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Archive for the ‘Serbien’ Category

Kleider machen Leute – ein serbisches Volksmärchen

Montag, Juni 1st, 2009

 Ein König hatte eine außergewöhnlich schöne Tochter, sein einziges Kind. Er war so stolz auf sie, dass er hochmütig wurde und im ganzen Land verlautbaren ließ, seine Tochter nur dem Jüngling zur Frau zu geben, der erraten würde, was für ein Muttermal sie hatte. Diesem würde er auch das halbe Königreich überlassen. Den, der es jedoch nicht erraten könnte, würde er in ein Lamm verwandeln oder enthaupten lassen.

pixelio.de Kleider machen Leute

Diese seltsame Botschaft verbreitete sich im ganzen Land. Aus allen Ecke und Enden kamen Brautwerber, aber vergeblich! Alle wurden in Lämmer verwandelt oder kamen um ihre Köpfe.

Auch ein armer, aber sehr schlauer Bursche erfuhr die Botschaft. Auch ihn lockte das schöne Mädchen und das halbe Königreich. Er machte sich also auf den Weg, aber nicht um ihre Hand zu erbitten, sondern um die Königstochter zu sehen und ihr eine Frage zu stellen.

Er kam in den Königspalast und da geschah etwas Seltsames: eine große Schar schwarzer und weißer Lämmer umringten ihn, sprangen um ihn herum und blökten, als wollten sie ihn von seinem Vorhaben abhalten, damit es ihm nicht so ergehe wie ihnen, oder dass er gar um seinen Kopf komme.

Als dies der Jüngling sah, bekam er es mit der Angst zu tun und wollte schon das Weite suchen, aber ein schwarzgekleideter Mann hielt ihn zurück. Er fuhr ihn an: "Halt! Wohin willst du? Komm zurück, jetzt ist es zu spät!" Also kehrte der Bursche um und ging zur Königstochter. Die erwartete ihn bereits und fragte: "Willst du auch um meine Hand anhalten?"

"Nein, verehrte Prinzessin. Mir ist nur zu Ohren gekommen, dass du, sobald der richtige Augenblick gekommen sein wird, heiraten willst. Also bin ich gekommen, um dich zu fragen, ob du nicht ein Brautkleid brauchst." "Was für ein Kleid?" fragte sie.

Der Jüngling antwortete: "Ich habe eine Hose aus Marmor, ein Hemd aus Tautropfen, einen Schleier aus Sonnenstrahlen, geschmückt mit Sternen und dem Mond, Schuhe aus reinstem Gold, die weder gewebt noch gehämmert sind. Wenn du es kaufen willst, befehle, und ich bringe dir das Kleid. Aber eines sage ich dir, wenn du die einzelnen Stücke anprobieren wirst, darf außer uns beiden niemand dabei sein. Sollten sie dir gefallen und passen, werden wir uns über den Preis schnell einigen. Sollten sie dir nicht gefallen oder dich nicht kleiden, werde ich sie niemandem zeigen, sondern für meine Braut aufbewahren."

Die Königstochter ließ sich überreden und befahl ihm, die Sachen zu bringen. Es bleibt rätselhaft wie er es anstellte, sicher ist nur, dass er das Kleid wirklich brachte.

Die beiden sperrten sich allein in ein Zimmer ein. Die Königstochter zog sich zuerst die Hose an, und der Jüngling betrachtete sie von der Seite, ob er nicht irgendwo ihr Muttermal erspähen könne.

Er hatte Glück. Er entdeckte, dass sie unter ihrem rechten Knie einen goldenen Stern hatte. Er sagte jedoch kein Wort, dachte sich nur: ‘Heute ist mir das Glück begegnet und verlässt mich nie wieder!’

pixelio.de Kleider machen LeuteDer Königstochter saß alles wie angegossen, also bezahlte sie die verlangte Summe. Der Jüngling nahm das Geld, kam nach einigen Tagen prächtig gekleidet zum König und sagte: "Erhabener König, ich komme, um die Hand deiner Tochter zu bitten. Gib sie mir zu Frau!"

"Gut", sagte der König, "weißt du aber auch, wie man um die Hand meiner Tochter werben muss? Gib gut acht: Wenn du nicht errätst, was für ein Muttermal sie hat, bist du tot, wenn du es aber errätst, gebe ich sie dir und mit ihr mein halbes Königreich."

Der Jüngling verbeugte sich vor dem König und sagte: "Ich grüße dich, mein König und Schwiegervater! Denn wenn es so ist, gehört sie mir. Sie hat einen goldenen Stern unter ihrem rechten Knie."

Der König wunderte sich sehr, woher dies der Jüngling wissen konnte. Es blieb ihm jedoch nichts anderes übrig, als die Hochzeit vorzubereiten. Als aber der König dem Jüngling das halbe Königreich schenken wollte, sagte der Bräutigam: "Ich schenke dir das versprochene halbe Königreich, wenn du allen armen Lämmern und umgekommenen Jünglingen ihre menschliche Gestalt wieder zurückgibst!"

Darauf antwortete der König: "Das ist nicht in meiner Macht, das kann nur meine Tochter vollbringen." Also bat der junge Bräutigam seine Braut und die forderte ihn auf: "Stich mich unter dem Stern ins Knie und reibe alle diese Unglücklichen mit meinem Blut ein. Sie werden dann wieder zu dem, was sie früher waren."

pixelio.de Kleider machen Leute

Der Bräutigam machte es und alle Lämmer verwandelten sich in Jünglinge, und er lud sie zur Hochzeit ein. Auf dem Hochzeitsfest vergnügten sie sich und sangen und wurden mit guten Speisen und Wein bewirtet. Nach der Hochzeit kehrten alle nach Hause zurück, nur unser Held blieb bei seiner jungen Frau.

Wer weiß, was danach mit ihnen geschah, wer könnte sich heute noch daran erinnern?

Verwendete Bilder sind von:
© wilhei/PIXELIO (Bild 1)
© Sylwia Schreck/PIXELIO (Bild 2)
© Katharina Hopp/PIXELIO (Bild 3)
www.pixelio.de

 

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Das Aschenbrödel – ein serbisches Volksmärchen

Montag, April 6th, 2009

pixelio.de AschenbrödelEs saßen einst Mädchen spinnend neben einer tiefen Grube, während sie Hornvieh weideten. Da kam ein kahlköpfiger Greis mit einem bis zum Gürtel herabhängenden weißen Bart zu ihnen und sagte: "Mädchen, hütet euch vor dieser Grube, denn die Mutter des Mädchens, dem die Spindel in die Grube fallen würde, würde sich sofort in eine Kuh verwandeln."

