Das Zaubergewehr – ein Zigeunermärchen
Sonntag, Oktober 25th, 2009
Ein kleiner Zigeunerstamm schlug an einem Fluss sein Lager auf. Die Männer spannten die Pferde aus, errichteten Zelte, zündeten Lagerfeuer an, und die Frauen gingen zum Fluss Wäsche waschen. Der Häuptling dieses Stammes war ein alter Mann namens Kortscha. Er hatte einen grauen Bart bis zum Gürtel, zottige Brauen, struppige Haare – ein richtiger Zauberer, und sein Blick war scharf und durchdringend. Er trug ein Seidenhemd, das ein bestickter roter Gürtel zusammenhielt.
Kortschas Frau war an den Fluss gegangen, wusch seine Kleider und hängte sie zum Trocknen über einen Strauch. Dann begaben sich die Zigeunerinnen ins Dorf, die Männer aber gingen ihren Beschäftigungen nach. Alles war wie immer. Gegen Abend waren sie alle wieder beisammen. Die Frauen holten die Wäsche von den Sträuchern. Auch Kortschas Frau ging und nahm die gewaschenen Kleider ab, doch siehe – der Gürtel war weg. Sie stürzte los, ihn zu suchen, und versetzte das ganze Lager in Aufruhr.
Bauern waren tagsüber nicht beim Lager gesehen worden. Manchmal kamen die Dorfkinder herbeigelaufen, um sich die Zigeuner anzugucken, die hätten den Gürtel stibitzen können, aber auch die Dorfkinder hatten sich nicht blicken lassen. Da befragte Kortscha die Seinen: "Wo ist mein Gürtel? Na los, Leute, gebt ihn im Guten zurück!" "Wir haben ihn nicht genommen, bei Gott, wir haben ihn nicht!" riefen die Kinder.
Die Frauen schworen ebenfalls Stein und Bein, dass sie den Gürtel nicht genommen hatten. Auch die Männer beteuerten ihre Unschuld. "Hört zu, Leute", sprach Kortscha noch einmal und maß alle mit durchdringendem Blick, "ihr könntet später bereuen, dass ihr es nicht gleich eingestanden habt. Der Dieb irrt, wenn er glaubt, er könnte mir entgehen. Wie auch immer, ich finde meinen Gürtel. Aber den Dieb kostet es das Leben."
"Wie willst du ihn denn finden?" "Ich habe ein Zaubergewehr. Das tut keinem etwas, den Dieb aber schießt es tot. Also gebt den Gürtel lieber im Guten zurück." Die Zigeuner zuckten verdutzt die Achseln: "Tu, was du willst, Kortscha, wir haben damit nichts zu tun."
Kortscha ging ins Zelt und brachte ein altertümliches Steinschlossgewehr angeschleppt, schwer und riesengroß, der Lauf so lang wie ein Kanonenrohr, baute aus zwei zusammengebundenen Stangen einen kleinen Bock, legte das Gewehr darauf, lud es, schüttete Pulver auf die Zündpfanne und spannte den Hahn.
"Geht alle an dem Gewehr vorbei", befahl Kortscha. "Wer den Gürtel nicht genommen hat, kann ganz ruhig sein, das Gewehr wird schweigen, aber sowie der Dieb vorübergeht, schießt es ihn auf der Stelle nieder. Ihr braucht nicht auf mich zu blicken, ich rühre das Gewehr nicht an."

Da lachten die Zigeuner, denn wie kann ein Gewehr von selbst schießen? Aber zugleich ward ihnen auch bang: Wer weiß, womöglich feuerte das Gewehr doch los, bei dem Zauberer Kortscha musste man auf alles gefasst sein. Er sagte immer wieder: "Wer den Gürtel nicht genommen hat, kann getrost vorbeigehen, er braucht keine Angst zu haben."
Die Neugier siegte. Man weiß ja: Zigeuner fürchten weder Gott noch den Teufel. Und wenn es mich erwischt, dachte jeder, ich geh an dem Gewehr vorbei, ich möchte doch zu gern sehen, wie es von selbst schießt. Der ganze Stamm, jung und alt, alle gingen an dem geheimnisvollen Gewehr vorbei. Doch das Gewehr gab keinen Schuss ab, tötete niemand.
Da wurden die Zigeuner ganz mutig. Waren sie vorher noch im Zweifel gewesen, ob das Gewehr schießen könne oder nicht, so hatten sie nun die Gewissheit, dass alles nur leeres Geschwätz war. Kortscha hatte erproben wollen, ob der Dieb zu feige war, vor das Gewehr zu treten. Die Zigeuner lachten.
"Was nun, Kortscha? Dein Gürtel hat sich wohl in Luft aufgelöst. Wir sind alle an dem Gewehr vorbeigegangen, weiter ist keiner da. Vielleicht ist das Gewehr beim Herumziehen verrostet? Oder das Pulver ist feucht?" Von dem Tag an wurde im Lager nur noch von dem verschwundenen Gürtel und dem "Zaubergewehr" gesprochen. Kortscha achtete nicht darauf, er ging und rauchte seine Pfeife. Doch warnte er die Zigeuner: "Trotzdem, rührt das Gewehr nicht an. Es wird unweigerlich den töten, der den Gürtel genommen hat."
Das war ein Spaß für die Zigeunerkinder. Als sie das erstemal an dem Gewehr vorbeigingen, war ihnen das Herz in die Hosen gerutscht, aber dann machten sie daraus ein neues Spiel. Sie liefen an dem Gewehr vorbei und riefen unter hellem Gelächter: "Kortscha, das Gewehr schießt nicht! Und dein Gürtel ist futsch!"
Wie auch immer, eines Nachts waren die Zigeuner spät schlafen gegangen. Bis drei Uhr hatten sie am Feuer gesungen und getanzt, dann kamen sie endlich zur Ruhe und gingen in ihre Zelte. Und wie sie gerade im Einschlafen waren, hörten sie – peng! – einen Schuss. Das Zaubergewehr hatte geschossen. Im Nu waren alle aus den Zelten.

