Es war einmal ein altes Mütterchen. Es war geizig und dazu dumm wie ein Schaf.

Dieses Mütterchen hatte zwei Söhne, aber der eine war gestorben. Der andere lebte bei ihr und bestellte den Acker. Einmal, als der Sohn nicht zu Hause war, klopfte ein Soldat an die Tür. Er war weit gewandert, war zum Umfallen müde vom langen Weg und hungrig wie ein Wolf. Die Alte machte ihm auf.
"Was willst du?" fragte sie ihn. "Mütterchen, lasst mich bei euch übernachten!" bat der Soldat. "Ach, Söhnchen, wir haben keinen Platz für dich." "Mütterchen, dann gebt mir wenigstens etwas zu essen!" "Ach, Söhnchen, was soll ich dir geben, wo ich doch selbst nichts habe!" Der Soldat ließ den Kopf hängen, wandte sich um und wollte gehen. Da fragte ihn die Alte: "He, Soldat, wo kommst du her?" "Aus dem Jenseits", antwortete der Soldat. "Aus dem Jenseits? Ich hatte einen Sohn, der ist mit voriges Jahr gestorben. Bist du ihm vielleicht im Jenseits begegnet?" "Wie könnte ich ihn nicht getroffen haben! Er ist mein bester Freund. Wir schlafen in einem Bett." "Was macht mein lieber Junge?" "Er hütet die Kraniche, Mütterchen."

"Ach, der Arme!" seufzte die Alte. "Ja, er hat’s schlecht getroffen, dein Junge, denn die Kraniche laufen immer ins Dornengebüsch, und dann muss er ihnen nachlaufen und zerreißt sich dabei die Kleider." "Ach, der Ärmste!" "Ja, er läuft schon wie ein Bettler herum!" "Höre, Söhnchen, ich habe einen Ballen Wollstoff. Tu mir einen Gefallen: Nimm diesen Stoff mit ins Jenseits und gib ihn meinem Sohn, damit er sich neue Sachen daraus machen lässt!" "Gern, Mütterchen!" sagte der Soldat, nahm den Stoff und machte sich aus dem Staube.

Am Abend kam der zweite Sohn der Alten vom Feld nach Hause. "Ach, Kind", fing sie gleich an, "eben hat mich ein junger Bursche besucht, der aus der anderen Welt kam. Ich habe ihm einen Ballen Stoff für deinen verstorbenen Bruder mitgegeben." "Mütterchen, was hast du da getan?! Ich sage dir, hier bleibe ich nicht länger! Ich werde in die weite Welt ziehen, um zu sehen, ob ich eine Frau finde, die noch dümmer ist als du! Gibt es eine, so will ich zurückkommen und dich bis an dein Lebensende hegen und pflegen. Gibt es aber keine, dann brauchst du nicht auf mich zu warten, denn dann komme ich nicht wieder."
Damit kehrte er ihr den Rücken, nahm den Weg unter die Beine und war bald ihren Blicken entschwunden. Er wanderte seines Weges und kam zu einem Herrenhaus. Er schaute über den Zaun. Auf dem Hof führte eine Sau ihre zwölf Ferkel spazieren.

Der Bursche trat ein und verneigte sich vor der Sau. Die Herrin des Hauses stand auf der Vortreppe. Als sie sah, was der Bursche tat, fing sie an zu lachen und sagte zu ihrer Magd: "Lauf, Marika, und frag, warum sich dieser Tölpel vor der Sau verneigt!" Marika lief auf den Hof und fragte den Burschen: "He, du Dummkopf, warum verneigst du dich vor der Sau?"
"Ich bitte dich", sagte der Bursche, "sag deiner Herrin, dass ich gekommen bin,die Sau zur Hochzeit einzuladen. Sie ist die
Schwester der unseren, und die will heiraten. Das ist’s! Darum lasse ich deine Herrin bitten, dass sie eurer Sau erlaubt, zur Hochzeit zu kommen. Sie kann auch ihre Ferkel mitbringen!" Als die Hausfrau hörte, weshalb der Bursche gekommen war, wollte sie sich totlachen. "Einen solchen Dummkopf hab ich mein Lebtag noch nicht gesehen", sagte sie und wischte sich die Tränen aus den Augen.
"Da hilft nichts, ich muss sie gehen lassen, damit die Leute ihn auslachen. Hör, Marika, putz die Sau schnell heraus: Setze ihr meinen Hut auf, hänge ihr meine Halskette um und sage dem Knecht, er soll den Wagen anspannen! Die Nachbarn sollen sehen, dass meine Sau nicht zu Fuß zur Hochzeit zu gehen braucht!"
Marika putzte die Sau, und als der Knecht sie mit ihren zwölf Ferkeln in den Wagen geladen hatte, fasste der Bursche die Zügel, knallte mit der Peitsche und ließ die Pferde traben.