Nur diese paar Worte sagte er und ging fort. Die Mädchen wunderten sich und rückten noch näher an den Rand der Grube. Sie beugten sich über den Abgrund und schauten hinunter, ob er wirklich so tief sei. Da rutschte einem Mädchen, dem schönsten, die Spindel aus der Hand und fiel in die Grube.

AschenbrödelAls das Mädchen am Abend nach Hause kam, konnte sie ihre Mutter nicht finden. Sie hatte sich in eine Kuh verwandelt, stand vor dem Haus und muhte. Was sollte das arme Mädchen machen? Es führte von nun an auch diese Kuh mit den anderen auf die Weide. Und der unglückliche Vater? Als ihn nach einiger Zeit das Alleinsein verdross, heiratete er eine Witwe, die ihre Tochter mit ins Haus brachte. Die Stiefmutter hasste ihre Stieftochter hauptsächlich deshalb, weil sie um vieles schöner als ihre eigene Tochter war. Sie erlaubt ihr nicht einmal, sich zu waschen, kämmen oder umzukleiden. Sie quälte sie unaufhörlich und machte ihr das Leben schwer.

Eines Morgens gab die Stiefmutter der Stieftochter einen Korb voll Flachs und sagte: "Wenn du dies alles heute nicht zu Garn spinnst und aufhaspelst, wage ja nicht, mir am Abend unter die Augen zu treten, denn es würde dir schlimm ergehen!" Das Mädchen ging mit dem Vieh auf die Weide und spann aus Leibeskräften. Zu Mittag, als sich die Tiere in den Schatten legten, sah es, dass sich der Hanf im Korb fast nicht verringert hatte. Verrzweifelt brach es in Tränen aus.

pixelio.de AschenbrödelAls dies die Kuh, die verwandelte Mutter, sah, fragte sie das Mädchen, warum es so weine. Die Tochter erzählte ihr der Reihe nach alles. Die Kuh tröstete sie und sagte, sie solle sich nicht grämen. "Ich schlucke den Hanf hinunter, wiederkäue ihn, und wenn aus meinem Ohr das Garn herausragen wird, fasse es und spule es auf." So geschah es auch. Die Kuh schluckte den Hanf, wiederkäute ihn, und das Mädchen zog das fertige Garn aus dem Ohr der Kuh und spulte es auf.

Als das Mädchen am Abend seiner Stiefmutter das riesige Garnknäuel gab, wollte die ihren Augen nicht trauen, schüttelte den Kopf und gab der Stieftochter am nächsten Tag noch mehr Hanf mit. Aber das Mädchen wurde auch diesmal damit fertig und brachte am Abend ein noch größeres Garnknäuel. Da dachte sich die Stiefmutter, dass Freundinnen dem Mädchen helfen.

Am dritten Tag lud sie dem Mädchen noch mehr Hanf auf und schickte ihm heimlich ihre Tochter nach, um herauszufinden, wer dem Mädchen bei der Arbeit hilft. Die Stiefschwester beobachtete aus einem Versteck, wie die Kuh den Hanf schluckte und das Mädchen das fertige Garn aufspulte. Sie lief nach Hause und erzählte alles der Mutter.

Nun bestand die böse Stiefmutter darauf, die Kuh zu schlachten. Der Mann versuchte, seine Frau umzustimmen, aber was konnte er machen? Die Frau ließ sich nicht überzeugen, schließlich wurde er der Streitigkeiten überdrüssig und versprach, die Kuh zu schlachten.

pixelio.de AschenbrödelAls dies die Tochter erfuhr, brach sie in herzzerreißendes Weinen aus. Die Kuh fragte sie, warum sie weine und die Tochter erzählte ihr wie und was. Da sagte die Kuh: "Sei ruhig, Töchterchen, weine nicht! Aber wenn sie mich töten, esse kein Fleisch von mir, sondern sammle meine Knochen auf und vergrabe sie hinter dem Haus unter dem großen Stein. Und wenn es dir schlecht gehen sollte, komm und setze dich auf den Stein!"

Sie schlachteten die Kuh und begannen ihr Fleisch zu essen, aber das Mädchen wollte nichts davon anrühren. Es redete sich heraus, keinen Hunger zu haben. Dann sammelte es alle Knochen auf und vergrub sie unter dem Stein, wie es die Kuh befohlen hatte.

Das Mädchen hieß Mara. Weil es aber alle Arbeit im Haus verrichten musste, den Boden scheuern, heizen und kochen, das Feuer schüren, die Asche hinaustragen, nannten sie die Stiefmutter und ihre Tochter Aschenbrödel.

An einem Sonntag, als sich die Stiefmutter mit ihrer Tochter aufgeputzt in die Kirche rüsteten, fiel dem Aschenbrödel eine hölzerne Schüssel voll Hirse aus den Händen. Die Stiefmutter schrie zornig: "Aschenbrödel, wenn du diese Hirse nicht bis zum letzten Körnchen aufgeklaubt und das Essen fertiggekocht hast bis wir aus der Kirche kommen, kannst du was erwarten!" Die beiden gingen fort und das Mädchen sagte sich weinend: ‘Das Essen macht mir keine Sorgen, aber wer kann schon diese winzigen Hirsekörnchen aufklauben?’

pixelio.de Aschenbrödel

Da erinnerte es sich an die Worte der Kuh: "Wenn es dir schlecht gehen sollte, komm an mein Grab!" Sofort eilte die Tochter hin, und siehe da! Auf dem Grab stand eine offene Truhe voll kostbarer Kleider. Auf dem Deckel der Truhe saßen zwei weiße Tauben und die sagten dem Mädchen: "Wähle dir ein Kleid aus, Mara, ziehe es an und geh in die Kirche. Wir werden inzwischen die Hirsekörnchen aufklauben und das Mittagessen zubereiten."

pixelio.de AschenbrödelFreudestrahlend zog Mara das erstbeste Kleid aus der Truhe. Es war aus reinster Seide. Sie zog es an und ging in die Kirche. Alle Männer und Frauen in der Kirche bewunderten die Unbekannte, ihre Schönheit, und verschlangen mit den Augen ihr Kleid. Am meisten bewunderte sie ein junger Mann. Niemand kannte ihn, niemand wusste woher er gekommen war. Es war ein Königssohn!

Kurz vor Schluss des Gottesdienstes stahl sich Mara aus der Kirche und lief nach Hause. Sie legte das Kleid in die Truhe, die schloss sich von selbst und verschwand. Dann sprang sie zum Herd, aber dort war das Essen schon zubereitet, die Hirse war aufgeklaubt und alles war sauber. Als die Stiefmutter und die Stiefschwester von der Kirche heimkamen, sahen sie erstaunt, dass alles fertig war.

