Es saßen einst Mädchen spinnend neben einer tiefen Grube, während sie Hornvieh weideten. Da kam ein kahlköpfiger Greis mit einem bis zum Gürtel herabhängenden weißen Bart zu ihnen und sagte: "Mädchen, hütet euch vor dieser Grube, denn die Mutter des Mädchens, dem die Spindel in die Grube fallen würde, würde sich sofort in eine Kuh verwandeln."
Nur diese paar Worte sagte er und ging fort. Die Mädchen wunderten sich und rückten noch näher an den Rand der Grube. Sie beugten sich über den Abgrund und schauten hinunter, ob er wirklich so tief sei. Da rutschte einem Mädchen, dem schönsten, die Spindel aus der Hand und fiel in die Grube.
Als das Mädchen am Abend nach Hause kam, konnte sie ihre Mutter nicht finden. Sie hatte sich in eine Kuh verwandelt, stand vor dem Haus und muhte. Was sollte das arme Mädchen machen? Es führte von nun an auch diese Kuh mit den anderen auf die Weide. Und der unglückliche Vater? Als ihn nach einiger Zeit das Alleinsein verdross, heiratete er eine Witwe, die ihre Tochter mit ins Haus brachte. Die Stiefmutter hasste ihre Stieftochter hauptsächlich deshalb, weil sie um vieles schöner als ihre eigene Tochter war. Sie erlaubt ihr nicht einmal, sich zu waschen, kämmen oder umzukleiden. Sie quälte sie unaufhörlich und machte ihr das Leben schwer.
Eines Morgens gab die Stiefmutter der Stieftochter einen Korb voll Flachs und sagte: "Wenn du dies alles heute nicht zu Garn spinnst und aufhaspelst, wage ja nicht, mir am Abend unter die Augen zu treten, denn es würde dir schlimm ergehen!" Das Mädchen ging mit dem Vieh auf die Weide und spann aus Leibeskräften. Zu Mittag, als sich die Tiere in den Schatten legten, sah es, dass sich der Hanf im Korb fast nicht verringert hatte. Verrzweifelt brach es in Tränen aus.
Als dies die Kuh, die verwandelte Mutter, sah, fragte sie das Mädchen, warum es so weine. Die Tochter erzählte ihr der Reihe nach alles. Die Kuh tröstete sie und sagte, sie solle sich nicht grämen. "Ich schlucke den Hanf hinunter, wiederkäue ihn, und wenn aus meinem Ohr das Garn herausragen wird, fasse es und spule es auf." So geschah es auch. Die Kuh schluckte den Hanf, wiederkäute ihn, und das Mädchen zog das fertige Garn aus dem Ohr der Kuh und spulte es auf.
Als das Mädchen am Abend seiner Stiefmutter das riesige Garnknäuel gab, wollte die ihren Augen nicht trauen, schüttelte den Kopf und gab der Stieftochter am nächsten Tag noch mehr Hanf mit. Aber das Mädchen wurde auch diesmal damit fertig und brachte am Abend ein noch größeres Garnknäuel. Da dachte sich die Stiefmutter, dass Freundinnen dem Mädchen helfen.
Am dritten Tag lud sie dem Mädchen noch mehr Hanf auf und schickte ihm heimlich ihre Tochter nach, um herauszufinden, wer dem Mädchen bei der Arbeit hilft. Die Stiefschwester beobachtete aus einem Versteck, wie die Kuh den Hanf schluckte und das Mädchen das fertige Garn aufspulte. Sie lief nach Hause und erzählte alles der Mutter.
Nun bestand die böse Stiefmutter darauf, die Kuh zu schlachten. Der Mann versuchte, seine Frau umzustimmen, aber was konnte er machen? Die Frau ließ sich nicht überzeugen, schließlich wurde er der Streitigkeiten überdrüssig und versprach, die Kuh zu schlachten.