"Wen hat es erwischt?" schrien sie einander zu. "Lebst du noch?" "Ja. Und du?" "Ich auch. Aber wen hat es getroffen?" Die Zigeuner zählten. Alle schienen am Leben zu sein. "Aber einer muss doch getroffen sein! Auf wen hat das Gewehr geschossen?" Sie machten sich auf die Suche. Sie suchten und suchten, und im Morgengrauen fanden sie in den Büschen eine tote Kuh. Da wollten sich die Zigeuner schier krumm lachen.
"Hahaha! Die Kuh hat den Gürtel gestohlen!" "Sie trägt den Gürtel um den Hals!" "Nein, schau nur, der Gürtel ist um den Schwanz gebunden!" "Guckt bloß, Leute, die Beine sind mit dem Gürtel gefesselt!" Kurzum, einer übertrumpfte den andern, nur Kortscha verfinsterte sich, als er die tote Kuh sah, seine Augen sprühten Funken, und er gebot: "Dass keiner an die Kuh herangeht, dass keiner sie anfasst!"
Dann sattelte er seinen Schimmel und ritt ins Feld, wo der Hirte die Kühe hütete. Er führte den Hirten zu der toten Kuh. "Weißt du, wem das Tier gehört?" "Freilich weiß ich das", antwortete der Hirt bekümmert. "Das ist doch die Kuh von unserm Iwan. Der ist bei uns im Dorf der Allerärmste, arm wie eine Kirchenmaus. Und hat das Haus voller Kinder. Seine einzige Freude war die Kuh. Sie hat ihnen über die größte Not geholfen. Nun ist es ganz aus. Die Kinder werden Hungers sterben."
Der Hirt eilte ins Dorf und berichtete den Bauern, ein Zigeuner habe Iwans Kuh erschossen. Da ergrimmten die Bauern. Iwans Frau brach in Tränen aus, Iwan aber packte die Axt. Die Bauern stürmten ins Zigeunerlager. Kortscha kam ihnen entgegen und sprach: "Männer, ihr beschuldigt mich zu Unrecht. Ich habe Iwans Kuh nicht getötet. Das Gewehr hat von selbst geschossen."
"Was schwätzt du da, Alter, wie kann ein Gewehr von selbst schießen?" Da erklärte Kortscha, was geschehen war, erzählte von dem verschwundenen Gürtel und dem Zaubergewehr, an dem alle Zigeuner vorbeigehen mussten. "Jeder wusste, dass den Dieb den Tod erwartete. Doch das Gewehr hat nicht geschossen. Und nun krachte heute morgen ein Schuss, wie liefen hinaus und sahen die tote Kuh."
"Was redest du für Unsinn? Willst du dich herauswinden?" "Ihr tut mir unrecht, ich will mich nicht herauswinden. Und dich, Iwan, werde ich für die Kuh entschädigen, so, dass du mich zeitlebens in guter Erinnerung behalten wirst. Aber jetzt wollen wir sehen, was es mit der Kuh auf sich hat."
Kortscha zog ein Zigeunermesser aus dem Stiefelschaft und schnitt den Kuhleib auf. Als er den Magen öffnete, sahen sie Kortschas Gürtel, mit Gold bestickt, heil und unversehrt. Kortscha entschädigte Iwan großzügig für die getötete Kuh, sodann befahl er, das Tier zu vergraben und das Fleisch nicht anzurühren, denn es sei unrein.
Fortan glaubten die Zigeuner an die Kraft des Zaubergewehrs.
Verwendete Bilder sind von:
© S. Hofschlaeger/PIXELIO (Bild 1)
© Arkadius Neumann/PIXELIO (Bild 2)
© Tobias Bräuning/PIXELIO (Bild 3)
© Maren Beßler/PIXELIO (Bild 4)
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Der Sohn wuchs heran und machte sich Gedanken über das Leben.
Eines Tages fuhr ein armer Zigeuner durch diesen Wald. Er machte unweit der Stelle halt, wo der gekreuzigte Zigeuner hing, schlug ein Zelt auf, fachte ein Feuer an und setzte sich. Es wurde Mitternacht. Da sah der Zigeuner einen Mann durch den Wald gehen, der sah einem Zigeuner ähnlich und sang ein Lied:.jpg)
Sie putzten sich heraus, wie es sich für Brautwerber ziemt, flochten Bänder in die Pferdemähnen, behängten ein Bäumchen mit Geldscheinen und goldenen Halsketten, so wie es der Brauch war. Dann fuhren sie los.





"Sachte, Alter, sachte, stoß mir nicht die Beine!"
Der Teufel bohrte mit der Kralle ein Loch in den Zahn, zog ein Pferdehaar hindurch und hängte ihn sich um den Hals. Da krähten zum drittenmal die Hähne. 
"Sowie er die Pfeife raucht, ist er bis zum Tode an den Brunnen gefesselt. Hörner werden ihm wachsen und Hufe. Und im Gesicht ist er mir ja so ähnlich, dass niemand uns unterscheiden kann." 
Es ist nun schon sehr lange her, da war ein Zigeuner mit seiner Familie unterwegs. Sein schwächliches, klapperdürres Pferd musste einen vollbeladenen Leiterwagen ziehen, denn der Zigeuner hatte eine große Familie, eine ganze Schar Kinder. Wie sollte er sie alle satt bekommen? Auch das Pferd wollte fressen, aber nirgends war Heu zu ergattern.