Am nächsten Sonntag rüsteten sich Mutter und Tochter wieder in die Kirche, doch bevor sie weggingen, verstreuten sie noch mehr Hirse über den Boden, und die Stiefmutter sagte, wie am vergangenen Sonntag: "Wenn du nicht alle Hirsekörnchen aufklaubst, das Essen zubereitest und alle Arbeiten verrichtest während wir in der Kirche sind, kannst du was erleben!"

Als die beiden fort waren, ging Mara zum Grab der Mutter, und wieder fand sie dort die geöffnete Truhe, auf deren Deckel zwei Tauben saßen. Sie sagten: "Zieh dich an, Mara, und geh in die Kirche. Wir klauben inzwischen die Hirse auf und kochen das Mittagessen."

pixelio.de Aschenbrödel

Diesmal wählte Mara ein Kleid aus reinem Silber, zog es an und ging in die Kirche. Man bewunderte sie nun noch mehr und der Königssohn ließ sie nicht aus den Augen. Als sich der Gottesdienst jedoch seinem Ende zuneigte, gelang es Mara, unbemerkt aus der Kirche zu entkommen. Sie lief nach Hause. Sie zog schnell das Kleid aus, legte es in die Truhe, schlüpfte in ihre alten Lumpen und lief zum Herd. Als die Stiefmutter mit ihrer Tochter heimkam, wunderten sich die beiden, dass die Hirse aufgeklaubt, das Essen fertiggekocht und alles rein und sauber aufgeräumt war.

Als der dritte Sonntag anbrach, rüstete sich die Stiefmutter mit ihrer Tochter wieder in die Kirche, und diesmal verstreute die Stiefmutter noch mehr Hirse im Zimmer und sagte: "Wehe dir, wenn nicht alle Hirse aufgeklaubt, das Essen fertiggekocht und alles sauber ist, wenn wir aus der Kirche kommen!"

Kaum waren die beiden aus dem Haus, lief Mara zum Grab ihrer Mutter und fand wieder die offene Truhe mit den zwei Tauben, die ihr sagten, sie solle sich getrost anziehen und in die Kirche gehen und sich wegen der Arbeit keine Sorgen machen. Sie nahm sich ein Kleid aus reinem Gold, zog es an und ging in die Kirche.

Zeichnung von Dunja - Aschenbrödel

In der Kirche bewunderten und bestaunten sie alle noch mehr. Der Königssohn hatte sich vorgenommen, diesmal das Mädchen nicht verschwinden zu lassen. Vor Schluss des Gottesdienstes, als sich Mara durch die Menschenmenge drängte, folgte er ihr. In der Eile verlor sie den rechten Schuh, und weil sie keine Zeit hatte, ihn zu suchen, lief sie barfuß nach Hause. Der Königssohn hob den Schuh auf. Als Mara nach Hause kam, zog sie sich schnell um, legte das Kleid in die Truhe und stellte sich an den Herd.

Der Königssohn durchwanderte dann mit dem Schuh das ganze weite Königreich. Jedem Mädchen probierte er ihn an, aber dem einen war er zu eng, dem anderen zu groß, zu weit oder zu kurz, keinem einzigen passte er. Und wie er so von Tür zu Tür ging, kam er auch zum Haus des Vaters unseres Aschenbrödels. Als die Mutter den Königssohn mit dem Schuh kommen sah, versteckte sie die schöne Stieftochter schnell unter einem Trog. Und als der Königssohn eintrat und fragte, ob sie ein Mädchen habe, sagte sie ja und zeigte ihm ihre Tochter. Er probierte ihr den Schuh an, versuchte ihren Fuß hineinzuzwängen, aber vergeblich, mit Müh und Not stopfte er ihre Zehen in den zierlichen Schuh.

pixelio.de AschenbrödelDa fragte der Königssohn, ob im Haus noch ein anderes Mädchen wohne, aber die Stiefmutter log ihn an und behauptete, es wäre keines da. Plötzlich sprang ein Hahn auf den Trog und kikerikiete: "Kikeriki, hört und staunt alle hier, ein Mädchen sitzt unter dem Trog!" Schnell verjagte die Stiefmutter den Hahn, schwang einen Stock und rief: "Hesch, hesch, fort! Dass dich der Adler holt!"

Der Königssohn hatte den Hahn jedoch recht gut verstanden, er lief zum Trog, hob ihn auf, und siehe da! Unter dem Trog kauerte das Mädchen, welches er in der Kirche bewundert hatte. Es hatte sogar dasselbe goldene Kleid an, nur am rechten Fuß hatte es keinen Schuh an. Der Königssohn war glückselig. Er zog dem Mädchen sofort den Schuh an, und als er sah, dass er nicht nur wie angegossen saß, sondern auch haargenau zum linken passte, führte er unser Aschenbrödel in seinen Palast und heiratete es.

pixelio.de Aschenbrödel

Und die böse Stiefmutter und ihre aufgeputzte Tochter hatten das Nachsehen.

(Vuk Stefanovic Karadzic, 1787 – 1864)

Verwendete Bilder sind von:

© Dunja (Bild 8) Hier findet man noch weitere:  http://www.phantasieraum.de/21003b-zeichnungen-gemaelde/40-300-galerie-dunja/  An dieser Stelle herzlichen Dank an dich, liebe Dunja, für die zauberhafte Zeichnung! :-)

© Kurt/PIXELIO (Bild 1)
© Uwe Steinbrich/PIXELIO (Bild 3)
© Martina Taylor/PIXELIO (Bild 4)
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© Anika Lehnert/PIXELIO (Bild 6)
© Rike/PIXELIO (Bild 7)
© felix.foto/PIXELIO (Bild 9)
© mad max/PIXELIO (Bild 10)
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© Dana (Bild 2)

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Der Turm zwischen Himmel und Erde – ein serbisches Volksmärchen

Sonntag, April 5th, 2009

pixelio.de Der Turm zwischen Himmel und ErdeEs lebte einst ein König, der hatte drei Söhne und eine Tochter. Diese Tochter behütete er im Palast wie seinen Augapfel. Das Mädchen wurde erwachsen und es bat eines Abends den Vater um die Erlaubnis, mit den Brüdern einen Spaziergang machen zu dürfen. Und der Vater erlaubte es.