Als dies die Tochter erfuhr, brach sie in herzzerreißendes Weinen aus. Die Kuh fragte sie, warum sie weine und die Tochter erzählte ihr wie und was. Da sagte die Kuh: "Sei ruhig, Töchterchen, weine nicht! Aber wenn sie mich töten, esse kein Fleisch von mir, sondern sammle meine Knochen auf und vergrabe sie hinter dem Haus unter dem großen Stein. Und wenn es dir schlecht gehen sollte, komm und setze dich auf den Stein!"
Sie schlachteten die Kuh und begannen ihr Fleisch zu essen, aber das Mädchen wollte nichts davon anrühren. Es redete sich heraus, keinen Hunger zu haben. Dann sammelte es alle Knochen auf und vergrub sie unter dem Stein, wie es die Kuh befohlen hatte.
Das Mädchen hieß Mara. Weil es aber alle Arbeit im Haus verrichten musste, den Boden scheuern, heizen und kochen, das Feuer schüren, die Asche hinaustragen, nannten sie die Stiefmutter und ihre Tochter Aschenbrödel.
An einem Sonntag, als sich die Stiefmutter mit ihrer Tochter aufgeputzt in die Kirche rüsteten, fiel dem Aschenbrödel eine hölzerne Schüssel voll Hirse aus den Händen. Die Stiefmutter schrie zornig: "Aschenbrödel, wenn du diese Hirse nicht bis zum letzten Körnchen aufgeklaubt und das Essen fertiggekocht hast bis wir aus der Kirche kommen, kannst du was erwarten!" Die beiden gingen fort und das Mädchen sagte sich weinend: ‘Das Essen macht mir keine Sorgen, aber wer kann schon diese winzigen Hirsekörnchen aufklauben?’

Da erinnerte es sich an die Worte der Kuh: "Wenn es dir schlecht gehen sollte, komm an mein Grab!" Sofort eilte die Tochter hin, und siehe da! Auf dem Grab stand eine offene Truhe voll kostbarer Kleider. Auf dem Deckel der Truhe saßen zwei weiße Tauben und die sagten dem Mädchen: "Wähle dir ein Kleid aus, Mara, ziehe es an und geh in die Kirche. Wir werden inzwischen die Hirsekörnchen aufklauben und das Mittagessen zubereiten."
Freudestrahlend zog Mara das erstbeste Kleid aus der Truhe. Es war aus reinster Seide. Sie zog es an und ging in die Kirche. Alle Männer und Frauen in der Kirche bewunderten die Unbekannte, ihre Schönheit, und verschlangen mit den Augen ihr Kleid. Am meisten bewunderte sie ein junger Mann. Niemand kannte ihn, niemand wusste woher er gekommen war. Es war ein Königssohn!
Kurz vor Schluss des Gottesdienstes stahl sich Mara aus der Kirche und lief nach Hause. Sie legte das Kleid in die Truhe, die schloss sich von selbst und verschwand. Dann sprang sie zum Herd, aber dort war das Essen schon zubereitet, die Hirse war aufgeklaubt und alles war sauber. Als die Stiefmutter und die Stiefschwester von der Kirche heimkamen, sahen sie erstaunt, dass alles fertig war.
Am nächsten Sonntag rüsteten sich Mutter und Tochter wieder in die Kirche, doch bevor sie weggingen, verstreuten sie noch mehr Hirse über den Boden, und die Stiefmutter sagte, wie am vergangenen Sonntag: "Wenn du nicht alle Hirsekörnchen aufklaubst, das Essen zubereitest und alle Arbeiten verrichtest während wir in der Kirche sind, kannst du was erleben!"
Als die beiden fort waren, ging Mara zum Grab der Mutter, und wieder fand sie dort die geöffnete Truhe, auf deren Deckel zwei Tauben saßen. Sie sagten: "Zieh dich an, Mara, und geh in die Kirche. Wir klauben inzwischen die Hirse auf und kochen das Mittagessen."

Diesmal wählte Mara ein Kleid aus reinem Silber, zog es an und ging in die Kirche. Man bewunderte sie nun noch mehr und der Königssohn ließ sie nicht aus den Augen. Als sich der Gottesdienst jedoch seinem Ende zuneigte, gelang es Mara, unbemerkt aus der Kirche zu entkommen. Sie lief nach Hause. Sie zog schnell das Kleid aus, legte es in die Truhe, schlüpfte in ihre alten Lumpen und lief zum Herd. Als die Stiefmutter mit ihrer Tochter heimkam, wunderten sich die beiden, dass die Hirse aufgeklaubt, das Essen fertiggekocht und alles rein und sauber aufgeräumt war.
