Ostara – eine Göttersage
Donar hatte eine gar liebliche Schwester. Das war Ostara, die Göttin des Aufgangs und des Frühlings. Ihr Fest wurde zur Frühlingszeit gefeiert, wenn die Sonne Laub und Gras und Blumen hervorlockte.
Dann trugen die Leute Holz auf den Bergen zusammen und zündeten das Osterfeuer an und grüßten die liebliche Frühlingsgöttin. Und auf dem Anger spielten Jünglinge und Mädchen und Kinder, und die Alten schauten fröhlich zu und freuten sich der Wunder, die Ostara getan.
Heute noch erinnern Osterfeuer und der Name des Osterfestes an sie. Ihr war das Ei geheiligt; zu ihren Ehren verzehrte man es am Osterabend in allen Häusern, wie dies, ein Zeichen sinniger Erinnerung, auch heute noch geschieht. Und der Osterhase, der Ostaras Eier bringt, erinnert uns an den Hasen, der Ostaras heiliges Tier war.

Ostara
Gute Göttin, du vom Aufgang, Gabenreiche, du bist da!
Und wir grüßen dich mit Andacht, gute Göttin Ostara!
Aus dem fernen Sonnenlande, draus der Väter Wandrung brach,
Ziehst du jährlich ihren Enkeln in des Nordens Wälder nach.
Längst begraben ist der Letzte, der dort deine Säulen sah,
Doch wir wissen’s noch: vom Aufgang sind auch wir, wie Ostara.
Rüttelt hier die Eichenwälder mondenlang des Sturmes Frost,
Klingen an dem Herd uns wider Märchen alt aus goldnem Ost.
Und wir haben’s nicht vergessen, und in Sagen tönt es nach,
Wie der Ahn an blauen Strömen wunderschöne Blumen brach.
(Felix Dahn, 1834 – 1912)
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