Sie traten jedoch kaum aus dem Palast, da flog ein Drache herbei, riss das Mädchen aus der Mitte seiner Brüder und entführte es. Die Brüder eilten zum Vater, erzählten ihm, was vorgefallen war und beschlossen, die Schwester suchen zu gehen. Der Vater willigte ein, gab jedem ein Pferd und rüstete sie mit allem Notwendigen aus. Die Brüder machten sich sofort auf den Weg.

pixelio.de Der Turm zwischen Himmel und ErdeNach langem Wandern kamen sie zu einem Turm, der weder auf der Erde noch am Himmel stand. Nachdenklich betrachteten sie den Turm und überlegten, ob nicht gerade in ihm ihre Schwester gefangen sei. Sie begannen sich zu beraten, wie sie wohl in den Turm gelangen könnten. Lange, sehr lange dachten sie nach, bis sie schließlich übereinkamen, dass einer von ihnen sein Pferd töten und aus der in Striemen geschnittenen Pferdehaut ein langes Seil zusammenknüpfen solle. An ein Ende des Seiles würden sie dann ein Geschoss binden, mit der Armbrust das am Geschoss befestigte Seil in die Höhe schießen, und dann auf dem Seil in den Turm klettern.

Die jüngeren Brüder forderten den ältesten auf, sein Pferd zu töten. Der sagte aber nein! Dasselbe sagte auch der mittlere. Schließlich tötete der jüngste sein Pferd, knüpfte aus der Pferdehaut ein langes Seil, befestigte ein Geschoss an dem Seil und schoss es ab. Hinaufklettern wollte jedoch weder der älteste noch der mittlere, also kletterte der jüngste hinauf in den Turm.

Er ging von Zimmer zu Zimmer, bis er in einem seine Schwester, die gerade dem Drachen den Kopf kraulte, entdeckte. Als sie ihren Bruder sah, erschrak sie und flehte ihn an, zu fliehen, bevor der Drache aufwacht. Doch der Bruder weigerte sich. Er holte mit der Keule aus und versetzte dem Drachen einen Schlag auf den Kopf. Der Drache rieb sich die Stelle mit dem Zeigefinger und sagte verschlafen: "Hier beißt mich etwas!" Und als ihm der Jüngling einen zweiten Schlag versetzte, sagte der Drache wieder schlaftrunken: "Es beißt mich schon wieder etwas!" Als der Bruder zum dritten Mal ausholte, deutete ihm die Schwester an, den Drachen auf den Bauch zu schlagen. Der Jüngling macht es  und der Drache war auf der Stelle tot.

pixelio.de Der Turm zwischen Himmel und Erde

Die Königstochter warf den Kopf des Drachen vom Schoß, lief zu ihrem Bruder, umarmte und küsste ihn, dann nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn durch alle Zimmer. Im ersten Zimmer stand ein Rappe, dessen Geschirr aus reinstem Silber war. Sie führte ihn ins nächste Zimmer, und da stand ein Schimmel mit einem Geschirr aus reinstem Gold. Im dritten Zimmer stand ein Grauschimmel, und das Geschirr dieses Pferdes war übersät mit Edelsteinen.

Nun führte ihn die Schwester in ein Zimmer, wo ein Mädchen an einem goldenen Rahmen saß und mit goldenen Fäden stickte. Im nächsten saß ein zweites Mädchen und spulte goldenes Garn auf. Schließlich gingen sie ins letzte Zimmer, wo ein Mädchen goldene Perlen auffädelte und eine goldene Henne mit ihren Kücken Perlen aus einer goldenen Pfanne herauspickte. Als sie alle Zimmer besichtigt hatten, kehrten sie zum toten Drachen zurück. Sie zogen ihn ans Fenster und warfen ihn hinaus.

pixelio.de Der Turm zwischen Himmel und ErdeAls die älteren Brüder den Drachen sahen, bekamen sie vor Angst eine Gänsehaut. Der jüngste ließ seine Schwesterr am Seil hinuntergleiten und danach der Reihe nach die anderen drei Mädchen. Jedes der Mädchen nahm seine Arbeit mit, und bei jedem Mädchen, das er hinabgleiten ließ, rief der Prinz seinen Brüdern zu, wem es gehören solle. Als er das Mädchen mit der goldenen Henne und den Kücken hinabgleiten ließ, bestimmte er es für sich selbst.

Die Brüder erblassten vor Neid, als sie sahen, wie mutig und geschickt der jüngste ihre Schwester befreit hatte. Vor lauter Eifersucht schnitten sie das Seil durch und gingen fort. Unterwegs trafen sie einen Schäfer und nahmen ihn anstelle des Bruders in den Königspalast. Der Schwester und den Mädchen verboten sie strengstens, auch nur ein Sterbenswort von allem, was sich zugetragen hatte, zu verraten.

Nach einiger Zeit erfuhr der Prinz im Turm zwischen Himmel und Erde, dass seine zwei Brüder und der Schäfer vorhatten, die drei Mädchen zu heiraten. Am Hochzeitstag des ältesten setzte er sich auf den Rappen, und als der Hochzeitszug aus der Kirche kam, flog er zwischen die Hochzeitsgäste, versetzte dem Bräutigam einen leichten Schlag mit der Keule, und der fiel kopfüber auf die Erde. Dann flog er wieder zurück in den Turm zwischen Himmel und Erde.

Als er erfuhr, dass der mittlere Bruder Hochzeit halten wolle, setzte er sich auf den Schimmel, und als der Hochzeitszug aus der Kirche kam, versetzte er auch diesem Bräutigam einen Schlag, und auch der fiel wie ein Stein vom Pferd. Dann flog er wieder in seinen Turm zurück.

Schließlich erfuhr er, dass der Schäfer das Mädchen mit der goldenen Henne heiraten wolle. Er setzte sich auf den Grauschimmel, und als sie aus der Kirche kamen, schlug er dem Bräutigam den Kopf entzwei. Die Hochzeitsgäste sprangen hinzu und wollten ihn fassen. Und diesmal floh der Prinz nicht. Nun stellte es sich heraus, dass nicht der Schäfer, sondern er des Königs jüngster Sohn war, dass ihn die Brüder aus Neid im Turm zwischen Himmel und Erde zurückgelassen hatten, in jenem Turm, wo er seine Schwester gefunden und den Drachen erschlagen hatte. Das alles bezeugten seine Schwester und auch die drei Mädchen.

Als dies der König erfuhr, wurde er auf seine zwei älteren Söhne sehr böse. Er jagte sie aus dem Palast, verheiratete seinen jüngsten und liebsten Sohn mit dem dritten Mädchen und überließ ihm nach seinem Tode das Königreich.

pixelio.de Der Turm zwischen Himmel und Erde

(Vuk Stefanovic Karadzic, 1787 – 1864)

Verwendete Bilder sind von:
© Evoline + Karin Schmidt/PIXELIO (Bild 1)
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© Alexandra Bucurescu/PIXELIO (Bild 4)
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Die beiden Wahlbrüder – ein serbisches Volksmärchen

Samstag, Oktober 18th, 2008

Einem armen Mann wollte nichts recht gelingen, was auch immer er anfing. Er verdiente nicht einmal das Geld fürs tägliche Brot. So ging es Tag für Tag, und als er sah, dass er nie auf einen grünen Zweig kommen würde, beschloss er durch Betrug zu Reichtum zu gelangen.

