ihrem Weg entwurzelte. Doch das Pferd schwang sich wie der Wind empor, bis es über ihr war, und Prinz Wunderhold schoss ihr mit einem Pfeil einen Fuß ab. Als er sich anschickte, einen zweiten Pfeil abzuschnellen, rief sie: "Halt ein, Prinz Wunderhold, ich tu dir nichts zuleide!"

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Und da sie merkte, dass er ihr nicht glaubte, schrieb sie es hin mit ihrem eigenen Blute. "Möge dir dein Pferd erhalten bleiben", sagte sie dann, "denn es ist ein Zauberpferd; wäre es nicht gewesen, hätte ich dir den Garaus gemacht; so aber hast du mich besiegt. Denn wisse! Bis auf den heutigen Tag hat es kein Sterblicher gewagt, meine Grenzen zu überschreiten und bis hierher vorzudringen. Einige tollkühne Narren sind kaum bis zur Ebene gekommen, wo du das viele Gebein gesehen hast."

Sie gingen in ihre Behausung, und die Hexe bewirtete den Prinzen Wunderhold aufs beste. Bei Tisch aber, wo sie den Speisen und den Getränken nach Herzenslust zusprachen, stöhnte die Hexe vor Schmerz. Da zog der Prinz ihren Fuß aus seinem Quersack und setzte ihn ihr wieder ein. Alsbald heilte die Wunde. Vor Freude bewirtete ihn die Hexe drei Tage lang und bat ihn, sich eine von ihren drei Töchtern, die schön waren wie Feen, zur Gemahlin zu wählen. Er aber wollte davon nichts wissen und sagte ihr offen, was er suchte.

Da erwiderte sie ihm: "Mit deinem Pferde und bei deiner Tapferkeit, glaube ich, wird dir alles gelingen." Nach drei Tagen brach Prinz Wunderhold auf. Er ritt und ritt, doch der Weg schien immer länger zu werden. Als er endlich das Gebiet der Hexe verlassen hatte, gelangte er auf eine schöne Wiese, deren eine Hälfte mit saftigem, deren andere Hälfte aber mit dürrem Grase bedeckt war.

Da fragte er das Pferd, warum das Gras verdorrt sei, und es antwortete ihm: "Hier sind wir auf dem Grund und Boden einer Unholdin, einer Schwester der Hexe; böse wie die beiden sind, vertragen sie sich nicht und können nicht zusammen hausen. Sie leben in einer furchtbaren, ja tödlichen Feindschaft. Die eine will der anderen ihren Boden rauben. Wenn die Unholdin sehr zornig ist, speit sie Pech und Feuer. Offenbar ist sie wieder mit ihrer Schwester in Streit geraten und hat, um diese von ihrem Besitztum zu vertreiben, das Gras versengt. Sie ist noch böser als ihre Schwester und hat drei Köpfe. Wir wollen ein wenig ruhen, mein Gebieter, und morgen in aller Frühe bereit sein!"

Am nächsten Tage rüsteten sie sich zum Kampfe wie vor der Begegnung mit der Hexe und brachen auf. Plötzlich vernahmen sie ein grässliches Geheul und Gebrause. "Halte dich bereit, mein Gebieter, schau, dort kommt das Scheusal, die Unholdin!" Die Unholdin stob, aus ihrem klaffenden Rachen Flammen speiend, rasch wie der Wind heran. Das Pferd jedoch schwang sich blitzschnell empor, bis es schräg über ihr war. Wunderhold schoss einen Pfeil ab und trennte einen ihrer Köpfe vom Rumpf. Als er sich anschickte, auch den zweiten abzuschießen, beschwor sie ihn mit Tränen in den Augen, ihr zu vergeben; sie wolle ihm nichts Böses antun. Damit er es glaube, schrieb sie es hin mit eigenem Blute.

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Die Unholdin bewirtete ihn noch reichlicher als die Hexe; er gab ihr den Kopf zurück, und dieser wuchs wieder an. Nach drei Tagen zog Prinz Wunderhold weiter.

Nachdem er auch das Gebiet der Unholdin verlassen hatte, ritt er und ritt und ritt, bis er schließlich zu einer Wiese gelangte, auf der viele, viele Blumen wuchsen und ewiger Frühling herrschte. Jede einzelne Blume war von besonderer Schönheit und duftete süß und betäubend. Ein lindes Lüftchen wehte wie ein Hauch über die Wiese.

pixelio.de - Jugend ohne Alter und Leben ohne TodHier machten sie Halt, um auszuruhen, das Pferd aber sprach: "Bis jetzt haben wir alle Fährnisse schlecht und recht überstanden; allein wir müssen noch ein Hindernis überwinden; es droht uns eine große Gefahr. Vor uns, nicht weit von hier, befindet sich der Palast wo Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod wohnt. Dieser Palast ist von einem hohen, dichten Wald umgeben, in  dem die wildesten Raubtiere der Welt hausen; Tag und Nacht hüten sie das Gebäude, ohne je zu schlafen, und es gibt ihrer unendlich viele. Mit ihnen zu kämpfen ist unmöglich; den Wald zu durchqueren, das übersteigt unsere Kräfte. Wir müssen versuchen, über ihn hinwegzuspringen, vielleicht gelingt es uns."

Nachdem sie etwa zwei Tage gerastet hatten, rüsteten sie sich wieder zum Aufbruch; da sagte das Pferd mit angehaltenem Atem: "Mein Gebieter, zieh den Sattelgurt so fest an wie du nur kannst, halt dich gut in den Steigbügeln und klammere dich an meine Mähne; deine Beine musst du eng an meinen Leib pressen, damit du mich beim Flug nicht behinderst."

Prinz Wunderhold schwang sich in den Sattel, um einen Versuch zu machen, und einen Augenblick später war er ganz dicht vor dem Wald. "Mein Gebieter", fügte das Pferd noch hinzu, "jetzt ist die zeit, da die Tiere des Waldes ihr Futter bekommen und sie alle im Hof versammelt sind. Drum lass uns jetzt den Wald überfliegen!"

"Wohlan", antwortete der Prinz. Sie stiegen auf, da erblickten sie auch schon den Palast, und schöner auf der Welt war nichts, auch nicht der Glanz des Sonnenlichts. Sie überflogen den Wald, und als sie vor der Treppe des Palastes zu Boden gleiten wollten, streifte das Pferd mit einem Bein ganz unmerklich den Wipfel eines Baumes. Da geriet der ganze Wald in Bewegung; die Tiere heulten, dass einen der kalte Graus packte. Prinz Wunderhold und sein Pferd ließen sich eilends herunter, und wäre die Herrin des Palastes nicht draußen gewesen, um die lieben Kleinen – so nannte sie die Raubtiere - zu füttern, hätten diese Ross und Reiter gewiss zerfleischt.

Eher aus Freude darüber, dass sie gekommen waren, als um ihnen Gutes zu erweisen, rettete die Herrin des Palastes sie, denn sie hatte noch nie vorher einen Menschen gesehen. Sie beschwichtigte die Raubtiere, und schickte sie wieder in den Wald. Die Herrin war eine hohe, schlanke, liebliche, eine über alle Maßen schöne Fee. Als Prinz Wunderhold sie erblickte, blieb er starr vor Staunen stehen. Sie aber sah ihn mitleidig an und sagte: "Willkommen, Prinz Wunderhold! Was suchst du hier?" "Ich suche", sagte er, "Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod."

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"Wenn dem so ist, so bist du am rechten Orte." Da stieg er vom Pferde und trat in den Palast. Dort fand er noch zwei andere Frauen vor, die beide gleich jung zu sein schienen, es waren die älteren Schwestern der Fee. Dieser dankte er für seine Rettung. Die Frauen aber tischten vor Freude ein herrliches Mahl auf, und zwar in Gefäßen aus purem Gold. Das Pferd ließ der Prinz frei weiden, wo es ihm beliebte; dann schlossen die beiden Gäste mit den Raubtieren Bekanntschaft, so dass sie sorglos im Walde umherstreichen konnten.

Die Feen baten den Prinzen, fortan bei ihnen zu bleiben, sie hätten es satt, immer allein zu sein. Er ließ sich das nicht zweimal sagen und nahm dankbar an, denn gerade dies hatte er sich gewünscht.

Allmählich gewöhnten sie sich aneinander, und er erzählte den Feen seine Geschichte und was ihm alles widerfahren, ehe er zu ihnen gekommen war. Nach kurzer Zeit nahm er die jüngste Fee zur Gemahlin. Bei der Hochzeit erteilten ihm die Herrinnen die Erlaubnis, alle Orte der Umgebung nach Belieben aufzusuchen, nur ein bestimmtes Tal, das sie ihm zeigten, solle er meiden, sonst würde es ihm übel ergehen. Und sie sagten ihm auch, dass man es Tal der Tränen nenne.

So lebte er selbstvergessen lange Zeit dort, ohne darüber nachzudenken wie lange, da er immer so jung blieb wie bei seiner Ankunft. Er streifte furchtlos durch den Wald und weilte voller Lust in den Räumen des prunkvollen Palastes; er lebte in Frieden und Eintracht mit seiner Gattin und mit seinen Schwägerinnen; er freute sich an der Schönheit der Blumen und an der milden Frische der Luft, er war vollkommen glücklich. Sehr oft ging er auf die Jagd.

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Allein eines Tages, da er einen Hasen verfolgte, schoss er einen, schoss er zwei Pfeile ab, ohne ihn zu treffen; ärgerlich jagte er ihm nach und schoss auch den dritten Pfeil ab; dieser verfehlte sein Ziel nicht. Doch in seinem Eifer hatte der unglückselige Prinz Wunderhold nicht gemerkt, dass er bei der Verfolgung des Hasen ins Tal der Tränen geraten war.

pixelio.de - Jugend ohne Alter und Leben ohne TodEr hob den Hasen auf und kehrte heim; und da, ob ihr’s glaubt oder nicht, überkam ihn plötzlich die Sehnsucht nach seinem Vater und nach seiner Mutter. Er wagte es nicht, sich den Feen anzuvertrauen, aber sie sahen ihm seine Traurigkeit und Unruhe an. "Unseliger, du bist im Tale der Tränen gewesen!" sagten sie sehr erschrocken.

"So ist es, meine Lieben; ohne zu wollen, habe ich diese Torheit begangen, und jetzt vergehe ich vor Sehnsucht nach meinen Eltern. Allein ich kann es auch nicht übers Herz bringen, euch zu verlassen. Ich lebe nun schon so lange bei euch und habe keinen Grund zur Klage. So will ich denn nur fortreiten, um meine Eltern nochmal zu sehen, und dann kehre ich zurück und bleibe für immer bei euch."

"Verlass uns nicht, Geliebter; deine Eltern sind schon seit vielen hundert Jahren tot, und wir fürchten, dass auch du, wenn du fortgehst, nicht mehr zurückkehrst. Bleib bei uns! Das Herz sagt uns, dass du zugrunde gehen wirst."

Weder die Bitten der drei Feen noch die seines Pferdes vermochten ihn von seinem Vorhaben abzubringen, da ihn die Sehnsucht nach seinen Eltern verzehrte. Schließlich sprach das Pferd zu ihm: "Willst du nicht auf mich hören, mein Gebieter, so trage ich dich zurück. Sobald wir aber zum Palast deines Vaters kommen, setze ich dich ab und kehre um, selbst wenn du auch nur eine einzige Stunde verweilen willst."

"Ich bin’s zufrieden", antwortete Prinz Wunderhold. Sie rüsteten sich für den Weg, umarmten die Feen, und nachdem sie Abschied genommen hatten, brachen sie auf. Die Feen sahen ihnen seufzend und mit Tränen in den Augen nach. Sie kamen in die Gegend, wo einst das Gebiet der Unholdin gewesen war. Dort fanden sie Städte, die Wälder hatten sich in fruchtbare Felder verwandelt. Die beiden fragten nach der Unholdin und ihrer Behausung, doch die Leute antworteten, ihre Großväter hätten von deren Urahnen wohl solch dummes Zeug gehört.