Als der dritte Sonntag anbrach, rüstete sich die Stiefmutter mit ihrer Tochter wieder in die Kirche, und diesmal verstreute die Stiefmutter noch mehr Hirse im Zimmer und sagte: "Wehe dir, wenn nicht alle Hirse aufgeklaubt, das Essen fertiggekocht und alles sauber ist, wenn wir aus der Kirche kommen!"
Kaum waren die beiden aus dem Haus, lief Mara zum Grab ihrer Mutter und fand wieder die offene Truhe mit den zwei Tauben, die ihr sagten, sie solle sich getrost anziehen und in die Kirche gehen und sich wegen der Arbeit keine Sorgen machen. Sie nahm sich ein Kleid aus reinem Gold, zog es an und ging in die Kirche.

In der Kirche bewunderten und bestaunten sie alle noch mehr. Der Königssohn hatte sich vorgenommen, diesmal das Mädchen nicht verschwinden zu lassen. Vor Schluss des Gottesdienstes, als sich Mara durch die Menschenmenge drängte, folgte er ihr. In der Eile verlor sie den rechten Schuh, und weil sie keine Zeit hatte, ihn zu suchen, lief sie barfuß nach Hause. Der Königssohn hob den Schuh auf. Als Mara nach Hause kam, zog sie sich schnell um, legte das Kleid in die Truhe und stellte sich an den Herd.
Der Königssohn durchwanderte dann mit dem Schuh das ganze weite Königreich. Jedem Mädchen probierte er ihn an, aber dem einen war er zu eng, dem anderen zu groß, zu weit oder zu kurz, keinem einzigen passte er. Und wie er so von Tür zu Tür ging, kam er auch zum Haus des Vaters unseres Aschenbrödels. Als die Mutter den Königssohn mit dem Schuh kommen sah, versteckte sie die schöne Stieftochter schnell unter einem Trog. Und als der Königssohn eintrat und fragte, ob sie ein Mädchen habe, sagte sie ja und zeigte ihm ihre Tochter. Er probierte ihr den Schuh an, versuchte ihren Fuß hineinzuzwängen, aber vergeblich, mit Müh und Not stopfte er ihre Zehen in den zierlichen Schuh.
Da fragte der Königssohn, ob im Haus noch ein anderes Mädchen wohne, aber die Stiefmutter log ihn an und behauptete, es wäre keines da. Plötzlich sprang ein Hahn auf den Trog und kikerikiete: "Kikeriki, hört und staunt alle hier, ein Mädchen sitzt unter dem Trog!" Schnell verjagte die Stiefmutter den Hahn, schwang einen Stock und rief: "Hesch, hesch, fort! Dass dich der Adler holt!"
Der Königssohn hatte den Hahn jedoch recht gut verstanden, er lief zum Trog, hob ihn auf, und siehe da! Unter dem Trog kauerte das Mädchen, welches er in der Kirche bewundert hatte. Es hatte sogar dasselbe goldene Kleid an, nur am rechten Fuß hatte es keinen Schuh an. Der Königssohn war glückselig. Er zog dem Mädchen sofort den Schuh an, und als er sah, dass er nicht nur wie angegossen saß, sondern auch haargenau zum linken passte, führte er unser Aschenbrödel in seinen Palast und heiratete es.

Und die böse Stiefmutter und ihre aufgeputzte Tochter hatten das Nachsehen.
(Vuk Stefanovic Karadzic, 1787 – 1864)
Verwendete Bilder sind von:
© Dunja (Bild
Hier findet man noch weitere: http://www.phantasieraum.de/21003b-zeichnungen-gemaelde/40-300-galerie-dunja/ An dieser Stelle herzlichen Dank an dich, liebe Dunja, für die zauberhafte Zeichnung!
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