Er füllte einen Sack mit Moos, legte Wolle oben drauf und wollte ihn zum Markt tragen. Unterwegs traf er einen anderen armen Teufel. Der trug einen Sack voll Tannenzapfen, auf die er oben Nüsse gelegt hatte. Auch er wollte seinen Sack auf dem Markt verkaufen. Sie zogen gemeinsam weiter.

pixelio.de Die beiden Wahlbrüder

pixelio.de Die beiden WahlbrüderDa fragte der eine den anderen: "Was hast du in deinem Sack?" "‘Nüsse! Und du?" "Wolle!" "Wollen wir tauschen? Nimm du die Nüsse und gib mir die Wolle, damit mir meine Mutter Strümpfe daraus strickt, denn ich habe keine mehr." "Gut, warum sollen wir nicht tauschen? Ich esse Nüsse gern. Aber die Wolle ist teurer, du musst mir noch etwas draufzahlen."

Sie begannen zu feilschen, denn jeder wollte den anderen betrügen. Schließlich einigten sie sich. Der, welcher den Sack mit den Nüssen hatte, sollte dem anderen für die Wolle noch zwei Groschen dazuzahlen. Da er aber kein Geld hatte, bat er um Aufschub und versprach, ihm das Geld erst bei sich zu Hause zu zahlen. Der andere aber wusste genau, dass der Betrug dort herauskommen würde, und meinte, er könne solange warten.

Über den guten Handel erfreut, schlossen die beiden Brüderschaft und tauschten die Säcke aus. Jeder ging seines Wegs und schmunzelte, weil er glaubte, den anderen übertölpelt zu haben. Als sie aber nach Hause kamen, sahen beide, dass sie betrogen worden waren.

Nachdem einige Zeit vergangen war, machte sich derjenige, der Moos anstatt Wolle verkauft hatte, zu seinem Schuldner auf und verlangte die zwei Groschen. Er fand ihn im Haus des Popen, wo er sich als Knecht verdingt hatte. "Bruder, du hast mich betrogen!" "Du hast mich auch betrogen, Bruder!" "Gib mir wenigstens die zwei Groschen, die du mir noch schuldest!" "Ich will sie dir gern geben, denn ich pflege mein Wort zu halten. Aber ich kann es nicht, denn mein Beutel ist leer! Doch ich will dir etwas sagen. Hinter dem Haus ist eine tiefe Grube. Da steigt der Pope oft hinein und gräbt. Sicher hat er da sein Geld versteckt. Wir wollen warten, bis es Abend wird, und dann lass mich in die Grube hinab! Was ich finde, wollen wir brüderlich teilen, und dann kann ich dir auch die zwei Groschen zurückgeben."

Gesagt, getan. Am Abend, als alles schlief, nahm der Knecht des Popen einen Sack und ein Seil, und die beiden Schlauberger gingen zur Grube. Der Knecht kroch in den Sack, und sein Wahlbruder ließ ihn  hinab. Der Knecht suchte und grub überall, aber er fand nichts anderes als Weizenkörner. Er dachte bei sich: ‘Wenn ich meinem Gefährten sage, dass ich nichts gefunden habe, so lässt er mich vielleicht in der Grube sitzen. Und morgen wird mir der Pope den Buckel vollhauen.’

Er kroch also wieder in den Sack, band ihn am Seil fest und rief hinauf: "Zieh, Bruder! Der Sack ist voll Gold!" Der andere zog und dachte: ‘Warum soll ich das Geld mit ihm teilen? Ich will den Sack fortschleppen und meinen Wahlbruder in der Grube lassen. Morgen wird ihn der Pope schon herausholen.’

Er warf sich den Sack über die Schulter und lief durchs Dorf. Die Hunde begannen zu bellen und schnappten nach ihm. Er lief und lief, bis er ganz erschöpft war. Und nun rutschte ihm auch noch der Sack vom Rücken. Da meldete sich der Knecht aus dem Sack und rief: "Heb den Sack etwas höher, Bruder, die Hunde beißen mich!" Der andere ließ den Sack vor Schreck zu Boden fallen, und sein Gefährte kam herausgekrochen.

pixelio.de Die beiden Wahlbrüder

"So, so", sagte der Knecht, "du wolltest mich also wieder übertölpeln." "Du hast mich ja auch betrogen!" erwiderte der andere. Sie begannen mitten auf dem Weg zu streiten, wer der größere Lügner und Betrüger sei. Schließlich versprach der Knecht seinem Wahlbruder aufs neue, ihm die zwei Groschen zurückzugeben, wenn er ein andermal käme.

Es verging wieder eine geraume Zeit. Der Knecht hatte inzwischen geheiratet und war in das Haus seiner Frau gezogen. Eines Tages saß er auf der Schwelle und rauchte sein Pfeifchen. Da sah er seinen Wahlbruder kommen. "Frau", sagte er, "siehst du den Mann dort? Dem schulde ich zwei Groschen. Ich habe versprochen, sie ihm zu geben, wenn er kommt. Ich werde mich totstellen, du aber fang an zu weinen und zu klagen. Wenn er erfährt, dass ich tot bin, wird er denken, dass meine Schuld auch getilgt ist und wieder fortgehen."

pixelio.de Die beiden WahlbrüderSo taten sie auch: Der Mann legte sich auf den Rücken und kreuzte die Hände. Seine Frau deckte ihn mit einem Leinentuch zu und fing an zu weinen, raufte sich das Haar und jammerte. Da klopfte schon der Wahlbruder an die Tür. Die Frau trat verweint hinaus. "Gott befohlen, Frau! Wohnt hier mein Wahlbruder?" Und er nannte dessen Namen. Die Frau antwortete unter Tränen: "Ach, ich Ärmste! Drinnen liegt er, aber er ist tot!"

"Die Erde sei ihm leicht! Mein armer Wahlbruder! Wir haben zusammen gearbeitet und Handel getrieben. Wenn ihn so ein Unglück betroffen hat, so will ich ihn zu seiner letzten Ruhestätte begleiten und eine Handvoll Erde auf sein Grab  werfen." Die Frau sagte ihm, dass das Begräbnis später stattfinden würde und dass er lieber gehen solle. Aber der andere blieb fest. "Ich werde warten, und wenn es drei Tage dauert."