"Wie ist das nur möglich?" rief Prinz Wunderhold, "vor kurzem erst bin ich hier vorbeigekommen." Und er erzählte ihnen alles, was er wusste. Die Bewohner des Landes lachten ihn aus wie einen, der irre redet oder im Wachen träumt, er aber war bestürzt und zog weiter, ohne zu merken, dass sein Bart und sein Haar weiß geworden waren.

Als er zum Besitztum der Hexe kam, stellte er die gleichen Fragen wie auf dem Gebiet, das der Unholdin gehört hatte, und bekam ähnliche Antworten. Er konnte nicht begreifen, wie diese Gegenden sich in wenigen Tagen so sehr verändert hatten, und verstört zog er weiter. Sein weißer Bart reichte ihm jetzt bis zum Gürtel, und er spürte ein Zittern in den Beinen. So gelangte er schließlich in das Reich seines Vaters. Hier fand er andere Menschen und andere Städte, alles hatte sich so verändert, dass er nichts mehr erkannte.

pixelio.de - Jugend ohne Alter und Leben ohne TodEndlich gelangte er zum Palast, wo er zur Welt gekommen war. Er stieg ab, und sogleich küsste das Pferd ihm die Hand und sagte: "Leb wohl, mein Gebieter, ich kehre dorthin zurück, woher wir gekommen sind. Willst du mit, so schwing dich augenblicklich in den Sattel und lass uns aufbrechen!"

"Zieh getrost deines Weges; auch ich hoffe bald zurückzukehren." Da schoss das Pferd wie ein Pfeil davon. Als der Prinz den verfallenen und von Unkraut überwucherten Palast sah, seufzte er schwer, und mit Tränen in den Augen suchte er sich in Erinnerung zu rufen, wie prächtig das Gebäude einst gewesen und wie er darin seine Kindheit verbracht hatte. Er ging mehrmals durch den Palast, durchsuchte jeden Raum, jedes Eckchen, das ihn an vergangen Zeiten erinnerte, auch den Marstall, wo er sein Pferd gefunden hatte; schließlich stieg er in den Keller hinab, dessen Eingang von Mauertrümmern fast verschüttet war.

Als er so suchte – sein weißer Bart hing ihm bis zu den Knien, die Augenlider wurden ihm schwer und seine Füße trugen ihn kaum noch – stieß er auf eine morsche Truhe. Er öffnete sie, aber sie war leer, da hob er den Deckel eines Innenfachs, und eine dünne, zittrige Stimme sagte: "Willkommen! Hättest du noch länger gesäumt, so wäre auch ich zugrundegegangen."

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Und sein Tod, der schon ganz zusammengeschrumpft und krumm wie ein Haken im Kästchen lag, versetzte ihm einen solchen Schlag, dass Prinz Wunderhold tot zu Boden fiel und zu Staub wurde.

(Petre Ispirescu, 1830 – 1887)

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Kaiser Aleodor – ein rumänisches Volksmärchen

Dienstag, September 15th, 2009

 

Es war einmal ein Kaiser. Er hatte schon graues Haar und nicht einmal ein einziges Kind. Der Arme verzehrte sich vor Sehnsucht, einen Sohn sein eigen zu nennen, wie andere Leute, wäre der auch noch so kümmerlich geraten. Aber vergebens.

pixelio.de - Kaiser AleodorDoch siehe da, im Alter erbarmte sich das Schicksal und schenkte ihm ein wohlgeratenes Kind; wer diesen Knaben je erblickt hatte, der konnte ihn nimmermehr vergessen. Der Kaiser gab ihm den Namen Aleodor. Zur Taufe lud er Gäste von Süd und Nord, von Ost und West, alle sollten an seiner Freude teilhaben. Drei Tage und Nächte dauerte das Fest, man aß und trank und vergnügte sich aufs beste; wer mit dabei war, der vergaß es sein Lebtag nicht.

Von Jahr zu Jahr wurde der Knabe gewandter und klüger. Die Zeit verstrich, und der Kaiser fühlte sein Ende nahen. Als seine Todesstunde herankam, bat er Aleodor zu sich und sprach: "Geliebter Sohn, mein Leben geht nun zu Ende. Ich weiß, dass du ein berühmter Held werden wirst. Selbst im Grabe werde ich mich an deinen kühnen Taten freuen. Ich muss dich nicht belehren, wie du das Land regieren sollst; du bist klug und wirst dich schon zurechtfinden. Bloß eines will ich dir sagen. Siehst du den Berg da drüben? Lass es dir ja nicht einfallen, dort zu jagen! Dieser Berg gehört einem kleinen Scheusal. Wer sein Gebiet betritt, entgeht der Strafe nicht."

Bei diesen Worten hauchte der Kaiser seine Seele aus.

Es beweinten ihn die Seinen, es beweinten ihn die Bojaren und das Volk; schließlich musste er beerdigt werden.

Als Aleodor seines Vaters Thron bestieg, war er noch sehr jung, doch er regierte wie ein erfahrener Mann. Unter seiner Herrschaft war das Volk zufrieden, alle Menschen priesen sich glücklich, dass sie in jener Zeit leben durften.

Seine freien Stunden verbrachte Aleodor am liebsten auf der Jagd. Doch er vergaß die letzten Worte seines Vaters nie, sie waren ihm heilig. Eines Tages, wer weiß, wie es kam, betrat er, in Gedanken versunken, das Gebiet des Scheusals. Kaum hatte er zehn oder zwanzig Schritte getan, als das Ungetüm auch schon vor ihm stand. Er machte sich nicht viel daraus, dass er ins Reich des Missgestalteten geraten war, doch er hatte seines Vaters letztes Gebot übertreten, und dies verdross ihn.

pixelio.de - Kaiser Aleodor

Das scheußliche Geschöpf sprach zu ihm: "Alle Ruchlosen, die es wagen, mein Gebiet zu betreten, müssen meine Sklaven werden." "Hör mich erst an", antwortete Aleodor, "ich bin aus Unachtsamkeit in dein Reich gelangt und führe nichts Böses im Schilde." "Ich habe eine bessere Meinung von dir gehabt; doch ich sehe, du willst mich um Verzeihung bitten wie alle Feiglinge."

"Ich habe dir die reine Wahrheit gesagt. Und wenn du kämpfen willst, so wähle: Wollen wir mit Degen fechten, uns mit Keulen schlagen oder miteinander ringen?" "Weder das eine noch das andere. Um deiner Strafe zu entgehen, musst du mir Kaiser Grünbarts Tochter bringen."

Aleodor suchte allerlei Ausflüchte: er habe Herrschaftspflichten und keine Zeit für solch eine lange Wanderung, er kenne den Weg nicht, dies und jenes brachte er vor. Aber was half es! Das Scheusal ließ ihn reden und beharrte auf seinem Wunsch. Aleodor möge Kaiser Grünbarts Tochter herbringen, sonst würde er sein Lebtag als Räuber und Eindringling gelten, wehe seiner Haut und seiner Seele!

Aleodor fühlte sich schuldig. Schließlich hatte er, wenn auch ohne zu wollen, ein fremdes Gebiet betreten, und er wusste, dass man einem Wüterich nachgeben muss, um ihn loszuwerden. Zu guter Letzt versprach er dem Scheusal, ihm den Willen zu tun. Dieser wusste, dass auf Aleodor Verlass war und der sein Wort halten würde.

Aleodor zog von dannen. Er dachte und überdachte diese schwierige Aufgabe immer wieder, es lag ihm viel daran, sein Versprechen zu halten; wie er so des Weges ging, gelangte er an das Ufer eines Teiches und sah einen Hecht, der auf dem Trockenen mit dem Tode rang. Er wollte den Fisch packen, um seinen Hunger zu stillen. Der Hecht aber sagte zu ihm: "Töte mich nicht, Märchenprinz, wirf mich lieber ins Wasser zurück, glaube mir, du wirst es nicht bereuen!"

pixelio.de - Kaiser Aleodor

Aleodor gehorchte und warf den Fisch in den Teich. Da sprach der Hecht: "Nimm diese Schuppe, und denkst du an mich, so rette ich dich." Aleodor zog über die Maßen verwundert weiter.

Und siehe da, er begegnete einem Raben, der sich einen Flügel gebrochen hatte. Aleodor wollte den Raben schießen, doch der hub zu sprechen an: "Märchenprinz, Märchenprinz, belaste dein Gewissen nicht mit meinem Tod, binde mir lieber den kranken Flügel fest, du wirst es nicht bereuen."

Aleodor tat, wie ihm geheißen, war er doch ein tapferer und rechtschaffener Jüngling; als er den Flügel festgebunden hatte und wieder seines Weges gehen wollte, sagte der Rabe: "Nimm diese Feder, und denkst du an mich, so rette ich dich." Aleodor nahm die Feder und zog weiter.

Nach kaum hundert Schritten sah er eine Bremse. Als er sie zertreten wollte, bat sie: "Schenk mir das Leben, Kaiser Aledor, ich will es dir danken und dir bei Gefahr beistehen. Nimm dieses Stäubchen von meinem Flügel mit auf den Weg, und denkst du an mich, so rette ich dich." Aleodor wunderte sich sehr, dass die Bremse sogar seinen Namen kannte, und, statt sie totzutreten, ließ er sie ziehen.

pixelio.de - Kaiser AleodorWer vermag zu sagen, wie viele Tage er ging? Schließlich gelangte er doch zu Kaiser Grünbarts Palast. Aleodor stellte sich an die Pforte und wartete; irgendwer würde sich schon zeigen und ihn nach seinem Begehr fragen. Er stand einen Tag, stand zwei Tage da, nach seinen Wünschen fragte ihn niemand.

Am dritten Tag rief Kaiser Grünbart seine Diener und versetzte ihnen ein paar Ohrfeigen, an die sie ihr Lebtag denken sollten. "Wie geht das zu", sagte er zornig, "da steht ein Mensch drei Tage lang vor meinem Tor, und keiner von euch kümmert sich um ihn! Wofür zahle ich euch den Lohn? Wozu taugt ihr?"

Da wussten die Diener vor Verlegenheit nicht aus noch ein. Endlich riefen sie Aleodor und brachten ihn zu ihrem Herrn. "Was führt dich hierher, Bursche", wollte Kaiser Grünbart wissen, "und worauf wartest du vor meinem Tor?" "Was mich herführt, erlauchter Kaiser? Man hat mich hergeschickt, damit ich um deine Tochter freie."

"Gut, mein Junge. Doch zuallererst müssen wir einen Vertrag machen, denn so ist es an meinem Hofe Sitte. Du darfst dich drei Tage hintereinander, wo immer du willst, verstecken. Findet dich meine Tochter, so wird dir der Kopf abgeschlagen und auf einen Pfahl gespießt, den einzigen von hundert, auf welchem noch kein Menschenhaupt steckt. Findet dich meine Tochter aber nicht, so darfst du sie mit kaiserlichen Ehren heimführen."

"Dem letzten Pfahl können wir auch etwas anderes aufsetzen als einen Menschenkopf. Machen wir den Vertrag!" "So?" "Ja, so!" Sie setzten sich zusammen und machten den Vertrag, verbrieften und versiegelten ihn. Die Tochter kam hinzu, und sie beschlossen, dass er sich am nächsten Tag, so gut wie nur möglich, verstecken solle.

Nachdem sie so übereingekommen waren, quälte ihn eine tödliche Unruhe. Er überlegte hin und her, wo er sich am besten verbergen könnte. Schließlich ging es um seinen Kopf! Und als der Arme in Gedanken allerlei Pläne schmiedete, fiel ihm der Hecht ein. Er holte die Schuppe hervor, betrachtete sie, dachte an ihn, dem die Schuppe gehört hatte, und siehe da, der Hecht erschien alsogleich und fragte: "Was wünschst du von mir, mein Gebieter?"