Der Herr des Hauses war indessen auf der Jagd gewesen. Gegen Abend kam er zurück. Seine Frau ging ihm entgegen und schüttelte sich wieder vor Lachen: "Ach Mann, wenn du nur zu Hause gewesen wärest und gesehen hättest, was sich hier zugetragen hat! Da ist ein Dummkopf gekommen und hat sich immer vor dem Schwein verneigt. ‘Eure Sau’, sagte er, ‘ist die Schwester von unseren. Erlaubt, dass ich sie zur Hochzeit führe, denn die unsere will heiraten.’"
"Und du hast’s ihm erlaubt?" fragte der Mann. "Gewiss! Ich habe ihm die Sau und die Ferkel gegeben und sogar befohlen, dass sie sie auf den Wagen luden. Zum Totlachen war’s!" "Und woher kam der Bursche?" "Das weiß ich nicht." "Ach Frau, dieser Dummkopf kann sich an Dummheit mit dir nicht messen. Wie soll ich ihn nun finden?"
Darauf schwang sich der erzürnte Herr aufs Pferd und ritt den Spuren des Wagens nach. Nach drei Stunden hatte er ihn fast eingeholt. Der Bursche, der ahnte, was geschehen würde, sprang vom Wagen und führte die Pferde abseits ins Gebüsch. Dann setzte er sich an den Wegrand, nahm seine Fellmütze ab und deckte sie über ein verdorrtes Zweiglein. Der Reiter kam näher und hielt an.
"He, Bursche, ist hier nicht ein Schlauberger mit einem Wagen, beladen mit Schweinen, vorbeigekommen?" "Ja, ja, der ist vorbeigekommen, aber er muss schon weit fort sein, denn es ist schon drei Stunden her." "Wohin hat er sich gewandt? Kann ich ihn einholen?" "Das glaube ich nicht, denn es gibt hier viele Kreuzwege, und du kennst die Gegend nicht."
Der Herr überlegte, was er tun sollte. "Hör zu, Bursche", sagte er, "willst du an meiner Stelle den Dieb fangen? Wenn du ihn mir mitsamt dem Wagen zurückbringst, so will ich es dir reich lohnen." "Das kann ich nicht, Bruder, ich muss hierbleiben und den Falken meines Herrn bewachen." "Wo ist der Falke?" "Unter meiner Mütze." "Gut, dann werde ich statt deiner auf den Falken aufpassen!"
"Nein, Bruder, du wirst ihn fortfliegen lassen, und es ist ein sehr kostbarer Vogel. Mein Herr ist ein aufbrausender Mensch und wird mir das Fell gerben." "Wieviel kostet der Vogel?" "Tausend Rubel." "Das heißt, wenn ich ihn fortfliegen lasse, so muss ich dir tausend Rubel bezahlen?" "Das sagst du jetzt, aber nachher muss ich den Kopf herhalten." "Was bist du für ein ungläubiger Thomas! Da hast du tausend Rubel, nimm mein Pferd und reite hinter dem Dieb her, ich werde indessen den Falken bewachen, denn ich bin müde."
Der schlaue Bursche nahm das Geld, stieg aufs Pferd und verschwand bald darauf im Wald. Der Herr setzte sich auf einen Baumstamm und passte auf die Mütze auf. Die Sonne ging unter, es dunkelte schon, und der Bursche war noch immer nicht zurückgekommen. Der Herr dachte: ‘Ich will doch mal sehen, was das für ein teurer Falke ist!’ Als er die Mütze aufhob, sah er das verdorrte Zweiglein. ‘So ein Räuber! Das war sicher derselbe, der die Sau, die Ferkel und meinen Wagen ergaunert hat.’
Spät in der Nacht kam der betrogene Herr nach Hause und sagte lächelnd zu seiner Frau: "Höre, deine Sau ist auch meine Sau. Sie soll sich’s auf der Hochzeit gut sein lassen. Wir wollen deswegen nicht streiten."
Der Bursche aber holte die Pferde und Schweine, brachte sie seiner Mutter nach Hause und sprach: "Mutter, noch hundert Jahre will ich dich hegen und pflegen, denn ich habe Leute gefunden, die sind noch dümmer als du. Sie wohnen in einem Herrenhaus. Aber gute Leute waren sie. Sie haben mir drei Pferde, einen Wagen, tausend Rubel, eine Sau und zwölf Ferkel geschenkt!"
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