Der Mann hörte das und sagte leise zu seiner Frau, sie möge zum Popen gehen und ihm sagen, dass er gestorben sei. Man solle ihn auf den Friedhof tragen, vielleicht würde der Wahlbruder dann fortgehen. Die Frau holte den Popen. Er kam mit mehreren Leuten. Sie bahrten den Toten auf, brachten ihn in die Kirche und wollten ihn am nächsten Tag begraben. Der Wahlbruder aber sagte zu der Frau: "Wir haben so viele Jahre Salz und Brot geteilt, ich werde bleiben und die Totenwache in der Kirche halten."

In derselben Nacht waren Räuber in ein reiches Haus eingebrochen und hatten viel Geld, Kleider und Waffen geraubt. Als sie an der Kirche vorbeikamen, sahen sie drinnen ein Licht brennen und meinten: "Am besten ist’s, wir gehen in die Kirche und teilen da unsere Beute!"

Als der Wahlbruder, der die Totenwache hielt, sah, dass in der Nacht Menschen in die Kirche kamen, dachte er, das könne nicht mit rechten Dingen zugehen, und versteckte sich hinter dem Altar. Die Räuber traten ein, setzten sich und machten sich daran, die Beute zu teilen: vom Geld immer eine Mütze voll mir, eine Mütze voll dir, und die Kleider und die Waffen teilten sie, wie es gerade kam. Nun hatten sie alles aufgeteilt, bis auf einen Säbel. Jeder wollte ihn haben, und sie fingen an zu streiten. Da sprang einer auf, packte den Säbel und sagte: "Wir wollen sehen, ob der Säbel wirklich so gut ist. Wenn er mit einem Streich den Kopf des Toten da abschlägt, dann ist er gut!"

Sie gingen auf die Bahre zu. Der Tote aber sprang auf und schrie: "He, ihr Toten, wo seid ihr?" "Hier!" rief der Wahlbruder hinter dem Altar. "Wir sind alle bereit. Sollen wir anfangen?" Als die Räuber das hörten, ließen sie alles stehen und liegen und liefen davon, ohne sich noch einmal umzusehen.  Sie liefen und liefen, bis sie endlich im Wald anlangten, wo sie etwas Atem schöpften. Der Hauptmann aber sprach: "He, Brüder, wir sind Tag und Nacht durch die Welt gezogen, haben starke Festungen und Schlösser überfallen, und uns mit so vielen Leuten geschlagen, ohne mit der Wimper zu zucken. Und jetzt sind wir vor einem Toten davongelaufen. Ist ein tapferer Kerl unter uns, der es wagt, in die Kirche zurückzugehen?"

pixelio.de Die beiden Wahlbrüder

"Ich gehe nicht!" sagte der eine. "Ich fürchte mich auch!" sagte ein anderer. "Gegen zehn Lebende trete ich zum Kampf an, aber mit einem Toten nehme ich es nicht auf!" sprach ein dritter. Aber schließlich fand sich ein Mutiger, der in der Kirche nachsehen wollte. Er ging zum Friedhof zurück, schlich sich leise unters Kirchenfenster und horchte. Die Wahlbrüder waren gerade dabei, die Beute zu teilen. Zu guter Letzt begannen sie um die zwei Groschen zu streiten und hätten sich fast geprügelt.

Der Räuber hörte den Streit. "Und meine zwei Groschen! Gib mir meine zwei Groschen!" Der Schuldner wandte sich um und sah die Pelzmütze des Räubers, der unterm Fenster stand. Rasch streckte er die Hand aus, packte die Mütze und warf sie auf die Erde. "Da hast du was für deine vermaledeiten zwei Groschen!"

Der Räuber erschrak sehr und lief, so schnell er konnte, davon. Als er zähneklappernd bei den anderen Räubern ankam, war er vor Angst halbtot. "Ach, Brüder, welch ein Glück, dass wir mit dem Leben davongekommen sind! Wir konnten das Geld mit einer Mütze verteilen, und jeder von uns hätte ein paar Mützenvoll bekommen. Der Toten sind aber so viele, dass jeder nur zwei Groschen bekommt. Für einen langte es nicht einmal mehr. Da rissen sie mir meine Mütze vom Kopf und gaben sie ihm statt der zwei Groschen!"

pixelio.de Die beiden Wahlbrüder

Da machten sich die Räuber schleunigst aus dem Staube. Die beiden Wahlbrüder aber teilten sich die Beute, lebten froh und zufrieden und versuchten nie mehr, jemanden zu betrügen.

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Ero aus dem Jenseits – ein serbisches Volksmärchen

Montag, Oktober 13th, 2008

Ein Türke und seine Frau hackten Mais auf dem Feld. Gegen Mittag führte der Mann sein Pferd zur Tränke, und die Frau legte sich ein wenig im Schatten eines Baumes nieder. Da kam plötzlich Ero gegangen, pfiff vor sich hin und hatte die Pelzmütze schief überm Ohr.

pixelio.de Ero aus dem Jenseits"Guten Tag, Türkin!" "Guten Tag, Bauer. Woher kommst du?" "Aus dem Jenseits!" "O Allah! Bist du da vielleicht unserem Mujo begegnet? Er ist vor einigen Monaten gestorben." "Aber ja, aber ja! Im Jenseits ist er mein Nachbar." "Wie geht’s ihm? Wie kommt er da zurecht?" "Was soll ich dir sagen, allzu gut geht’s ihm da nicht, weil er kein Geld hat für Tabak. Und wenn er mit seinen Freunden zusammensitzt, möchte er auch gern einen Kaffee trinken, aber er kann ihn nicht bezahlen."

"Wirst du wieder zurückgehen?" fragte die Türkin. "Ich bin gerade unterwegs dorthin", antwortete Ero. "Dann will ich dir ein wenig Geld für den Ärmsten mitgeben." "Gib’s nur her! Warum soll ich ihm diesen kleinen Gefallen nicht tun!"

Die Türkin lief zu dem Baum, an dem ihr Mann seine Jacke aufgehängt hatte, nahm den Geldbeutel heraus und gab ihn Ero, damit er ihn Mujo bringe. Ero nahm den Geldbeutel, steckte ihn in seinen Gurt und lief eilends zum Fluss ins Tal hinab. Kaum war er der Türkin aus den Augen verschwunden, da kam auch schon ihr Mann.