"Hör, Freundchen, was mir widerfahren ist; kannst du mir vielleicht helfen?" "Ich will’s versuchen." Der Hecht verwandelte Aleodor in einen jungen Karpfen und beide verschwanden im Meer.

pixelio.de - Kaiser AleodorAls die Prinzessin am nächsten Morgen aufstand, griff sie nach ihrem Fernrohr und spähte in alle Richtungen. Sie sah den Burschen nirgends. Während sich die anderen Freier im Keller, hinter Häusern und Strohmieten oder in einer verlassenen Höhle versteckt hatten, verbarg Aleodor sich so gut, dass Grünbarts Tochter an ihrem Sieg zu zweifeln begann. Endlich schaute sie durch das Fernglas ins Meer und entdeckte den Freier, von anderen kleinen Karpfen umringt, auf dem Grunde des Meeres. Sie besaß eben ein Wunderfernrohr.

"Komm heraus, du Schlingel", rief sie lachend, "bist du aber eingeschrumpft! Hast du dich aus einem ganzen Menschen in einen Karpfen verwandelt, um dich vor mir auf dem Meeresgrund zu verbergen." Da blieb ihm nichts anderes übrig, als wieder heraufzukommen.

Sie aber sagte zu Kaiser Grünbart: "Mir scheint, Vater, dieser Bursche nimmt es mit mir auf, lieb und stattlich ist er obendrein. Selbst wernn ich ihn das zweite und gar das dritte Mal finde, darfst du ihn nicht strafen, denn er ist nicht so töricht wie die anderen." "Wir werden sehen", antwortete der Kaiser.

Am nächsten Morgen kam Aleodor der Rabe in den Sinn. Augenblicklich war der Vogel da und fragte: "Was wünschst du von mir, mein Gebieter?" "Hör, Freundchen, was mir widerfahren ist; kannst du mir vielleicht helfen?" "Ich will’s versuchen." Der Rabe berührte ihn mit dem Flügel, verwandelte ihn in ein Rabenjunges, und sogleich zog Aleodor da droben, wo die wilden Winde wehen, mit einer Rabenschar dahin.

Als die Tochter des Kaisers erwachte, nahm sie ihr Fernrohr und suchte ihn überall. Kein Freier. Sie suchte ihn auf der Erde; kein Freier. Sie suchte ihn in den Flüssen und in den Meeren; kein Freier. Da begann die Prinzessin sich Sorgen zu machen. Als sie aber um die Mittagsstunde zufällig hinaufblickte, entdeckte sie ihn hoch oben in einem Rabenschwarm. Sie drohte ihm mit dem Finger und sagte: "Ei, ei, du Spitzbube! Komm herunter, Menschenkind, was suchst du kleinwinziger Vogel da oben? Mir entgehst du selbst im Himmel nicht."

Er kam herunter, schließlich blieb ihm nichts anderes übrig. Der Kaiser begann nun auch Aleodors Scharfsinn zu bewundern und schien gar nicht mehr so abgeneigt, seiner Tochter den Wunsch zu erfüllen. Da aber im Vertrag stand, dass der Bursche sich dreimal verstecken müsse, sprach der Kaiser: "Nur so zum Spaß wollen wir sehen, wo er sich jetzt verbergen wird."

Am Morgen des dritten Tages dachte Aleodor an die Bremse. pixelio.de - Kaiser AleodorIm Handumdrehen war sie da. Sie ließ sich erzählen, worum es ging, dann sprach sie: "Verlass dich auf mich, und wenn das Mädchen dich findet, so bin ich auch noch da." Sie verwandelte den Burschen in eine Nisse und verbarg diese im Zopf der Prinzessin.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, nahm sie das Fernrohr zur Hand, suchte ihn vergebens ohne Rast und Ruh den lieben langen Tag, sie fühlte Aleodors Nähe, aber sie sah ihn nicht. Sie spähte durch das Fernrohr, sie suchte im Meer, auf der Erde, in der Luft, aber nirgends fand sie ihn. Am Abend war das Mädchen von so vielem Suchen müde und rief aus: "Zeig dich endlich! Ich fühle, dass du in der Nähe bist, doch ich sehe dich nicht. Du hast mich besiegt, ich will die Deine sein."

Als er hörte, dass sie sich für besiegt hielt, kroch er langsam aus ihrem Zopf und gab sich zu erkennen. Da musste der Kaiser die beiden ziehen lassen, er geleitete sie mit hohen Ehren und großem Gefolge bis an die Grenze seines Reiches.

pixelio.de - Kaiser AleodorDann zogen sie zu zweit weiter. Nachdem sie Rast gehalten und vom Mundvorrat gegessen hatten, legte Aleodor seinen Kopf in den Schoß der Prinzessin und schlief ein. Sie konnte sich gar nicht an ihm sattsehen, so sehr gefiel ihr der schöne und stattliche Bursche. Und da folgte sie eben ihrem Herzen und küsste ihn. Aleodor aber erwachte und gab ihr eine so schallende Ohrfeige, dass man es bis ins nächste Dorf hörte.

Die Prinzessin brach in Tränen aus: "Huhuhu! Liebster Aleodor, hast du aber eine schwere Hand!" "Das ist eine wohlverdiente Ohrfeige, denn nicht für mich habe ich um dich gefreit, sondern für einen andern." "Nein, so etwas! Warum hast du mir das nicht schon zu Hause gesagt? Da hätte ich mir zu helfen gewusst; aber lass gut sein, auch jetzt ist es noch nicht zu spät."

Sie brachen auf und kamen wohlbehalten bei dem Scheusal an. "Da ist sie, ich habe meine Pflicht und Schuldigkeit getan", sagte Aleodor und wollte seines Weges gehen. Als die Prinzessin das Scheusal erblickte, wurde sie von Ekel geschüttelt und es graute ihr davor, bei ihm zu bleiben. Der Missgestaltete umschwänzelte sie und begann sie mit schmeichelnder Stimme zu umwerben. Aber das Mädchen rief: "Hinweg, du Teufelsbrut, sonst schicke ich dich zu meiner Großmutter in die Hölle, denn die Hölle hat dich ausgespien."

Als das Scheusal bemerkte, dass es die Prinzessin nie für sich gewinnen würde, platzte es vor Wut.

Aleodor aber vermählte sich mit Kaiser Grünbarts Tochter und zog mit ihr in sein eigenes Kaiserreich. Als das Volk ihn wohlbehalten zurückkehren sah und obendrein mit einer so schönen Gemahlin, dass einem jeden das Herz im Leibe lachte, wurde er mit großer Freude empfangen; er bestieg wieder den Thron und herrschte in Glück und Freude bis an sein Ende.

(Petre Ispirescu, 1830 – 1887)

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Die Tochter der Alten und die Tochter des Alten – ein rumänisches Volksmärchen

Samstag, Juli 18th, 2009

Es war einmal ein alter Mann und eine alte Frau. Der alte Mann hatte eine Tochter, und die Alte hatte ebenfalls eine Tochter. Die Tochter der Alten war missgestaltet, faul, launenhaft und bösherzig; doch da sie "Mutterskind" war, wurde sie verzogen, blähte sich wie eine Krähe auf dem Pfahl und überließ alle schwere Arbeit der Tochter des alten Mannes. Die Tochter des alten Mannes dagegen war wohlgestaltet, fleißig, folgsam und gutherzig. Gott hatte sie mit allen guten Gaben ausgestattet. Aber dies gute Kind wurde sowohl von seiner Stiefschwester als auch von seiner Stiefmutter misshandelt. Es war wirklich ein Glück, dass es ein arbeitsames und sanftmütiges Mädchen war, sonst wäre ihm nur Jammer und bittere Not beschieden gewesen.

Die Tochter der Alten war obenauf, die Tochter des alten Mannes hintenan – sie musste nach Reisig in den Wald, sie musste mit dem Getreidesack auf den Schultern in die Mühle, kurz und gut, sie musste überall der Arbeit nachgehen. Den ganzen lieben Tag fanden ihre Füße keine Ruhe; kam sie von der einen Seite, so ging sie nach der anderen Seite wieder davon. Dabei nörgelte die Alte und ihr Liebling ununterbrochen und waren mit ihr unzufrieden. Für die Alte war die Tochter ihres Mannes der Mühlstein im Haus, ihre Tochter aber das Basilienkraut, das man hinter die Ikonen steckt.

pixelio. Die Tochter der Alten und die Tochter des AltenWenn die beiden Mädchen abends im Dorf in die Spinnstube gingen, spann die Tochter des alten Mannes nicht lange, sondern spann ein ganzes Sieb voll Spindeln, die Tochter der Alten aber brachte es mit schwerer Mühe bis zu einer Spindel. Kamen aber beide Mädchen spät nachts nach Hause, so hüpfte die Tochter der Alten schnell über den Zauntritt und erbot sich, der Tochter des alten Mannes das Sieb mit den Spindeln zu halten, bis auch sie hinübergesprungen sei. Dann nahm die Tochter der Alten hinterhältig, wie sie war, das Sieb und den Rocken, lief ins Haus zur Alten und zum Alten und behauptete, sie habe diese Spindeln gesponnen.

Vergeblich erklärte nachher die Tochter des Alten, dass dies die Arbeit ihrer Hände sei, denn sofort fielen die Alte und ihre Tochter über sie her, und sie musste sich ihnen fügen. Kam der Sonntag und die Feiertage, so war die Tochter der Alten herausgeputzt und ihr Haar glatt gestriegelt, als ob es die Kälber geleckt hätten. Es gab keinen Tanz, es gab keine Spinngesellschaft im Dorf, zu der die Tochter der Alten nicht gegangen wäre, die Tochter des Alten dagegen wurde streng von all diesem ferngehalten. Und wenn der Greis von seinen Gängen heimkam, ging der Alten die Zunge wie eine Klappermühle: seine Tochter gehorche nicht, seine Tochter treibe sich im Dorfe herum, sie sei faul, sie sei von übler Art, sie sei dieses, sie sei jenes, er solle sie aus dem Haus werfen und irgendwohin in Dienst schicken, es gehe nicht an, sie noch länger im Hause zu halten, denn sie könne auch noch ihre Tochter verderben.

pixelio.de - Die Tochter der Alten und die Tochter des AltenDer Alte war ein Tölpel oder wie ihr ihn eben nennen wollt, er gehorchte ihr und was sie sagte, galt ihm für heilig. Wäre es nach seinem Herzen gegangen, so hätte der arme Greis vielleicht manchmal etwas gesagt, aber jetzt krähte in seinem Haus die Henne, und der Hahn hatte nichts mehr zu sagen. Und hätte er es gar gewagt, sich etwas zu viel herauszunehmen, so hätten ihn die Alte und ihre Tochter mit Verwünschungen überschüttet.

Eines Tages, als der Alte über das, was das alte Weib ihm gesagt hatte, wieder recht verbittert war, rief er seine Tochter zu sich und sprach: "Mein liebes Kind, sieh was deine Mutter immer wieder von dir behauptet: du gehorchest nicht, du habest ein böses Maul und allerlei Unarten, und deshalb sei es unmöglich, dass du weiter in meinem Hause bleibest. Deswegen geh dorthin, wohin dich der Herrgott führen mag, damit deinetwegen in diesem Haus nicht mehr soviel Zank und Hader herrsche. Aber ich gebe dir den väterlichen Rat, sei überall, wo du hinkommst, demütig, sanft und fleißig, denn in meinem Hause konntest du es treiben, wie du es eben getrieben hast, weil dir mein väterliches Mitgefühl beistand, aber Gott weiß, an was für Menschen du in der Fremde gerätst, die nicht geduldig hinnehmen werden, was wir dir hier nachgesehen haben."

Da das Mädchen erkannte, dass die Alte und ihre Tochter sie um jeden Preis aus dem Hause vertreiben wollten, küsste sie ihrem Vater die Hand, brach mit Tränen in den Augen in die weite Welt auf und verließ das Vaterhaus ohne Hoffnung auf Wiederkehr.

So wanderte sie ein gutes Stück Weges, bis ihr ein Hündchen entgegenkam, das war erbärmlich krank und so mager, dass man ihm die Rippen zählen konnte. Als es des Mädchens ansichtig wurde, rief es: "Schönes, fleißiges Mädchen, erbarm dich meiner und pflege mich, vielleicht kann ich dir auch einmal nützlich sein." Das Mädchen hatte Mitleid mit ihm, sie nahm das Hündchen auf, wusch es und besorgte es gewissenhaft. Dann ließ sie es zurück und ging ihres Weges, von Herzen zufrieden, dass sie eine gute Tat hatte verrichten können.

pixelio.de - Die Tochter der Alten und die Tochter des AltenSie war nicht eben weit gegangen, siehe, da erblickte sie einen schönen Birnbaum in voller Blüte, der aber ganz von Raupen bedeckt war. Als der Birnbaum das Mädchen sah, rief er: "Schönes Mädchen, nimm dich meiner an und reinige mich von den Raupen, vielleicht kann ich dir auch einmal nützlich sein."