Sie erzählte ihm: "Weißt du, eben ist hier ein Bauer mit einer hohen Pelzmütze vorbeigekommen. Er sagte, dass er aus dem Jenseits komme und unseren Mujo kenne. Dem Armen geht es dort schlecht, er hat kein Geld, um seinen Tabak und seinen Kaffee zu bezahlen. Da habe ich ihm deinen Geldbeutel gegeben, damit er ihn dem Mujo ins Jenseits bringt."

"Ach, du Einfalt!" schrie der Türke. "Wo ist dieser Betrüger? Wohin ist er gegangen?" "Dorthin, hinunter ins Tal." erklärte ihm seine Frau erschreckt. Der Türke schwang sich rasch auf sein Pferd und galoppierte dem Betrüger nach.

pixelio.de Ero aus dem JenseitsEro blickte sich um und sah, dass ihm der Türke nachjagte. Er rannte zu einer Mühle, stürzte hinein und schrie dem Müller zu: "Lauf, Bruder! Sonst wird’s dir übel ergehen! Siehst du den Türken da, der heranreitet? Er will dich umbringen. Gib mir deine Mütze und nimm meine. Lauf in den Wald, ich werde zusehen, wie ich mit ihm fertig werde."

Der Müller sah, wie der Türke auf die Mühle zugaloppierte und den Krummsäbel schwang. Er erschrak sehr, und ohne sich lange zu besinnen, gab er Ero seine bemehlte Mütze, nahm dessen Fellmütze und rannte, so schnell ihn die Beine trugen, in den Wald. Ero setzte die Mütze des Müllers auf, bestäubte sich von oben bis unten mit Mehl und sah ganz aus wie ein Müller.

Da kam auch schon der Türke angebraust, sprang vom Pferd, stürzte wie ein Wirbelwind in die Mühle und schrie: "He, Müller, wohin ist der Mann gelaufen, der eben hier vorbeikam?" "Dort drüben, siehst du, flieht er durch das Gebüsch den Hang hinauf", antwortete Ero. "Halte mein Pferd!" sagte der Türke. Ero griff das Pferd am Zügel, und der Türke jagte dem Müller den Hang hinauf nach.

Er holte ihn im Wald ein und schrie schon von weitem: "He, du Betrüger, gib mir das Geld zurück, das meine Frau dir für Mujo im Jenseits mitgegeben hat!" "Was redest du da, Aga? Ich habe weder deine Frau gesehen noch von Mujo gehört, auch habe ich von niemandem Geld genommen", antwortete der Müller zitternd.

Sie stritten hin und her, und der Türke schwang seinen Krummsäbel – um ein Haar wäre es zum Blutvergießen gekommen. Der Müller beteuerte immer wieder, dass er von nichts wisse. "Warum bist du dann in den Wald gelaufen?" fragte ihn der Türke zornig. "Ein Bauer ist vorbeigekommen, der hat mir gesagt, dass du mich umbringen willst. Da bin ich erschrocken und davongelaufen."

"Und diese Pelzmütze, ist das deine?" "Ich habe mit dem Bauern getauscht. Er hat mir seine gegeben und ich ihm meine." "Lügner, das glaube ich dir nicht!" schrie der Türke und schüttelte den erschrockenen Müller wie einen Birnbaum.

Sie stritten eine ganze Stunde, bis sie schließlich herausbekamen, wie die Sache stand. Der Türke lief Hals über Kopf zur Mühle zurück. Aber Ero war fort und hatte auch das Pferd mitgenommen. Der Türke kehrte noch wütender zu seiner Frau zurück. Als sie ihn fragte: "Was ist geschehen? Hast du das Geld zurückbekommen? Und wo ist dein Pferd?", da schleuderte der Türke seinen Fes auf den Boden und antwortete:

"Weil du Mujo Geld für Tabak und Kaffee geschickt hast, habe ich ihm noch das Pferd dazugegeben, damit Mujo im Jenseits nicht zu Fuß gehen braucht."

pixelio.de Ero aus dem Jenseits

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© Ernst Rose/PIXELIO (Bild1+3)
© Domino/PIXELIO (Bild 2)
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Ero und der Sultan – ein serbisches Volksmärchen

Sonntag, Oktober 12th, 2008

pixelio.de Ero und der SultanDer krumme Birnbaum des Ero hatte herrliche Früchte getragen – saftig und groß und gelb, als wären sie aus purem Gold. Da dachte sich Ero: ‘Diese Birnen sind nicht für die gewöhnlichen Untertanen. Ich will sie dem Sultan bringen. Die Leute sagen, dass er sehr freigebig ist und einem solche Geschenke königlich lohnt.’

Er füllte ein Körbchen mit den schönsten Birnen und ging damit zum Palast des Sultans. Dort wimmelte es nur so von Menschen. Jeder hatte sich prächtig angetan und wartete, bis er an der Reihe war, sich vor dem erlauchten Padischah zu zeigen. Ero schämte sich, denn seine Kleider waren geflickt, und er drückte sich in eine Ecke, wo bescheidener gekleidete Leute standen. Aber das waren berüchtigte Räuber. Die Janitscharen hatten sie gefangengenommen und vor den Sultan gebracht, damit er über sie Gericht halte. Als der Herrscher eintrat, begann ein großes Gedränge – jeder wollte einen besseren Platz ergattern, damit ihn der Sultan besser sehen konnte. In diesem Getümmel stahl sich einer der Räuber heimlich davon.

Der Sultan hörte gnädig jeden Bittsteller an und sprach sein Wort. Als die Räuber an der Reihe waren, stießen die Janitscharen sie vor und mit ihnen auch Ero, anstelle des Geflohenen. Der Sultan hörte die Anklage gegen die Räuber und sprach sein Urteil: "Werft alle in den Kerker, dort sollen sie über ihre Übeltaten nachdenken und anderen zur Warnung dienen, nicht zu rauben und Böses zu tun!"

Als er das gesagt hatte, ging er sogleich fort, denn er hatte Bauchgrimmen. Die Janitscharen fesselten die Räuber und auch Ero. Der wollte ihnen erklären, was geschehen war und sich rechtfertigen. "Ihr irrt, Leute. Ich bin kein Räuber. Ich wollte dem Padischah ein Geschenk bringen. Seht doch, ich habe ihm diese Birnen gebracht!" Aber niemand wollte ihn anhören. Sie führten Ero ab und warfen ihn in den Kerker zu den bösen Menschen.

pixelio.de Ero und der Sultan

Ein Jahr verging. Zur Zeit des Beiramfestes beschloss der Padischah, in den Kerker zu gehen, um die Gefangenen zu sehen, sie zu fragen, weshalb sie da eingesperrt waren, und, wenn jemand Reue zeigte und sich gebessert hatte, wollte er ihn zu Ehren Allahs und zu seiner eigenen Ehre begnadigen. Es kam auch die Reihe an Ero. Der Sultan fragte:

pixelio.de Ero und der Sultan"Und du, Ero, welche Sünden musst du hier abbüßen?" Da kniete Ero vor dem Padischah nieder, berührte mit der Stirn die Platten des Fußbodens und sprach: "O, großmütiger und gerechter Herrscher der Rechtgläubigen! Ich habe gar keine Schuld. Wegen eines Irrtums schmachte ich schon ein ganzes Jahr in diesem dunklen Kerker. Im vergangenen Herbst trug mein Birnbaum herrliche Früchte – so schön, wie auch du sie noch nie gesehen hast: goldene Birnen, saftig und groß wie ein Kinderköpfchen. Da dachte ich, dass nur du würdig seist sie zu verspeisen. Ich brachte einen Korb voll in dein Schloss und während ich auf dein Erscheinen wartete, stellte ich mich neben einige Leute. Es waren aber Räuber. In dem Durcheinander konnte, ohne dass es jemand merkte, einer entfliehen, und da nahmen mich die Janitscharen an seiner Stelle mit. Erbarme dich meiner, o allmächtiger Herr, ich beschwöre dich im Namen deiner allerhöchsten Gesundheit!"

Dem Sultan tat der arme Teufel leid, und er sah auch, dass er ein ehrliches Gesicht hatte. ‘Er sieht nicht wie ein Räuber aus. Vielleicht war es tatsächlich ein Irrtum. Solche Dinge geschehen zuweilen in der Gotteswelt, dachte der Sultan und befahl seinem Wesir: "Bring Ero ins Schloss! Er soll sich aus meiner Schatzkammer als Entschädigung, dass er ein ganzes Jahr schuldlos im dunklen Kerker geschmachtet hat, nehmen, was er will."

Der Wesir führte Ero in ein großes Gemach im Schloss, das war voller Kisten und Kasten, und er sprach: "Hier sind alle Reichtümer des Padischahs beisammen – möge Allah ihm noch viele Tage bescheren! Such dir aus, was du willst und wieviel du willst!"

Ero stöberte in der Schatzkammer herum. Aus einer Truhe nahm er ein dickes Buch und klemmte es unter den Arm, er schulterte eine verrostete Axt, die er hinter einer Tür gefunden hatte, und von dem vielen Geld nahm er nur zehn Groschen. Das kam dem Wesir sehr sonderbar und sogar etwas verdächtig vor. Er brachte Ero zum Sultan und erzählte ihm, dass Ero aus der Schatzkammer nur zehn Groschen, eine verrostete Axt und den Koran genommen habe.

Der Sultan wunderte sich auch und fragte Ero: "Ach, Mann Gottes, ich ließ dich in meiner Schatzkammer reichen Lohn aussuchen, damit du mich rühmst, solange ich lebe, und du hast dir nur so wenig genommen. Sag nur, warum?" "Erhabener Padischah! Allah segne dich und gewähre dir alle Freuden auf Erden! Ich habe nur genommen, was ich brauche: zehn Groschen, um mir Bundschuhe zu kaufen. Denn ich schäme mich, barfuß ins Dorf zurückzukommen, nachdem ich ein ganzes Jahr das Brot des Sultans gegessen habe. Was würden denn meine Dorfgenossen über dich, den unendlich Freigebigen und Großmütigen, sagen?" "Wozu hast du die Axt genommen?" "Sobald ich nach Hause komme, will ich den vermaledeiten Birnbaum abhacken, der schuld daran ist, dass ich ein ganzes Jahr keinen Sonnenstrahl gesehen habe."

pixelio.de Ero und der Sultan

"Gut! Und den Koran?" "Ich will auf seine heiligen Seiten schwören, dass ich von nun an dem Sultan nie wieder ein Geschenk bringen werde."

pixelio.de Ero und der SultanDa lachte der Sultan. Er gebot dem Wesir, Ero drei Beutel mit Goldstücken zu geben und sprach: "Wenn du so schöne Birnen gezogen hast, so ernenne ich dich zu meinem Hauptgärtner. Nur vor einem hüte dich: Ich will nicht belogen und bestohlen werden, und wenn ich dich erwische, so kostet es dich den Kopf."

Ero ward Hauptgärtner, ihm unterstanden alle Diener, die im Garten des Sultans arbeiteten. Sie waren aber Faulpelze und Tagediebe, wie es keine zweiten auf der Welt gibt. Ero versah seine Arbeit gut, er trieb die Faulen zur Arbeit an und bestrafte sie, deshalb mochten ihn die Diener nicht leiden. Sie verschworen sich gegen Ero und beschuldigten ihn vor dem Sultan, dass er aus dem Garten Feigen gestohlen und sie heimlich auf dem Markt verkauft habe.

Der Sultan ließ Ero kommen und sagte: "Ach, Ero, ich habe dir vertraut, du aber hast mich betrogen. Dafür verdienst du den Tod, wie wir es ausgemacht haben. Das hast du dir allein zu verdanken! Aber weil du immer gut gearbeitet hast, will ich dir eine Gnade erweisen: Du darfst wählen, welchen Todes du sterben willst!"

Ero versuchte erst gar nicht sich zu rechtfertigen. Wie kann man sich vor dem allmächtigen Sultan rechtfertigen, der immer meint, dass er unfehlbar ist? Er fragte nur: "Wirst du auch dein Wort halten, o gerechter Padischah?" "Ich stehe zu meinem Wort! Ich schwöre beim Bart des Propheten, dass du des Todes sterben wirst, den du dir selbst ausgesucht hast", antwortete der Sultan.

"Dann wisse, erhabener und unbezwinglicher Schützer des wahren Glaubens, ich will vor Alter sterben, wie auch mein seliger Vater gestorben ist." Der Sultan lachte, vergab Ero und ließ ihn wieder in seinem Garten arbeiten. Nach einer gewissen Zeit erzählte ihm Ero zu gelegener Stunde, was sich wirklich zugetragen hatte. Der Sultan untersuchte die Sache, und als er sich überzeugt hatte, dass sein treuer Diener die Wahrheit gesprochen hatte, belohnte er ihn reich und ließ die hinterlistigen Knechte bestrafen.

pixelio.de Ero und der Sultan

Verwendete Bilder sind von:
© Ruth R./PIXELIO (Bild 1)
© Peter Reinäcker/PIXELIO (Bild 2)
© Adolf Riess/PIXELIO (Bild 3)
© Achim Lueckemeyer/PIXELIO (Bild 4)
© Makrohelmut/PIXELIO (Bild 5)
© M.E./PIXELIO (Bild 6)
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