Das Mädchen, rührig wie es war, säuberte den Birnbaum mit größter Sorgfalt von dürrem Gezweig und von den Raupen, dann setzte sie ihre Wanderung fort, um sich eine Dienstherrschaft zu suchen. Als sie so vor sich hin schritt, erblickte sie mit einemmal einen verschlammten und verlassenen Brunnen. Und da rief auch schon der Brunnen: "Schönes, fleißiges Mädchen, reinige mich, vielleicht kann auch ich dir einmal nützlich sein."

Das Mädchen reinigte den Brunnen und setzte ihn wieder instand. Dann ließ sie ihn zurück und zog weiter ihres Weges. Und wie sie immer weiter ging, kam sie auf einmal zu einem Backofen, der war nahe daran zusammenzustürzen. Als der Ofen das Mädchen bemerkte, sprach er: "Schönes, fleißiges Mädchen, verputz mich und richte mich wieder her, vielleicht kann auch ich dir einmal nützlich sein."

Und da das Mädchen wusste, dass von fleißiger Arbeit niemandem ein Stein aus der Krone fällt, streifte sie die Ärmel hoch, knetete den Lehm und verputzte den Ofen, tünchte ihn und richtete ihn so her, dass es ein Vergnügen war, ihn anzusehen. Dann wusch sie sich schön den Lehm von den Händen und machte sich wieder auf den Weg. Wie sie so Tag und Nacht weiter wanderte, geschah, ich weiß nicht wie, dass sie sich verirrte.

pixelio.de - Die Tochter der Alten und die Tochter des AltenDennoch verzagte sie nicht, sondern ging immer geradeaus, bis sie eines frühen Morgens, als sie durch einen dunklen Wald zog, auf eine wunderschöne Lichtung stieß, und auf dieser Lichtung erblickte sie ein Haus, das von grauen Weiden mit lang herabhängenden Zweigen beschattet war. Als sie sich diesem Haus näherte, siehe, da empfing sie voll Sanftmut eine alte Frau und sprach: "Was suchst du denn in dieser Gegend, Kind, und wer bist du?"

"Wer soll ich auch sein, Muhme? Halt ein armes Mädchen ohne Mutter, und fast könnte ich sagen, auch ohne Vater; nur der dort oben weiß, was ich zu erdulden hatte, seit die Mutter, die mich geboren, die Augen geschlossen hat. Ich suche eine Dienstherrschaft, und da ich, ohne jemanden zu kennen, von Ort zu Ort gezogen bin, habe ich mich verirrt. Der liebe Gott aber hat mich zu deinem Haus geführt, und nun bitte ich dich, gib mir Herberge!"

"Armes Mädchen!" sagte die Alte, "dich hat wahrhaftig Gott zu mir geführt, um dich vor Gefahren zu schützen. Ich bin die heilige Sonntagsfee. Diene heute bei mir und sei überzeugt, morgen wirst du mein Haus nicht mit leeren Händen verlassen." "Gut, Mütterchen, nur weiß ich nicht, welche Arbeit ich zu verrichten habe." "Sieh, du sollst meine Kinder, die jetzt schlafen, waschen und füttern. Weiterhin sollst du auch mir das Essen zubereiten, damit ich, wenn ich aus der Kirche heimkehre, es weder kalt noch kochend heiß, sondern genau so vorfinde, wie es am besten verzehrt werden kann."

Sobald sie das gesagt hatte, brach die Alte zur Kirche auf, das Mädchen aber streifte die Ärmel auf und ging an die Arbeit. Zu allererst bereitete sie heißes Laugenwasser vor, dann trat sie vors Haus und rief: "Kinder, Kinder, Kinder, kommt zur Mutter, damit sie euch wäscht!" Was aber bekam sie zu sehen, als sie um sich blickte? Der Hof hatte sich gefüllt und auch der Wald wimmelte von einer Menge von Drachen und anderer Lebewesen jeder Größe und Art.

Da sie aber stark war im Glauben und im Vertrauen auf Gott, erschrak das Mädchen nicht, sondern nahm sie der Reihe nach vor, wusch und reinigte sie, so gut es nur ging. Dann begann sie, die Speisen zuzubereiten. Und als die heilige Sonntagsfee aus der Kirche heimkam, die Kinder schön gewaschen und alle Arbeit wohlverrichtet vorfand, freute sie sich von Herzen. Nachdem sie sich zu Tisch gesetzt hatte, gebot sie dem Mädchen, auf den Dachboden zu steigen und sich dort nach eigenem Wunsch eine Truhe auszusuchen, die möge sie als Lohn mitnehmen, doch dürfe sie die Truhe nicht eher öffnen, als bis sie wieder zu Hause bei ihrem Vater sei.

pixelio.de - Die Tochter der Alten und die Tochter des Alten

Das Mädchen stieg auf den Dachboden und fand dort eine Menge Truhen, einige älter und abgenützter, andere neuer und schöner. Da sie aber nicht habgierig war, wählte sie sich die älteste und unscheinbarste von allen. Als sie damit hinunterkam, runzelte die heilige Sonntagsfee zwar die Augenbrauen, aber sie konnte nichts dagegen einwenden, sondern segnete das Mädchen, das die Truhe auf den Rücken lud und frohgemut auf dem Wege, den es gekommen war, in sein Vaterhaus zurückkehrte.

pixelio.de - Die Tochter der Alten und die Tochter des AltenAls sie ihres Weges dahinschritt, fand sie den Backofen, den sie ausgebessert hatte, voll schön aufgegangener und braungebackener Pfannkuchen. Das Mädchen aß davon, und aß sich satt, dann nahm sie einige als Wegzehrung mit und machte sich wieder auf den Weg. Ein Wegstück weiter fand sie den Brunnen, den sie gereinigt hatte, bis an den Rand voll tränenklaren, süßen und eiskalten Wassers. Auf dem Brunnenkranz standen zwei silberne Becher, aus denen sie trank, bis sie sich erfrischt hatte. Dann nahm sie die Becher zu sich und setzte den Weg fort.

Wie sie so weiterging, siehe, da war der Birnbaum, den sie geputzt hatte, mit Birnen beladen, die waren vor lauter Reife gelb wie Wachs und süß wie Honig. Sobald der Baum das Mädchen gewahrte, bog er die Äste herab, sie aß von den Birnen und nahm auf den Weg mit, so viele sie wollte. Als sie weiterwanderte, begegnete sie dem Hündchen, das munter und gesund herumlief, am Hals aber trug es einen Schmuck aus Dukaten, den es zum Dank dafür, dass sie es während seiner Krankheit gepflegt hatte, dem Mädchen schenkte.

Von hier gelangte das Mädchen, immer vorwärtsschreitend schließlich nach Hause zu seinem Vater. Sobald der Alte sie erblickte, füllten sich seine Augen mit Tränen und sein Herz mit Freude. Da holte das Mädchen den goldenen Halsschmuck und die silbernen Becher hervor und gab sie ihrem Vater; dann öffneten sie gemeinsam die Truhe, und unzählbare Herden von Pferden, Rindern und Schafen sprangen daraus hervor, so dass der alte Mann beim Anblick so großer Reichtümer auf der Stelle wieder jung wurde.

Die Alte aber stand da wie begossen und wusste vor lauter Ärger nicht, was sie anfangen sollte. Da fasste sich die Tochter der Alten ein Herz und sprach: "Lass es gut sein, Mutter, die Welt ist noch nicht aller Reichtümer beraubt; ich will gehen, um dir noch mehr zu bringen." Mit diesen Worten ging sie verdrossen, lärmend und polternd von dannen. Sie wanderte und wanderte auf demselben Weg, den die Tochter des alten Mannes eingeschlagen hatte und kam bei der heiligen Sonntagsfee an. 

pixelio.de - Die Tochter der Alten und die Tochter des AltenAuch sie begegnete dem abgemagerten, kranken Hündchen. Auch sie gelangte zum Birnbaum voller Raupen, zum verschlammten, ausgetrockneten, verlassenen Brunnen und zum unbeworfenen Backofen, der fast zusammenstürzte. Doch als das Hündchen, der Birnbaum, der Brunnen und der Backofen sie baten sich ihrer anzunehmen, antwortete sie verärgert und höhnisch: "Was fällt euch ein?! Ich werde mir doch meine zarten Hände nicht beschmutzen! Ihr habt wohl schon viele Diener gehabt wie mich?"

Doch da sie alle wussten, dass man leichter von einer unfruchtbaren Kuh Milch erhält, als dass sich ein verzogenes, faules Mädchen gefällig erweist, ließen sie es in Frieden seines Weges ziehen und baten um keine Hilfe mehr. So ging sie weiter und gelangte schließlich auch zur heiligen Sonntagsfee, aber auch hier betrug sie sich ebenso mürrisch, frech und blöde. Statt die Speisen gut und schmackhaft zuzubereiten und die Kinder der heiligen Sonntagsfee so gründlich zu waschen, wie die Tochter des Alten sie gewaschen hatte, verbrühte sie alle, dass sie brüllten und vor brennenden Schmerzen wie besessen davonliefen. Die Speisen hingegen, die sie auftrug, waren so verräuchert, angebrannt und geronnen, dass sie niemand zu sich nehmen konnte.

Als die heilige Sonntagsfee aus der Kirche kam, griff sie sich beim Anblick dessen, was sie zu Hause vorfand, an den Kopf. Aber da die sanfte, nachsichtige Frau sich mit einem so rappelköpfigen und faulen Mädchen wie diesem nicht weiter einlassen wollte, sagte sie auch ihr, sie solle auf den Dachboden steigen, um sich dort eine Truhe auszusuchen, die ihr gefiele, und dann ihres Weges gehen, wohin sie wolle.

pixelio.de - Die Tochter der Alten und die Tochter des Alten

Da stieg das Mädchen hinauf und wählte sich die neueste und schönste Truhe, denn sie war darauf bedacht, möglichst viel und das Schönste und Beste an sich zu nehmen, so wenig sie bemüht war, ihren Dienst gut zu versehen. Als sie mit der Truhe vom Dachboden herunterstieg, ging sie gar nicht mehr ins Haus, um Abschiedsgruß und Segen von der heiligen Sonntagsfee zu empfangen, sondern lief davon wie aus einem öden Haus und wanderte immer geradeaus. Sie lief, dass ihr die Fersen krachten, aus Furcht, die heilige Sonntagsfee könnte es sich überlegt haben und ihr nacheilen, um sie einzuholen und ihr die Truhe wieder abzunehmen.

Als sie beim Backofen ankam, lagen schöne Pfannkuchen darin, aber sobald sie näher trat, um sich davon zu bedienen und ihren Appetit zu stillen, verbrannte sie das Feuer, und sie konnte sich nichts nehmen. Auch beim Brunnen waren die silbernen Becher freilich wieder vorhanden, und der Brunnen war voll Wasser bis an den Rand; doch als das Mädchen einen Becher ergreifen und Wasser schöpfen wollte, versanken die Becher sofort, das Wasser im Brunnen aber war im Augenblick versiegt, und das Mädchen verschmachtete fast vor Durst.

pixelio.de - Die Tochter der Alten und die Tochter des AltenAls sie vor dem Birnbaum anlangte, hingen an ihm die Birnen so dicht, als hätte man sie mit der Schaufel aufgehäuft, aber glaubt ihr, dass es dem Mädchen vergönnt war, auch nur eine zu kosten? Nein, denn der Birnbaum streckte sich tausendmal höher als er vorher gewesen, so dass seine Zweige in die Wolken reichten, und so blieb denn der Tochter der Alten nichts anderes übrig, als sich den Mund zu wischen.

Auf dem Weg begegnete sie dem Hündchen, den Dukatenschmuck um den Hals, als aber das Mädchen ihn abnehmen wollte, biss sie das Hündchen, dass ihre Finger brachen, und ließ sich von ihr nicht berühren. Nun biss sich das Mädchen aus Ärger und Scham selbst in die feinen Finger, aber da war nun nichts mehr zu ändern.

Schließlich und endlich gelangte auch sie nach Hause zu ihrer Mutter. Aber auch hier sollte sie nicht des Reichtums teilhaftig werden, denn als sie die Truhe öffnete, sprang eine Menge Drachen daraus hervor und verschlang auf der Stelle Mutter und Tochter mit Haut und Haar, als ob sie nie auf dieser Welt gewesen wären, und im Nu waren die Drachen mit der Truhe verschwunden.

pixelio. Die Tochter der Alten und die Tochter des Alten

Der alte Mann aber war jetzt die Alte los und besaß unzählbare Reichtümer. Seine Tochter verheiratete er an einen braven und tüchtigen Mann. Jetzt krähen die Hähne auf den Torbalken, auf der Hausschwelle und überall; im Haus des alten Mannes aber krähen keine Hennen mehr nach Hahnenart, um Unheil anzustiften. Nur blieb der Alte kahlköpfig und lendenlahm, denn zu oft schon hatte ihm die Alte das Haar gezaust und mit der Backofenschaufel den Rücken verbleut.

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Die Bergfee – ein rumänisches Volksmärchen

Donnerstag, April 16th, 2009

pixelio.de Die Bergfee

Es war einmal ein sehr tapferer Kaiser; aus allen Ländern, die rund um das seine lagen, kam man, um sich bei ihm Rat zu holen, so gerecht und weise war er. Wenn zwei andere Reiche miteinander in Hader lagen, schlichtete er den Streit; alle hörten auf ihn, weil er voller Klugheit Recht sprach und den Frieden liebte.

pixelio.de Die BergfeeAls er schon ziemlich alt war, schenkte Gott ihm einen Sohn. Ihr könnt euch das Glück des Kaisers, der endlich einen Thronerben sein eigen nannte, kaum vorstellen. Alle Nachbarkaiser schickten ihm Geschenke, sie freuten sich, dass er, der ihnen so oft mit Rat und Tat geholfen, endlich einen Sohn hatte.

Als das Kind größer wurde, ließ der Kaiser es unterrichten. Der Knabe war sehr fleißig, seine Lehrer staunten, wie rasch er begriff. Was andere Kinder während eines Jahres aufnahmen, erfasste er in einer Woche. Schließlich fanden sich keine Lehrer mehr, die ihm etwas beibringen konnten. Da schickte der Vater ein Handschreiben an die berühmtesten Weltweisen und bat sie, seinen Sohn zu unterrichten.

An diesem Hof lebte damals auch ein allbekannter Jäger; in dessen Obhut gab der Kaiser während die Gelehrten erwartete wurden, den Prinzen, damit der sich im edlen Weidwerk übe. Nachdem diese eingetroffen waren, lernte der Knabe von ihnen, was es unter der Sonne nur zu lernen gibt, der Vater vergötterte seinen Sohn, der würde gewiss einmal der wohlgeratenste aller Fürstensprosse sein.

Und wahrlich, von Jahr zu Jahr wurde er klüger und stattlicher. Im ganzen Reich sowie in den Nachbarreichen sprach man bald von nichts anderem mehr als von der Klugheit und von der Schönheit dieses Prinzen. Kaum waren ihm die ersten Barthaare gewachsen, schneiten die Eheanträge auch schon ins Haus. Jedem Herrscher wäre er als Schwiegersohn willkommen gewesen. Doch er wollte sich nicht so jung vermählen.

pixelio.de Die Bergfee

Als er eines Tages auf die Jagd ging, sah er eine Turteltaube in der Nähe herumhüpfen. Er hatte nicht das Herz, auf sie zu schießen. Ein kühner und gewandter Weidmann, jagte er nur Großwild. Da die Turteltaube aber auch weiter vor seinen Augen herumflatterte, spannte er den Bogen und schoss einen Pfeil ab. Der Prinz wunderte sich über die Maßen, dass er sie nicht getötet, sondern nur ein wenig am Flügel verwundet hatte. Sie verschwand, und er sah sie nirgends mehr. Doch er fühlte – wer weiß wieso, wer weiß warum? – dass sein Herz zu pochen begann.

pixelio.de Die Bergfee

Er kehrte heim, und ihm wurde von Tag zu Tag trauriger zumute. Der Kaiser fragte den Sohn, was ihm fehle. Ihm fehle nichts, gab der zur Antwort. Diese Turteltaube war die Bergfee. Sie liebte den schönen Prinzen, doch da sie sich ihm nicht in ihrer wahren Gestalt zeigen wollte, hatte sie sich ihm eben als Turteltaube genähert. Sie wusste nicht, wie sie es anfangen sollte, ihn kennenzulernen.

Einige Tage später stand ein armes Mädchen vor dem Tor des Hofes; sie wollte sich verdingen, und da am Hof gerade eine Hühnermagd gebraucht wurde, nahm man sie auf.

pixelio.de Die BergfeeSie pflegte die Hühner und das andere Geflügel auf das beste, die Steigen hielt sie so sauber, dass bald alle Welt davon sprach. Fast täglich erzählte die Kaiserin ihrem Gemahl von der Tüchtigkeit dieses jungen, aber armen Mädchens. sie dachte auch daran, auf irgendeine Weise das Glück der Hühnermagd begründen zu helfen. Da der Prinz immer wieder so viel Gutes von der Geflügelhüterin hörte, wollte er wissen, wie sie ausschaute, und als die Kaiserin einmal in den Geflügelhof ging, um nach dem Rechten zu sehen, begleitete er sie.

Die Hühnermagd warf dem Prinzen einen so sehnsüchtigen, so liebevollen und zugleich so demütigen Blick zu, dass ihm ganz sonderbar zumute ward. Doch er nahm sich zusammen. Er fühlte, wie ihm Glut in die Wangen stieg und wie sein Herz zu hämmern begann, als wolle es ihm die Brust sprengen. Noch konnt er sich nicht erklären, was dies alles zu bedeuten hatte. Er senkte die Blicke, sagte nichts und kehrte heim.

Bei jung und alt war die Geflügelhüterin beliebt. Jeder lobte ihre Sauberkeit und Tüchtigkeit, allen gegenüber war sie freundlich, doch trat ihr niemand auch nur mit einem Wort zu nahe, denn sie mochte keine dummen Späße.

In jener Zeit sollte in einem benachbarten Reich die Hochzeit eines Prinzen gefeiert werden. Der ganze Hof, von dem wir erzählen, war geladen, der Kaiser freute sich auf dieses Fest, und er nahm die Kaiserin und seinen Sohn mit.

An dem für die Feier festgesetzten Tag bat die Geflügelhüterin den Großknecht um Urlaub; auch sie wollte den Hochzeitszug sehen. "Da wirst du aber Staat machen", spottete der Großknecht, doch er hielt sie nicht zurück. Sie schwieg zu der Kränkung und ging. Der Kaiser war während des Festes in frohester Laune, er sah, dass sein Sohn die anderen Thronerben an Klugheit und Gewandtheit übertraf. Alle Prinzessinnen hätten gern an seiner Seite Hora getanzt. Da erschien ein Mädchen, das um vieles herrlicher gekleidet war als die Prinzessinnen.

Kunstvoll geflochtene Zöpfe fielen der Schönen auf den Rücken hinab und alle Blicke hingen voller Bewunderung an der edlen und ebenmäßigen Gestalt. Kaum war die Schöne auf dem Fest erschienen, als sie auch schon neben unserem Helden Hora tanzte, und sie wich bis zum Abend nicht von seiner Seite. Die beiden sprachen und spaßten, sie erzählten einander alles mögliche, der Prinz schämte sich, vor seinem Vater laut zu lachen und zu scherzen, doch die anderen Thronerben und Fürstensöhne stubsten einander mit den Ellenbogen, es fiel ihnen auf, dass die Unbekannte sich nicht von der Seite unseres Helden rührte.

pixelio.de Die Bergfee

Dieser war kaum wiederzuerkennen. Er fühlte, dass etwas in seinem Herzen vorging, aber er sprach mit niemandem darüber. Immerhin nahm er sich vor, die Fremde bei der letzten Hora zu fragen, wie sie heiße und woher sie komme. Doch plötzlich war sie verschwunden wie ein Trugbild.

Unser Held stand ganz verwirrt da. Er kehrte heim, aber alle seine Gedanken waren bei ihr. Der Vater sah ihn traurig umhergehen, vergebens bemühte der alte Mann sich, ihn ein wenig aufzuheitern.

Eines Tages wurden sie wieder zu einer Hochzeit geladen, auch diesmal nahm der Kaiser die Gemahlin und den Sohn mit. Und auch bei dieser Hochzeit tanzte der Prinz mit der schönen Unbekannten, auch diesmal war sie plötzlich erschienen und wich nicht von seiner Seite. Nach vielen Fragen erfuhr er, dass sie aus der Gegend kam, wo auch das Reich seines Vaters lag; bloß dass sie auf dessen Hof lebte, sagte sie nicht. Da versprach der Prinz, sie heimzugeleiten, falls sie allein gekommen sei, und sie willigte ein. Doch als die Hochzeit ihrem Ende entgegenging und die Hora sich auflöste, verschwand sie spurlos.

pixelio.de Die BergfeeDer Kaiser kehrte mit den Seinen nach Hause zurück. Seit diesem Tage aber siechte der Sohn zusehends dahin, und niemand wusste, warum. Man munkelte wohl, dass er in eine Fee verliebt sei, doch er stritt es ab, wollte es nicht wahrhaben. Heilkünstler und Sterndeuter versammelten sich um ihn, und keiner wusste Rat. Einige glaubten, er sei behext worden.

Da ward der Kaiser wieder zu einer Hochzeit geladen, ihm aber stand der Sinn nicht nach Vergnügungen, er macht sich zu große Sorgen um den kranken Sohn. Der aber wollte für sein Leben gern zur Hochzeit gehen, und so tat der Vater ihm den Willen.

Der Prinz befahl nun seinen Getreuen, einige Kessel Pech bereitzuhalten. Am Tag der Hochzeitsfeier müsse es gekocht und gegen Abend auf den Weg gegossen werden. Nachdem er dies alles angeordnet hatte, ging er mit seinen Eltern zum Fest.

Als man zu tanzen begann, hast du nicht gesehen, war das schöne fremde Mädchen wieder da; noch kostbarer gekleidet als je zuvor, blieb es während der Hora die ganze Zeit an seiner Seite, und schöner auf der Welt war nichts, auch nicht der Glanz des Sonnenlichts. Der Prinz tanzte und blickte die Fremde so begehrlich an wie einen Kirschbaum mit reifen Früchten. Wieder wich sie seinen Fragen aus, wieder willigte sie ein, sich auf dem Heimweg von ihm geleiten zu lassen.

Und auch diesmal verschwand sie abends während der letzten Hora, als hätte sie jemand fortgezaubert. Ihr könnt euch den Kummer des Prinzen kaum vorstellen. Nach Hause zurückgekehrt, lag er krank darnieder, und niemand konnte ihm helfen. Der Kaiser hätte sein ganzes Reich hergegeben, um sein Kind gesundzumachen. Und siehe, da erschienen die Getreuen mit einem Tanzschuh. Die Fee hatte ihn einfach im Pech stecken lassen, um sich ja nicht zu verspäten.

pixelio.de Die Bergfee

Nun befahl der Kaiser seinen Getreuen, zu allen Frauen des Landes zu gehen und ihnen den Schuh anzuprobieren: diejenige aber, der dieser Tanzschuh passte, solle seines Thronerben Gemahlin werden. Der Sohn war mit diesem Beschluss einverstanden. So gingen denn die wackeren Männer durch das ganze Reich, sie ließen alle Frauen den Schuh anprobieren, doch er passte keiner einzigen.

Als der Prinz das hörte, wurde er ganz verzweifelt. Da kam ihm der Einfall, auch den Frauen des Kaiserhofes den Schuh anlegen zu lassen, aber auch diesen passte er nicht. Alle, außer der Geflügelhüterin, hatten versucht, in den Schuh zu schlüpfen. Nur sie hatte man vergessen. Da erinnerte die Kaiserin sich ihrer und befahl ihr, den Tanzschuh anzuprobieren.

Sie schlüpfte hinein, und er saß wie angegossen, dennoch begann sie zu jammern, sie schwor Stein und Bein, dieser Schuh gehöre nicht ihr. Der Prinz aber verlangte sie zu sehen, und als er sich erblickte, rief er aus:

"Sie ist es Mutter!" Die Hühnermagd wollte es noch immer nicht zugeben, erst unter den Bitten des Kaisers, der Kaiserin und des Prinzen gestand sie zu guter Letzt die Wahrheit. Und dann erzählte sie, wie sie den Prinzen auf der Jagd gesehen und sich in ihn verliebt hatte, dass sie die von ihm verwundete Turteltaube gewesen sei, und wenn sie sich ihm nicht in ihrer Feengestalt gezeigt habe, so war’s, um nicht als Frau eines Irdischen ihre Zauberkraft zu verlieren.

pixelio.de Die BergfeeDoch sie habe sich als Hühnermagd verdingt, sie wollte ihm nahe sein, und alles sei aus Liebe geschehen.

Mit diesen Worten stieg sie die Treppe hinunter und klatschte dreimal in die Hände. Und siehe da, ein kleiner Wagen kam, ohne dass Rosse ihn zogen, und die Fee nahm ihr kostbares Heiratsgut aus dem Gefährt; dann wandte sie ihr tränenüberströmtes Antlitz dem Prinzen zu und sagte: "Aus Liebe zu dir verzichte ich auf meine Feenkräfte; sei nun auch du mir gut, wie ich dir."

Sie schickte den Wagen fort und blieb beim Prinzen, der aber wurde rasch wieder gesund. Bald danach feierten sie ein wahrhaft kaiserliche Hochzeit, und nach dem Tode des Vaters herrschten sie beide über das Kaiserreich, und wenn sie nicht gestorben sind, so regieren sie noch heute.

(Petre Ispirescu, 1830 – 1887)

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Die Feenkönigin – ein rumänisches Volksmärchen

Montag, April 13th, 2009

Es war einmal ein großer, mächtiger Kaiser, der hatte drei Söhne. Als diese herangewachsen waren, richtete er alle seine Gedanken darauf, sie so zu vermählen, dass sie glücklich würden. Niemand weiß, was der Kaiser eines Nachts geträumt hatte, jedenfalls rief er in aller Frühe seine Söhne, um mit ihnen in den Garten zu gehen und dort einen hohen Turm zu ersteigen.

Der Kaiser befahl ihnen, ihre Bogen und je einen Pfeil mitzunehmen. "Schießt eure Pfeile ab, Kinder", sagte der Kaiser, als sie droben vor der Brüstung standen, "jeder von euch wird dort das Glück finden, wo sein Pfeil niederfällt."

pixelio.de Die Feenkönigin

Die Söhne gehorchten ohne Widerrede, waren sie doch überzeugt, dass der Vater seine Worte gründlich erwogen hatte. Sie schossen also, und der Pfeil des Ältesten blieb im Hause eines Nachbarkaisers stecken; der Pfeil des Mittleren verfing sich im Hause eines mächtigen Bojaren dieses Kaiserreiches; der Pfeil des Jüngsten aber stieg bis zum Himmel empor. Alle verrenkten sich den Hals, um diesem Pfeil nachzuschauen, beinahe hätten sie ihn aus den Augen verloren. Endlich sahen sie, wie er mitten in einem Wald niederfiel und in einem hohen Baum steckenblieb.

Der Älteste zog fort, nahm die Tochter des Nachbarkaisers zur Gemahlin und kehrte mir ihr in sein Vaterhaus zurück. Auch der Mittlere machte sich auf den Weg und kam mit einer wunderschönen Gattin heim.

Die FeenköniginDa begab sich auch der Jüngste auf die Wanderschaft. Er zog durch die ganze Welt, endlich gelangte er zu dem großen Walde, über dem der Pfeil niedergegangen war. Der Prinz tastete sich mit Müh und Not durch das Dickicht, er fand schließlich den Baum, in dem der Pfeil steckte. Es war ein hoher, dicker und sehr alter Baum, er stand wohl seit Erschaffung der Welt hier.

Der Jüngste wand sich an dem Stamm empor, bis es ihm gelang, einen Ast zu fassen. Bald mit den Händen, bald mit den Füßen die Äste umklammernd, kletterte er zum Wipfel empor. Dort streckte er die Hand aus und nahm den Pfeil an sich. Trauer im Herzen, stieg er hinunter, ihm schien es, als sei das Glück ihm nicht hold. Was, fragte er sich, würde ihm dieser Baum schon geben?

Nicht genug, dass er die ihm zur Gattin Bestimmte nicht gefunden, dass er vergeblich solch einen langen Weg zurückgelegt hatte, nun, da er sich von dem Baum entfernen wollte, kralle sich obendrein eine Eule an seinem Rücken fest. Was er auch tat, sie zu verscheuchen, sie rührte sich nicht einmal. Das garstige Tier hatte ihn gepackt, es klebte wie eine lästige Klette an seinen Schultern, nicht einen Augenblick lang ließ es ihn los.

pixelio.de Die Feenkönigin

Er wand und drehte sich, um seinen Quälgeist abzuschütteln, aber es nützte ihm nichts. Zu guter Letzt entschloss er sich, mit der Last auf dem Rücken heimzuwandern, und machte sich auf den Weg. Nach kurzer Zeit bemerkte er, dass sechs andere Eulen hinter ihm her flogen. So zog der Arme denn mit diesem seltsamen Gefolge weiter. Auf keinen Fall wollte er vor Anbruch der Nacht daheim ankommen; er wollte sich nicht von allen Lausbuben auslachen lassen.

Als er im väterlichen Palast seine Kammer betrat, suchte sich jede der sechs Eulen nach Belieben ein Plätzchen, die siebente aber legte sich ins Bett. Der arme Bursche überlegte, ging mit sich zu Rate, wollte dies und das unternehmen, dann entschloss er sich aber, die Eulen zu lassen, wo sie waren, und abzuwarten, was diese Geschichte für ein Ende nehmen würde. Seine Last war er schließlich losgeworden.

Zum Umfallen müde von der langen Wanderung, schlummerte er ein, sobald er den Kopf auf das Kissen gelegt hatte.

pixelio.de Die FeenköniginWas aber gewahrte er am nächsten Morgen? Eine so wunderschöne Fee lag neben ihm im Bett, dass es ihm die Rede verschlug und er seinen Augen nicht traute; vor dem Bett aber saßen sechs Sklavinnen, eine schöner als die andere. In einem Winkel der Kammer entdeckte er sieben übereinandergeworfene Eulenhäute.

Seine Eltern staunten die Fee an, so etwas Schönes und Liebliches hatten sie ihren Lebtag nicht gesehen. Nun sollte die Hochzeit des ältesten Bruders gefeiert werden, da ging auch der jüngste Prinz zum Fest, aber allein. Er konnte die Fee nicht gut mitnehmen, obwohl er sie als seine Braut betrachtete. Da sah er sie plötzlich an seiner Seite Hora tanzen. Er war außer sich vor Freude, stolz war er obendrein auf sie, und mit gutem Grund.

Weder in diesem Kaiserreich noch in den Nachbarreichen gab es eine Schönere. All die Hochzeitsgäste schauten sich die Augen nach ihr aus. Die geladenen Kaiserssöhne und Fürstensprosse stellten den Sklavinnen nach, die mit der Fee gekommen waren, und rissen sich darum, an ihrer Seite Hora zu tanzen. So vergnügten sie sich bis zum Abend, dann setzte sich die Fee neben den jüngsten Prinzen zu Tisch.

Sie aßen und tranken bis Mitternacht, und schließlich ging jeder seines Weges. Der Jüngste begab sich in seine Kammer, die Fee folgte ihm. Sie legten sich nieder und schliefen wahrhaft kaiserlich. Als der Prinz am Morgen aufwachte und die Eulenhäute noch immer im Winkel liegen sah, packte ihn ein Gefühl des Abscheus. Er erinnerte sich, was er auf dem Heimweg ausgestanden hatte.

pixelio.de Die Feenkönigin

Bald wurde auch die Hochzeit des zweitältesten Kaiserssohnes gefeiert. Wieder ging der Jüngste allein zum Fest, aber hast du nicht gesehn, war die Fee wieder da und tanzte an seiner Seite Hora. Das Herz pochte ihm vor Freude und Stolz, um so mehr, als die anderen sie geradezu mit den Blicken verschlangen. Doch sie mussten, wie man so sagt, auf die Erdbeeren verzichten und mit den Erdbeerblättern fürlieb nehmen. Sie tanzten die Hora mit den Sklavinnen. Am Abend setzten sich alle zu Tisch.

pixelio.de Die FeenköniginDen jüngsten Prinzen ritt der Teufel. Er verließ die Tafel, ging in seine Kammer, nahm die Eulenhäute und warf sie ins Feuer, dann kehrte er zurück und setzte sich wieder zu Tisch. Plötzlich wurden die Hochzeitsgäste unruhig, denn eine der Sklavinnen hatte ausgerufen: "Herrin, wir sind in Gefahr!" Eine andere sagte: "Herrin, es riecht nach Verbranntem. Wehe uns!"

Die Fee aber wies sie zurecht: "Haltet den Mund! Gerade bei Tisch müsst ihr dummes Zeug schwatzen!" Bald darauf sagte auch die dritte: "Herrin! Es gibt keine Rettung, wir sind verraten und verkauft." Da zog auch die Fee ihre Nase kraus, wahrscheinlich hatte auch sie den Geruch der verbrannten Häute gespürt. Und plötzlich standen alle gleichzeitig von der Tafel auf und verwandelten sich in sieben Tauben.

Die Fee aber sagte zum jüngsten Prinzen: "Du warst undankbar. So gehab dich wohl! Ehe du nicht etwas vollbringst, was kein Mensch vor dir vollbracht hat, darfst du mir nicht unter die Augen treten."

Die Tauben hoben sich zum Himmel empor und entschwanden. Vergeblich baten die Hochzeitsgäste den Prinzen, sich wieder an den Tisch zu setzen, vergeblich trösteten ihn die Eltern und Brüder; er blickte zu der Stelle empor, wo die Tauben verschwunden waren, und setzte sich nicht mehr zu Tisch.

Tags darauf zog er in aller Früh aus, um seine Braut zu suchen. Er fühlte wohl, dass er ohne sie nicht sein konnte, so nahm er denn Abschied von den Eltern und den Brüdern und wanderte in die weite Welt. So ging er durch Täler, schritt über Höhn, durchwatete Sümpfe, Bäche und Seen, zog über Ödland und Felder, durch finstere, niemals begangene Wälder, an Felsen vorüber, an Bergen und Schründen.

Wohin er sich wagte, und wen er auch fragte, er konnte die Tauben nicht finden. Da pochte sein Herz verzweifelt und laut, es brach schier vor Schmerz. So zog unser Held dahin durch die Welt und suchte die Braut.

Er stob wie ein Drache, wie ein feuriger Leu,
an Schluchten und Graten vorbei;
doch wohin er sich traute,
wohin er auch schaute,
in Tiefen und Höhen,
sie ließ sich nicht sehen.

Er konnte es kaum mehr ertragen;
da hätte er fast sein Leben verkürzt;
sich die Stirne an Felsblöcken blutig geschlagen,
sich gar in den klaffenden Abgrund gestürzt.
Und dennoch, ihm sagte sein Herz,
er dürfe nicht klagen noch zagen,
er müsse beharrlich werden,
er müsse noch vielerlei Fährden,
noch größere Pein überwinden,
nur so würde er und nur dann,
irgendwo, irgendwie, irgendwann,
die teure Entschwundene finden.

Todmüde und bekümmert legte er sich in einer schattigen Talmulde nieder, um ein wenig auszuruhen. Da übermannte ihn der Schlaf. Plötzlich wurde er durch ein Stimmengewirr aus dem Schlummer gerissen. Er sprang auf. Und was glaubt ihr, gab es zu sehen? Drei Teufel stritten so erbost miteinander, dass ihnen Schaum vor den Mäulern stand. Der Bursche ging geradewegs auf sie zu und sagte: "Ein Streit ohne Rauferei ist wie eine Hochzeit ohne Musik." "Dein Gerede passt wie die Faust aufs Auge", erwiderten die Teufel. "Wir streiten nicht, wir zanken uns nur."

pixelio.de Die Feenkönigin

"Und warum zankt ihr euch denn?" fragte er. "Mit diesem Geschrei könntet ihr Tote erwecken." "Hör zu! Vater hat uns als Erbschaft ein Paar Bundschuhe, eine Lammfellmütze und eine Peitsche hinterlassen. Nun könnten wir uns nicht darüber einig werden, wem von uns jedes dieser Dinge gehören soll."

"Und wozu dient der Kram, um den ihr euch zankt?" "Schlüpft jemand in diese Bundschuhe, so kann er trockenen Fußes über das Meer gehen; setzt jemand diese Mütze auf, so sieht ihn keiner, nicht einmal der Teufel. Schwingt aber jemand diese Peitsche über seinen Feinden, so erstarren sie zu Stein."

"Nun, dann nimmt es mich nicht Wunder, dass ihr euch zankt; schließlich ist ein Ding ohne das andere keinen Pfifferling wert. Da fällt mir etwas ein. Hört auf mich, ich will nach Menschenart Recht sprechen." "Los, los", riefen die Teufel wie aus einem Munde. "Sag uns, was du dir ausgedacht hast, und dann können wir Rat halten."

"Seht ihr dort diese drei Berge stehen? Jeder von euch soll einen erklettern und herunterlaufen, sobald ich das Zeichen dazu gebe. Wer als erster ankommt, dem gehören Bundschuhe, Mütze und Peitsche." "Das ist ein vernünftiges Wort! so wollen wir es machen. Endlich haben wir jemanden gefunden, der uns helfen kann!"

pixelio.de Die FeenköniginDie Teufel begannen sogleich zu laufen, was das Zeug hält, jeder rannte auf einen anderen Berg zu. Währenddessen hatte der Prinz Zeit genug, in die Bundschuhe zu schlüpfen, die Lammfellmütze aufzusetzen und die Peitsche in die Hand zu nehmen. Als die drei Teufel die Gipfel der Berge erklommen hatten und auf das Zeichen warteten, ließ unser Held vor jedem dreimal die Peitsche knallen, und sie erstarrten sogleich zu Stein.

Dann ging er, wohin das Herz ihn trieb.

Er tat etwa zehn Schritte, da entdeckte er auch hoch oben sieben Tauben. So lange folgte er ihnen mit den Blicken, bis er sah, wo sie sich niederließen. In diese Richtung wanderte dann auch er; um dorthin zu gelangen, hatte er ja alle Mühsal auf sich genommen und diesen schweren, weiten Weg zurückgelegt.

Er zog über Meere, Bäche und große Gewässer, als wäre es trockenes Land, er durchquerte bewohnte Gebiete und Wüsten, endlich gelangte er zu einem sehr hohen Berg, dessen Gipfel die Wolken streiften. Dort oben hatten sich die Tauben niedergelassen. Und er begann den Berg zu erklimmen; er stieg von Schlucht zu Schlucht, von Fels zu Fels, von Abhang zu Abhang, er kletterte von Felskante zu Felskante, er hielt sich bald an einem spitzigen Felsen, bald an einem Bergkamm, bald an einem Grat fest, endlich kam er zu einer Höhle.

pixelio.de Die Feenkönigin

Er ging hinein und blieb bass erstaunt stehen. Vor ihm lag ein so kunstvoll erbauter Fürstenpalast, wie es auf Erden nicht seinesgleichen gab. Dort wohnte seine Braut, die Feenkönigin. Er sah sie, von ihren Sklavinnen gefolgt, im Garten spazierengehen und erkannte sie sogleich. Ein liebreizendes Kind lief ihr nach, tollte zwischen den Blumen herum, hin und wieder rief es seine Mutter, um ihr einen Schmetterling zu zeigen. Wahrscheinlich hatte die Fee, schon als sie sich von der Tafel als Taube erhoben, ein Kind unter ihrem Herzen getragen, und dies war ihrer beider Sohn.

Da freute sich der Prinz über alle Maßen, am liebsten hätte er den Knaben umarmt, aber er wollte das Kind nicht erschrecken. Er selber blieb unsichtbar, denn er hatte ja die Mütze auf dem Kopf.

pixelio.de Die FeenköniginEs dämmerte schon, und er hätte sich gern zu erkennen gegeben. Als die Fee zu Tisch gebeten wurde, ging er ihr nach und nahm zwischen ihr und dem Kind Platz. Speisen wurden aufgetragen. Er aß wie ein hungriger Wolf, hatte er doch wer weiß wie lange nichts Gesottenes mehr vorgesetzt bekommen. Die Fee wunderte sich, dass die Gerichte augenblicklich verschwanden, sie ließ nochmals davon auftragen, und wieder leerten sich die Schüsseln im Handumdrehn.

Währenddessen hob er die Mütze ein klein wenig, doch so, dass er nur für das Kind sichtbar wurde. Der Knabe erblickte ihn und rief aus: "Sieh, Mutter, da ist der Vater!" "Dein Vater, mein Liebling", antwortete die Fee, "wird erst zu uns kommen, nachdem er eine ganz außergewöhnliche Tat vollbracht hat."

Blitzschnell zog der Prinz die Mütze über beide Ohren und begann wieder wie ein Verhungerter zu essen. Auch diesmal verschwanden die Speisen. Da wunderte sich die Fee, doch sie ließ eben nochmals auftragen. Zum zweitenmal zeigte sich der Prinz seinem Kind und war überglücklich, dass es ihn erkannte.

Wieder sagte es der Knabe seiner Mutter, wieder wies sie ihn ärgerlich zurecht. Nur dank einer außergewöhnlichen Tat hätte ihr Gemahl bis zu ihr gelangen können. Nicht einmal der Wundervogel wusste den Weg. Das Kind schwieg, sein Vater hatte die Mütze ja rasch wieder über die Ohren gezogen. Er aß auch diese Schüssel leer. Fürwahr, er aß wie ein rechter Nimmersatt. Und als es nichts mehr zum Auftragen gab, begann die Fee zu schelten, dass nichts für die Sklavinnen übriggeblieben sei. Da rief der Knabe wieder aus: "Mutter, wirklich, es ist der Vater!" "Aber wo ist er denn, du Kindskopf? Was redest du da?" "Schau ihn dir doch an, er steht neben mir, jetzt nimmt er mich in die Arme."

Bei diesen Worten erschrak die Fee so sehr, dass der Prinz ganz besorgt war. Er beschloss, sich auch ihr zu zeigen, hob die Mütze vom Kopf und sagte: "Da bin ich. Du wolltest es unserem Sohn nicht glauben. Hör mich an. Damals wusste ich nicht, was ich von den ekelhaften Eulenhäuten halten sollte, da hab ich es für gut befunden, sie ins Feuer zu werfen und euch von ihnen zu befreien."

pixelio.de Die Feenkönigin"Wir waren verwunschen, es war uns bestimmt zu leiden", antwortete die Fee. "Doch lass das Vergangene vergessen sein! Erzähl mir lieber, wie es dir gelungen ist, hierher zu kommen." Nachdem er ihr von den Abenteuern und Fährden seines Weges erzählt hatte, umarmte er das Kind, und von nun an blieben sie beisammen.

Er redete der Fee zu, sich wieder in die Menschenwelt zu begeben, und sie folgte ihm gern. So kehrten sie denn zum kaiserlichen Vater unseres Helden zurück, und dort wurde eine solch herrliche Hochzeit gefeiert, dass alle Leute weit und breit lange von nichts anderem sprachen als von diesem Fest.

Da der Kaiser schon alt war, wählten die Bojaren und das Volk den Jüngsten zum Kaiser, kannten sie ihn doch als klugen und gerechten Menschen; und die beiden lenkten weise und in Frieden Land und Volk. Ehre ihrem Angedenken!

(Petre Ispirescu, 1830 – 1887)

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Salz – ein rumänisches Volksmärchen

Samstag, April 11th, 2009

Es war einmal,
war dazumal:
Als Weidenbäume Veilchen trieben,
als Stubenfliegen Märchen schrieben,
als auf der Pappel Birnen reiften,
als Lamm und Wolf den Wald durchstreiften
und brüderlich im Grünen grasten,
als Bären durch die Wälder rasten,
einand’ mit langen Schwänzen schlugen,
als Flöhe Eisenhufen trugen
und Sprünge bis zum Himmel machten
und uns von oben Märchen brachten:

pixelio.de Salz

Es war einmal ein Kaiser, und dieser Kaiser hatte drei Töchter. Seitdem er Witwer war, schenkte er seine ganze Liebe den Kindern. Als sie größer wurden und sahen, was für ein Mühe er sich gab, sie zu erziehen und zu belehren, sie vor Heimsuchungen und Färden zu bewahren, taten sie ihrerseits alles, um ihn über den Tod der Mutter hinwegzutrösten.

Eines Tages – wer weiß, was dem Kaiser in den Sinn gekommen war – fragte er die älteste Tochter:

pixelio.de Salz"Mein Kind, wie liebst du mich?" "Wie ich dich liebe, Vater? Nun ich liebe dich wie den Honig", antwortete nach kurzem Nachdenken das Mädchen, weil es auf Erden nichts süßeres gibt als Honig. Etwas Klügeres war ihr nicht eingefallen.

 pixelio.de Salz

"Hab Dank, mein Kind, möge Gott dich erhalten!"

Dann wandte er sich an die Mittlere. "Und wie liebst du mich, mein Kind?"

"Wie den Zucker, Vater." Etwas Klügeres war auch ihr nicht eingefallen. "Möge Gott dir deine Worte lohnen!" Diese Mädchen waren Schmeichlerinnen, sie zeigten ihrem Vater mehr Liebe, als sie für ihn fühlten.

Der Kaiser aber freute sich, als hätte er weiß der Himmel was zu hören bekommen. Er glaubte, es gäbe keine andere als honigsüße oder zuckersüße Liebe.

Da fiel sein Blick auf die jüngste Tochter, die bescheiden beiseite stand, und er fragte auch sie: "Wie liebst du mich, mein Kind?" "Wie das Salz, Vater", gab sie heiter lächelnd zur Antwort. Gewiss war sie so verlegen, weil der Vater sie, die Kleine, nicht übersehen hatte.

pixelio.de Salz

Bei dieser Antwort brachen die Schwestern in schallendes Gelächter aus und wandten sich von ihr ab. Die Miene des Vaters aber verfinsterte sich, und er sagte zornig:

"Komm einmal her, dummes Ding, mit dir will ich ein ernstes Wort sprechen. Hörst du nicht, was für eine Liebe deine älteren Schwestern für mich hegen? Warum hast du dir nicht an ihnen ein Beispiel genommen und auch gesagt, welch süße Liebe du für deinen Vater fühlst? Ich plage mich, euch großzuziehen, und lasse euch unterrichten. Ist das der Dank dafür? Geh mir aus den Augen, samt deinem Salz!"

Als sich der Zorn des Vaters auf das Haupt der Jüngsten entlud, hätte die sich am liebsten in ein Mauseloch verkrochen. Es tat ihr weh, dass der Vater ihr böse war, dennoch wagte sie zu antworten:

"Verzeih mir, Vater, ich wollte dich nicht erzürnen. Ich glaube trotz allem, dass meine Liebe zu dir, wenn nicht größer, so doch auch nicht geringer ist als die meiner Schwestern. Salz ist ja nicht wertloser als Honig und Zucker …"

"Hört, hört", fuhr der Kaiser dazwischen, "jetzt hast du noch die Frechheit, deine älteren Schwestern herabzusetzen. Geh mir aus den Augen, du Nichtsnutz, von dir will ich nichts mehr wissen." Er verbat sich jede Widerrede und ließ sie weinend zurück. Die Schwestern wollten sie trösten, doch sie taten es mit so verletzenden Worten, dass es ihr wehtat, statt ihr wohlzutun.

Als die Prinzessin sah, dass nicht einmal ihre Schwestern sie schonten, beschloss sie fortzuwandern.

pixelio.de SalzNichts nahm sie aus dem Vaterhaus mit als ein altes abgetragenes Kleid, darin zog sie von Dorf zu Dorf, bis sie schließlich zum Hof eines anderen Kaisers gelangte. Dort stellte sie sich an das Tor. Die Beschließerin hieß sie nähertreten und fragte sie, was sie denn hier suche. Da antwortete die Prinzessin, sie sei ein armes Waisenkind und wolle sich, wenn es irgend möglich sei, verdingen.

Die Magd, die der Beschließerin zur Hand gegangen war, hatte kurz vorher den Dienst verlassen, und nun schaute die Beschließerin das fremde Mädchen prüfend an und fand es für diese Arbeit geeignet. Auf die Frage, wieviel Lohn sie verlange, antwortete die Prinzessin, sie wolle eine Zeitlang ohne Lohn dienen, später würde man ihr schon geben, was ihre Arbeit wert sei.

Der Frau gefiel diese verständige Antwort; sie machte das Mädchen zu ihrer Gehilfin und vertraute ihm alsogleich einen Schlüsselbund an. Die Fremde war brav und anstellig. Zuallererst machte sie in der Speisekammer und in den Schränken, zu denen sie die Schlüssel hatte, Ordnung und legte jedes Ding an seinen Platz. Da sie sich sehr gut darauf verstand, Teig zu kneten, Obst einzukochen und allerlei Leckerbissen zuzubereiten, wurde ihr die Aufsicht über die Vorräte des Hofes anvertraut. Natürlich kannte sie sich aus. War sie nicht eine Prinzessin?

Niemals gab es Unzufriedenheit, niemand murrte, sie teilte ja die Nahrungsmittel immer gerecht aus, keiner wurde begünstigt und keiner geschädigt. Und nie fiel es ihr ein, mit den Männern und Frauen, die am Hof lebten, die Zeit zu verschwatzen oder mit Fremden, die Nahrungsmittel übernahmen, unnütze Gespräche zu führen. Die Leute betrachteten sie mit scheuer Achtung, niemand fand auch nur das geringste an ihr auszusetzen.

pixelio.de Salz

Bald hörte selbst die Kaiserin von der so fleißigen und bescheidenen Gehilfin der Beschließerin und wollte das Mädchen sehen. Und die Prinzessin wusste, was sich ziemt, wusste, wie man einer Kaiserin unter die Augen zu treten und mit ihr zu sprechen hat; schlicht und aufrichtig, ohne Verstellung, aber auch ohne Keckheit.

Die Kaiserin gewann das Mädchen lieb; gewiss, dachte sie bei sich, sei es angesehener Leute Kind. Und so kam es, dass die Kaiserin die Fremde als Dienerin bei sich behielt. Wohin die Kaiserin ging, dorthin ging auch sie; nahm die Kaiserin eine Handarbeit vor, so tat die andere das gleiche, und was unter ihren Händen entstand, war das reinste Wunder. Vor allem aber gefiel der Herrin ihre verständige und wohlerwogene Rede.

Doch wozu die vielen Worte? Die Kaiserin liebte sie wei ein eigenes Kind. Sogar der Kaiser wunderte sich, dass seine Gemahlin das Mädchen so sehr ins Herz geschlossen hatte. Dieses kaiserliche Paar hatte einen einzigen Sohn, den sie über alle Maßen liebten.

Als der Kaiser einmal in den Krieg zog, nahm er ihn mit, damit er sich im Kriegshandwerk übe. Dabei wurde der Prinz eines Tages verwundet, und man brachte ihn auf der Bahre heim. Ihr könnt euch die Verzweiflung der Mutter kaum vorstellen. Sie klagte und weinte, sie wusste nicht, was sie alles tun solle, damit ihr Sohn so rasch wie irgend möglich gesund werde. Tag und Nacht saß sie an seinem Lager, bloß wenn allzu große Müdigkeit sie überkam, rief sie die Dienerin, der sie volles Vertrauen schenkte. So wachten sie denn abwechselnd am Bett des Verwundeten.

Die sanften und beruhigenden Worte der jungen Betreuerin, ihre süße Liebkosungen, ihre Demut, all dies erweckte im Herzen des Kranken ein ihm unbekanntes Gefühl. Mit welch zarter Achtsamkeit sie ihm doch die Wunden verband! Der Prinz liebte sie wie eine Schwester, ihm schien es, als lindere sie mit ihrer Hand seine Schmerzen.

pixelio.de Salz

Eines Nachmittags, als es ihm schon besser ging, plauderte er mit seiner Mutter und sagte: "Weißt du, Mutter, ich möchte gern heiraten." "Gut, mein Lieber, gut! Besser jung gefreit, mein Kind, als verweht wie Spreu im Wind. Ich werde schon eine wohlgeratene Braut aus einem mächtigen Kaiserhaus für dich finden."

"Sie ist schon gefunden, Mutter." "Und wer ist es? Kenne ich sie?" "Zürne mir nicht, Mutter, ich will dir gestehen, dass ich mein Herz an deine Dienerin verloren habe, die liebe ich mehr als mein Leben. Viele Töchter von Kaisern oder Fürsten sind mir begegnet, aber ihr kommt keine gleich."

Die Kaiserin hatte zwar viele Einwände, doch gelang es ihr nicht, den Sohn von seinem Wunsch abzubringen. Er wollte sich nur mit diesem Mädchen vermählen, und da seine Erwählte nicht bloß wohlanständig, sanft und klug, sondern auch seelengut, aufrichtig und tüchtig war, gab die Kaiserin schließlich nach. Nun galt es, die Einwilligung des Kaisers zu erhalten.

Das war nicht sehr schwer. Mutter und Sohn verlegten sich aufs Bitten, sie konnten das Mädchen gar nicht genug rühmen, und so verlobte denn das Kaiserpaar den Sohn mit der Dienerin und setzte den Hochzeitstag fest.

Als die Herolde in aller Herren Länder geschickt wurden, bat die Braut, man möge nicht vergessen, einen bestimmten Kaiser zu laden. Aber sie hütete sich wohl, jemandem zu sagen, dass es ihr Vater sei. Die Schwiegereltern erfüllten ihr diesen Wunsch und ließen auch diesen Kaiser zum Fest bitten.

pixelio.de SalzViele Gäste kamen zur Trauung. Dann begannen Spiel und Tanz, den ganzen Tag ging es hoch her, man vergnügte sich aufs beste, wie eben bei einem Hochzeitsfest am Kaiserhof. Abends wurde eine wahrhaft fürstliche Tafel gedeckt, es gab die verschiedenartigsten Speisen und Getränke, so herrliche Pasteten kamen auf den Tisch, dass einem das Wasser im Mund zusammenlief.

Die Braut hatte die Gerichte bei den Köchen bestellt. Sie aber hatte die gleichen mit eigener Hand für einen einzigen Gast zubereitet und einer treuen Dienerin aufgetragen, diese Speisen dem auf ihren Wunsch geladenen Kaiser vorzusetzen, bei Todesstrafe ja keinem andern. Die treue Dienerin merkte es sich gut.

Alle Gäste setzten sich zu Tisch, alle aßen und waren über die Maßen vergnügt. Nur dem auf die Bitte der Braut hin geladenen Kaiser, also ihrem Vater, schien es nicht so recht zu munden. Gleich nach seiner Ankunft hatte er immer wieder zur Braut hinübergeschaut, das Herz flüsterte ihm etwas zu, und dennoch wollte er seinen Augen nicht trauen.

Die Braut ähnelte seiner Tochter. doch wie hätte die dazukommen können, sich mit einem Prinzen zu vermählen? Der Vater fragte niemanden und sprach nicht darüber. Vielleicht hatten auch Kummer und Sorgen die Arme so sehr verändert, dass nicht einmal der eigene Vater sie wiedererkannte.

Da es sich alle ringsum schmecken ließen, wollte auch er gerne zugreifen und fröhlich sein; doch sooft er einen Bissen oder zwei hinuntergewürgt hatte, ließ er das Essen stehen; fast unberührte Schüsseln trug die treue Dienerin wieder fort. Den Kaiser nahm es wunder, dass alle Tischgenossen den Speisen, die ihm selber ungenießbar schienen, freudig zusprachen.

pixelio.de Salz

Schließlich fragte er seinen Nachbarn zur Rechten. So leckere Gerichte, gab der zur Antwort, habe man ihm seit langer Zeit nicht mehr vorgesetzt. Der Kaiser kostete vom Teller des Nachbarn, und wahrlich, es mundete ihm; dann kostete er einen Bissen vom Teller des Nachbarn zur Linken.

Der Kaiser verging schier nach den Leckerbissen, die er soeben gekostet; er wurde immer hungriger und hätte gern tüchtig geschmaust, aber wer konnte die Gerichte, die man ihm anbot, hinunterwürgen? Er beherrschte sich, so gut er konnte. Hin und wieder steckte er einen Bissen in den Mund, um nicht zum Gespött seiner Tischgenossen zu werden. Zu guter Letzt konnte er sich aber doch nicht mehr beherrschen. Er stand auf und wandte sich mit erhobener Stimme an seinen Gastgeber:

"Alles was recht ist, kaiserlicher Bruder, hast du mich zur Hochzeit deines Sohnes geladen, um Spott mit mir zu treiben?" "Wie kommst du nur auf diesen Gedanken? Die ganze Hochzeitsgesellschaft rufe ich zum Zeugen, dass ich dich ebenso schätze und ehre wie die anderen Gäste." "Entschuldige, o Kaiser, aber allen Gästen werden schmackhafte Speisen vorgesetzt, nur mir nicht."

pixelio.de SalzDer Gastgeber wurde rot vor Zorn und schickte nach den Köchen. Sie sollten sehen, was sie da angerichtet hatten, und die Schuldigen würde es den Kopf kosten. Wisst ihr schon, wer schuld war? Die Braut hatte für ihren Vater alle Speisen selber gekocht und statt Salz Honig und Zucker hineingetan. Selbst im Salzfass, das vor ihm stand, war gestoßener Zucker. Vergeblich versuchte er, die Gerichte nachzusalzen, doch sooft er sich mit der Messerspitze aus dem Salzfass bediente, wurden sie nur süßer und widerlicher.

Da erhob sich die Braut von der Hochzeitstafel und sagte zu ihrem Schwiegervater: "Die Gerichte für diesen so erzürnten Kaiser habe ich zubereitet, und ich will auch sagen, warum:

Dieser Kaiser ist mein Vater. Wir waren drei Schwestern. Eines Tages fragte uns der Vater, wie lieb er uns sei. Eine meiner älteren Schwestern sagte wie Honig, die andere wie Zucker, ich aber antwortete, dass ich ihn liebe wie das Salz. Ich hielt Salz für das wertvollste. Doch Vater jagte mich aus dem Hause. Jetzt wollte ich ihm beweisen, dass man wohl ohne Honig und Zucker leben kann, nicht aber ohne Salz. Darum habe ich die Gerichte für ihn ohne Salz zubereitet. Urteilt alle, die ihr hier versammelt seid, mit kaiserlicher Weisheit und sagt, wer im Recht ist!"

Wie aus einem Munde antworteten die Gäste, es sei unrecht gewesen, sie aus dem Elternhaus zu vertreiben. Da gab der Kaiser zu, dass er den Verstand seiner Tochter nicht zu würdigen gewusst, und bat sie um Vergebung. Die Tochter küsste ihm die Hand und bat ihn ihrerseits um Vergebung, vielleicht hatte sie ihn heute gekränkt …

Nun aber wurden alle so recht fröhlich, es war ein Hochzeitsfest, von dem man noch lange singen und sagen sollte. Alle freuten sich, dass das Mädchen so klug und so fleißig war.

pixelio.de Salz

(Petre Ispirescu, 1830 – 1887)

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